Michael Jackson "Kein Maschinengewehr im Schritt"

Er war wie sie, ein Außenseiter, Schwächling und schon gar kein Sexgott: Bei einem Konzert in Hamburg trafen sie aufeinander, der King Of Pop auf der Bühne, Marc Fischer und seine Nerd-Freunde im Publikum. Fast wären sie vor Scham nicht hingegangen - danach waren sie wie verwandelt.

AP

"Es ist natürlich schwul, was wir hier machen", sagte Nullmann.

"Die anderen dürfen es nie erfahren", sagte der Zwerg.

"Auf keinen Fall", sagte ich. Wir saßen in der U-Bahn damals, der Zwerg, Nullmann und ich. Es war ein Nachmittag im Sommer 1988. Es war der Nachmittag des Michael Jackson Konzerts im Hamburger Volksparkstadion.

Der Zwerg, Nullmann und ich waren damals nicht gerade das, was man "coole Jungs" nennt. Wir waren nette, freundliche, schüchterne Jungs aus der zehnten Klasse, mit Jacken mit Kapuzen dran, falls es mal regnete oder plötzlich ein Sturm aufkommen würde. Der Zwerg war klein (1.54 m) und gut in Mathe, Nullmann war groß (1.91 m) und gut in Geschichte, ich war mittel (1.82 m) und gut in nichts Besonderem. Ein Mädchen hatte keiner von uns. Dafür kannten wir das Geräusch, das es macht, wenn man eine Milchtüte an den Kopf geworfen bekommt. Plopp macht es nämlich.

Dass wir an diesem Tag zu Michael Jackson gingen, würde unsere soziale Stellung an der Schule kaum verbessern. Im Gegenteil: 1988 war Jackson der größte Popstar der Welt, aber um Größe ging es damals nicht mehr, wenn du dich statusmäßig verbessern wolltest. Die Megastars starben gerade langsame Tode. Wer Wert auf seinen Ruf legte, zitierte Morrissey oder ging auf Konzerte der Beastie Boys oder von Public Enemy. Garantiert ging er nicht zu Michael Jackson, dessen aktuelle Platte "Bad" so schlecht war, dass man sie eigentlich gleich wegwerfen wollte.

Karten für läppische fünfzig Mark das Stück

Sich über sein Loch in der Nase, die weißgewaschene Haut und den Schimpansen Bubbles lustig zu machen, gehörte zum guten Ton. Wer zu Michael Jackson ging, wurde mit Milchtüten beworfen. Wir hatten Angst, dass man uns erkennen würde; Späher und Spitzel lauerten überall, es war nicht ungefährlich. Trotzdem hatten wir uns Karten gekauft, für fünfzig Mark das Stück.

Ich weiß nicht mehr genau, warum Nullmann und der Zwerg mitkamen. Vielleicht kam der Zwerg mit, weil Nullmann mitkam. Vielleicht kam Nullmann mit, weil der Zwerg mitkam. Vielleicht waren wir einfach diese Art Freunde damals. Ich weiß aber noch ganz genau, warum ich hinging.

Ich ging hin, weil ich das Gefühl hatte, ich sei Michael Jackson das schuldig, weil er fünf Jahre vorher eine Platte namens "Thriller" gemacht hatte. Und "Thriller" war ein Erlebnis für mich gewesen, ähnlich prägend wie Batman und Huckleberry Finn. Es ist eine komische Platte, auch heute noch. Strengenommen sind nur drei gute Lieder drauf: "Billie Jean", "Beat it" und "Wanna be startin something". Der Rest ist Durchschnitt. Nicht so brillant jedenfalls, dass er sich 120 Millionen Mal verkaufen müsste.

Maschinengewehr im Schritt

Das ist aber egal, weil "Thriller" eigentlich gar keine Platte ist, sondern ein Film. Der visuelle Eindruck, den die Inszenierung des Albums hinterlassen hat, ist unendlich stärker als die Songs selbst. Das 18minütige Werwolf-Video zu "Thriller", das damals in der Sendung "Formel Eins" laufen sollte, wurde vom NDR aus Jugendschutzgründen ins Spätprogramm verlegt, auf einmal war ein Musikvideo ab 18, wie ein Porno oder Horrorfilm. Als ich es, gemeinsam mit meinem Vater, dann sah, wurde "Thriller" zu dem ersten Popsong, der mir Angst machte - und weil es so war, machte mir auch Michael Jackson von nun an ein wenig Angst.

