Microsoft Bob Melindas Mutantenzoo

Microsoft Bob: Melindas Mutantenzoo Fotos
www.windowsbeta.net

Mit einer revolutionären Benutzeroberfläche und sprechenden Cartoonfiguren wollte Bill Gates sein Betriebssystem Windows auch für technophobe PC-Novizen bedienbar machen. Das Projekt namens "Microsoft Bob" wurde der wohl größte Flop der Konzerngeschichte, Überbleibsel der Software nerven Windowsbenutzer bis heute. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
    3.0 (364 Bewertungen)

Wer sich über die Benutzerführung von Windows XP beschwert, hat nie mit Windows 3.1. gearbeitet. Zur Erinnerung: Das bis 1994 verkaufte Betriebssystem besaß keine Startleiste, in der man verfügbare Programme aufgelistet bekam. Wer sich nicht merkte, dass er seine Steuererklärung unter c:/files/haushalt/finanzen/steukl93.xls abgelegt hatte, fand sie nie wieder. Und wenn Windows abrauchte - etwa alle 3.1 Stunden - wurde der Nutzer in jene schwarze Leere namens Dos geschleudert, aus der es kein Entrinnen gab.

Auf die wachsende Verzweiflung vor allem unerfahrener Computernutzer reagierte Redmond mit dem Projekt Microsoft Bob. Im Auftrag des Topmanagements entwickelte die Programmiererin Melinda French eine Benutzeroberfläche für Nicht-Techies - intuitiv sollte die sein, dem Normalverbraucher aus dem Haushalt bekannte Symbole verwenden und außerdem peppiger daherkommen als das herkömmliche Windows.

Das Resultat kam im März 1995 in die Läden und war ein Zusatzprogramm für Windows. Statt auf dem normalen Desktop bewegte sich der Bob-Nutzer in einem Wohnzimmer, inklusive Fauteuil, Kamin und Vorhängen. Per Klick auf Gegenstände im Raum öffnete man die Anwendungen: Der Wandkalender führte zum Terminplaner, das Rolodex auf dem Beistelltisch zu den Kontakten.

Und die Lavalampe?

Die stand einfach nur herum und verlinkte nirgendwohin. Spätestens wenn die dazugehörige Fehlermeldung aufpoppte, musste dem User dämmern, dass er immer noch in der verwirrenden Windows-Welt feststeckte: "Achtung. Dies ist ein dekoratives Objekt. Es startet keinerlei Programm und tut nichts Besonderes."

Außer Verwirrung zu stiften.

Auch ansonsten war die Software spitze darin, den PC-Nutzer zu derangieren und auszubremsen. Wer Bob startete, musste zunächst einem Cartoon-Retriever namens Rover Rede und Antwort stehen und hilflos zuschauen, wie dieser in aller Seelenruhe aus dem Bild schlich.

Das goldfarbene Hündchen, das Novizen nach Vorstellung der Entwickler mit Rat und Tat zur Seite stehen sollte, entpuppte sich zudem als nervtötende Labertasche. Eine Kostprobe: "Mein Name ist Rover, ich komme aus Redmond, Washington, Ich fresse gerne Essensreste und wenn ich nicht hier bin, halte ich mich am liebsten im Garten auf."

Dabei war Müllschlucker Rover noch das angenehmste Mitglied der "fabelhaften Gang persönlicher Führer" (O-Ton), die Microsoft auf seine Nutzer losließ. Zur Wahl standen unter anderem eine bierbäuchige, Gitarre spielende Ratte (Scuzz), ein psychedelisch dreinschauendes Glühwürmchen (Blythe), ein koffeinsüchtiger Dinosaurier (Java) und, besonders originell, ein namenloser Unsichtbarer.

Wie all dies dem User helfen sollte, blieb Redmonds Geheimnis.

Bob war denn auch einer der wohl größten Flops der Microsoft-Firmengeschichte. Neben dem krautigen Design schreckte viele Konsumenten wohl auch der Preis (etwa 100 Dollar) und die für damalige Zeit hohe Systemanforderung (486er Prozessor, 8 Megabyte Ram) ab. Zudem war das Timing hundsmiserabel: Kurze Zeit nach dem Bob-Launch erschien das zwar notorisch instabile, aber dafür halbwegs benutzerfreundliche Windows 95 - was viele davon abgehalten haben dürfte, sich ein Upgrade für Windows 3.1. zu kaufen.

Bob: Einmalige Idee mit eindeutigen Vorbildern

Spötter behaupten, Bob wäre seinerzeit in Redmonds Entwicklungsabteilung verendet, hätte für die Entwicklung nicht die im Laufe des Projektes von Konzerngründer Bill Gates geehelichte Melinda French Gates verantwortlich gezeichnet. Unsinn, sagen Microsoft-Apologeten, Bobs Wohnzimmer sei eine echte Innovation gewesen. Kein anderer Softwarehersteller habe je ähnliches entworfen.

Das stimmt nicht ganz: Packard Bell lieferte einige Jahre zuvor seine PCs bereits mit einer ganz ähnlichen Oberfläche aus. Der Packard Bell Navigator soll dem Vernehmen nach allerdings noch mieser gewesen sein als Bob.

Auch der animierte Mutantenzoo, den Microsoft bis heute seinem Office-Paket beifügt, ist möglicherweise keine originäre Gates-Idee. Im Jahre 1999 klagte die kleine schottische Softwarefirma Inner Workings (IW) gegen Microsoft. IW hatte sich einige Jahre zuvor eine Cartoonfigur namens Lemon Dog schützen lassen und war überrascht, als in Office 2000 ein ganz ähnlich aussehender gelber Hund auftauchte. Der Rechtsstreit endete mit einem Vergleich. Microsoft durfte seinen Hund behalten.

Offenbar hat irgendjemand in Redmond einen Retriever-Fimmel, denn bis heute geistert Rover durch Windows. Zuletzt wurde er in der Suchfunktion von XP gesichtet.

Thomas Hillenbrand

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 24.11.2004

Artikel bewerten
3.0 (364 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH