Menschenversuche in Auschwitz "Wäre ich ganz klein, schrie ich vor Schmerz"

Menschenversuche in Auschwitz: "Wäre ich ganz klein, schrie ich vor Schmerz" Fotos
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Bakterienspritzen, Sterilisierungsversuche, Todesmärsche: 1943 kam Eva Golgevit in den berüchtigten Block 10 von Auschwitz - und in die Hand von grausamen SS-Ärzten. Die mittlerweile 100-Jährige überlebte, doch noch heute erinnert sie sich an den qualvollen Alltag im Lager. Von

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Der amerikanische Psychiater Robert Jay Lifton bezeichnete den Block 10 als den "Inbegriff für Auschwitz schlechthin". Im Stammlager von Auschwitz hatte die SS im April 1943 das ehemalige Kasernengebäude zunächst für Sterilisationsversuche an jüdischen Frauen ausstatten lassen, verantwortlicher Mediziner war der Gynäkologe Prof. Dr. Carl Clauberg. Er verklebte ahnungslosen Frauen die Eileiter mit einer Einspritzung durch die Gebärmutter für immer.

Meist waren 400 Versuchspersonen gleichzeitig in zwei Schlafsälen untergebracht, innerhalb von knapp eineinhalb Jahren mehr als 800 Jüdinnen aus ganz Europa. Auch andere Ärzte missbrauchten Frauen aus diesem Block für ihre Experimente: Dr. Horst Schumann verbrannte mit Röntgenstrahlen die Sexualorgane ausgewählter Häftlinge, SS-Standortarzt Dr. Eduard Wirths ließ Häftlingsärzte für einen Test zur Früherkennung von Gebärmutterkrebs üben, und der Leiter des SS-Hygieneinstituts in Auschwitz, Dr. Bruno Weber, beauftragte Helfer, Jüdinnen Blut mit der falschen Blutgruppe zu übertragen oder ihnen große Mengen Blut für Wehrmachtslazarette abzunehmen.

Als Eva Golgevit, 31 Jahre alt, Jüdin aus Paris, am 2. August 1943 in Block 10 eingewiesen wurde, war die Versuchsstation bereits vier Monate in Betrieb. Die SS-Ärzte hatten die meisten ihrer Opfer direkt von der "Judenrampe" weg ausgewählt. Einmal waren es 100 Frauen aus Griechenland, dann 110 aus Belgien, 65 aus Deutschland, 75 aus Frankreich, 250 aus den Niederlanden, weitere Frauen aus Polen, Tschechien, Ungarn und der Slowakei. Aus Golgevits Deportationszug, der vom französischen Durchgangslager Drancy losgefahren war, wurden 55 Frauen für Menschenversuche ausgewählt.

Aber von denen ahnte das da noch niemand. Als sie in das geheimnisvolle Gebäude gebracht wurde, kam es Eva Golgevit nach eigener Aussage zunächst so vor, als sei sie in ein Irrenhaus gekommen. "Aber es war schnell klar, dass es sich um etwas anderes handeln musste." Zumal ihnen Nummern auf die Haut tätowiert wurde. Mithäftlinge enthüllten den Neuankömmlingen nach anfänglichem Schweigen schließlich den grausamen Zweck von Block 10.

Sie habe die ersten Tage "in einem Zustand von Abgestumpftheit" verbracht, berichtet Eva Golgevit. "Später habe ich mich wieder gefasst und habe mit einigen anderen beschlossen, uns nicht unterkriegen zu lassen und Widerstand zu leisten."

Golgevit, geboren als Chava Rozencwajg in Lodz, war mit ihrer Familie 1931 nach Brüssel ausgewandert und 1934 weiter nach Paris gezogen. Dort hatte sie ihren Landsmann Charles Golgevit geheiratet, einen gelernten Stricker. 1937 hatten sie einen Sohn bekommen, Jean Golgevit, einen späteren Sänger und Schriftsteller. Charles Golgevit war im Sommer 1940 als Soldat in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten, Eva Golgevit hatte sich im Herbst 1940 einer jüdisch-kommunistischen Widerstandsgruppe angeschlossen. Nach einer Denunziation war sie am 2. Juli 1943 mit anderen Mitgliedern der Gruppe in Paris verhaftet und ins Lager Drancy gebracht worden. Ihren kleinen Sohn hatte sie zuvor noch in einem Heim verstecken können.