Im Gegensatz zu Batman und Huckleberry Finn existierte er wirklich, war offensichtlich echt, aber aus welcher Welt kam er? Aus den Karpaten wie Dracula? Aus dem Wunderland wie Alice? Aus Neuschwanstein wie Ludwig II? Es war toll und verunsichernd und aufregend, dass man das nicht mit Sicherheit beantworten konnte, und auch später sollte Jackson der einzige Popstar bleiben, zu dem man sich solche Fragen stellen konnte. Die Inszenierungen von Alice Cooper und David Bowie wirken wie Spießerfantasien gegen den Welterfindungsreichtum des Michael Jackson.

All das durchschauten der Zwerg, Nullman und ich damals natürlich nicht. Was wir allerdings ahnten und was uns anzog, war, dass Jackson dieselbe Art von Außenseitertum verkörperte wie wir auch. Wie wir selbst strahlte er eher Schwäche als Stärke aus. Wie wir selbst war er kein Sexgott (auch wenn er sich immer in den Schritt griff, aber es wirkte nicht so, als sei da ein Maschinengewehr versteckt).

Ein einziger Schrei aus dreißigtausend Kehlen

Wie wir selbst schien er sich allein sicherer zu fühlen als in der Menge. Wie wir selbst wirkte er wie etwas, was sich in Luft auflöste, wenn man es anfassen und genauer betrachten wollte. Das Leder-, Nieten- und Schnallenoutfit, das er sich für "Bad" hatte zurechtschneidern lassen, betonte diesen Eindruck nur noch. Er war kein Rocker, erst recht kein Hiphopper, sondern Edward mit den Scherenhänden, nur eben ohne Scherenhände.

Wir sprachen nicht viel, als wir aus der Bahn stiegen, der Zwerg, Nullmann und ich. Wir ließen uns mit den Zehntausenden anderer Jackson-Fans zum Stadion treiben. Es war das erstemal, dass ich mich in so einer Menge bewegte; das erstemal, dass mir klar wurde, wie irre es ist, dass ein einziger Mensch soviele andere so irre machen kann, allein durch Musik, Stil, Ausstrahlung. Viele Mädchen waren da, mehr mittelhübsche als ganz hübsche. "Wo ist der Zwerg?" fragte Nullmann.

"Verdammt, wir haben ihn verloren!", sagte ich, ein kurzer Moment des Schreckens.

"Ich bin hier", sagte der Zwerg von irgendwo links unter uns. Dann, die Sonne ging gerade unter, ging es los. Ich erinnere mich nicht mehr genau, ob es "Dirty Diana" war, was Jackson zuerst sang, oder "Bad" oder "Wanna be startin something" oder "Billie Jean"; ich könnte auch nicht sagen, wie oft er sein Kostüm wechselte und ob es Hebebühnen oder sonstwas auf der Bühne gab. Diese Art von Details sind alle untergegangen. Eine Sequenz aber sehe ich ganz klar vor mir: Es ist das Bild, als der dünne, blasse Michael Jackson zum ersten Mal den Moon Walk macht, und das ganze Stadion ihm mit einer einzigen, aus Dreißigtausend Kehlen gebündelten Stimme zujubelt.

Ein Zauberer bis zuletzt

Selbst der Zwerg schien neben mir zu wachsen, als Jackson zu schweben begann. "Mein Gott, ist das großartig!" rief er, der Schüchternste unter uns Schüchternen, und auch Nullmann, sonst eher Skeptiker, starrte mit offenem Mund zur Bühne. Es war wahr: Michael Jackson konnte fliegen. Er löste sich vom Boden, während er seine Schritte machte; er hob ab. Und mit jeder Bewegung, die wir bejubelten, schien er noch besser, leichter, eleganter zu werden. Nur Großsportler wie Muhammad Ali, John McEnroe oder Maradona haben eine ähnlich unverwechselbare Körpersprache entwickelt.

