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Hippie-Urväter Merry Pranksters Klassenfahrt auf LSD

Hippie-Urväter Merry Pranksters: Klassenfahrt auf LSD Fotos
Ted Streshinsky/Corbis

Mit einem buntbemalten Schulbus tourten sie 1964 durch die USA, im Namen von Spaß, Chaos - und Drogentrips. Das Künstlerkollektiv Merry Pranksters wollte sein Bewusstsein erweitern - und prägte dabei eine ganze Generation. Von

Die Studenten im kalifornischen Berkeley mochten ihren Sinnen nicht trauen: Stroboskope blitzten durch den Saal, bunte Scheinwerferkegel flogen über die Wände, Lichtorgeln tauchten das Geschehen in eine traumgleiche Atmosphäre. Vor der Bühne zuckten langhaarige Wesen mit Indianerstirnbändern zur verzerrten Musik einer Band, die sich später Grateful Dead nennen sollte, und der Softdrink, den man ihnen am Eingang ausgeschenkt hatte, ließ die Klänge, Lichter und Worte zu einer einzigen großen Bewusstseinserweiterung verschmelzen: Es war der 27. November 1965, Tag des ersten "Acid Tests" der Geschichte. Und die Substanz im Getränk, die ihre Sinne in ein neues Reich führte, war ein synthetisches Halluzinogen namens LSD.

Es war eine bewegte Zeit in den USA: Lyndon B. Johnson regierte im Weißen Haus, in den Gettos schwelte die Wut über die Unterdrückung der Schwarzen, amerikanische Bomben fielen auf Vietnam. Und in einem Waldstück südlich von San Francisco experimentierte eine Gruppe junger Erwachsener mit Drogen und einem neuen Lebensstil. Es war diese Künstlerkommune, die sogenannten Merry Pranksters (auf Deutsch etwa: "Die lustigen Possenreißer"), die sich später als Keimzelle der Hippie-Bewegung entpuppen sollte.

Revolution ohne Namen

Seit den Fünfzigerjahren hatte die CIA unter dem Decknamen MKUltra Experimente mit LSD durchgeführt: Im San Francisco Veterans Hospital zahlte man Freiwilligen 100 Dollar für eine Reise in die Abgründe des Ichs. Unter den Probanden war auch der 26-jährige Literaturstudent Ken Kesey. Seine Erfahrungen als Versuchskaninchen in der psychiatrischen Abteilung verarbeitete er 1962 in seinem Debüt "Einer flog übers Kuckucksnest" - und avancierte auf der Stelle zum Literaturstar.

Von dem Geld kaufte Kesey das Anwesen La Honda in einem Waldstück bei San Francisco. Auf der Farm trieb sich ein bunter Haufen von Aussteigern und Desperados herum, Leute wie der Polit-Clown Wavy Gravy, der Army-Pilot Ken Babbs und eine mysteriöse Schwarzhaarige namens Mountain Girl. Und dann war da Neal Cassady, das lebende Vorbild für die rastlos umherziehende Hauptfigur aus Jack Kerouacs "On the Road", der Bibel der Beatniks. Sie nannten sich The Merry Pranksters, und sie waren auf der Suche nach einer Revolution, die in der Luft lag, für die nur noch keiner den passenden Ausdruck gefunden hatte.

Im Sommer 1964 sollte Keseys neues Buch in New York vorgestellt werden, wo gerade die Weltausstellung stattfand. Die Prankster kauften einen alten Schulbus, verlegten Lautsprecherkabel und Instrumente, installierten einen Kühlschrank für das LSD und bemalten das Äußere in allen denkbaren Farben. Auf dem Dach montierten sie einen Ausguck wie auf einem Piratenschiff und auf dem Schild, das die Endstation angab, stand "Furthur!" - vom englischen "further" ("Weiter").

