Mikronation Conch Republic Freiheitskampf im Hawaiihemd

Mikronation Conch Republic: Freiheitskampf im Hawaiihemd Fotos
AP /Florida Keys News Bureau /Monroe County Public Library

Sie erklärten Amerika den Krieg und bombardierten die US-Küstenwache mit Klopapier: 1982 sagte sich Key West aus Wut über Autobahnkontrollen von den USA los. Jahrelang machte die Spaßnation mit anarchischen Aktionen auf sich aufmerksam - und geriet schließlich ins Visier von Terrorfahndern. Von

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Die Invasoren kamen in buntgeblümten Hemden. Auf einem unscheinbaren Schiffchen hatten sie sich an diesem 13. Januar 2006 ihrem Ziel genähert, der alten Seven-Mile-Brücke zwischen den Inseln Vaca Key und Bahia Honda im äußersten Süden Floridas. Die Eroberer hatten Piratenhüte und bunte Fähnchen mitgebracht, und als Waffen lange, knochentrockene Brotstangen. So ausgerüstet, kletterte die merkwürdige Truppe an den verwaisten Fragmenten der alten Eisenbahnbrücke empor und hisste, oben angekommen, sonderbare Fahnen mit einer rosafarbenen Schnecke - die Flagge ihres Heimatlandes, in dessen Namen sie soeben Grund und Boden der USA besetzt hatten: im Namen der Conch Republic.

Die Vereinigten Staaten von Amerika wurden gerade von Männern vorgeführt, die im Auftrag einer Mikronation handelten, die es offiziell gar nicht gab. Auslöser des Konflikts war einige Tage zuvor die Ankunft kubanischer Flüchtlinge an dieser Stelle gewesen. Washington hatte sie sofort wieder mit der Begründung abschieben wollen, das nur noch aus maroden Einzelteilen bestehende Brückenkonstrukt sei nicht mit dem Festland verbunden und daher nicht Teil der USA.

Eine rechtliche Spitzfindigkeit, die die Conch Republic sofort für einen Schildbürgerstreich nutzte: Waren die Flüchtlinge hier nicht auf US-Boden, so ihre Schlussfolgerung, dann mussten die Brückenfragmente herrenlos sein. Und wenn sonst schon keiner Anspruch auf dieses Stück Land erhob - tat es eben die Conch Republic. Doch nachdem tatsächlich Besatzungstruppen der Spaßnation dort gelandet waren, nahmen die USA ihre Entscheidung zurück. Die Conch Republic hatte gesiegt - eine Sensation!

Es war nicht das erste Schelmenstück der Mikronation. Schon seit 1982 sorgte sie auf den Florida Keys für Aufregung - obwohl die USA immer wieder dementierten, dass sie überhaupt existierte. Mit schrillen Protestaktionen, irrwitzigen Bräuchen und edlen Überzeugungen machte das Inselreich, das vom Rest der Welt noch immer hartnäckig "Key West" genannt wurde, jahrzehntelang Schlagzeilen. Und tut es bis heute.

Der kürzeste Krieg der Geschichte

Geboren wurde der nach der auf den Keys beheimateten Tritonschnecke benannte Inselstaat am 23. April 1982. Dem Tag, an dem die US-Grenzkontrollbehörde einen Kontrollposten am Highway 1 aufstellte, der die Florida Keys mit dem Festland verbindet. Hintergrund des sonderbaren Grenzübergangs im eigenen Land: Da das Städtchen Key West am südlichen Ende dieser Schnellstraße nur 160 Kilometer von der kubanischen Küste entfernt liegt, gilt es als attraktives Ziel für illegale Einwanderer und Drogenkuriere aus Kuba. Der neue Kontrollposten sollte sie davon abhalten, auf US-Festland zu gelangen.

Die als besonders liberal geltenden Bürger der Inseln ärgerten sich jedoch über die Schikane und die nun auftretenden Autoschlangen an dem Kontrollpunkt. Viele fürchteten, die ständigen Staus würden den Tourismus einbrechen lassen. Unter den Skeptikern war auch Dennis Wardlow, Bürgermeister von Key West. Er klagte gegen die Kontrollen vor dem Bundesgericht, scheiterte jedoch. Aber eine Idee reifte in Wardlow heran: "Wenn Key West von Washington wie Ausland behandelt wird", verkündete er vor Pressevertretern, "ist Washington Ausland für uns."

