Legendärer Boxkampf Zwei Sekunden zwischen Ruhm und Leere

Legendärer Boxkampf: Zwei Sekunden zwischen Ruhm und Leere Fotos
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März 1990, Las Vegas: Das aufstrebende US-Talent Meldrick Taylor und der unbesiegte Mexikaner Julio Chavez steigen in den Boxring und kämpfen um den WM-Titel im Weltergewicht. Was niemand ahnt: Das Duell der ungleichen Boxer soll zu einem der dramatischsten Kämpfe der Geschichte werden. Von Constantin van Lijnden

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"Manche Boxer verlieren die besten Jahre ihrer Karriere in einem einzelnen Kampf."

Das, was der Sportreporter Ron Borges vom "Boston Herald" über das Boxen schrieb, hat Meldrick Taylor erlebt. Der US-Amerikaner hat genau diesen einen Kampf gekämpft. Und dabei noch viel mehr verloren als ein paar Jahre.

In den Achtzigern war Meldrick Taylor ein aufsteigender Stern am Boxhimmel, von denen es jedes Jahr viele gibt, die deshalb aber nicht weniger leuchten. Der junge Mann aus Philadelphia wurde 1984 als 17-Jähriger Olympiasieger im Federgewicht; 1988 folgte mit dem Halbweltergewichtstitel seine erste Weltmeisterschaft.

Für einen Sport, dessen populärste Repräsentanten zu jener Zeit hauptsächlich dem Schwergewicht entstammten, war Taylor eine willkommene Abwechslung: 64 Kilogramm leicht, kämpfte er mit einem Tempo, das nicht nur im Vergleich zu schwerfälligen Giganten wie George Foreman, sondern auch zu Kontrahenten in seiner eigenen Gewichtsklasse atemberaubend war.

"Er konnte sieben oder acht Hände schlagen, während man einmal blinzelte", erinnert sich der Reporter Bernard Fernandez von den "Philadelphia Daily News". "Doch seine größte Stärke - und vielleicht auch seine größte Schwäche - war, dass er sich selbst mehr als Kämpfer denn als Boxer gesehen hat". Tatsächlich fühlte Taylor sich noch lange, nachdem er den kleinen, örtlichen Vereinen entwachsen war und mit Weltstars wie Evander Holyfield trainierte, der Unnachgiebigigkeit verpflichtet, die damals als Markenzeichen von Philadelphias Boxern galt. Diese spiegelt sich in Zitaten wie diesem wider: "Ein Kämpfer aus Philadelphia ist jemand, der sein Herz und seine Begierde in den Kampf legt - für jede Minute jeder Runde".

Blitz gegen Sandsack

Mit dieser Einstellung nahm er die Herzen der Zuschauer für sich ein, die für die wilde Darbietung eines leidenschaftlichen Kämpfers schon immer lauter schlugen als für die kühle Präzisionsarbeit. Als im Februar 1990 der damals größte Publikumsmagnet Mike Tyson überraschend gegen Buster Douglas K.o. ging, wandte sich das öffentliche Interesse blitzartig dem jungen Taylor zu, der einen Monat später auf den bereits damals legendären, 27-jährigen Julio César Chavez treffen sollte.

Chavez, Weltergewichtschampion des mexikanischen World Boxing Councils und bis heute der erfolgreichste mexikanische Boxer, war das Gegenteil von Taylor: Wo letzterer blitzartige Kombinationen schlug, hielt Chavez mit einer nie dagewesenen Fähigkeit dagegen, auch die härtesten Schläge zu absorbieren. Dieses eigentümliche Geschenk der Natur erlaubte es ihm, seinen Gegnern Mal um Mal grausame Schlagabtäusche aufzuzwingen.

Die Begegnung der beiden stilistisch so unterschiedlichen Männer war einer der am heißesten erwarteten Kämpfe seiner Zeit. Doch niemand ahnte, dass die zwölf Runden in Las Vegas eine solche Dramatik entfalten würden, dass das renommierte US-amerikanische Boxmagazin "The Ring" den Fight später zum Kampf des Jahrzehnts kürte.

Gesicht, Rippen und Magengrube

Taylor begann an jenem 17. März 1990 wie gewohnt, seine unvergleichliche Schnelligkeit auszuspielen. In einer virtuosen Darbietung umtänzelte er seinen Gegner, schnellte wieder und wieder mit rasanten Attacken vor und war außer Reichweite, ehe Chavez zurückschlug. Nach der Hälfte des Kampfes, in der Taylor wenig Schaden genommen und jede Runde für sich entschieden hatte, schien festzustehen, dass der bisher ungeschlagene Chavez' seine erste Niederlage kassieren würde.

Doch der Mexikaner steckte die flirrenden Salven seines Gegenübers mit der Gelassenheit eines Sandsacks ein und fand - zunächst nur selten, mit fortschreitender Rundenzahl jedoch immer häufiger - Gelegenheit, seine eigenen Haken in Taylors Gesicht, Rippen und Magengrube zu platzieren. Mit Erreichen der zehnten Runde hatte sich der Kampf deutlich gedreht; ermüdet von der Dauer des Kampfes schwand Taylors Geschwindigkeitsvorteil zusehends.

