Bayreuths besonderer Basketballer Besten Dunk, Michael Jordan

Die Bundesligisten glaubten an einen Scherz, doch plötzlich hatten sie den weltbesten Basketballer in ihrem Team: Michael "Air" Jordan spielte 1990 für Steiner Bayreuth. Wirklich.

Von Frank Joung

Ingo Wolf

Der beste Spieler der Welt trifft den Korb einfach nicht. Tausende Fans wollen in Frankfurt am Main den großen Michael Jordan live in Aktion erleben - und jetzt schießt "His Airness", seine Luft-Hoheit, nur daneben.

Es ist der 28. August 1990. Steiner Bayreuth, deutscher Basketball-Vizemeister, trifft in der Saisonvorbereitung auf ein All-Star-Team der in Europa stationierten US-Soldaten. Das Spiel ist ein Promo-Event von Nike. Es geht um nichts. Und doch ist die Aufregung groß, denn ein Weltstar soll mit von der Partie sein.

Dieser Superstar ist Michael Jordan, noch im ersten Drittel seiner 20-jährigen Karriere in der Profiliga NBA und schon auf dem Weg zur Legende. Kurz zuvor hat er 69 Punkte in einem einzigen Spiel erzielt. Viele halten ihn für den besten Basketballer, manche gar für den größten Athleten aller Zeiten - so schnell, geschmeidig und bewegungssicher, mit herausragender Treffsicherheit, dazu defensivstark: der Mann, der alles kann. Den Beinamen "Air" verdankt er seiner unfassbaren Sprungkraft.

Jordans Besuch ist für Michael Koch eine "Riesenüberraschung". Nur selten kamen NBA-Spieler nach Europa. "Basketball steckte hier noch in den Kinderschuhen", erzählt der frühere Steiner-Spieler im Rückblick.

Koch und Kollegen erfahren kurz vor Spielbeginn von Jordans Auftritt. Erst glauben sie an einen Scherz. Doch in der Halle spüren sie die gespannte Euphorie der rund 4000 Zuschauer. Die Bayreuther machen sich warm. Ein Raunen geht durch die Menge, Bodyguards nehmen Aufstellung, Jordan läuft in die Halle. Blitzlichtgewitter und Gekreische - einige Zuschauer müssen ohnmächtig aus den Reihen gezogen werden.

"Ihr müsst auch mal auf den Korb werfen"

"Es gab keine Zeremonie oder so. Auf einmal, schwupp, war er da", sagt Aufbauspieler Kai Nürnberger. "Man konnte sofort erkennen, dass er ein unglaublicher Athlet war. Sehr drahtig, kein Gramm Fett, alles Muskeln." Jordan reiht sich in die Mannschaft ein, gibt jedem die Hand. Die Spieler sind beeindruckt von seinem unprätentiösen Auftreten. "Alle waren aufgewühlt, dass wir mit so einem Superstar zusammenspielen. Wir hatten Riesenrespekt, aber er hat uns ein Stück Last genommen, weil er so locker war. Seine Botschaft: Wir spielen als Team", erzählt Koch.

Das Spiel beginnt. "Auch wenn Jordan sagte: Spielt frei auf - wir haben ihm trotzdem immer den Ball gegeben", so Koch. Jordan nimmt viele Schüsse von außen, geht selten zum Korb. Er tritt nicht auf wie der beste Spieler der Welt, sondern wie jemand, der sich nicht verletzen möchte. Aber seine Distanzschüsse, sie fallen nicht. "In den ersten Minuten hat sich keiner getraut zu schießen", sagt Koch. "Es ging so weit, dass Jordan uns in der Auszeit zurief: 'Spielt Basketball, ihr müsst auch mal auf den Korb werfen'."

Die Aufregung legt sich, Jordans neue Mitspieler spielen wirklich mit. "Es war seine Show. Die Leute waren da, um ihn zu sehen, aber wir wussten auch, was wir machen müssen, um nicht ganz unterzugehen", sagt Kai Nürnberger.