Rauchgranaten und Wikingerkreuze

Die Reise nach New York wurde zur Legende: Aus den Boxen tobte laute Musik, grüne Rauchbomben flogen aus den Fenstern, und wenn der Bus Halt machte, quoll ein bunter Haufen Verrückter auf die Straße, begann zu tanzen und filmte alles, was ihnen vor die Linse kam. In Houston wurde die Pranksterin Cathy Casamo festgenommen, als sie splitternackt durch die Straßen sprang. In New Orleans verursachten sie einen Aufruhr, als sie an einem Schwarzenstrand feierten. Und immer wieder hielt die Polizei das bunte Gefährt an. Die Officers waren ratlos: Noch nie hatten sie mit Blumenkindern zu tun gehabt - es sollte noch eine Weile dauern, bis die Zeitungen über das Phänomen der Drogenfreaks berichten würden.

High und hysterisch fielen die Pranksters in New York ein. Sie feierten die Premiere von Keseys Buch, trafen Jack Kerouac sowie Allen Ginsberg, den Autor von "Howl", der Hymne der Beat Generation. Besonder gespannt war man auf die Zusammenkunft mit Timothy Leary. Der LSD-Guru ("Turn on, tune in, drop out!") hatte sich mit seinen Anhängern in Upstate New York niedergelassen. Nun stand das große Treffen der Geheimgesellschaften an, die Avantgarde der Bewusstseinsforscher von East Coast und West Coast. Doch Learys vergeistigte "League for Spiritual Discovery" konnte sich nicht für die zappeligen Prankster erwärmen. Leary selbst ließ sich gar nicht blicken: Er war gerade in einen Drei-Tage-Trip vertieft und durfte nicht gestört werden.

Mit ihrer Reise durch Amerika hatte die Truppe Aufmerksamkeit auf sich gezogen - vielleicht zu viel: Die Polizei führte eine Razzia in La Honda durch. Zwölf Prankster, darunter Kesey, Mountain Girl und Cassady, wurden festgenommen, wegen Besitz von Marihuana, Widerstand bei der Festnahme und moralischer Gefährdung Minderjähriger. Zwar kamen sie innerhalb weniger Tage auf Kaution frei, doch die Verfahren liefen weiter.

Nun drehten die Prankster erst richtig auf: Sie feierten Partys mit den Hells Angels, traten mit Wikingerkreuzen und Pilotenanzügen beim Vietnam Day auf, der größten Antikriegskundgebung der US-Geschichte, und brachten die Jahresversammlung der Unitarierkirche durcheinander. Den Umgang mit LSD, das damals noch nicht verboten war, hatten sie mittlerweile so weit perfektioniert, dass sie auch andere an der Erfahrung teilhaben lassen wollten: Die Idee der Acid Tests war geboren.

Gipfeltreffen der Drogenfreaks

"Can you pass the acid test?" ("Bestehst du den LSD-Test?"), lockten Flyer, die in der Bay Area die Runde machten. Südlich von San Francisco richteten die Prankster einen Bauernhof her: Sie installierten Licht, Soundeffekte und einen Projektor, der den Film ihrer Busreise an die Wand werfen sollte. Neben den Studenten aus Berkeley war auch Allen Ginsberg gekommen, die Grateful Dead gaben ihr erstes Konzert.

Mit dem psychedelischen Happening hatten die Prankster einen Nerv getroffen: Beinahe jede Woche führten sie nun einen Acid Test durch, in Hollywood, am Sunset Strip oder im Schwarzenviertel von Watts, dem Epizentrum der Rassenunruhen. Das LSD, das sie in eine Brausemischung der Marke Kool-Aid mischten, bezogen sie von Owsley Stanley, dem größten Underground-LSD-Koch der Sechzigerjahre, dessen "Owsley Blues" sogar bis zu den Beatles gelangt waren.

