Menschenraub durch die Stasi Von West nach Ost verschleppt

K.-o.-Tropfen, Lügen, rohe Gewalt: Bis zum Mauerbau 1961 ließ die Stasi rund 400 Menschen entführen, einige hinrichten. Auch Journalist Karl Wilhelm Fricke sollte mundtot gemacht werden - er ging durch die Hölle.

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Weinbrand schmeckt bisweilen leicht seifig, das kennt Karl Wilhelm Fricke von französischen Sorten. Am Nachmittag des 1. April 1955 nimmt er den eigenartigen Nachgeschmack erst beim dritten Gläschen wahr. Dabei servieren seine Berliner Gastgeber eine deutsche Marke: "Scharlachberg-Meisterbrand" steht auf der Flasche, aus der die Ehefrau seines Bekannten Kurt Rittwagen nachschenkt.

Fricke wird übel, kalter Schweiß tritt ihm auf die Stirn, er eilt zur Toilette. Als der Brechreiz nachlässt, bittet er Rittwagen, ein Taxi zu rufen. Dann verliert er das Bewusstsein.

Erst um 23 Uhr erwacht er - in einem großen, hell erleuchteten Zimmer. Die Männer um ihn herum brüllen, beschimpfen ihn als "Drecksack" und "Arschficker". Fricke schreit um Hilfe und versucht den Raum zu verlassen. Er bekommt Prügel und wird erneut ohnmächtig. Nackt unter einer kalten Dusche kommt er zu sich: Fricke ist im berüchtigten Stasi-Untersuchungsgefängnis in Hohenschönhausen gelandet.

"Nennen Sie uns Ihre Kontaktleute!"

"Bis zuletzt hegte ich keinerlei Verdacht. Ich hätte nie gedacht, dass man ausgerechnet mich entführen würde", sagt er. Es war eine Falle. Der renommierte DDR-Kenner, heute 87, berichtet im Wohnzimmer seines Kölner Reihenhäuschens sachlich-distanziert, was ihm einst angetan wurde: Karl Wilhelm Fricke ist einer von rund 400 Menschen, die im Auftrag des Ministeriums für Staatssicherheit bis zum Mauerbau 1961 verschleppt wurden, von der Bundesrepublik in die DDR.

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Menschenraub durch Stasi-Häscher: Macht demonstrieren, Angst verbreiten

Stasi-Mitarbeiter und angeheuerte Kriminelle, oft auch aus der BRD, betäubten ihre Opfer - wie Fricke - mit K.-o.-Tropfen, machten sie betrunken, schlugen sie zusammen oder lockten sie durch Täuschung in den Osten. Viele der Verschleppten erhielten lange Haftstrafen, zwei Dutzend wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet. Die perfiden Entführungspraktiken erforschte Historikerin Susanne Muhle; 15 erschütternde Fälle beschreibt Journalist Wolfgang Bauernfeind in einer neuen Publikation.

Macht demonstrieren, Fluchtwillige abschrecken, Angst verbreiten: Das waren die Ziele des Menschenraubs, im Stasi-Jargon als "Rückholung" oder "Überführung" verharmlost. Es traf DDR-Flüchtlinge, Regimekritiker und abtrünnige Stasi-Mitarbeiter ebenso wie tatsächliche oder angebliche West-Spione. Auch den Journalisten Fricke hielt das paranoide SED-Regime für einen Agenten des Klassenfeindes.

"Nennen Sie uns Ihre Kontaktleute!" Monatelang habe ein Vernehmungsoffizier in Hohenschönhausen ihn mit dieser Frage drangsaliert, sagt Fricke. 467 Tage währte seine U-Haft, die Vernehmungen gerieten zum Dauerterror, Schlafentzug inklusive. Stasi-Mitarbeiter protokollierten jedes Detail: Am 2. April 1955 wurde Fricke von 7 bis 13 Uhr und von 23 Uhr bis zum nächsten Morgen um 6.30 Uhr verhört; am 3. April erneut die ganze Nacht; am 4. April von 11.15 Uhr bis morgens um 6.15 Uhr.


"Tag und Nacht vernommen" - Psychoterror in Hohenschönhausen:

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Nach sieben Tagen und Nächten sackte Fricke vor Erschöpfung auf seinem Holzschemel zusammen und wurde angebrüllt: "Schlafen se nich ein!" Er gestand nicht. Weil es nichts zu gestehen gab: Fricke war weder ein Spion, noch betrieb er "Kriegs- und Boykotthetze", wie die Stasi ihm vorhielt. Als Journalist hatte er es sich zur Lebensaufgabe gemacht, "gegen das Regime der SED anzuschreiben", so Fricke. Und zwar von Anfang an.

