Michael Jackson und Deutschland Geheime Reisen nach Normalistan

Auf Tournee, bei "Wetten das...?" oder ganz privat und unerkannt: Michael Jackson kam gern nach Deutschland. Die Heimat von Loreley, Schwarzwald und Neuschwanstein schien ihm eine große Spielwiese - und ein Land, in dem er noch echte Freundschaften schließen konnte.

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In den nicht sehr ereignisreichen Annalen des Hamburger Mittelklasse-Stadtteils Niendorf gibt es ein Datum, das alle anderen schlägt - jedenfalls für die unter 40-Jährigen. Am 26. Januar 2006, einem Freitag, machte eine echte Sensation in dem Viertel im Norden der Hansestadt wie ein Lauffeuer die Runde: Michael Jackson himself - der King of Pop, der Moonwalker, der Superstar - sei zu Besuch in Niendorf. Mit seinen beiden Kindern abgestiegen in einem unscheinbaren Rotklinker-Siedlungshäuschen am Garstedter Weg, einer unattraktiven Durchgangsstraße.

Was wie ein Gerücht aus dem Grenzbereich zum Wahnsinn klang - es war die Wahrheit: Der Märchenprinz aus Kalifornien war für ein Wochenende bei einem alten Freund, dem damals 21-jährigen Anton, und dessen Familie in die norddeutsche Vorstadtidylle eingeschwebt - und genoss das Normalo-Programm offenbar: "Jackson tobte mit den Kindern durchs Haus, spielte Verstecken, schlüpfte hinter die Vorhänge", verriet damals eine Freundin der Familie der "Bild"-Zeitung, die gleich mit sechs Reportern angerückt war.

Kennengelernt hatten sich Anton und Jackson zwölf Jahre zuvor in Duisburg bei "Wetten das...?". Dreimal sei Jacko seither unerkannt in Hamburg gewesen, heißt es, Kinobesuch und Elbspaziergang inklusive. Beim vierten Mal aber bekamen die Fans Wind vom Ausflug ihres Idols in die Normalität - und versetzten Hamburg-Niendorf umgehend in den Ausnahmezustand. Hunderte kreischende Jugendliche belagerten bald das Einfamilienhaus, die Polizei musste für Ordnung zu sorgen.

Irgendwann zeigte sich die puppenhafte Gestalt am Fenster im ersten Stock und winkte, nur für Sekunden. Dann hielt er einen Zettel an die Scheibe: "I am so proud to be back in Hamburg. You make me so happy." Vor dem Haus sammelt Antons jüngere Schwester ein, was die Fans signiert bekommen wollen - Postkarten, Platten, Poster, Poesiealben. 30 Minuten später kommt sie mit den Sachen wieder aus der Haustür - auf jedem Teil prangt ein Autogramm von Jacko.

Junge Mädchen mit großflächigen Jacko-Tattoos

Wie kein Popstar seit Elvis war Michael Jackson für die Deutschen irgendwie einer der ihren. Trotz seiner zunehmend seltsamen Manierismen, hier hielt man ihm die Stange. Als Jackson in den USA als Kinderschänder angeklagt wurde, organisierten deutsche Fans in Berlin eine Solidaritätsdemonstration; dort waren sogar großflächige Jacko-Tattoos zu sehen. Und Jackson erwiderte die Zuneigung. Während Elvis Presley, den King of Rock 'n' Roll, 1958 nur der Militärdienst zufälllig nach Deutschland verschlagen hatte, kam der King of Pop immer wieder freiwillig - und eben nicht nur auf Tournee.

Mehrmals trat Jackson im deutschen Fernsehen in Thomas Gottschalks großen Samstagabend-Shows auf, nahm dankbar auch in den USA weniger bekannte Preise entgegen und sammelte sogar Spenden für das Deutsche Rote Kreuz. Vor allem aber schien es ihm ganz privat zu gefallen im Land von Loreley, Schwarzwald und Neuschwanstein: Gleich zweimal hintereinander besuchte er 1997 und 1998 den Themenpark "Phantasialand" im rheinischen Brühl - dabei hatte er doch mit der kalfornischen Neverland Ranch einen eigenen Themenpark als Zuhause. Die Bilder von damals zeigen ihn zwischen Himmelhoch jauchzend mit Kindern in einer Achterbahn und als todtraurige Gestalt allein auf dem viel zu kleinen Holzpferd eines Kinderkarussells hockend. Einmal tauchte Jackson unangekündigt in Hagenbecks Tierpark in Hamburg auf und ließ sich mit dem Zoodirektor und der Elfantendame Mogl ablichten.

Nicht, dass Jackson die deutsche Öffentlichkeit mit seinem zunehmend extravaganten Gebaren nicht irritiert hätte: Wohl ließ man ihm noch durchgehen, dass er seine Kinder fast komplett in Tücher eingehüllt spazieren führte - angeblich, um sie vor Paparazzi zu schützen. Doch als er bei seinem Berlin-Besuch 2002 anlässlich der "Bambi"-Verleihung seinen neun Monate alten Sohn Michael Baby Prince in schwindelerregender Höhe aus dem Fenster des Adlon-Hotels hielt, hatte er bei vielen endgültig überzogen. Bei der Geburtstagsfeier seines Vater Joseph im Juli 2005 in Berlin konnte er wegen seines Strafverfahrens in den USA nicht dabei sein - es kam zu einer skurrilen Szene, als beim Bankett im Estrel-Hotel ein Jacko-Double dem Vater des echten Michael Jackson ein Ständchen trällerte.

"King of Flop"?

Dann wurde es auch hierzulande langsam still um den "King of Flop", wie eine deutsche Zeitung nun titelte. Weil Jackson Rechnungen nicht bezahlt hatte, ließ ein Gerichtsvollzieher im April 2006 in Frankfurt Jacksons Logo meistbietend versteigern. Eine Demütigung, ohne Zweifel - andererseits erzielte das Signet bei der Auktion stolze 85.000 Euro; ersteigert wurde es von einem Deutschen. Zuletzt kolportierte die "Bild"-Zeitung Anfang April die Pläne eines Mobilfunkanbieters, Michael Jackson im Herbst 2010 für ein Konzert nach Berlin zu holen.

Daraus wird nun nichts mehr. Aber immerhin: Der "King of Pop" hat in Deutschland mehr Spuren hinterlassen, als in den meisten anderne Winkeln der Welt. Jetzt ist es an seinen Fans, sie zu bewahren und zu pflegen. Die Nachlassverwalter des anderen Kings jedenfalls halten auch über 30 Jahre nach Elvis' Tod 1977 dessen Erbe in Deutschland hoch.



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bugme not, 30.06.2009
1.
Hallo, Sie schreiben in Ihrem Artikel "Michael Jackson und Deutschland" in der Rubrik "Eines Tages", dass im Jahre 2006 85.000 Euro mit der Versteigerung seines "MJ" Logos erzielt worden wären. Dies ist so nicht korrekt, da die Auktion damals platzte und bei einer erneuten Versteigerung nur noch 15.100 Euro erreicht wurden. Als Quelle können sie folgenden Artikel des Hessischen Rundfunks heranziehen: http://www.hr-online.de/website/rubriken/kultur/index.jsp?rubrik=5710&key=standard_document_21562444 auch zu finden unter folgender verkürzter URL: http://tinyurl.com/n9mnre Es wäre nett, wenn sie die Fakten im Artikel (http://tinyurl.com/lnjdes) ändern könnten. Mit freundlichen Grüßen Heinrich Spiegel
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