Historischer Filmschatz Herr Rogges YouTube-Zeitmaschine

Historischer Filmschatz: Herr Rogges YouTube-Zeitmaschine Fotos
Michael Rogge

Hobby-Filmer mit Millionenpublikum: Seit mehr als 60 Jahren sammelt der 83-jährige Michael Rogge historische Filme. Erst das Internet erfüllte ihm einen Kindheitstraum und machte sein einzigartiges Privatarchiv weltbekannt. Seine größten Hits sind ihm allerdings ein wenig peinlich. Von

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Alberne Haustiervideos, verwackelte Handyaufnahmen des letzten Mallorca-Urlaubs, unscharfe Aufzeichnungen feuchtfröhlicher Familienfeiern, die sämtliche Anwesenden lieber vergessen würden: Auf YouTube darf jeder so ziemlich alles hochladen - und der ganzen Welt präsentieren. Für Michael Rogge sind viele dieser Amateuraufnahmen jedoch nichts als "furchtbarer Müll".

Rogge ist Hobbyfilmer und Sammler und eigentlich lautet sein Vorname IJsbrand, im Internet verwendet er jedoch den leichter zu merkenden Namen "Michael". Mit seinen 83 Jahren ist er nicht nur einer der ältesten, sondern auch einer der engagiertesten YouTube-Nutzer: In den vergangenen sieben Jahren hat er 792 Videos aus seinem umfangreichen Filmarchiv auf seine YouTube-Seite hochgeladen. Mehr als sieben Millionen Mal wurden seine Filme bisher angesehen.

Sein Spezialgebiet: Dokumente ferner Länder und längst vergangener Zeiten. So sind in den von ihm gezeigten Filmen etwa Kinder zu sehen, die sich 1916 in einem japanischen Dorf eine Schneeballschlacht liefern. Eindrücke vom harmonischen Alltag auf Bali vor der Besetzung durch Japan im Jahre 1942. Ein Hongkong, aus dessen Skyline 1949 noch kein einziger Wolkenkratzer in den Himmel ragt. Tänzerinnen in Afrika, Fischer und schwimmende Händler in Thailand, vielfach durchstochene Fakire in Singapur und wilde Tiere am Amazonas. Amerikanische Lehrfilme, die den Alltag einer Familie in Fernost beleuchten, mischen sich mit Privataufnahmen von Weltenbummlern, Fundstücke aus verstaubten Archiven mit Rogges eigenen, auf seinen Reisen entstandenen Filmen.

Ein Hobbyfilmer in Fernost

"Als ich zwei Jahre alt war, sah ich meinen Vater erstmals einen Filmprojektor bedienen", erinnert sich Rogge an den Beginn seiner Liebe zum Filmedrehen. Mit 13 bekam er seinen ersten Fotoapparat - eine Kodak-Boxkamera - geschenkt, und im Alter von 17 Jahren hatte er sich von seinem Taschengeld die erste 9,5mm-Filmkamera zusammengespart. Doch er wurde kein Filmemacher, sondern Bankkaufmann - und Weltenbummler aus beruflichen Gründen. 1949 erhielt Rogge nach seiner Ausbildung das Angebot, für die hongkonger Filiale der niederländischen Nationalen Handelsbank zu arbeiten. Er ergriff die Gelegenheit und machte sich auf die Reise - im Gepäck: seine Filmkamera.

"Ich denke an meine Jahre in Hongkong als die beste Zeit meines Lebens zurück", sagt Rogge. "Nach den Entbehrungen des Krieges war es wunderbar, Schaufenster voller verlockender Waren zu sehen." Zudem interessierte er sich für östliche Philosophie und fand es spannend, unter Menschen zu leben, die andere Wertvorstellungen als die Menschen in Holland hatten. Rogge wurde Präsident des Vereins Hongkonger Amateurfilmer und hielt viele der neuen Eindrücke mit seiner Kamera fest. Zunächst filmte er in Schwarzweiß, später machte er auch seltene Farbaufnahmen.

