Helden unserer Jugend "Diese Grübchen, einfach göttlich!"

Waffen, Kokain, Pornos - und Traumtypen in Leinenanzügen: In "Miami Vice" kehren zwei lässige Undercover-Cops stets geschniegelt aus den wildesten Schießereien zurück. Auf einestages erinnert sich US-Schauspielerin Iris Bahr, wie die Serie ihr die unbeschwertesten Momente ihrer Kindheit bescherte.

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Dem Zauber von "Miami Vice" erlag ich eher zufällig. Meine Eltern befanden sich gerade in der Hochphase ihrer Scheidung. An den Abenden, an denen mein Vater "länger im Büro" war, wie meine Mutter es nannte, zog sie sich in ihre Trauer zurück und häkelte riesige Tischdecken mit hochkomplexen Mustern.

Ich war mir selbst überlassen, was unweigerlich dazu führte, dass ich mich vor die Glotze fläzte. Eines Abends zeigten sie eine Sendung, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte. Unterlegt von coolen Synthesizerbeats sauste ich nach einer witzigen Titeleinblendung über den Ozean und blickte kurz darauf zwischen verheißungsvollen Palmwedeln hindurch in den tiefblauen Himmel.

Zack! Zack! Zack! Ein Bild jagte das nächste, im Takt der Musik - rosa Flamingos, saubere, bunte Häuser, und dann das Beste: Zwei Traumtypen in Leinenanzügen, die mich mitnehmen sollten auf ein Abenteuer unter strahlender Sonne, auf die Reise durch ein sexy, kokainstrotzendes, pulsierendes Tropenwunderland. Zwar hatte ich mit meinen zehn Jahren noch keinen blassen Schimmer von Sex oder Kokain, aber die Welt von "Miami Vice" wurde trotzdem zu meinem persönlichen Wunderland.

Ein Geschenk des Himmels

Die Stadt selbst war mir nicht unbekannt, im Gegenteil, ich war seit frühester Kindheit mit ihr vertraut. Mein Dad besaß ein Apartment in einer weitläufigen weißen Reihenhaussiedlung Miamis, bewohnt von kanadischen Frostopfern und neurotischen New Yorkern, die schon 30 Jahre zuvor ihren Ruhestand geplant hatten. Jeder, der schon mal dort war, weiß, Miami ist eine seltsame Stadt. Unser bescheidenes Apartment mit Meerblick hatte, ungelogen, pfirsichfarbene Sofas, einen gelben Teppich und eine Froschtapete.

Zur Autorin
  • Iris Bahr
    Iris Bahr, geboren in New York, lebt als Schauspielerin, Komikerin ("Curb Your Enthusiasm", "King of Queens" u.a.) und Autorin in Los Angeles und New York.
Trotz dieses alptraumhaften Amphibiendekors fand ich Miami klasse. Dort konnte ich dem trüben Winter in der Bronx entfliehen, den Depressionen meiner Mutter und dem Zorn meines Vaters, ihren ewigen Streitereien, meinen Sorgen und Nöten. Kaum waren wir in Florida, schmolzen sie einfach dahin. Doch weil diese Besuche selten waren, erschien mir die Möglichkeit, wöchentlich vor dem Fernseher in die Zauberwelt Miamis abzutauchen, wie ein Geschenk des Himmels.

Ein weiteres Himmelsgeschenk war Sonny Crockett, gespielt vom verträumten Don Johnson. Crockett war ein echter Traumtyp mit einer elegant geschmeidigen Statur, perfektem Gesicht und formvollendetem Dreitagebart. Seine Gesichtsbehaarung vermittelte mir das Gefühl, in einen erwachsenen Mann verliebt zu sein - bis dato hatte ich lediglich für River Phoenix, Michael Jackson (ja, ich weiß) und Meeno Peluce aus den "Zeitreisenden" geschwärmt.