Mitten im Unterricht verhaftet

Als Teenager musste Fricke, 1929 in Hoym bei Aschersleben geboren, miterleben, wie die sowjetische Geheimpolizei seinen Vater verhaftete, obwohl das einstige NSDAP-Mitglied als "entlastet" galt. Im Zuge der sogenannten Waldheimer Prozesse - skandalösen Schnellverfahren ohne Ermittlungen, ohne Zeugen, meist ohne Verteidiger - wurde der Vater zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt und starb in Haft, zuletzt interniert im ehemaligen KZ Buchenwald.

Auch der Sohn, zunächst als Hilfslehrer für Russisch tätig, machte früh Bekanntschaft mit der DDR-Unrechtsjustiz: Mitten im Unterricht stürmte ein Volkspolizist das Klassenzimmer und nahm den 20-Jährigen wegen einer flapsigen Bemerkung gegenüber einer Kollegin fest - man warf ihm Vorbereitung zum Hochverrat vor.

Fricke konnte durch die unbewachte Toilette aus dem Kommissariat türmen und in den Wald rennen. Noch in der Nacht floh er über die Grenze in den Westen, studierte in der BRD Politik und Wirtschaft, verfasste erste DDR-kritische Artikel.

"Revolverheld neuen Typus": Mit dieser Zeile veröffentlichte der Journalist 1954 ein Porträt des späteren Stasi-Chefs Erich Mielke. Fricke entlarvte die Beteiligung Mielkes an einem Polizisten-Doppelmord im Jahr 1931. Und geriet ins Visier des MfS - die "politisch-operative Bearbeitung" begann.

"Paket Fricke ordnungsgemäß übergeben"

Bereits am 30. August 1954 empfahl Kurt Rittwagen, von der Stasi als Geheimer Mitarbeiter (GM) "Fritz" auf Fricke angesetzt, gegen den unbequemen Journalisten "eventuell eine Aktion durchzuführen". Am 1. April 1955, einem Freitag, war es so weit: Unter dem Vorwand einer Buchübergabe lockte "Fritz" sein Opfer in eine von der Stasi angemietete Wohnung. Fricke vertraute Rittwagen und benötigte das schwer zu beschaffende Buch für eine Rezension.


"Keinerlei Verdacht geschöpft" - der Nachmittag seiner Entführung

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Bei Kaffee, Weinbrand und Zigaretten lernt Fricke Rittwagens Ehefrau Anne-Maria kennen - für die Stasi als GM "Peter" im Einsatz. Sie war es, die das Betäubungsmittel, wohl eine Mischung aus Scopolamin und Atropin, in sein Glas träufelte. Was danach genau passierte, blieb unklar.

"Vermutlich wurde ich in einen Schlafsack verschnürt, in einen Kofferraum gehievt und über die Sektorengrenze gefahren", sagt Fricke. Bei GM "Fritz", der 1989 einen Bericht über seine "Kundschaftertätigkeit" verfasste, liest sich das so: "Das sogenannte Paket Fricke wurde ordnungsgemäß dem Ministerium für Staatssicherheit übergeben."

Fricke blieb 15 Monate in U-Haft und wurde vom Obersten Gericht der DDR am 11. Juli 1956 wegen Spionage zu vier Jahren Gefängnis verurteilt: Bautzen II, Isolationshaft in einer 1,80 mal 3,20 Meter kleinen Zelle. Um den Schlaf des Häftlings Nr. 1077/56 zu stören, knipsten die Wachen nachts mehrfach das Licht an. Doch Fricke ließ sich nicht zermürben. Aus Angst vor Sprachverlust begann er Gedichte zu rezitieren: Tucholsky, Kästner, Goethe, Schiller.

Als "Reptil" und "Wühler" geführt

"Was mich rettete, war meine feste politische Überzeugung. Unrecht hatte nicht ich, sondern der uniformierte Verbrecher, der mir gegenübersaß und mich vernahm", sagt der 87-Jährige, der wegen einer Rückenerkrankung kaum noch gehen kann. Hass auf die Peiniger von einst verspürt er nicht - seine Waffe war die Information: Kaum wurde Fricke aus der Haft entlassen, schrieb er weiter das Regime jenseits der Mauer an, faktenreich und unerbittlich.

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Wolfgang Bauernfeind:
Menschenraub im Kalten Krieg

Täter, Opfer, Hintergründe

Mitteldeutscher Verlag; 248 Seiten; 14,95 Euro.

