Bizarre Mikronationen Der Staat? Das bin ich!

Bizarre Mikronationen: Der Staat? Das bin ich! Fotos
Kevin Baugh

Sie basteln eigenes Geld und entwickeln Raumfahrtprogramme mit Spielzeugraketen: Mal aus Protest, oft aus Jux gründen selbsternannte Staatsoberhäupter eigene Nationen und erklären sogar Kriege. Ein Landstrich in Nevada etwa befindet sich seit mehr als 10.000 Tagen im Konflikt - mit der DDR. Von

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Draußen ist es noch dunkel, als Kevin Baugh sich dazu entschließt, der Deutschen Demokratischen Republik den Krieg zu erklären. Baugh ist gerade mit der US-Armee auf Station in der Nähe von Stuttgart. Sein Sergeant stapft in den Schlafsaal und brüllt: "Los Männer! In die Panzer." Aufgeschreckt springen Baugh und seine Kameraden aus ihren Betten in ihre Kampfmonturen. Ihr Auftrag: Die deutsch-deutsche Grenze zu beschützen, die an diesem Tag zu Übungszwecken hinter dem Stuttgarter Stadtrand verläuft.

Doch auch wenn alles nur Übung ist: Baugh ist genervt vom sozialistischen Nachbarn, der ihm in unregelmäßigen Abständen den Schlaf raubt. Und so setzt er sich in dieser Nacht an die Kasernen-Schreibmaschine und tippt in Großbuchstaben: "DECLARATION OF WAR". Eine Kriegserklärung - gegen die DDR.

Das war am 2. November 1983. Schon hatte der Soldat einen Zweitjob als Herrscher eines Landes.

Heute sitzt Baugh, 51, hochdekoriert wie ein lateinamerikanischer Freiheitskämpfer aus dem 19. Jahrhundert, in einer Holzhütte in der Wüste von Nevada. Die Behausung in der Mary Lane in Dayton ist Baughs Präsidentenpalast - und zufällig auch sein Wohnsitz. Baugh hat sich hier selbst zum Herrscher auf Lebenszeit gekrönt. Der Name seiner Jux-Nation: Republik Molossia. "Wir sind eine diktatorische Bananenrepublik", sagt Baugh über seinen Staat, dessen Bevölkerung eigentlich nur aus ihm, seiner Familie, fünf Hunden und einem Hamster besteht.

Jeder kann in seinem Vorgarten eine neue Nation ausrufen

Tatsächlich braucht es nicht viel mehr, um sein eigener Regierungschef zu werden. "Jeder der möchte, kann im Prinzip morgens aufwachen und seinen Vorgarten zur Mikronation erklären", sagt Hélène Landemore, Politikwissenschaftlerin an der Elite-Uni Yale. Alles was man dazu bräuchte, sei eigenes Territorium, eine Bevölkerung und einen, der das Land führt.

Wie viele dieser Miniländer existieren, darüber gehen die Schätzungen der Experten auseinander - auch weil nicht ganz klar ist, was alles als Mikronation gezählt werden kann. Manche der Spaßstaaten treiben nur virtuell ihr Unwesen, andere sind als Kunstprojekte entstanden, so kommt man - je nach Definition und Zählart - mal auf ein paar Dutzend, mal gar auf einige hundert Mikronationen. Sie alle eint aber ein Problem: Um ein "richtiger" Staat zu werden, müssten sie von der internationalen Gemeinde anerkannt werden - und sich offiziell von ihren Nachbarländern lossagen.

Das mit der Abspaltung hat Baugh zumindest für sich und seine Besucher bereits demonstrativ gelöst. Ein Doppelpfeilzeichen auf einem Pfahl am Eingang steckt sein Territorium klar ab: links die USA, rechts Molossia. Sein Grundstück ist eine blau-weiß-grüne Parallelwelt aus Spaß und Größenwahn, die zumindest nach außen hin auch als echtes Land durchgehen könnte: mit eigener Fahne, eigenem Geld, eigenen Passstempeln - und sogar einem eigenen Luft- und Raumfahrtprogramm, das allerdings im Wesentlichen aus dem Abfeuern von Spielzeugraketen besteht.

10.000-Tage-Krieg gegen Ostdeutschland

Auch der Konflikt mit der DDR schwele noch immer, sagt Baugh. Bis heute zählt ein Kästchen auf der molossianischen Regierungs-Website die Tage, die der Konflikt bereits andauert: 10.834, 10.835, 10.836, 10.837... "Dieser Krieg wird für immer so weitergehen", sagt der Staatsmann. Auch ganz ohne DDR?

Natürlich habe Baugh vom Mauerfall 1989 und der anschließenden Wiedervereinigung gehört, versichert er. Im Einigungsvertrag zwischen Bundesrepublik und Deutscher Demokratischer Republik sei aber ein Stückchen Land ausgespart worden, behauptet der selbst ernannte Bananen-Diktator. Konkret gehe es um die Ernst-Thälmann-Insel, ein unbewohntes Eiland vor der kubanischen Küste, das Fidel Castro am 19. Juni 1972 bei einem Staatsbesuch seinen deutschen SED-Genossen vermachte. Baughs Argument: Die Insel wurde bei der Wiedervereinigung vergessen. Folglich sei das Gebiet noch immer DDR-Territorium. "Und weil die Insel unbewohnt ist und für uns unerreichbar, wird es wohl niemals Friedensverhandlungen geben."

