Mekkas der Moderne: Stevns Klint Der Ort, an dem die Welt unterging

Mekkas der Moderne: Stevns Klint: Der Ort, an dem die Welt unterging Fotos
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Ein gigantischer Feuerball stürzte ins Meer, der ganze Globus wurde mit Staub bedeckt: Eine der größten Katastrophen der Erdgeschichte beeinträchtigte das Leben auf der Erde. Hildegard Westphal hat den Spuren der Apokalypse nachgespürt - in einem beschaulichen Örtchen in Dänemark. Von

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Katholiken haben den Vatikan, Juden die Klagemauer, Moslems Mekka, Buddhisten den Berg Kailasch.

Aber wo sehen all jene ihren Mittelpunkt, die sich einem anderen Weltbild verpflichtet fühlen: weniger von einem Gott geprägt, sondern eher von Darwin, Newton und Einstein? Gibt es Orte, an denen sich wissenschaftlich orientierte Weltanschauungen manifestieren? Was sind die Mekkas der Moderne? einestages stellt in Zusammenarbeit mit der Jungen Akademie in den kommenden Wochen mehrere Vorschläge vor - die von jedem ergänzt werden können: Veröffentlichen Sie Ihre Ideen, Fotos und Diskussionsbeiträge zum Thema auf einestages!


Rødwig auf der dänischen Insel Seeland ¿ ein schmucker kleiner Ort an Dänemarks Ostseeküste. Außerhalb der Stadt zieht sich ein Kliff kilometerweit die Küste entlang: "Stevns Klint", die Klippen der Halbinsel Stevns. Am Strand hebt sich der strahlend weiße Kalkstein idyllisch vom graublauen Meer und dem hellblauen Himmel ab. Doch Eingeweihte erkennen an diesem Ort die Spuren einer Apokalypse, verursacht von einem gigantischen Meteoriten, der wie ein glühender Feuerball ins Meer stürzte, die Fluten auftürmte zu haushohen Wellen, Großbrände auslöste und die Erde mit Trümmern und Staub übersäte.

Die Besucher, die mit diesem Szenario vertraut sind, erkennt man leicht. Sie wandern in kleinen Gruppen am Kliff entlang. Bleiben stehen, diskutieren. Auch bei Sommerhitze tragen sie schwere Bergstiefel. Sie fahren mit ihren Fingern vorsichtig über das Gestein, insbesondere dort, wo sich ein grauer Streifen durch die Wand zieht. Sie gehen so nah heran, dass sie es fast mit der Nasenspitze berühren, wie kurzsichtige Leser, die geheimnisvolle Zeilen in einem uralten Folianten entziffern.

Dieser graue Streifen im Gestein ¿ Fischton oder auch "Fiskeleret" genannt ¿ ist weltberühmt. Hier, genau in diesem Moment, sind die Dinosaurier ausgestorben, und mit ihnen Ammoniten und etliche andere Tiergruppen. Man kann den Finger auf den Augenblick des Verschwindens legen, zumindest, wenn man, wie Geologen sich das näherungsweise gestatten, Gestein und Zeit gleichsetzt. Doch man sieht keine Dinosaurierknochen und auch sonst keine direkten Anzeichen einer Katastrophe. Wer die Zeichen an der Wand entschlüsseln will, muss sich auf die Finessen feinsinnigster Detektivarbeit einlassen: Unter und über dem grauen Fischton-Streifen liegt mariner Kalkstein mit gut erhaltenen Fossilien wie etwa Seeigeln und Moostierchen. Fachleute erkennen hier, dass der Kalk unterhalb des grauen Streifens sich aus anderen kalkabscheidenden Organismen gebildet hat als der Kalk oberhalb. Aber von Drama zunächst keine Spur.

Geburtsurkunde des Lebens

Stevns Klint wirkt unspektakulär, und vielleicht macht gerade dieses Understatement sogar seinen Reiz für die Fachwelt aus. Es handelt sich um eines der seltenen Vorkommen, wo Ablagerungen aus zwei geologischen Erdzeitaltern sauber und ordentlich übereinander lagern wie in einem Buch: Dies ist die sogenannte Kreide-Tertiär-Grenze, im Fachjargon K-T-Grenze genannt. Die K-T-Grenze markiert den Zeitpunkt vor etwa 65 Millionen Jahren, als plötzlich viele Tiergruppen wie etwa die Dinosaurier ausstarben, und eine neue Zeit begann: der Aufstieg der Säugetiere. Die dünne, graue Lage aus Fischton trennt Erdmittelalter und Erdneuzeit, ist gleichzeitig Totenschein einer versunkenen Epoche und Geburtsurkunde für die heutige Lebewelt. Doch wo sind die Hinweise darauf in dem unauffälligen grauen Fischton versteckt?