Ab 1975 reiste der langjährige Chef der Ost-West-Redaktion des Deutschlandfunks zu Recherchezwecken regelmäßig in die DDR. Und wusste genau, dass er beschattet wurde. Seine Beobachter tauften ihn "Reptil" und "Wühler". Ob er einen Kaffee trank oder eine Buchhandlung besuchte: Minutiös wurde jeder Schritt dokumentiert.

3000 Seiten umfasst die Stasi-Akte über Fricke. Jedes einzelne Blatt hat er gelesen, kopiert, archiviert, in fünf Leitz-Ordnern. "Akten-Einsicht" heißt seine Publikation über den eigenen Fall - für eine Autobiografie fehlte ihm die nötige Eitelkeit.

Mit Sicherheit - ohne Sicherheit!

Ein letztes Einreisevisum für die DDR beantragte Fricke im Dezember 1989, kurz nach dem Mauerfall. Als er das Ost-Berliner "Palast-Hotel" verließ, fragte ein Angestellter, ob er denn 1990 wiederkomme. "Mit Sicherheit!", antwortete Fricke. Worauf der Hotelmitarbeiter lachend sagte: "1990 ohne Sicherheit!"

Der Mann mit der getönten Brille erzählt das mit einem kurzen, trockenen Lachen. Anders als viele andere Menschenraub-Opfer trug er keine seelischen Narben davon, ging als Sieger aus dem Kampf gegen das SED-Regime hervor. Sein Sohn Karl Friedrich erwirkte als Anwalt die Kassation der Urteile gegen den Vater Karl Wilhelm ebenso wie gegen Großvater Karl Oskar Fricke. "Wir haben unsere eigene Geschichte bewältigt", sagt Karl Wilhelm Fricke nicht ohne Stolz.


"Systembedingtes Unrecht" - Bilanz aus 3000 Seiten Akten-Einsicht:

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Eine Genugtuung indes blieb Fricke versagt: Keiner seiner Entführer musste ins Gefängnis. "Ich erinnere mich nicht daran", erklärte der einstige Stasi-Offizier Kurt Rittwagen 1991, als ein TV-Team ihn aufspürte und zum Fall Fricke befragte. Rittwagen starb 1993. "Ich war eher das Trudchen vom Lande. Diesem Fricke bin ich nie begegnet", beteuerte Rittwagens Ex-Frau Anne-Maria 1997 vor Gericht. Sie wurde zu sieben Monaten auf Bewährung verurteilt.

Fast alle anderen Menschenräuber kamen ungeschoren davon, wie Historikerin Muhle ermittelt hat: Lediglich 13 ehemalige IM und drei Kontaktpersonen mussten sich nach der Wende für ihre Taten vor Gericht verantworten. Und nur sieben konnten verurteilt werden - allesamt auf Bewährung.

insgesamt 15 Beiträge
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Florian Schubert, 25.01.2017
1. Schön...
...dass durch Ihre Berichte die "Ostalgie" nicht überhand nimmt und die DDR auch heute noch als das wahrgenommen wird, was sie wirklich war (und wie ich sie erlebte): Ein menschenverachtender Staat der durch Angst und Terror legitimiert war.
Robert Rudolph, 25.01.2017
2. Spannender Artikel
Man sollte wirklich niemals vergessen, was die DDR für ein Staat war. Ich freue mich auch heute noch, nach 27 Jahren, dass der Albtraum vorbei ist. Die DDR - ein Staat mit einer Partei, die ein paar Millionen Bürger als Leibeigene betrachtet hat.
Helmut Düker, 25.01.2017
3. Und da gibt es immer noch Unverbesserliche,
die behaupten, die DDR war kein Unrechtsstaat. Absurd!
Meinrad Heinitz, 25.01.2017
4. Die Nachwehen der alten Ostrepublik
Diese perfieden Machenschaften der Ost- Seite war ja nicht unbekannt, aber im Westen gab es ebenso im "Untergrund" immer wieder ähnliche Versuche- bis in die 90er - wo die Legalität bis heute keiner hinterfragt hat oder es hinter dem Deckmantel juristischer Absicherung durch Staatsanwaltschaften oder "militärischer Schweigegelübte" dann einfach in Vergessenheit geriet. Wo kein Kläger da kein Prozess...
Wolf Lade, 25.01.2017
5. Am eigenen Leib erlebt
Und solche Leute wollen dann im Berliner Senat arbeiten. Schöne neue linke Welt. Die EndDDRfizierung ist noch nicht abgeschlossen.
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