Den Worten ließ Wardlow Taten folgen: Die US-Flagge auf dem Rathaus von Key West wurde eingeholt. Tags darauf, am Mittag des 23. April, rief Wardlow unter dem Jubel der Insulaner die Conch Republic aus. Um dem Akt medienwirksam Symbolkraft zu verleihen, vollzog er einen augenzwinkernden Loslösungsritus: Er brach über einem als US-Soldat verkleideten Mann ein steinhartes Baguette entzwei - und ließ dann seine Anhänger mit trockenen Brotstangen bewaffnen. Er selbst war nun Premierminister und ging sofort zur ersten Amtshandlung über - indem er den USA den Krieg erklärte. Es sollte der kürzeste Krieg der Geschichte werden.

Schon nach 60 Sekunden, um 12.01 Uhr, kapitulierte der neue Staat bedingungslos - und bat Washington um Wiederaufbauhilfe in Höhe von einer Milliarde Dollar. Die US-Regierung ignorierte die humorvolle Protestaktion geflissentlich und schickte natürlich kein Geld. Doch eines änderte sich tatsächlich: Der Wachposten am Highway 1 verschwand wieder. Die Conch Republic hatte ihren ersten Sieg errungen - und feierte ihren Wahlspruch: "Wir haben uns abgespalten, wo andere gescheitert sind."

Die neue Königin: ein Mann

Es sollte erst der Anfang sein: Denn da niemand die Unabhängigkeitserklärung zurückwies, baute Premierminister Wardlow das neue Staatswesen munter aus - samt Hymne, Nationalfeiertag und eigener Luftwaffe. Die rückt seitdem etwa aus, wenn die US-Küstenwache den Insulanern zu nah auf die Pelle drückt. Dann steigen bisweilen die Piloten der "Conch Special Forces" in ihre Freizeitflugzeuge und bombardieren die Eindringlinge. Mit Klopapierrollen.

Entschieden wird über solche Einsätze in der nationalen Schaltzentrale: ein Holzhäuschen in der Petronia Street 305, wo seit 1990 Generalsekretär Peter Anderson residiert. Der grauhaarige Mann mit ausgeprägter Vorliebe für Hemden mit Obstmotiven ist Botschafter, Chefbürokrat und Veranstaltungsmanager der Minirepublik in Personalunion. Zur Seite stehen ihm diverse Ministern, und 1995 haben die "Conchs" sogar erstmals einen König gewählt, mitsamt - männlicher - Königin. Mittlerweile unterhält die demokratische Monarchie Botschaften in Frankreich und Finnland, seit 2010 sogar ein Konsulat im rheinland-pfälzischen Bingen.

Die Spaßnation legt großen Wert darauf, sich nach außen wie eine "echte" Nation zu präsentieren: So hat Anderson zum Beispiel seit 1993 Zehntausende täuschend echt aussehende Reisepässe der Conch Republic ausgestellt. Rechtskräftig sind die natürlich nicht - aber ein witziges Reisesouvenir.

Terrorgefahr Key West?

Eines Tages jedoch sollte aus dem Witz Ernst werden: Anfang Oktober 2001 verbreiteten US-Zeitungen, laut FBI sei möglicherweise ein Massenmörder mit einem Reisepass der Conch Republic in die USA eingereist: Mohammed Atta, einer der Flugzeugentführer des 11. September. Waren die Spaßvögel von Key West etwa in den Terroranschlag verwickelt gewesen?

Generalsekretär Anderson bestätigte, dass einem Mann mit diesem Namen ein Conch-Ausweis zugeschickt worden sei. Er habe auch schon vor den Terroranschlägen die Behörden darüber informiert, dass plötzlich auffällig viele Ausländer aus Pakistan, Indien und Arabien die wertlosen Pässe bestellt hätten. Anderson versprach: "Die Conch Republic verhält sich gegenüber dem FBI absolut kooperativ." Völlig aufgeklärt wurde der Fall um die launigen Revoluzzer von Key West nie. Doch er ließ sie in fragwürdigem Licht erscheinen.

Die Bürger der Conch Republic ließen sich ihre Leichtigkeit trotzdem nicht nehmen. Bis heute zählen die "Conchs" vor allem eins zu ihren größten Bürgerpflichten: feiern. Zu den nationalen Festtagen zählen das Unterwasser-Phantasie-Festival und die Hemingway-Tage, an denen weißbärtige Teilnehmer des "Hemingway-Ähnlichkeitswettbewerbs" durch die Straßen ziehen. Am wichtigsten ist jedoch der Unabhängigkeitstag, den die "Conchs" jedes Jahr am 23. April begehen. Auf dem Programm stehen dann ein Parkour auf Pfennigabsätzen, Wettrennen in dekorierten Betten, ein Haustier-Ähnlichkeitswettbewerb oder eine Seeschlacht mit Tomaten und Schwämmen. Alles frei nach dem offiziellen Staatsmotto: "Die Linderung der Weltspannung durch die Ausübung von Humor".