Die letzten Worte und Umarmungen

In Block 10 wurde Eva Golgevit zunächst von dem SS-Arzt Hans Münch für bakteriologische Versuche missbraucht. Sie erinnert sich an mehrfache Einspritzungen unter die Brusthaut: "Ich fühlte mich danach sehr schlecht, hatte Fieber, die Einspritzstellen wurden rot und bildeten eine Kruste, die sehr lange bis zur Abheilung dauerte." Den Sterilisierungsexperimenten Claubergs entging sie nur mit Glück. Ihr war bereits eine erste Spritze als Kontrastmittel verabreicht worden, um die Durchlässigkeit der Eileiter zu testen - dann wurde sie kurzfristig einem Arbeitskommando in Auschwitz-Birkenau zugeteilt.

Die Tage waren quälend lang in Block 10, wo jeweils bis zu 200 Versuchspersonen gleichzeitig von früh bis spät in den beiden 250 Quadratmeter großen Sälen verbringen mussten. Die Frauen, so berichten es Überlebende, waren erfüllt von einer abgründigen Langeweile, in der – im Schatten der Kamine von Auschwitz – kein anderes Ende abzusehen war als der Tod.

Die Gedanken kreisten um die Angehörigen, die letzten Worte und Umarmungen. In der Sorge um das Schicksal der zurückgelassenen Kinder begegneten die Frauen ihrer eigenen Kindheit und fühlten die Sehnsucht nach mütterlicher Geborgenheit. Eva Golgevit erinnert sich an die Verse eines Liedtextes, den eine ihrer Gefährtinnen damals in Block 10 vortrug:

Si j’étais toute petite

Je pourrais appeler Maman

Viens près de moi, viens bien vite

Berce-moi doucement

Si j’étais toute petite

Je crierais de douleur

Maman!

Auf Deutsch:

Wäre ich ganz klein

dann riefe ich meine Mama

Komm ganz nah, komme schnell

Wiege mich sanft

Wäre ich ganz klein

Schrie ich vor Schmerz

Mama!

Erst wenn die SS-Aufseherinnen nach Sonnenuntergang das Gebäude verließen, waren die Frauen unter sich. Volkslieder verschiedener europäischer Länder erklangen plötzlich, aber auch Chansons, Lieder von Zarah Leander. Oder Rebecca Kasman, eine Schauspielerin vom Pariser Jiddischen Arbeitertheater, wagte sich an Kabaretteinlagen. "Mit ihrer scharfen Beobachtungsgabe und ihrem feinen Einfühlungsvermögen ergoss sie ihren Spott über die Nazi-Aufseherinnen des Blocks. Sie spielte Sketche, und man belustigte sich über alle diese Kröten", schreibt Golgevit in ihren Erinnerungen über solche abendlichen Auflockerungen

Bis zu ihrer Befreiung am 1. Mai 1945 erlebte Eva Golgevit auch die Todesmärsche, auf denen viele ihrer Leidensgefährtinnen ums Leben kamen. Sie selbst musste sich am 18. Januar 1945 auf den gefährlichen Weg begeben, erreichte zunächst das KZ Ravensbrück und von dort das KZ Malchow. Und überlebte auch diese Lager. Am 28. Mai 1945 traf sie in Paris ihren Mann wieder, der aus der Gefangenschaft heimgekehrt war. Auch der Sohn, der zuletzt in Brüssel bei Verwandten gestrandet war, fand wieder zur Familie. 1952 kam noch ein zweiter Sohn zur Welt, Elie.

Eva Golgevit ist gerade ein Jahrhundert alt geworden und wurde dafür im Rathaus ihres Pariser Verwaltungsbezirks mit einem Empfang geehrt. Sie habe in ihrem Leben nie die Hoffnung verloren, beteuert sie. Aber eines werde ihr zu schaffen machen: "Es ist sehr schwer, 100 Jahre alt zu sein."

