"Micky Maus" vs. "Fix und Foxi" Fürs Leben gezeichnet

"Micky Maus" vs. "Fix und Foxi": Fürs Leben gezeichnet Fotos

Entenhausen oder Fuxholzen? Das ist die Frage, der sich Kinder seit Generationen stellen müssen. Vor allem für die Leser von früher lagen Welten zwischen "Micky Maus" und "Fix und Foxi". Sie entschieden sich nicht nur für einen Comic-Helden - sondern für eine Lebenseinstellung.

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"Ein Löwe?!" Rotfuchs Fix versprüht seinen Angstschweiß in alle Richtungen wie ein Rasensprenger. "Ein Löwe hier im deutschen Eichenwald? Das gibt's doch gar nicht!" Bruder Foxi schwitzt ebenfalls, doch er weiß Rat: "Lieber Feigheit vor dem Feind als Flucht nach vorn." Es folgt ein rasanter Abgang der beiden wohl bekanntesten deutschstämmigen Comichelden Fix und Foxi.

Deutscher Eichenwald? Feigheit vor dem Feind? Pfff! Mein Kumpel Matthias machte verächtliche Geräusche. Die Geschichte im aktuellen Fix-und-Foxi-Heft gefiel ihm gar nicht. Matthias hasste Fix und Foxi und ihr durch und durch bodenständiges Milieu. Er stand auf Micky Maus und auf ihr kosmopolitisches Universum. Dort wurden außerirdische Welten erforscht, Zilliarden Taler gescheffelt und ganz nebenbei noch Zeitmaschinen erfunden. Dagegen stank ein Löwe im Eichenwald natürlich gnadenlos ab. Trotzdem konnte ich seine Abneigung gegenüber meinen Comic-Idolen kaum ertragen.

Fix und Foxi gegen Micky Maus - das war auf deutschen Schulhöfen in den siebziger und achtziger Jahren ein regelrechter Krieg der Welten. Immer am Donnerstag stellte sich die Glaubensfrage neu, wofür das knappe Taschengeld auszugeben sei. Denn dann erschienen die neuen Hefte, das eine beim Rolf Kauka Verlag, das andere bei Ehapa, Disneys Heftlizenznehmer für Deutschland. Und jedes Mal versuchten wir Leser, uns gegenseitig von unserer jeweiligen Leidenschaft zu überzeugen und rangen darum, in welches der beiden Lager wir uns für diese Woche schlagen sollten. So verlief der Kampf um die Gunst der kleinen Käufer auch relativ ausgeglichen: Während Fix und Foxi zu seinen besten Zeiten etwa 400.000 Hefte verkaufte, setzte Micky Maus bis zu 650.000 Exemplare pro Woche ab.

Krieg der Welten

Doch woher stammt eigentlich Mickys größter Konkurrent? Es war Rolf Kauka gewesen, Sohn eines Schmieds aus Sachsen, der Anfang der fünfziger Jahre als Zeichner und Verleger in Personalunion Comics "Made in Germany" an die deutschen Kioske gebracht hatte. Seine Bände wurden bevölkert von vermenschlichten Tierhelden, die gut aus alten Fabeln hätten stammen können, dargeboten in Bildergeschichten mit Sprechblasen. Abgeschaut aus den USA natürlich.

Die Abneigung der Fans von "FF" (kurz für Fix und Foxi) und "MM" (Micky Maus) war erbittert - dabei waren deren Welten sich in vielem bis auf die Details zum Verwechseln ähnlich. Nicht nur, dass sie parallel am gleichen Tag erschienen, auch der Inhalt besaß etwas Zwillingshaftes. Entenhausen hieß im Kauka-Imperium Fuxholzen, es gab die kleinen Igel Stips, Staps und Stups als Pendant zu den Donald-Duck-Neffen Tick, Trick und Track, Disneys Erfinder Daniel Düsentrieb hatte seine Entsprechung im Raben Knox, und auch Oma Duck hatte in Oma Eusebia einen deutschen Widergänger. Donald Duck war in den FF-Heften im Müßiggänger Lupo, dem Wolf, unschwer auszumachen, und sogar Donalds Superhelden-Inkarnation Phantomias fand in "Super-Lupo" ihr Gegenstück.

Da ist es doch wirklich kein Wunder, dass eine der beliebtesten Verschwörungstheorien in den achtziger Jahren jene von der Existenz von Parallelwelten war.

Schwachstellen Micky Maus und Bussi Bär

Trotz all dieser Nähe im Figurenarsenal schenkten wir verfeindeten Leser uns nichts. Im Nachhinein mögen sich alle auf der Gewinnerseite sehen und eigentlich schon immer lieber Donald und Co. gelesen haben - damals war es durchaus ein Duell auf Augenhöhe. Uns Fix-und-Foxi-Anhängern wurde von Disney-Fans wie meinem Kumpel Matthias gerne vorgehalten, in unserem Lager befände sich auch der unsägliche Bussi Bär - wie peinlich. Und leider hatte er Recht. Auch der belämmerte Bär für Babys erschien beim Rolf Kauka Verlag.

