Mekkas der Moderne - Rift Valley Die Wiege der Menschheit

Von hier stammt er, der Mensch: Rund um das Rift Valley in Ostafrika liegen in atemberaubender Landschaft die ältesten Spuren der Menschheit. Julia Fischer hat die Region bereist - und erstaunliche Funde gemacht.

AFP

    Katholiken haben den Vatikan, Juden die Klagemauer, Moslems Mekka. Aber wo sehen all jene ihren Mittelpunkt, die sich einem anderen Weltbild verpflichtet fühlen: weniger von einem Gott geprägt, sondern eher von Darwin, Newton und Einstein? Gibt es Orte, an denen sich wissenschaftlich orientierte Weltanschauungen manifestieren? Wo sind die Mekkas der Moderne? einestages stellt in Zusammenarbeit mit der Jungen Akademie mehrere dieser Orte vor.

Ein eisiger Wind weht uns entgegen, als wir im mitteleuropäischen Hochsommer in Nairobi abends aus dem Flugzeug steigen. "Uaso nairobi", kaltes Gewässer, nannten die Massai den Fluss, an dessen Ufer die Stadt im Zuge des Eisenbahnbaus entstand.

Wir sind gekommen, um Paviane zu beobachten - und um den Ostafrikanischen Grabenbruch zu sehen, das Rift Valley. Er zieht sich vom Jordantal bis nach Mosambik über eine Länge von fast 6000 Kilometern; sein ostafrikanischer Teil beginnt im Afar-Dreieck in Äthiopien und verläuft vom Norden Kenias vom Turkana See in südlicher Richtung bis zur Olduvai-Schlucht in Tansania und weiter nach Mosambik.

Nach einer kalten Nacht fahren wir am nächsten Morgen nach Karen, den nach Karen Blixen benannten Vorort von Nairobi. Hier hat sich die "Expat community" angesiedelt. Weitläufige Clubs und im englischen Landhausstil gehaltene Farmen säumen die Straße. Zur Rechten sehen wir Karen House, das ehemalige Haus der Baronin. Es ist schmuck und erstaunlich klein, und wie alle Kenner ihrer Bücher wissen, liegt es am Fuße der Ngong Hills. Auf einer der Kuppen der Ngong Hills liegt Karen Blixens Liebhaber, der Playboy Denys Finch-Hatton, begraben.

Uraltes Skelett

Die Ngong Hills erheben sich an der Abbruchkante des großen Grabens. Von der Anhöhe aus blicken wir auf eine schroff zerklüftete Landschaft, die sich bis zum Horizont erstreckt. Durch das Auseinanderdriften der Afrikanischen und der Arabischen Platte riss die Erdkruste auf. An den Rändern des Rift Valleys entstanden die Vulkane des Mount Kenia Massivs, der Kilimandscharo sowie das Kraterhochland in Tansania. Im dunstigen Licht des schwindenden Tages erzeugen die Faltungen und Kliffe den Eindruck, sich am Boden eines Ozeans zu befinden. Doch noch ist es nicht so weit: erst in zehn oder zwanzig Millionen Jahren wird das Rote Meer in den ostafrikanischen Grabenbruch vordringen und Ost- und Westafrika voneinander trennen.

Wir fahren in den Norden nach Laikipia. Am Horizont erhebt sich der mächtige Mount Kenya. Würden wir der Straße weiter folgen, kämen wir zum Turkana See. Hier fand Kamoya Kimeu, ein Mitarbeiter von Richard Leakey, 1984 ein fast vollständiges Skelett eines elf- oder zwölf Jahre alten Jungen, der als Homo erectus klassifiziert wurde und der vor etwa anderthalb Millionen Jahren gelebt hatte.

Männer sind zu schnell frustriert

Richard Leakey gehört zu einer regelrechten Dynastie von Paläoanthropologen, die in Ostafrika bereits Geschichte gemacht hatten. Sein Vater Louis Leakey wurde als Kind englischer Missionare in Kenia geboren und wuchs zweisprachig bei den Angehörigen der Kikuyu auf. Nach seinem Studium ging er nach Afrika zurück und schlug sich als Grabungs- und Expeditionsleiter durch. Er war einer der Ersten, die die damals unorthodoxe These vertraten, die Ursprünge der Menschheit seien in Afrika zu finden, und nicht - wie damals angenommen - in Europa oder Asien. Um dies zu beweisen, begann er mit Grabungsarbeiten im südlichen Tansania. Dort fand seine Frau 1959 in der Olduvai-Schlucht im südlichen Tansania die ersten Knochen von Hominiden. Ein Jahr später entdeckten sie gemeinsam die Reste eines später als "Homo habilis" klassifizierten Skeletts.