Ihren Höhepunkt erreichte die Reihe mit dem "Trips Festival": Rund 10.000 LSD-Freaks strömten im Januar 1966 in die Longshoremens Hall in San Francisco, um Jefferson Airplane und die Grateful Dead zu sehen. Das dreitägige Spektakel galt als das erste Zusammentreffen der "psychedelischen Stämme" Amerikas - und als Startschuss der Hippie-Bewegung.

Horrortrip im "Freak-out"-Zelt

Doch dann wurden Kesey und Mountain Girl erneut mit Marihuana erwischt. Um einer Gefängnisstrafe zu entgehen, täuschte der Oberprankster seinen Selbstmord vor und floh nach Mexiko.

Dort schien man noch nicht bereit für die psychedelische Revolution: Nach nur acht Monaten kehrte Kesey nach Kalifornien zurück und versteckte sich im Untergrund. In Zeitungsinterviews verkündete er seine Absicht, fortan "das Salz in der Wunde J. Edgar Hoovers" zu sein. Doch dessen FBI-Agenten schnappten den Flüchtigen bereits nach wenigen Tagen und machten ihm den Prozess.

Im Gefängnis erhielt Kesey Besuch von einem jungen Journalisten: Tom Wolfe war der heißeste Schreiber des "Herald Tribune" und recherchierte an einem Buch über die Merry Prankster. "The Electric Kool-Aid Acid Test" sollte 1968 erscheinen und ein Meilenstein des New Journalism werden. Keseys Anwälte handelten derweil einen Deal aus: Er musste nur für fünf Monate hinter Gitter, wenn er sich verpflichtete, La Honda und das Pranksterleben aufgeben.

Das Werk der Merry Pranksters war da ohnehin längst vollbracht. Der "Summer of Love" war angebrochen, die psychedelische Revolution in vollem Gange. In den Straßen von Haight Ashbury blühte die Gegenkultur. Kesey zog auf die Farm seiner Eltern in Oregon, Mountain Girl wurde die Freundin von Jerry Garcia, dem Frontman der Grateful Dead. Neal Cassady brach im Speedrausch an einem Bahngleis in Mexiko tot zusammen.

Für Woodstock fand sich die Truppe 1969 noch einmal zusammen. Auf dem Festival betrieben sie eine Suppenküche und betreuten Hippies auf Horrortrip in "Freak-out"-Zelten. Das Motto der Hippies dort hieß: "Trau keinem über 30!" Die Merry Pranksters konterten mit Selbstironie - ihre Parole lautete: "Trau niemals einem Prankster!"

Zum Weiterschauen
  • Magnolia Pictures
    Für mehr Informationen über den Film "Magic Trip" besuchen Sie bitte die Seite www.magpictures.com

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insgesamt 4 Beiträge
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1. herrlich
Joachim Kappert, 27.10.2015
Damals hatte 'Freiheit' noch einen Wert.
2. Friede, Freude und Tränengas
Paul Linder, 27.10.2015
Es war eine goldene Zeit. Hab nie mehr Friede, Freude und Antikriegshaltung erlebt, wie in jenen Jahren und Tom Wolfes Texte les ich weiterhin mit Genuss. Leider übertrieben es dann folgende Generationen mit harten Drogen und die Alkoholiker der Regierungen mit ihrer Hippie-Hatz. So entstand wieder ein neuer bitterböser Konflikt zwischen meist unbewaffneten, naiven Friedensstiftern und hochbewaffneten Scharfmachern aus der eher rechten Ecke. Schade, dass dieses einfältige Spiel sich im Lauf der Geschichte öfter mal wiederholt und immer die hochbewaffneten (logischerweise) siegen...
3. Authenticjazzman
Sam DiCamillo, 27.10.2015
Auf dem ersten Bild ist eins von den begehrtesten Sammlerautos zu sehen : Ein Alfa Romeo Giulia Spider. Bringt heute ca 70 Tausend Dollar/Euro.
4. 1968 -1992
Helmut Böhlke, 27.11.2015
Das war der Bus der "Fabulous Furry Freak Brothers" Wer kennt den Comix noch?
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