Aber wie konnte sein Land, das es damals noch gar nicht gab, der DDR den Krieg erklären? Auch dafür hat er eine Erklärung parat: Zwar wurde Molossia offiziell erst am 21. Februar 1999 eine Mikronation - kurz nachdem der Diktator das Grundstück gekauft hat, auf dem er heute lebt. Doch Baugh sieht Molossia aber als rechtlichen Nachfolger eines früheren Phantasielandes, der "Großrepublik Vuldstein", die er noch als Teenager mit einem Schulfreund gegründet hatte. Und als dessen Ministerpräsident hatte er damals die Kriegserklärung gegen die Ostdeutschen unterzeichnet.

Vielleicht wäre Baughs Spaß-Logik nie hinterfragt worden. Doch im Jahr 2001 musste das Auswärtige Amt sich zur Staatszugehörigkeit der Thälmann-Insel äußern, nachdem ein Berliner Online-Magazin zuvor den einsamen Fleck in der Schweinebucht als "17. Bundesland vor Kuba" ausgerufen hatte. Der Kommentar des Ministeriums: Die Umbenennung zu Ehren Ernst Thälmanns war ein "symbolischer Akt", der "nichts mit Besitzverhältnissen zu tun" habe.

Krieg also zu Ende? "Auf keinen Fall", meint Baugh, der den Konflikt vor allem als Satire versteht und ausdrücklich betont, dass er nichts gegen die Bürger der ehemaligen DDR hat. Die Einschätzung der Behörde hält er für puren Selbstschutz. "Das müssen sie ja sagen", witzelt Baugh. "Wär doch auch ziemlich peinlich für ein deutsches Außenministerium, wenn es zugeben müsste, dass ein Teil der DDR noch existiert und man ihn einfach übersehen hat."

Möchten Sie auch mit molossianischem Geld bezahlen oder sich einmal mit einem Künstler in ein Kugelhaus im Wiener Prater quetschen?

Passend zur Urlaubszeit hat einestages hat die kuriosesten Mikronationen unseres (und anderer) Planeten als Reiseführer zusammengestellt. Klicken Sie sich durch - und planen Sie noch heute Ihren Aufenthalt.

Zum Weiterlesen:

Erwin S. Strauss: "How to Start Your Own Country", Verlag Paladin, 1999.

Zum Weiterschauen:

"Danny Wallace's How to Start Your Own Country", sechsteilige Dokumentation auf Doppel-DVD, Universal Pictures, 2007.

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1.
Kirstin Karalus 15.07.2013
Beim Lesen ist mir noch eine weitere Mikro"nation" eingefallen: Die Republik Uzupio in Vilnius. Sie hat gewisse Ähnlichkeiten zu Christiania in Kopenhagen, ist aber nicht so bekannt.
2.
Olaf Negendank 15.07.2013
Dazu fällt mir ein passender Witz aus der Türkei ein. Am Ostrand des Schwarzen Meeres lebt das Volk der Lasen. Die gründen eine Mikrorepublik und erklären der Volksrepublik China den Krieg. Die chinesische Parteiführung schaut erstaunt auf der Landkarte nach, um zu sehen, wo dieses "Lasistan" überhaupt liegt. Der Verteidigungsminister schreibt zurück: "Kriegserklärung angenommen". Nun informiert sich der lasische Präsident darüber, wie groß China eigentlich ist. Der schreibt zurück: "Den Krieg führen wir doch nicht. Unsere Friedhöfe sind nicht groß genug, um eine Million gefallener Chinesen zu beerdigen".
3.
eva schaefer 15.07.2013
Auch erwaehnenswert ist das Achzivland - http://www.simonsellars.com/akhzivland
4.
Jürgen Schwarz 16.07.2013
Einen guten Überblick gibt der Lonely Planet Reiseführer "Micronations - the Lonely Planet Guide to Home-made Nations"! Molossia ist selbstverständlich drin. Westaustralienreisenden empfehle ich einen Besuch in der Hutt River Principality, die rein rechtlich schon fast ein anerkannter Staat sind und mit eigener Kirche, Post und Regierungsgebäude ausgestattet sind. Und die natürlich sehr nette Briefmarken herausgibt...
5.
Torsten Stingl 16.07.2013
Die ?Neue Slowenische Kunst (NSK)?, einem Künstlerkollektiv, zu dem auch die Band ?Laibach? gehört, ist ebenfalls eine Mikronation. Mit interessantem Erfolg: ?Unbestätigten Berichten zufolge soll es wiederholt Personen gelungen sein, mit ihren NSK-Reisepässen internationale Grenzen zu überqueren - so soll insbesondere die Ausgabe von NSK-Reisepässen im Rahmen der Veranstaltung ?NSK Drzava Sarajevo? im umkämpftenSarajevo*1994/95 zahlreichen insbesondere*bosnischen*Staatsangehörigen die Ausreise aus dem bürgerkriegszerrütteten Land ermöglicht haben.?
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