Sexgott im atmungsaktiven Pastellgewand

Und nicht zu vergessen: diese Grübchen. Einfach göttlich! Crocketts Grübchen waren Mulden der Geborgenheit, in denen man sich zusammenkuscheln und sanft entschlafen wollte. Außerdem war seine Sonnenbräune echt, nicht aufgesprüht. Ein Parforceritt waren natürlich seine Klamotten: ein Sexgott im atmungsaktiven Pastellgewand. Sogar als Kind erkannte ich, dass Crockett mit seinen abgefahrenen, maßgeschneiderten Blazern über den lässig bunten T-Shirts und perfekt sitzenden weißen Leinenhosen ein echter Hipster war.

Keine andere Krimiserie hatte es bis dato mit der Glitzerwelt dermaßen auf die Spitze getrieben wie "Miami Vice". Ihre Helden waren zwei Undercover-Polizisten, die mit ihren edlen Outfits sogar italienische Filmstars in den Schatten stellten und Karossen fuhren, die sich nicht mal die Drogendealer leisten konnten, hinter denen sie her waren. Natürlich konnten sich die echten Polizisten in Miami mit keinem einzigen Aspekt dieser Serie identifizieren. Aber ich war nur ein Kind auf der Suche nach ein bisschen Illusion.

Sie fragen sich vermutlich, wann ich zu Tubbs komme, der von Philip Michael Thomas dargestellt wurde. Den habe ich nicht vergessen. Der Rest der Welt offenbar schon, denn seine Karriere war mit dem Ende von "Miami Vice" schlagartig beendet. Tubbs war wichtig für die Harmonie und Heiterkeit der Serie. Natürlich könnte man sich an dieser Stelle über seine Persönlichkeit auslassen, aber ich kann mich offen gestanden an keine solche erinnern. Klar lieferte er auch ein paar nette Kalauer, wie in der Episode mit dem Gaststar, der von vertikaler Integration spricht, woraufhin Tubbs nachfragt: "Du meinst, die laufen die ganze Zeit mit einer Dauererektion rum?"

Lurchiger Latino mit Haarimplantat

Aber wenn ich ehrlich bin, war mir die Dynamik zwischen Tubbs und Crockett nie ganz klar. Crockett war eindeutig sexy, cool, stilvoll und draufgängerisch. Tubbs hingegen hatte deutlich weniger Sex-Appeal, und ein Draufgänger war er gefühlte zwei Sekunden pro Sendung. Ja gut, Tubbs war schwarz und Crockett braungebrannt, aber das reichte nicht annähernd für den beliebten Serien-Typus "ungleiches Paar". Am Ende entsprachen die beiden ungefähr demselben Schema: Angetäuschter Anarcho-Undercover-Cop knallt die Bösen gleich im Dutzend ab und erlebt skurrile und größtenteils komische Abenteuer.

Während die beiden eine echte Augenweide waren, hätte ihr Chef, der Lieutenant, lediglich im Radio eine attraktive Figur abgegeben. Womöglich hatten die Produzenten befürchtet, ihre Hauptdarsteller seien nicht anziehend genug, deshalb stellten sie ihnen wohl den lurchigsten Latino mit Haarimplantat an die Seite, den sie auftreiben konnten. Mit seiner viel zu langen, üppigen schwarzen Föhnwelle, die wie angeklettet an seiner hohen Stirn hing, wirkte er wie die Ethnoversion von Krusty, dem Clown aus den "Simpsons". Dem Lieutenant muss man allerdings hoch anrechnen, dass er seine Rolle hervorragend spielte.

Sieht man von dem Lieutenant ab, war der Unterschied zwischen Guten und Bösen in "Miami Vice" sonnenklar: Die Bösen trugen Schnurrbärte. Immer. Fehlten die, waren sie entweder nicht ganz böse, kriegten noch die Kurve oder waren einfach Kollegen.

Rohe Gewalt, untermalt von munteren Klängen

Und die Typen mit den buschigen Schnurrbärten? Die waren der letzte Abschaum und verdienten ihr Geld mit Drogen, Prostitution, Menschenhandel mit Minderjährigen, Mord. Doch ihre dunklen Machenschaften trieben sie immer noch in Miami, weshalb sie selbstverständlich jede Menge Spaß dabei hatten, feierten, soffen, lachten und vögelten. Aber wir, die Guten, hatten Glück, denn am Ende jeder Episode waren die Bösen tot. In einem Mega-Schusswechsel weggepustet. Keine komplizierte Auflösung, Nachwehen oder andere Auswirkungen.