In diesen Filmen kann man etwa einen jungen Michael Rogge auf dem Weg zur Arbeit beobachten und wie er zusammen mit Kollegen seine Freizeit in Hongkong genießt. Es sind aber auch Aufnahmen darunter, die einen Blick auf den Alltag anderer Hongkonger werfen: Markthändler in Kowloon, Fischerfamilien in der Hausbootsiedlung von Aberdeen und buddhistische Mönche im Po-Lin-Kloster auf der zu Hongkong gehörenden Insel Lantau. Das Bemerkenswerte: All diese Aufnahmen zeigen ein Hongkong, das nur wenig mit der futuristischen Finanzmetropole von heute gemein hat. "Ich muss gestehen, dass mir der historische Wert dieser Filme damals komplett entging", sagt Rogge. "Als ich meine Heimat 1949 verließ, versprach ich meiner Familie lediglich, meine Erlebnisse auf Film festzuhalten. Immer dann, wenn ein Freund oder Kollege von mir nach Holland zurückkehrte, gab ich ihm meine jüngste Rolle Film mit auf den Weg."

Brenzlige Situation in Kairo

Auch als ihn sein Beruf und sein Interesse an fernöstlicher Philosophie in den darauffolgenden Jahren nach Japan und in andere Länder führte, war die Kamera immer dabei. In Schwierigkeiten brachte ihn sein Bedürfnis, Menschen und ihre Bräuche auf Film zu bannen, dennoch nur ein einziges Mal. Rogge erinnert sich: "Als ich mich im Juni 1955 in Kairo aufhielt, sah ich mich plötzlich einer Gruppe aufgebrachter Studenten gegenüber, die der Meinung waren, ich hätte die Al-Aksa-Universität durch meine Filmaufnahmen entweiht. Zum Glück gelang es meinem Fremdenführer, ein Tor zwischen mir und den Studenten zu schließen und mich in einer Seitenstraße verschwinden zu lassen."

1963 wurden einige von Rogges in Hongkong und Japan entstandenen Dokumentationen im niederländischen Fernsehen gezeigt. Seine Aufnahmen vom Alltag eines buddhistischen Klosters dienten als Anschauungsmaterial an Universitäten. Die Regierung in Hongkong wiederum sicherte sich Kopien seiner Arbeiten für das Filmarchiv des Landes. Und auch der US-amerikanische History Channel widmete sich 2009 Rogges Filmen in der Sendung "Postcards from the Fifties". Sein größtes Publikum jedoch fand Michael Rogge im Internet.

"2006 habe ich dann von YouTube gehört und meinen ersten Clip vom alten Hongkong hochgeladen", sagt Rogge. "Ich war gleichermaßen erstaunt und erfreut, als mich daraufhin eine Lawine von enthusiastischen Reaktionen erreichte. Das spornte mich an, mehr und mehr Filme zu zeigen."

Als die meisten seiner eigenen Dokumentarfilme im Labor digitalisiert und auf YouTube veröffentlicht worden waren, wollte das Interesse seiner Zuschauer an historischen Aufzeichnungen kein Ende nehmen. Offensichtlich hatte der Filmemacher aus Amsterdam einen Nerv getroffen. Also begann Rogge, im Online-Auktionshaus Ebay nach weiteren, mitunter wesentlich älteren Filmschätzen zu suchen. Auch die wurden zunächst digitalisiert, teilweise neu zusammengeschnitten und anschließend ins Netz gestellt. Nicht jedoch, ohne dass Rogge viele von ihnen vorher mit passender Musik und sorgfältig auf die Filmhandlung abgestimmten Geräuschkulissen versehen hätte.

Ein Jugendtraum wird wahr - dank YouTube

"Amateuraufnahmen und Stummfilme aus der Vorkriegszeit mit einer Tonspur auszustatten, erfordert viel Zeit und Mühe", sagt Rogge. "Oft muss ich lange suchen, bis ich das richtige Plätschern einer Wassermühle, das passende Grunzen eines Tieres oder die Musik für ein 50 Jahre zurückliegendes Volksfest in Myanmar gefunden habe."