Zu dieser Zeit ist er 24, bereits seit fünf Jahren Nationalspieler und als Point Guard für den Spielaufbau zuständig. Ein ums andere Mal setzt er Jordan in Szene, so auch beim Alley-oop, dem wohl spektakulärsten Spielzug im Basketball: Ein Spieler nimmt den Pass im Flug an und stopft den Ball sofort von oben in den Korb (Dunking).

Jordan weigert sich, vom Feld zu gehen

Normalerweise müssen Basketballer dafür gut eingespielt sein. Bei Jordan nicht nötig. "In der Auszeit sagte er mir: 'Ich zeige dir an, wann ich zum Korb gehe.' Mit einer Finte war er am Ring, ich musste den Ball nur nach oben werfen, er hat ihn reingedunkt. Für mich war es leicht, ihn anzuspielen." Die Zuschauer jubeln, die Spieler staunen. "Wir haben gedacht: Vergiss es. Den kann er nicht kriegen", so Koch. "Jordan war schon in der Luft, schien auf den Ball zu warten und stopfte ihn rein. Das war unglaublich."

In der Halbzeit soll Jordan zum US-Team wechseln, so die Absprache. Aber er ist unzufrieden mit seiner Leistung und entscheidet, bei Steiner zu bleiben. Nun findet er besser ins Spiel und zeigt seine ganze Klasse: tolle Pässe, gute Defensivaktionen, ab und zu einen Dunking. Die Bayreuther Spieler sind beeindruckt von Jordans Tempo, Beweglichkeit, Athletik.

Abgesprochen war auch, dass er das Feld früher verlässt. Die Veranstalter befürchten, dass sonst Zuschauer nach dem Spiel den Platz stürmen. Doch Bayreuth liegt knapp zurück, Jordan bleibt. "Zwei Minuten vor Schluss war er immer noch auf dem Parkett. Seine Leute haben schon mit den Händen gefuchtelt", erzählt Michael Koch. "Aber er wollte nicht verlieren, auch dieses Spiel nicht. Er hat so lange gespielt, bis wir sicher in Führung lagen. Irgendwann hat er gedacht: Das müsste reichen für die Jungs. Dann ist er runtergegangen - und wir haben gewonnen."

Jordan verschwand durch eine Tür und ward nicht mehr gesehen. Es ist seine Siegermentalität und seine Nahbarkeit, die den Bayreuther Spielern in Erinnerung blieb. Fortan schrieb Michael Jordan Basketballgeschichte. Im Jahr darauf gewann er seine erste von sechs NBA-Meisterschaften, 1992 wurde er Olympiasieger mit dem amerikanischen "Dream Team".

Nichts als verwackelte Bilder

Was die Spieler bedauern: Keiner der Spieler hat ein Autogramm. Jordan wurde angeblich angewiesen, keins zu geben. Es gibt auch kein Mannschaftsfoto mit Jordan, kaum brauchbare Bilder, nur einen Videomitschnitt, der beim Bayrischen Rundfunk viele Jahre lang ungesendet im Archiv lag. Handys, Internet, Digitalkameras - gab es alles noch nicht. "Heute würden Facebook und Twitter explodieren", sagt Koch.

Geblieben sind nur einige pixelige Bilder aus einer Spielerkamera plus ein paar Fotos unbekannter Herkunft. Zwar knipste der Physiotherapeut ein paar Erinnerungsfotos, aber die sind größtenteils verwackelt und verschwommen. Das letzte Bild auf dem Film ließ er von sich und Jordan machen: das einzige gelungene gemeinsame Foto mit dem Superstar.

Die Bayreuther trafen ihn doch noch wieder: Einige Tage später kam es in Paris zu einem weiteren Promo-Spiel. Diesmal stand Jordan auf der anderen Seite im französischen Team - und erwischte in der total überfüllten und überhitzten Halle einen goldenen Tag. "Er hat uns vorgeführt und bestimmt sieben oder acht Dreier gemacht", erinnert sich Koch.