Die beiden haben mich inspiriert. Damals war ich so einsam und wünschte mir nichts sehnlicher als einen Partner - einer, der mich da rausholen würde. Diese Typen wussten, was zu tun war, denn sie gingen jede Woche durch die Hölle und kehrten immer wieder zurück, geschniegelt, gebügelt und bereit, sich am nächsten Morgen unter Palmen zu entspannen. Alles an Crockett und Tubbs vermittelte mir ein Gefühl von Sicherheit, deshalb hatte ich auch keine Angst vor den Waffen, Schießereien, dem Blut und all den anderen dunklen Elementen der Serie.

Günstig wirkte sich auch die Tatsache aus, dass die besonders abartigen Szenen mit munteren kubanischen Klängen, absurder Komik oder Sketchen einhergingen, bei denen die Schauspieler lächerlich dick auftrugen. Bereits die Pilotfolge strotzte nur so davon: Ein kleiner Zwischenhändler aus der Drogenszene soll vor Gericht eine Aussage machen. Plötzlich wird es dunkel im Saal. Als die Lichter wieder angehen, hält jeder einzelne Angestellte - vom Richter bis zur Stenografin - eine Automatik in der Hand und zielt damit auf den Kleinkriminellen.

Warum ließ meine Mutter das nur zu?

Spätere Folgen büßten zwar einiges an Komik ein, doch ein anderes Element blieb immer gleich: die Untermalung von Gewaltszenen mit angesagter Musik, wodurch sie weniger drastisch, sondern cool rüberkamen. Ich meine damit nicht die Art von Klangwolken, die durch alle anderen Fernsehserien zogen, sondern Riesennummern von Stars wie Pink Floyd, Dire Straits, Depeche Mode und U2. Keine andere Sendung hatte bis dahin auf diese Weise Originalmusik eingesetzt. An die Handlung einzelner Folgen kann ich mich kaum noch erinnern - wer kann das schon? Aber ich weiß noch genau, wie "Miami Vice" aussah, wie es klang, und wie es mir dabei ging.

Wenn ich mir heute einige der frühen Folgen ansehe, fallen mir natürlich sofort Sachen auf, die mich total nerven (außer dem peinlichen Schmalz der achtziger Jahre), weil ich als Erwachsene natürlich eine spannende Handlung und eine gewisse Logik erwarte. Zum Beispiel wurde uns nie erklärt, wie es Crockett und Tubbs immer wieder schaffen, sich als Undercover-Agenten bei den echten Playern in der Szene einzuschleusen.

Am allermerkwürdigsten finde ich allerdings, dass meine Mutter mir überhaupt erlaubte, "Miami Vice" anzuschauen. Ich meine, sie wusste haargenau, dass es sich nicht um eine Dokumentarreihe über Flamingos handeln konnte. Es gab halbnackte Prostituierte, überall Blut, Waffen, Schießereien, Messerstechereien. Meine Mutter plagten viele Sorgen, aber sie war nicht so weggetreten, dass sie ihren elterlichen Pflichten nicht mehr nachgekommen wäre. Ich habe mir immer wieder den Kopf darüber zerbrochen, warum meine Mutter ihre Tochter ein Programm anschauen ließ, das so eindeutig für Erwachsene gedacht war. Ich kam zu folgenden Schlüssen:

- Meine Mutter war der Ansicht, Sendungen mit dem Wort "Miami" im Titel würden grundsätzlich von Frieden und Freude handeln.

- Meine Mutter steht auf weiße Leinenklamotten.

- Crockett war Kettenraucher wie meine Mutter, deswegen war er grundsätzlich in Ordnung.

- Meine Mutter dachte, ich schaue MTV.

- Willie Nelson hatte in einer Folge einen Gastauftritt. Und Willie ist Gott.