US-Armee in die Flucht geschlagen

So humorvoll sich die Inselbewohner auch geben - wenn die Conch Republic von feindlichen Truppen angegriffen wird, verteidigen die Insulaner ihre Heimat eisern. So wie im Herbst 1995.

Generalsekretär Anderson erfuhr am 20. September von einer Übung der US-Armee, die auf Key West die Invasion eines Eilands erproben sollte. Dazu hatten sich die Militärstrategen jedoch die falsche Insel ausgesucht: Die Conch Republic schickte sofort Protestnoten an das Pentagon und das US-Außenministerium. Ohne Wirkung.

Also begann die Mobilmachung: Die nationale Munitionsfabrik - die Bäckerei "La Dichosa" - produzierte massenweise Stangenbrot. Bewaffnet mit diesen trockenen Baguettes und Wasserpistolen rückten laut Anderson schließlich rund 200 Conch-Soldaten aus. Die von der bizarren Aktion überrumpelten US-Truppen zogen sich tatsächlich am 22. September zurück.

Doch der größte Triumph folgte erst noch: Die Armee erklärte offiziell, sie habe die Souveränität der Conch Republic nie anfechten wollen - und bestätigte damit zumindest indirekt die Selbständigkeit des Inselstaates, den es eigentlich nie gab.

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1.
Max Westenthanner 08.05.2013
Erinnert ein bisschen an die Geschichte vom Sowjet Unterzögersdorf. Eine kleine Exklave der Udssr in Österreich, welche jetzt nach deren Zusammenbruch einen völkerrechtlich unklaren Status besitzt. http://www.monochrom.at/sowjet-unterzoegersdorf/index2.htm
2.
Oliver Fromme 08.05.2013
Mich erinnert es ein wenig an die "Mikronation" Principality of Sealand (Fürstentum Sealand), die sich praktisch vor unserer Haustür befindet: > http://de.wikipedia.org/wiki/Sealand Dort haben sie es -- trotz erheblich geringerer Fläche und Bevölkerung als Key West -- deutlich ernsthafter durchgezogen: Mit eigener Währung und Briefmarken, Flagge, Wappen, eigenen Teilnehmern bei sportlichen Wettbewerben und so weiter. Auch geschichtlich haben sie schon mehr durchgemacht als so mancher "richtige" Staat: Kampfhandlungen mit der britischen Royal Navy (mit Schusswaffen, nicht mit Baguettes), Putsch, Exilregierung, ... Aber genau wie die "Conch Republic" wurden sie nie als eigener Staat anerkannt, auch wenn es vereinzelt Gutachten gab, die ihnen das Recht auf Souveränität zusprachen. Zu einem Zeitpunkt hatte die Bundesrepublik sogar offiziellen diplomatischen Kontakt mit Sealand und schickte einen Konsul, dies aber nur, um einem Bundesbürger beizustehen, der dort festgehalten wurde. Die Regierung von Sealand interpretierte es freilich als Anerkennung ihrer "Nation".
3.
Peter Schubert 08.05.2013
Solange die ihre Steuern zahlen kann man sie ignorieren.
4.
Wolfram Albrecht 08.05.2013
Die Conch Republic ist schlagkräftiger als man glaubt. So konnte ich selbst an Patrullienflügen über das Hoheitsgebiet teilnehmen - das kann ich jedem Besucher der Republik übrigens wärmstens empfehlen. Das Kriegsgerät ist eine ultramoderne Waco UPF-7 aus der 40er Jahren und stellt eindrucksvoll die Schlagkraft der Luftwaffe unter Beweis! http://conchrepublicmilitaryforces.com/airforce/index.html
5.
Tisbert Hohnlinger 08.05.2013
Sie haben es vorgemacht - machen wir es nach! Gegen den täglichen Irrsinn von Militarismus, Überwachungsstaat und Regulierungswut hilft nur eines: Humor! Das ist das Gegengift gegen die Krankheit unserer Zeit! Auf in die Conch Republic! Oder selbst was ähnliches gründen! Frei von Gentechnik, Waffen, Überwachungskameras, Zinseszins...
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