Zum Weiterlesen:

Hans-Joachim Lang: "Die Frauen von Block 10. Medizinische Versuche in Auschwitz." Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2011, 319 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

Eva Golgovit: "Ne pleurez pas, mes fils…", Manuscrit.com, Französische Sprache, 2010

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insgesamt 9 Beiträge
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1.
Roland Kaschek 23.06.2012
Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich finde es gut, dass über diesen Teil der deutschen Geschichte weiter berichtet wird. Allerdings finde ich, dass um richtig einordnen zu können, eine Form gefunden werden sollte in der z.B. die US amerikanischen oder japanischen Menschenversuche mit eingebunden werden können. Schauen Sie z.B. mal hier nach: 1. http://en.wikipedia.org/wiki/Unethical_human_experimentation_in_the_United_States, bzw. 2. http://en.wikipedia.org/wiki/Unit_731. Zu Unit 731 gibt es auch eine Reihe von Videos auf Youtube.
2.
joris miedaner 24.06.2012
Die Frau heißt Eva GlogEvit
3.
max muetze 24.06.2012
Am Anfang des Textes heißt es: "Der amerikanische Psychiater Robert Jay Lifton bezeichnete den Block 10 als den "Inbegriff für Auschwitz schlechthin"." Der Psychiater scheint vergessen zu haben, dass es seine Landsleute waren, die Hitler und seine Schergen zu diesen Untaten inspirierten. Und mit Hitlers Ende waren diese Gräuel nicht beendet. Nein, seine Handlanger durften in den USA weitermachen. Ein relativ wenig zur Kenntnis genommenes Kapitel deutscher Geschichte, dem sich der finnische Autor Ilkka Remes in seinem Buch "Das Erbe des Bösen" widmete, zu dem man weiterführende Informationen auf seiner Homepage findet. http://www.ilkka-remes.de/d_rassen.cfm Angesichts des Leides, das den Juden in den KZs widerfuhr, finde ich es völlig unverständlich, dass die Israelis ebenfalls medizinische und militärische Menschenversuche an Palästinensern und früher Südafrikanern (in Zusammenarbeit mit der Apartheitsregierung), inklusive illegalem Organhandel mit den Körperteilen von Ermordeten praktizieren. Das ist mir genauso unbegreiflich wie der Umstand, dass es in Russland Neonazis gibt, die mit der Hakenkreuzflagge rumlaufen, obwohl Russland die meisten Kriegsopfer im 2. Weltkrieg zu verzeichnen hatte.
4.
Martin Herrmann 24.06.2012
Und weil andere Länder das auch getan haben, soll relativter werden? Kein anderes Land wollte eine andere Glaubensgemeinschaft ausrotten! Ende! Was soll der Mist? Klar sind die Amis und Soviets keine Heilsbringer gewesen!
5.
Peter Grolig 24.06.2012
Ist es nicht schön, dass man als junger Mensch auch heute noch in Dachau angelogen wird? Wird in Dachau nicht jedem Besucher erzählt, wieviele Juden bei Massenvergasungen starben? Ja, auch ich kann dies bestätigen. Dabei gilt es mittlerweile als bewiesen,dass in Dachau keine Gaskammern existierten, dort vielmehr Menschenversuche unternommen wurden. Genau so wie auch in mancher Klinik heute noch. Und nach dem Krieg waren dann alle gute Christen. Mutter Kirche hat den Rock gehoben um das ganze Pack unterschlüpfen zu lassen. Und viele "Ärzte" und "Heiler" haben dann weiter gemacht wie zuvor - nur halt nicht mehr in Dachau, sondern als niedergelassener Arzt. Hoch geehrt und angesehen. Genau wie die Amerikaner, die mit der Studie von Tuskegee und den Versuchen an Kriegsgefangenen nach dem 2. WK genau das selbe gemacht haben. Aber wie gesagt: Nach dem zweiten WK !
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