Doch Louis Leakey begnügte sich nicht mit Grabungen und der Datierung von Knochen. Um die Entstehung des Menschen wirklich zu verstehen, müsse man Einblicke in das Sozialverhalten unserer nächsten lebenden Verwandten bekommen, so befand er. Er setzte darauf, die großen Menschenaffen zu studieren. Da er Zweifel am Durchhaltevermögen und der Frustrationstoleranz von Männern hatte, heuerte er drei Frauen an: Dian Fossey, die in den Virunga Mountains die vom Aussterben bedrohten Berggorillas beobachtete und später von Wilderern ermordet wurde, Jane Goodall, die in Gombe in Tansania Schimpansen studierte und schließlich die weniger bekannte Birute Galdikas, die in den tropischen Regenwäldern Borneos das Leben der Orang Utans verfolgte.

In den fünfziger Jahren war die These, dass die frühesten Menschen in der Savanne gelebt hatten, noch unumstritten, denn alle großen Menschenaffenarten leben vornehmlich im Regenwald. So avancierte eine eher unansehnliche Spezies zum Modell der Entwicklung des menschlichen Sozialverhaltens: Paviane. Irven Devore begründete Ende der fünfziger Jahre das erste Forschungsvorhaben, das sich mit dem Sozialverhalten und der Ökologie von Savannenpavianen befasste.

Christo müsste neidisch werden

In Kenia befinden sich die meisten Langzeitstudien an Pavianen, weitere gibt es in Tansania und Botswana. Eines der erfolgreichsten Projekte wurde Ende der sechziger Jahre von Jeanne und Stuart Altmann im Amboseli Nationalpark gegründet, ein anderes von Bob Harding in Gil-Gil im Norden des Landes, das später von Shirley Strum übernommen wurde. Nicht unweit von Gil-Gil auf dem Hochplateau von Laikipia arbeitet seit einigen Jahren auch mein alter Freund Ryne Palombit.

Rynes Interesse gilt den Freundschaften zwischen männlichen und weiblichen Pavianen, und der Rolle, die die Kinder beim Aufbau und der Funktion von Freundschaften spielen. Seine Forschung hat erheblich dazu beigetragen, ein Verständnis für die Diversität ihres Sozialverhaltens zu entwickeln. Selbst Savannenpaviane sind nicht gleich Savannenpaviane, sondern wir wissen heute, dass die ökologischen Bedingungen sowie die genetische Ausstattung eine große Rolle spielen. Früh am Morgen suchen wir die Paviane an ihren Schlafplätzen auf. Es sind zwei große Gruppen, die eine umfasst achtzig, die andere mehr als hundert Tiere. Ein scharfer Wind fegt über die Hochebene, und die Affen ducken sich in einer Senke und lassen sich von den ersten Sonnenstrahlen wärmen. Da die Tiere so langlebig sind manche Weibchen werden fast dreißig Jahre alt werden noch viele Jahre ins Land gehen, bis die "Life History" dieser Tiere und die Determinanten ihres Verhaltens verstanden sind.

Uns zieht es jetzt in den Süden, in die Mara. Wir wollen dort die große Wanderung der Gnus und Zebras sehen. Die Masai Mara, wie sie eigentlich heißt, ist der kenianische Teil der Serengeti. Zusammen mit Marc und Khoi Thoi, unseren Führern, tuckern wir in einem offenen Landrover in die Mara. Wir kommen an einem verlassenen Bretterverschlag vorbei, auf dem fein säuberlich "Warrior Bar" gepinselt ist. Die Wolken hängen tief über den goldgelben Flächen, auf denen einzelne Schirmakazien in unregelmäßigen Abständen drapiert sind. Christo müsste neidisch werden.

Millionen Gnus und Zebras

Bald sehen wir die ersten Gnus, einzelne Topi-Antilopen, und kleinere Zebraherden. Dann mehr Gnus, und noch mehr Gnus. Bis zum Horizont erstrecken sich die dunklen Rücken, und wir hören das Konzert, das die Luft erfüllt. Blöken aus allen Richtungen, in allen Tonlagen. Tiefes Blöken der Haremshaltern, die versuchen, ihre Weibchen beisammen zu halten, ein etwas helleres Blöken der weiblichen Tiere und das kurze helle und aufgeregte Blöken von Kälbern, die ihre Mütter aus den Augen verloren haben. Die Tiere sind auf ihrer großen Wanderung. Auf der Suche nach Futter und Wasser machen sich über eine Million Gnus und eine halbe Million Zebras und andere Antilopen jedes von der Serengeti auf in die Mara.

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Ende Juni verlassen sie ihre Weidegründe in der Serengeti und gehen zu den Flächen in der Mara, um im November zurückzukehren. Es ist die letzte große Tierwanderung auf Erden und vermittelt einen schwachen Eindruck davon, wie es vor hunderttausenden von Jahren gewesen sein muss, als die ersten modernen Menschen ihre afrikanische Wiege verließen.

Wir verlassen Kenia im Kleinflugzug. Vom Rande der Mara aus drehen wir eine letzte Schleife über die Herden und fliegen dann über die rötlich schimmernden Flanken und Kanten des Rift Valleys zurück nach Nairobi. Es ist kalt dort.

Julia Fischer ist Professorin für Kognitive Ethologie und arbeitet am Deutschen Primatenzentrum und der Georg-August-Universität, Göttingen.



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