Ich hingegen hielt ihm stets Micky Maus selbst vor, das saß meist. Nicht einmal die fanatischsten Disney-Fans mochten Micky so recht, auch wenn der dauergrinsende Nager mit den Segelohren sogar die Ikone des Disney-Konzerns war. Seine Abenteuer als Superspürnase, begleitet von einem dämlichen Ensemble mit Charakteren wie der Kuh Klarabella, Kater Carlo, Goofy oder dem doofen Köter Pluto, ertrugen selbst Hardcore-Disneyaner nur schwer. In den Monaten, in denen Disneys "Das lustige Taschenbuch" Micky und nicht Donald oder Dagobert auf dem Titel hatte, frohlockte ich. Dann quälte sich das andere Lager in Nibelungentreue durch einen Comic, der fast so zäh zu lesen war wie ein richtiges Buch.

Rolf Kauka indes war sich in seinem Imitationsrausch übrigens nicht zu fein, ein eigenes monatliches Taschenbuch zu installieren und zwar unter dem Namen - Achtung! - "Das gute Taschenbuch". Beide Versionen hatten dabei damals den unerträglichen Spleen, eine bunte Doppelseite von einer schwarzweißen abwechseln zu lassen. Ein Umstand, der von beiden Seiten verschleiert werden sollte mit der Behauptung, man wolle dem kleinen Leser nicht den partiellen Selbstausmalgenuss vorenthalten. Schon klar.

Deutsche Romantik vs. Verheißungskapitalismus

Irgendwann traf ich mich nach der Schule nicht mehr so häufig mit meinem Kumpel Matthias. Er begann sich für Computer zu interessieren, und ich entdeckte die Lust an der Schwermut. Heute denke ich, dass dieses Auseinanderentwickeln schon in unseren unterschiedlichen Comic-Vorlieben angelegt war. Disneys Entenhausen stand für den lustvollen, kapitalistisch geprägten Aufbruch in eine neue Zeit, während in Kaukas Fuxholzen (das bis 1979 Grünwald hieß) eben immer noch die düstere deutsche Romantik mitschwang: Mondreise vs. Eichenwald-Spaziergang. Selbst der Hexe Gundel Gaukeley, die in Micky-Maus-Heften gelegentliche Auftritte hatte, ging es nur ums Geld (nämlich den ersten Taler des superreichen Dagobert Duck). So etwas wäre in Fuxholzen undenkbar gewesen.

Noch heute kämpfen Fix und Foxi und Micky Maus erbittert um die Herzen der kleinen Leser. Doch unter den Erwachsenen hat längst ein lachender Dritter das Rennen um die coolste Kindheitserinnerung gemacht: das blau-grün karierte Känguru namens Yps. Das gleichnamige Heft mit dem aufgeklebten Gimmick erlangte Ende der siebziger Jahre Kultstatus - und ist bis heute sehnsuchtsvolles Gesprächsthema, wenn es um die Leidenschaften der Jugend geht.

Auf der nächsten Seite finden Sie das amtliche Endergebnis des Markenduells Fix und Foxi vs. Micky Maus (bewertet auf einer Punkteskala von 1 bis 5).