Stevns Klint ist der Ort, an dem erstmals dramatisch erhöhte Iridiumgehalte an dieser Epochenschwelle nachgewiesen wurden. Iridium gelangt ständig in geringen Konzentrationen in Sternenstaub aus dem Weltall auf die Erde. Iridium ist ein Metall, das weit seltener auf der Erde vorkommt als Gold oder Platin. 1980 publizierte der Nobelpreisträger Luis Alvarez, Physikprofessor im kalifornischen Berkeley, gemeinsam mit seinem Sohn Walter Analyseergebnisse, die 160-fach erhöhte Gehalte in Proben von Stevns Klint nachwiesen. Solch hohe Konzentrationen ließen sich schlecht durch das kontinuierliche Rieseln von extraterrestrischem Material auf die Erde erklären. Die Forscher schlugen als Erklärung vor, dass Iridium durch den Einschlag eines großen Meteoriten schlagartig in großen Mengen auf die Erde gelangt sei. Dieser Meteoriteneinschlag habe auch das Aussterben der Dinosaurier zu verantworten. Diese sogenannte Impakt-Theorie, das plötzliche Aussterben durch einen glühenden Feuerball, gilt seither als wahrscheinlich, wenn sie auch keineswegs unumstritten ist.

Spuren einer gigantischen Flutwelle

Das Iridium lässt sich nicht mit bloßem Auge sehen, sondern nur durch Labormessungen nachweisen. Aber Vorstellungskraft ist eine der Stärken von Geologen. Manch einer erschauert angesichts der Vision einer vorgeschichtlichen Katastrophe, er erblickt den Meteorit vor mit seinem Feuerschweif vor dem inneren Auge, er ahnt die Wucht des Einschlages und seine epochalen Folgen.

Dieses Drama hatte globale Wirkungen, aber eine punktuelle Ursache. Sie liegt weit entfernt von Dänemarks beschaulicher Küste. Der Einschlag fand nämlich rund 10.000 km südwestlich von Stevns Klint statt, auf der Halbinsel Yucatan in Mexico. Dort wurde in den neunziger Jahren die Struktur entdeckt, die heute als der Krater des Meteoriteneinschlags anerkannt ist: Wissenschaftler fanden eine Gravitationsanomalie auf der Halbinsel Yucatan und schlossen auf einen Einschlagkrater mit rund 300 Kilometern Durchmesser, verursacht durch einen Meteoriten mit etwa zwölf Kilometern Durchmesser. Nach einem nahegelegenen Küstenort wurde dieser unsichtbare Einschlagsort Chicxulub-Krater getauft, was man "Tschickchulúb" ausspricht.

Im Gegensatz zum Fischton von Stevns Klint läßt sich der Chicxulub-Krater nicht besuchen, denn er liegt begraben unter einer viele hundert Meter mächtigen Sedimentschicht. Aber es gibt viele Hinweise auf seine Existenz: Zertrümmertes Gestein im Untergrund von Yucatan, das man seit den fünfziger Jahren aus einigen Erdöl-Bohrungen kannte, gilt heute als Trümmergestein des Meteoriteneinschlages. Und je länger man forscht, desto mehr Hinweise finden sich: Trümmergesteine in Guatemala gelten heute als Auswurf, der beim Aufprall emporgeschleudert wurde. Und eigenartige Sandablagerungen im Süden der USA werden als Spuren einer gigantischen Flutwelle gedeutet.

Pilgerstätte der Erdgeschichte

All diese Indizien und Hypothesen laufen in dem grauen Band aus Fischton auf der Insel Seeland zusammen. Ob der Meteorit tatsächlich für das Massensterben zwischen dem Ermittelalter und der Erdneuzeit verantwortlich war, bleibt das fortgesetzte Thema einer leidenschaftlichen Kontroverse. Ein Grundproblem ist die Datierung: Geschah das Massensterben tatsächlich direkt nach dem Meteoriteneinschlag? Unbestritten ist dagegen, dass die Kollision mit dem Himmelskörper tatsächlich stattgefunden hat. Und die Vorstellung dieses Dramas fasziniert überzeugte Anhänger wie entschiedene Gegner der Impakt-Theorie des Aussterbens gleichermaßen.

Darum kommen sie aus aller Welt herbeigepilgert: Geologen, Geophysiker, Ökologen, Paläontologen, Paläoklimatologen, Paläozeanographien, Aussterbestatistiker und andere. Sie kommen, sie legen die Hand auf die Grenze, zerbröseln etwas Fischton zwischen den Fingern und sind ergriffen. Exkursionen von unzähligen Fachtagungen statten dem Kliff einen Besuch ab. Die Chance ist hoch, hier Kollegen aus aller Welt zu treffen. Das dünne graue Band am Strand verbindet die Wissenschaftler trotz aller Meinungsdifferenzen zu einer Gemeinschaft. Zu einer Zunft von Erdgeschichts-Forschern, mitsamt einer eigenen Kleiderordnung. Stevns Klint: ein Treffpunkt, ein Ort der Wissenschaftsgeschichte, eine Pilgerstätte der Erdgeschichte.

Hildegard Westphal ist Geologin an der Universität Bremen

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