Holocaust-Schicksal Facebook-Suche nach dem Zwillingsbruder

Holocaust-Schicksal: Facebook-Suche nach dem Zwillingsbruder Fotos
Menachem B.

Das letzte Mal sah er seinen Bruder im Labor des Konzentrationslagers Auschwitz: Dort waren sie dem Nazi-Arzt Josef Mengele in die Hände gefallen. Fast 70 Jahre später macht Menachem B. sich per Facebook auf die Suche nach Jeno - nur mit einem Foto und der Häftlingsnummer seines Zwillingsbruders. Von Simon Broll

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Die Männer in Uniform kamen am helllichten Tag, nicht bei Nacht, wie man es aus Filmen kennt. Der dreijährige Junge sah sie die Dorfstraße auf sein Haus zukommen und rannte ins Innere. Seine Eltern liefen hektisch durch die Wohnung, öffneten Schubladen und Schränke, packten Sachen zusammen. Dann klopfte es an der Tür.

Das alles liegt schon mehr als sechs Jahrzehnte zurück, doch an diese Szene vom Frühjahr 1944 kann sich Menachem B. noch heute erinnern. Es sind die Augenblicke, in denen der Begriff Holocaust für ihn zum ersten Mal real wurde. Die Gestapo-Männer, holten seine Familie aus ihrem Haus im kleinen ungarischen Dorf Strojno heraus, um sie ins nahe gelegene Ghetto von Munkács im Westen der heutigen Ukraine zu bringen: die Mutter, den Vater, seinen Zwillingsbruder, der eben noch im Bett gelegen hatte. Und mit dem er zusammen im Konzentrationslager landen würde, als Versuchsobjekte des Dr. Josef Mengele.

Menachem B. ist ein sogenannter Mengele-Zwilling. Er wurde in Auschwitz von dem KZ-Arzt an der Rampe aussortiert und ins Krankenhaus-Abteil gebracht, wo man ihn für Experimente missbrauchte. Josef Mengele, der "Todesengel von Auschwitz", hatte vor allem eineiige Zwillingskinder untersucht, um "rassenhygienische" Erkenntnisse zu gewinnen. An die genauen Tests kann sich Menachem nicht mehr erinnern, er hat sie verdrängt wie die meisten Szenen von Auschwitz. Doch er weiß, dass er einen Großteil seiner Zeit in der Baracke mit Jeno verbracht hatte, seinem Zwillingsbruder, den er bei der Befreiung des Lagers aus den Augen verlor. Und den er nun auf Facebook sucht. 67 Jahre später. Mit Hilfe von dessen Häftlingstätowierung.

Anfrage im Ahnenforum

Die Idee für die ungewöhnliche Suchaktion kommt nicht von Menachem selbst, sondern von der Ahnenforscherin Ayana KimRon. Die israelische Wissenschaftlerin ist vor einem Jahr auf Menachem aufmerksam geworden. Damals hatte sie in einem Genealogie-Forum einen Aufruf gelesen mit dem Titel: "Ich bin ein Mengele-Zwilling und suche meinen Bruder." Der Beitrag wurde von einer Cousine von Menachems Partnerin verfasst. Er selbst hatte die Hoffnung bereits aufgegeben, Jeno zu finden.

Doch KimRon ließ nicht locker. Sie kontaktierte erst die Cousine, dann die Lebensgefährtin, schließlich hatte sie Menachem selbst am Telefon. Zu dieser Zeit lebte er bereits als pensionierter Steuerbeamter in Tel Aviv und glaubte nicht mehr daran, seinen Bruder zu finden. Zumal er wenig über seine Kindheit wusste, nicht einmal seinen Geburtsnamen kannte. Erst durch die Nachforschungen von Ayana KimRon erfuhr er, dass er eigentlich Elias Gottesmann hieß. Und dass sein Bruder Jeno die KZ-Nummer A7734 trägt.

Lange Jahre hat Menachem über die Zeit in Auschwitz geschwiegen. Zu schmerzhaft waren die Bilder in seinem Kopf, zu groß die Angst vor der Vergangenheit. "Falls er Jeno finden wollte, musste er sich mit dem Holocaust auseinandersetzen", sagt Ayana KimRon. Doch das war riskant, zumal er bis vor kurzem noch von Albträumen geplagt wurde. Von Händen, die ihn festhielten, während man seine Nummer eintätowierte. Und von dem Labor, aus dem er einmal geflohen war: eine Treppe hinunter, auf den Hof, bevor ein Mann ihn erblickte und er in seiner kindlichen Verzweiflung nichts anderes tun konnte, als die Hände schützend vors Gesicht zu halten.

Noch tiefer in die Vergangenheit eintauchen, das wollte Menachem nicht. Es hätte das Leben zerstören können, das er sich mühsam aufgebaut hatte: mit einem neuen Namen und einer neuer Familie.

"Möchtest du mein Vater sein?"

Bei der Befreiung des Konzentrationslagers am 27. Januar 1945 hatte sich der Junge, der damals noch Elias hieß, in der allgemeinen Hektik vor den Soldaten der Roten Armee versteckt. Als er einen der Gefangenen erblickte, rannte er auf ihn zu und fragte ihn auf Jiddisch: "Möchtest du mein Vater sein?" Der Mann, ein polnischer Jude, nahm den Jungen mit sich. Auf die Frage, wie er heiße, antwortete der Vierjährige: Mendele. Wie er auf diesen Namen gekommen ist, kann er heute nicht mehr sagen. Er gibt jedoch zu, dass das Wort ähnlich klingt wie der Nachname des Mannes, in dessen Labor er mehrere Monate verbracht hatte.