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1.
Anna Lange 31.10.2008
Hm, sorry. Aber eine "Entscheidung für unterschiedliche Lebenswelten" scheint mir doch etwas hoch gegriffen in der Bewertung der Bedeutung der genannten Comics. Bei mir persönlich gab es nicht einmal eine Entscheidung: Wir lasen, was wir an Comics kriegen konnten, egal ob MM oder FF. Das lag aber vielleicht auch daran, dass die Nachschublage bei unserem Dorfladen sehr unzuverlässig war, mal bekam man das eine Heftchen, mal das andere.
2.
Dominik Kammerer 31.10.2008
Irrtum: die Micky Maus erscheint mittlerweile montags, nachdem sie erst bis vor kurzem am Samstag auf die Theke kam.
3.
Niedermeyer Frank 01.11.2008
Auch ich war Fix-und-Foxi-Leser. Aber eigentlich mehr als Kontrapunkt zu meiner Schwester. Rückblickend stelle ich fest, dass die Donald-Duck-Geschichten wesentlich origineller waren als die von Fix und Foxi, die sich ständig darum drehten, wie Lupo Oma Eusebias Torte klauen konnte. Gähn!
4.
Julian Hildebrandt 01.11.2008
Yep, das "Micky Maus Magazin" erscheint derzeit am Montag. In Deutschland. In der Schweiz am Samstag. Am Dienstag nirgends. So fängt es an. Nur 3 Panzerknacker? So geht es weiter. In "The Paul Bunyan Machine", hierzulande erschienen als "Hans Hackebeil" in "Die tollsten Geschichten von Donald Duck" Nr. 96 vom 4. Juli 1988 sind auf einem einzelnen Panel schon mal 12 zu sehen. Die Ziffernfolge ihrer Sträflingsnummern lässt 36 unterschiedliche Kombinationen zu. Hierin nicht eingerechnet sind vereinzelt auftretende "Sondernummern", wie zum Beispiel "176-IKU". Schließlich handelt es sich bei der Panzernacker AG um eine internationale Organisation, wie sich sehr schön am Beispiel der Geschichte "Verschlüsselte Botschaften" aus "Micky Maus" Nr. 40 vom 5. Oktober 1968 erkennen lässt. In dieser Story treten unter anderem ein schottischer und ein (schlitzäugiger) asiatischer Panzerknacker auf. Nur 3 Beagle Boys? Lupo mit Donald Duck gleichzusetzen, erscheint mir völlig verfehlt. Dazu einfach mal den Urlupo auf dem Titelbild von "Eulenspiegel" Band 5 ansehen. Wen erkennen wir in diesem Urlupo auf Anhieb wieder? Den Großen Bösen Wolf. Mit seinem ausprägten Hang zur Kleinkriminalität (Hühner stehlen, Schweinchen schlachten) und seiner chronischen Arbeitsscheu - selbst die im Haus anfallenden Tätigkeiten läßt er ausnahmslos vom Kleinen Bösen Wolf erledigen - auch charakterlich ganz klar das Ebenbild Lupos. Donald dagegen ist - abgesehen von kleinen Schummeleien und etlichen Schlägereien - durch und durch gesetzestreu, leistet in unzähligen Jobs härteste Arbeit, kümmert sich in vielen Stories auf das Gewissenhafteste um seine Neffen, während Lupo über die Maßen faul ist und nur an sich selbst denkt. Übrigens konnte ich "Fix und Foxi" nie ausstehen. Als Kind habe ich die Gründe nur intuitiv erfasst, wissenschaftlich aufbereitet sind sie nachzulesen auf den Seiten 28 bis 43 in "Massenzeichenware Die gesellschaftliche und ideologische Funktion der Comics" von Wiltrud Ulrike Drechsel, Jörg Funhoff, Michael Hoffmann, edition suhrkamp, Erste Auflage 1975. Im Vergleich dazu die Abhandlung über Disney Comics auf den Seiten 56 bis 62 in "COMICS Anatomie eines Massenmediums" von Wolfgang J. Fuchs/Reinhold C. Reitberger, Rohwolt, Dritte Auflage 1976. Zum Schluss noch eine kleine Anmerkung: In meinem Archiv habe ich bis auf etwa 40 Nummern alles, was seit 1946 an Disney-Comics unter den Labels Dell, Gold Key, Whitman, Gladstone, Disney und Gemstone bis auf den heutigen Tag erschienen ist, sowie sämtliche Micky-Maus-Hefte seit August 1951 und alle "Tollsten Geschichten von Donald Duck" und "Donald Duck Sonderheft". Fix und Foxi? Fehlanzeige. Dies hat nichts mit meiner Lebenseinstellung zu tun, sondern mit meinem Empfinden für Qualität.
5.
Sven Bussian 02.11.2008
Auch mir erscheint der Aufhänger "Entscheidung für unterschiedliche Lebenswelten" für zu hoch gegriffen, zumal der Artikel einen wesentlichen Punkt vergisst: Kauka hatte von Anfang der 60er bis weit in die 70er hinein - also in der wohl auflagenstärksten Zeit von Fix und Foxi - die Lizenzen an einer Vielzahl Franco-belgischer Titel. Kauka eröffnete seiner (deutschen) Leserschaft die Chance, Zeichner/Autoren wie Peyo, Franquin, Hergé oder Will erstmals kennenzulernen. Zeichner/Autoren übrigens, mit denen der Carlsen Verlag Jahre später riesige Erfolge feierte. Kauka war also in gewissem Sinne ein Visionär, um nicht zu sagen (Mit-)Begründer einer Comic-Kultur im deutschen Sprachraum. Dass es dabei zu kleinen und größeren Kollateralschäden kam und beispielsweise aus Franquins "Marsupilami" "Kokomiko" wurde, mag man verzeihen - sind diese doch dem damaligen Zeitgeschmack geschuldet. Immerhin wurden seinerzeit auch unzählige US-Fernsehserien durch eine sehr freie (witzige?) Übersetzung geschändet ... Unbestritten bleibt allerdings, dass die Helden - und Namensgeber - beider Magazine nur eines waren: uncool und langweilig! Denn auch Lektüre von Micky Maus wäre ohne die genialen Übersetzungen von Dr. Erika Fuchs und die Geschichten vom "guten Zeichner" (richtig: Carl Barks) mehr als freudlos gewesen.
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