Welchen Grund sie auch immer gehabt haben mochte, ich bin meiner Mutter jedenfalls ewig dankbar, dass ich diese bahnbrechende Serie sehen durfte. "Miami Vice" verschaffte mir einen kinderfreundlichen Zugang zu einer Welt voll willkürlicher Gewalt und Sex, ich hörte die beste Musik aller Zeiten und lernte, dass einem zwar jede Woche richtig übel mitgespielt werden kann, man sich aber dagegen wehren und dabei auch noch gut aussehen kann.

Aus dem Englischen übersetzt von Andrea O'Brien.

Dieser Artikel ist eine gekürzte Version aus der Neuerscheinung "Colt Seavers, Alf und ich". Nächste Woche in der einestages-Serie über Helden unserer Jugend: "Hart aber herzlich".

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insgesamt 21 Beiträge
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IchnixNamen Preisgeben, 18.04.2014
1. Zwar
Heute keine Helden der Jugend mehr aber auf jeden Fall sehenswert
Frank Sczensny, 18.04.2014
2. 80ies eben
das Jahrzehnt mit der besten Musik und den verruecktesten Klamotten. bin froh.in diesem.Jahrzehnt aufgewachsen zu sein. Neben Miami Vice gab es noch 21 jump street, ein colt für alle Fälle, Magnum, Masters of the universe, Turtles und transformers (etc. etc.). Musik war noch innovativ und voller Tiefe (depeche mode, pet shop boys, u2, pat benatar etc.) und machte einfach Spaß. Danach kam nichts neues mehr was nicht aus einer Maschine kam;-)
Jens Winter, 18.04.2014
3. Das waren noch Zeiten....
als Miami Vice frisch war. Und heute sehe ich mir manchmal die Wiederholungen im Privat-TV an oder schiebe eine Original Miami Vice Kasette ins Autorafio von meinem 24 Jahre alten MX-5, Dach auf und ab gehts. Nur auf den weißen Leinenanzug mit einem pinken T-Shirt verzichte ich mit Rücksicht auf meine Frau dann doch.
layercake, 18.04.2014
4. Einfach kult...
Ich habe mit alle Staffeln auf DVD besorgt. Die Serie ist und bleibt einfach kult. Meine Schwester und ich mussten seinerzeit kämpfen wie die Löwen und alle möglichen Tricks anwenden um eine Folge im damaligen "Westfernsehen" anzuschauen. Als Kinder linientreuer Genossen in der DDR keine leichte Aufgabe. Miami Vice hat bis Heute Einfluss auf meinen Lebensstiel (Hausdesign, Sportwagen aus Italien, Mode usw usw). Danke lieber Gott für die Wende!
tom unser, 18.04.2014
5. Wohl keine andere Serie der 80er....
Wohl keine Serue der 80er wird so unzutreffend erinnert wie Miami Vice. Alle stellen ab auf die coolen Typen, die coole Musik, die coole Optik, die coolen Boote und die coolen Autos. Kaum einer scheint sich zu erinnern (oder damals schon mitgekriegt zu haben?), dass all dies nur Fassade war -- und zwar auch und gerade im dramaturgischen Sinne. Denn hinter der glitzernden Fassade verbargen sich in der Regel tragische Geschichten über menschliche Abgründe, die eben NICHT immer gut ausgingen „und am Ende waren die Bösen alle tot.“ Vielmehr ist das Ende der meisten Episoden -- gerade aus den beiden sehr starken ersten Staffeln -- tragisch oder zumindest höchst ambivalent. Das galt schon für die Pilotfolge, in der der gesuchte Bösewicht eben NICHT am Ende gefasst wird, sondern durch die Maschen des Gesetzes entwischen kann. Und bei der genialen „In The Air Tonight“-Sequenz mit Crocketts Telefonanruf (siehe YouTube) habe ich heute noch Gänsehaut. Vor allem, wenn man auch hier wieder die Begleitstory kennt: Crockett lebt in Scheidung und hat gerade festgestellt, dass sein bester langjähriger Kumpel ein Verräter ist. Das mit den tragischen Enden gilt auch für die tolle Episode mit dem erwähnten Willie Nelson, der dort einen desillusionierten Ranger verkörpert, ebenfalls ohne Happy End. Haben die Leute ein so schlechtes Gedächtnis -- oder schon damals die Serie gründlich missverstanden...?
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