Manche der Bayreuther Spieler standen da noch am Anfang ihrer Laufbahn und wurden später nationale Basketballstars, spielten bei Olympia 1992, Koch und Nürnberger wurden auch 1993 gemeinsam Europameister. "Dass ich mal mit Jordan in einer Mannschaft gespielt habe, ist ein Highlight", sagt Kai Nürnberger, "an die Alley-oops mit ihm werde ich mich immer erinnern." Auch für Michael Koch war der kurze Auftritt mit Jordan "was ganz Besonderes, eingebrannt auf der Festplatte. Solche Momente prägen einen. Das vergisst man sein Leben lang nicht."

Die Fakten zu den Spielen mit Michael Jordan
Frankfurt, 28. August 1990
Ergebnis: 90:79 (42:45 zur Halbzeit)
Zuschauer: 4000
Punkte: Jordan (25), Nürnberger (16), Curry (15), Risse (14), Bailey (8), B. Koch (5), M. Koch (5), Stein (2)
Quelle: Peter-Michael Habermann
Paris, 1. September 1990
Steiner Bayreuth - BC Tours 81:80
Zuschauer: ca 2000 (Kapazität: 1000; geschätzte 8000 vor der Halle)
Punkte: Jordan (37), 7 von 11 Dreiern
Quelle: Peter-Michael Habermann / www.keepflying.fr



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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Matthias Schindler, 24.11.2015
1. Fehler im Artikel
Eine tolle Geschichte, von dem Gastspiel höre ich zum ersten Mal! Kleine Korrektur am Rande: Bild 23 zeigt nicht Jordan (der ist nur auf dem Magazincover), sondern seinen ehemaligen Teamkollegen Ron Harper mit Kobe Bryant.
Gerad Heraus, 24.11.2015
2. Unglaublich
Coole Geschichte! Ich bin seit den 80ern Basketballfan und habe selbst gespielt, dennoch habe ich das damals überhaupt nicht mitbekommen. Richtig unglaublich ist einmal mehr die totale Unwissenheit unserer Öffentlich-Rechtlichen, hier des BR. "Ein Videomitschnitt vom Bayrischen Rundfunk blieb ungesendet und wurde wohl nicht archiviert." Außer Fußball und Tennis kannten die damals halt nichts, diese Volldeppen.
Malte Iversen, 24.11.2015
3. Weiterer Fehler
Karl Malone hieß auch nicht "Mailman" wegen seiner Pässe (er war Power Forward), sondern wegen der zuverlässigen Verwandlung derselben in Körbe.
Hans frans, 24.11.2015
4. Danke
für den schönen Artikel. Jordan war seinerzeit einer meiner Helden (und natürlich aller meiner Freunde).
stephan fuhrich, 24.11.2015
5. Toller Tag
Das war wohl das einzige mal das Jordan in Deutschland ein Spiel bestritt. Soviel ich noch im Kopf habe, war das Spiel nur für US Militär angehörige und Karten nicht im freien Verkauf, soviel wurde uns jedenfalls erzählt. Mit Glück sind wir durch Beziehungen an Karten gekommen und hatten einen netten Schulausflug mit unserer Basketball AG. Kameras waren nicht erlaubt und man durfte keine mit in die Halle nehmen, wohl ein weiterer Grund warum es kaum Bilder gibt. Ich erzähl immer wieder gern die Anekdote von dem Tag und wie ich doch ein Jordan Autogramm bekommen habe und zwar auf einer Lakers Hose ;). Koch etc Autogramme sind dort auch verewigt. Die Eintrittskarte habe ich auch noch und halte sie in Ehren. Bild der Karte bei Interesse: https://lh3.googleusercontent.com/-DrihqJUAWxc/VlRcqifPnwI/AAAAAAAAAa0/u4WgbxeZ2Ts/s959-Ic42/ticket1.jpg
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