Kommentare, die Nutzer auf YouTube zu seinen Filmen hinterlassen, zeugen von Begeisterung über das noch nie Gesehene oder von in Nostalgie schwelgender Dankbarkeit. Hin und wieder erreicht Rogge sogar eine ganz besondere Nachricht: "Als ich kürzlich einen Clip von der Insel Soko in Hongkong online gestellt hatte, in dem drei Frauen zu sehen waren, meldete sich tatsächlich eine der Damen bei mir. Sie hatte sich in der vor 50 Jahren entstandenen Aufnahme wiedererkannt." Kritik regt sich hingegen nur selten. Etwa dann, wenn die von Rogge verwendete Musik nicht ganz exakt zur abgebildeten Zeitperiode passt. Oder wenn unter den YouTube-Kommentatoren ein Streit darüber entbrennt, ob die in einigen seiner Filme demonstrierte Kampfkunst Aikido wirklich die beste sei.

Anlass zum Unmut geben Michael Rogge allein seine Filme mit den höchsten Zugriffszahlen. Denn die sind deshalb so beliebt, weil in ihnen hin und wieder ein wenig nackte Haut zu sehen ist. "Halb nackte Taucherinnen in Japan, Frauen mit entblößten Brüsten auf Bali und Hula-Hula-Tänzerinnen auf den Pazifischen Inseln gehören zu den Favoriten", sagt Rogge. Sein Trost: Über diese Filme finden viele der YouTube-Nutzer auch zu jenen Aufnahmen, die ihm besonders am Herzen liegen: Filme wie der von ihm selbst gedrehte Kurzfilm "Turn of the Tide", der das Schicksal eines Fischerjungen im Hongkong des Jahres 1954 zum Thema hat. Oder auch sein mit überraschend guten Spezialeffekten versehener Sketch "Sincerely Yours", der Rogges Alltag als Bankangestellter in der japanischen Stadt Kobe auf die Schippe nimmt.

Mit der Veröffentlichung der Filme erfüllt der 83-Jährige sich einen Jugendtraum: Als zehnjähriger Junge habe er davon geträumt, nach dem Ende des Krieges ein Haus mit einem Vorführraum zu bauen und Menschen dazu einzuladen, seine Filme anzuschauen. "Nun, da ich meine YouTube-Clips der ganzen Welt zeigen kann", so Rogge, "ist dieser Traum in Erfüllung gegangen - auf eine für mich damals ganz und gar unvorstellbare Weise."

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1.
Sebastian Höffkes 04.04.2013
Oh my f***ing god, als "Journalist" sollte man die deutsche Sprache beherrschen.. FALSCH: Herr Rogges YouTube-Zeitmaschine, KORREKT: HerrN Rogges... Liest irgendjemand irgendwann mal Korrektur bei SPON?
2.
Bärbel Schleiss 04.04.2013
Schöner Artikel. Aber: Nicht "youtube" hat hier seinen Traum wahrgemacht, sondern "das Internet". Wer Videos zu youtube hochladen kann, kann sie a) auch zu allen anderen Video-Plattformen (dailymotion, vimeo, etc.) hochladen oder b) selbst auf seine Website stellen. Man muss nicht ständig dümmlich Werbung für die eh-schon-Monopolisten machen?
3.
peter drees 05.04.2013
da wollteich mir gleich ein video anschauen und schon lese ich, nicht verfügbar, die gema hat wieder ihre finger im spiel. http://www.youtube.com/watch?v=dw2BXLkibA4 - aber zu dem projekt, ein gradiose leistung und mein dank an dieser stelle für das öffentlichmachen.
4.
A B 05.04.2013
Ist ja nicht schlecht, so alte Filme zu zeigen, aber die Digitalisierung der Filme ist, sorry, unter aller Sau. Da hätte man eine bessere Sampling-Qualität nehmen müssen, diese Streifen-Artefakt-Bildung ist nicht zu ertragen.
5.
Tilmann Franz 05.04.2013
Alleine schon die Szene mit dem offensichtlich freundlichen, stolzen (und hübschen) Balinesen mit dem Kleinkind auf der Hüfte und der Hibiskusblüte hinter dem Ohr ist wunderbar. Das passt sehr gut zu den ach so fortschrittlichen Diskussionen unserer Zeit! Dazu noch die wunderbar unbefangenen Frauen überall. Kaum zu glauben, dass das erst gut 60 Jahre her ist. Was ist das doch für eine verkrampfte, psychotische Zeit, jetzt.
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