Michael Jackson, so war es, entstand durch und mit uns. Die Energie, die wir ihm zuführten - vielleicht muss man sie Liebe nennen - verwandelte seinen zarten, für eine Popstarexistenz eigentlich viel zu zerbrechlichen Körper, in etwas Magisches, das über alle physikalischen Grenzen hinaus transzendierte. Jackson war ein verdammter Zauberer, viel größer als Houdini oder der blöde David Copperfield - er gab uns in diesem Moment das Gefühl, dass wir alle auf dem Mond tanzen könnten, wenn wir nur stark genug daran glaubten. Nullmann, der Zwerg, ich: wir alle vibrierten, zitterten. Meine Hände wurden kalt, alle Wärme sammelte sich in der Brust. Die Erkenntnis dieser Nacht: Das kann nur Pop. Viel mehr geht nicht. Auch in Leben und Religion eigentlich nicht.

Egal wie krank, seltsam, angeschlagen, durch Operationen zerstört, sexuell verwirrt oder irre Michael Jackson in den letzten Jahren seines Lebens gewesen sein mag: ein Zauberer war er bis zuletzt. Zauberer sind rätselhafte Figuren. Sie erklären sich nicht. Sie stellen mehr Fragen als sie Antworten geben. Dafür lieben wir sie, dafür brauchen wir sie. Und darum ist es natürlich ein großer Verlust, dass Michael Jackson tot ist.

Er ist und war nie eine lächerliche Figur, sondern immer ein Mythos. An Hybris und Mystik kann es kein lebender Star mit ihm aufnehmen. Irgendjemand, der es beherrscht, sollte ganz schnell eine Oper über ihn schreiben. Nullmann, der Zwerg und ich moonwalkten den ganzen Weg zurück nachhaus in dieser Nacht. Zahllose Zeugen sahen uns, aber es war uns nicht peinlich, im Gegenteil. Wir waren stolz, auf uns, auf Michael, auf alles, und wir schwebten auch ein bisschen, und es war ganz und gar wunderbar.



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
Ronald Stephan, 29.06.2009
1.
Da könnte man ein Menge gegenhalten, aber wenn ich eins gelernt habe, dann, Fans niemals zu widersprechen. Und ein ganz kleines bißchen Neid ist auch dabei, so etwas selbst nicht erleben zu können. Nicht das Konzert, meine ich, sondern diese eigentümliche Gotteserfahrung 2.0, die sich heute besonders im Internet ... ähm, manifestiert, darf man wohl sagen. Aber hübsch geschrieben.
Stefan Flüggen, 29.06.2009
2.
Hallo Marc, ich habe Jacko leider nie live gesehen, aber dein Bericht gibt mir das Gefühl, dabei gewesen zu sein, zumindest in dem Moment des ersten Moonwalk, den Du beschreibst. Ich habe gestern Abend zum erstenmal das Bucharest Konzert der Dangerous Tour gesehen. Der absolute Wahnsinn. Bleibt nur Freude für die, die damals dabei waren. In einem Punkt gebe ich dir 100% recht, er war nie lächerlich, was man über die heutigen "Stars" leider eben nicht mehr sagen kann. Warum hat man eigentlich immer das Gefühl, das wenn einer wie Michael abtritt, ein Loch entsteht, dass man nicht mehr füllen kann. Elvis Presley, John Lennon, Freddie Mercury und nun Michael Jackson, Beethoven und Tchaikovsky sind auch schon tot. Irgendwann besteht das Leben wohl nur noch aus schwarzen Löchern. ANEROL
Stefan Martens, 29.06.2009
3.
Auch wenn mir die Jackson Hysterie in den Medien jetzt schon anfängt auf die Nerven zu gehen! Das war ein schöner Artikel! Ich fühlte mich konischer Weise an "Dirty Dancing" erinnert. Das dürfte man als Mann damals auch nicht zugeben, dass mann ausgerechnet in diesen Film ins Kino ging. Aber Ich haben nach dem Film mit 11 Jahren auf dem Kröpke in Hannover getanzt. Obwohl Ich normalerweise schon zu feige war überhaupt ans Tanzen zu denken. Ja es gibt Künstler und Werke, die in Ihrer peinlichen Naivität und emotionalität den Menschen zum schweben bringen. In meinen Augen eine der höchsten Auszeichnungen für einen Künstler.
Tim Knoop, 29.06.2009
4.
Super Artikel! War 1988 auch bei dem Jackson-Konzert im Hamburger Volksparkstadion dabei und hab Vieles ähnlich empfunden... :)
Niklas Plutte, 29.06.2009
5.
Toller Artikel. Danke!!
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