Für einen Punktsieg Chavez' war es jedoch bereits zu spät. Taylor hatte den Kampf über weite Strecken so deutlich dominiert, dass ihn nur noch ein K.o. vom Triumph trennen konnte. Für den geschwächten und angeschlagenen Taylor wären die letzten drei Runden genau die Zeit gewesen, einen defensiven, verhaltenen Kampf zu kämpfen und gerade genug zu tun, um bis zum letzten Läuten der Glocke auf den Beinen zu bleiben.

Doch das war nicht sein Stil. Der Mann, der sein Herz und seine Begierde in jede Minute des Kampfes legen wollte, griff stattdessen immer weiter an, obwohl Chavez bereits aus Mund und Nase blutete.

Die kontroverseste Entscheidung des Boxsports

Einer kaum begreiflichen Anweisung seiner Ecke folgend hielt Taylor seine Offensive bis zur letzten Runde aufrecht. Mit 17 Sekunden auf der Uhr schickte ein krachender Haken von Chavez Taylor schließlich auf die Bretter. "Wenn er es schafft, wieder aufzustehen, dann hat Taylor diesen Kampf wohl gewonnen", kommentierte der Fernsehkommentator die Szene.

Ringrichter Steele zählte Taylor an, der beinahe besinnungslos in der Ecke lag. Mehr wie in Trance winkelte er ein Knie an, erhob sich langsam, stand schließlich vor dem Ringrichter, wankend und schwankend zwar, doch er stand. Der glasige Blick seiner Augen zerbrach in einem Ausdruck unendlicher Verzweiflung, als Steele den Kampf, zwei Sekunden vor Ende der zwölften und letzten Runde, dennoch abbrach.

Natürlich folgte ein Sturm der Entrüstung von Medien Fans und Taylors Team. Das hatte bereits vor dem Kampf versucht, der Nominierung Steeles zu widersprechen. Der Ringrichter war bereits mehrfach wegen fragwürdiger Entscheidungen aufgefallen, die wiederholt zu Gunsten von Kämpfern ausgegangen waren, die wie Chavez unter dem Management von Box-Promoter Don King standen.

Für immer im Ring

Ebenfalls erwartungsgemäß allerdings verebbten alle Proteste, so vehement und andauernd sie auch waren, an der längst sprichwörtlich gewordenen Untätigkeit der Sportkommission von Nevada.

Nach dem Kampf waren Knochen in Taylors Gesicht gebrochen, er litt unter Störungen des Kurzzeitgedächtnisses und Orientierungsschwierigkeiten. Seine physischen Verletzungen waren schwer, doch für den Boxsport nicht ganz untypisch, und im Laufe der Zeit verheilten sie so gut, wie die Wunden eines 23 Jahre jungen Spitzenathleten verheilen. Doch ein anderer Teil von ihm heilte nicht. Das Herz, das er in jede Minute der zwölf Runden gegen Chavez gelegt hatte, war ihm zwei Sekunden vor Schluss zerbrochen, und es sollte ohne ihn für immer im Ring zurückbleiben.

Taylor kämpfte weiter, doch er war nicht mehr derselbe. 1992 ging er zwei Mal in Folge K.o., 1994 schickte Chavez ihn in einem Rückkampf erneut zu Boden. Taylor blieb bis 2002 aktiv, trat jedoch in immer kleineren Shows auf.

In einem Interview aus jenem Jahr zeigt Taylor Anzeichen von Dementia Pugilistica, jener irreversiblen, dem Parkinson ähnlichen Hirnkrankheit, die für Boxer typisch ist und unter anderem zu Artikulationsschwierigkeiten führt. Seine Sprache im Interview ist undeutlich, doch wenn man genau hinhört, versteht man, was Taylor sagt: "Die Leute sagen über mich, dass ich nicht mehr kämpfen sollte. Das ist nicht wahr. Ich werde mir beweisen, dass ich noch immer derselbe Kämpfer bin, der ich war."

Doch Meldrick Taylor scheitert ein letztes Mal. Gegen den unbekannten Wayne Martell verliert er nach K.o. Schließlich erklärt er seine Karriere für beendet - die zwölf Jahre zuvor an zwei Sekunden zerbrochen war.

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1.
Jochen Eller 05.08.2012
Der Artikel versucht den Eindruck zu vermitteln, als sei der Boxkampf zwei Sekunden zu früh beendet worden. Ich habe eher den Eindruck, er ist etliche Minuten zu spät abgebrochen worden. Was wäre wohl passiert, wenn der Kampf wieder eröffnet worden wäre? Vielleicht hätte er dann tödlich geendet.
2.
Erik Zech 05.08.2012
Boxen ist kein Sport. Boxen ist das Leben im Zeitraffer und zeigt den Charakter eines Menschen aufs Äußerste, deswegen lieben manche Boxen. Es isterhaben.
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