Der Nazi-Arzt Josef Mengele war für seine Forschung bereit, Kinderleben zu opfern. "Wenn sie sowieso ins Gas gehen", so lautete seine Parole, dann solle man sie vorher noch für Tests nutzen. "Die gibt es nie wieder, diese Chance." Viele der Kinder starben bei den Experimenten, einige trugen Verstümmelungen oder Narben davon. Nicht so Menachem. Seine äußeren Verletzungen sind vollkommen geheilt, sagt Ayana KimRon. Doch die psychischen Wunden, die Panikattacken, seien noch da.

Mit seinem neuen Vater zog Menachem erst in dessen Geburtstadt Oswiecim, dem kleinen polnischen Dorf neben dem Konzentrationslager Auschwitz, und vier Jahre später nach Israel. Dort wurde sein Name erneut geändert: vom jiddischen Mendele ins hebräische Menachem. Über die Zeit im Lager sprachen sie nicht. Nur einmal, als er 20 Jahre alt wurde, konfrontierte Menachem seinen Vater mit den Erinnerungen. Er wollte wissen, ob er jemals als Kind über seinen Bruder gesprochen hatte.

Das hatte er: Als sein neuer Vater und der Junge fünf Tage nach der Befreiung eine Gruppe sowjetischer Soldaten erblickten, versuchte der Junge, sich zu verstecken. Sein Vater wollte ihn beruhigen, das seien doch gute Männer, die sie befreit hätten. "Ja, aber sie haben meinen Bruder Jolli nicht gerettet", sagte das Kind.

Recherche in Archiven

Jolli, der Spitzname von Jeno - das war der einzige Hinweis, den Ayana KimRon besaß. Mit Hilfe von Menachems tätowierter Häftlingsnummer machte sich die Ahnenforscherin auf die Suche. Sie fragte bei großen Holocaust-Archiven an - und wurde fündig.

Dank der Organisation "CANDLES" ("Children of Auschwitz Nazi Deadly Lab Experiment Survivors") konnte sie eine Liste mit Mengele-Zwillingen auftreiben, auf der sie Menachems wahren Namen fand - neben dem seines Bruders. In Bad Arolsen in der Nähe von Kassel erhielt sie nähere Informationen zu Menachems Eltern und dem heimatlichen Dorf. So konnte sie dem 72-Jährigen Stück für Stück seine Identität wiedergeben. Schließlich wandte sie sich an Yad Vashem, die Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem, bei der Überlebende des Nazi-Terrors nach Familienangehörigen suchen können. Und fand dort eine Anfrage von Menachems Cousin. Seitdem hat der Auschwitz-Überlebende, der überzeugt war, keine Verwandten aus Ungarn je wieder zu Gesicht zu bekommen, mehr als 70 Familienmitglieder finden können.

Millionen Klicks auf Facebook

Doch die Suche nach Jeno blieb erfolglos. Die Spur verliert sich im Februar 1945, als das polnische Rote Kreuz in einem Protokoll festhielt, dass Jeno Gottesmann in ein Krankenhaus eingeliefert wurde und gesund sei. Zwar ist das der endgültige Beweis für Menachem, dass sein Bruder den Holocaust überlebt hat. Doch wo er sich jetzt befindet, weiß er nicht. Deswegen ließ er sich von KimRon überreden, eine Facebook-Kampagne zu starten. Auf einer speziell angelegten Seite wird nach Jeno Gottesmann gesucht, mit einem Foto, das Menachem als Fünfjährigen zeigt. Und mit Jenos tätowierter Häftlingsnummer A7734.

Die Seite ging am 2. März online und wurde seitdem von mehr als 1,4 Millionen Menschen angeschaut. Die Nutzer kommen aus 20 Ländern, darunter Deutschland, die USA, Australien und Südafrika. KimRon ist von dem Erfolg ihrer Kampagne überzeugt. "Es reicht, dass nur ein einziges Enkelkind von Jeno den Aufruf sieht, dann können wir die Brüder wieder vereinen", sagt sie. Die tätowierte Nummer sei dabei das deutliche Merkmal, an der man Jeno erkennen kann - selbst wenn er seitdem seinen Namen geändert hat. Für KimRon ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich ein Nachfahre von Jeno bei ihr melden wird. Dann möchte sie die Facebook-Community umgehend informieren.

Menachem B. selbst ist so überwältigt von dem Rücklauf auf Facebook, dass er nach wenigen Tagen darum bat, nicht mehr seinen vollen Namen zu nennen. Wie eine Begegnung mit seinem Bruder ablaufen könnte, kann er sich selbst noch nicht vorstellen. Doch die Suchaktion hat ihm bereits jetzt geholfen. Seitdem er seine Verwandten gefunden hat, seien die nächtlichen Albträume verschwunden, sagt er. Im Juni möchte er gemeinsam mit KimRon und vier Angehörigen nach Auschwitz fahren. Das erste Mal seit 1945 wird er im Lager stehen. Er hofft, dass sich Jeno bis dahin gemeldet hat und sich der Gruppe anschließen wird.

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