Jazz-Innovator Miles Davis Jederzeit meilenweit voraus

Er erfand den Jazz neu. Und neu. Und neu. Als kreativer Musikvirtuose war der Trompeter Miles Davis experimentierfreudig wie kein Zweiter - und stilprägend über seinen Tod 1991 hinaus.

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"Miles Ahead" heißt wortspielend eines seiner berühmtesten Alben. Als es 1957 erschien, war Miles Davis längst ein Jazzstar, der wichtigste Trompeter der Szene. Und tatsächlich meilenweit voraus, denn Miles Davis arbeitete hier erneut mit Gil Evans zusammen. Den genialen Arrangeur und Orchesterleiter kannte er seit den Vierzigerjahren. Beide waren gleichermaßen eigenwillig wie stilbildend: Sie setzten auf orchestralen Jazz mit großen Flächen und doch intimem Klang.

"Miles Ahead" könnte als Motto über der Karriere des 1926 in Alton (Illinois) geborenen Musikers stehen, der unermüdlich den Jazz umkrempelte. Immer wieder und zumeist mit Erfolg.

Als mich der Maestro der Jazztrompete im Teenageralter kühl erwischte, pulsierte eigentlich noch die Zeit des Hippietums, des Blues- und des Folkrock, der frühen Mothers of Invention. Es waren eben die späten Sechzigerjahre. Die Rockfestivals in Monterey, Woodstock und Altamont wurden zu sehr unterschiedlichen Mythen; kurze Intervalle lagen zwischen Höhe- und Tiefpunkten der Popmusik, zwischen Triumph und Tod.

En passant den Jazz-Rock erfunden

In jedem Jahr zwischen 1965 und 1970 erschienen haufenweise wichtige Alben. Populäre Musik hatte eine über Unterhaltung weit hinausgehende Bedeutung erlangt, es dominierten Texte mit Gewicht, lange Songs und noch längere Instrumentalsoli. Flower Power war - kaum entdeckt -, bald wieder passé - und jedes neue Album von Cream (oder einer anderen prägenden Band) trugen Fans wie eine Flagge ihrer Weltanschauung vor sich her. Zugleich entwickelte sich Black Music allmählich aus R&B, Soul, Rock und freiem Jazz zu einer neuen Marktmacht.

Für modernen Jazz begeisterte sich dennoch nur eine Minderheit der Musikliebhaber. Bis 1970 "Bitches Brew" erschien, das epochale Album von Miles Davis. Damit stand er abermals an der Spitze der Jazzkultur - und fand diesmal auch die volle Aufmerksamkeit des Rockpublikums.

Der Grund: En passant hatte Miles Davis den neuen Jazz-Rock erfunden, gern auch "Jazz-Rock-Fusion" benannt. Der fließend wummernde Bass wurde dominanter, die Gitarre elektronischer, die Percussion komplexer und exotischer. Alles, was an Schlagwerk seit Art Blakeys Trommelmelodien und Elvins Jones' perlenden Rhythmen entstanden war, floss zu einem neuen Stil zusammen.

"Bitches Brew", ein gewichtiges Doppelalbum, strahlte schon mit dem surreal anmutenden Cover des deutschen Künstlers Mati Klarwein eine suggestive, surreale Kraft aus, die von der Musik komplett konterkariert wurde. Komplexe, dennoch erdige Grooves, pointierte Soli, dichte Interaktion - und über allem schwebte diese mal seltsam einsame und distanzierte, dann wieder expressive Trompete. Ihre Autorität kam ganz ohne die übliche Blech-Attacke aus, gern quetschte Davis seine Töne mittels des Rock-erprobten Wah-Wah-Pedals.

Ausnahmekönner im Ensemble

"Bitches Brew" brachte auf den Punkt, was zuvor schon Miles Davis' langjähriger Drummer Tony Williams mit Gitarrist John McLaughlin in der Band Lifetime erprobte: harte, aber komplizierte Rhythmen, darüber freies, melodisches Spiel und elektronische Klangflächen.

Miles Davis goss diese Ideen in die große Form und bot eine avantgardistische Perspektive. Er hatte keine Angst vor eigenständigen Könnern an seiner Seite. Neben der Lifetime-Truppe holte er den Pianisten Chick Corea ins Ensemble, dazu die Bassisten Harvey Brooks (E-Bass), Dave Holland und Ron Carter sowie eine Reihe hochkarätiger Drummer und Percussionisten (Lenny White, Jack DeJohnette, Billy Cobham und Airto Moreira). "All Stars", das ist schon fast untertrieben.

Als erstes Album führte "Bitches Brew" die neue Rockmusik und den Post-Free-Jazz zusammen. Ein weiterer Pianist der "Brew"-Crew, der Österreicher Joe Zawinul, gründete mit Weather Report bald darauf eine Jazz-/Rock-Combo, die kommerziellen Erfolg und musikalische Substanz überzeugend vereinte. Miles Davis bekam für "Bitches Brew" seinen ersten Grammy, später folgten zwei weitere.

Dass ausgerechnet der Trompeter Miles Davis das Kreativtor zu den bunten Siebzigerjahren aufstoßen sollte, hatte sich bereits früh abgezeichnet. Nicht wenige Jazzfans verorten bei "Round Midnight" das erste Quasi-Free-Solo der Geschichte, in der Version des Miles Davis Quintetts von 1957 mit John Coltrane am Tenorsaxophon.

Später Schwenk zum Hip-Hop

Die Besetzungen wechselten, der Einfluss auf die Jazzentwicklung war enorm. Alben wie "Filles de Kilimanjaro", "E.S.P.", "Nefertiti" oder "Miles in the Sky" gelten bis heute mit ihrem freien Spiel als bahnbrechende Momente des Sixties-Jazz. Mit dem Album "In A Silent Way" definierte Miles Davis 1969 seine musikalischen Strukturen langsam in Richtung Rock. Dazu trug auch die Einführung des klassischen Fender Rhodes E-Pianos bei, ebenso wie neue Studio-Produktionstechniken.

Dieser ständige Wille zur Veränderung, zur Innovation beflügelte Miles Davis, bis er einen schweren Schlaganfall erlitt und an den Folgen am 28. September 1991 in Santa Monica starb. Bereits fünf Jahre zuvor hatte er mit Synthesizer-Experimenten auf dem Album "Tutu" seine Fühler erstmals in Richtung elektronische Musik und Hip-Hop ausgestreckt.

Posthum erschien dann "doo-bop": Das Album hatte Davis beinahe komplett mit dem Hip-Hop-Producer und Rapper Easy Moo Be aufgenommen, mit Drum-Loops und Samples experimentiert. Er war spürbar noch nicht am Ende dieser Expedition angekommen, seine letzten Werke verströmten wieder die Aura von Faszination und Entdecken.

Wer die Musik von Miles Davis über die Jahre verfolgt hatte, spürte jedoch selbst in dieser späten und offenen Phase in jedem der sechs Stücke - mehr konnte er nicht mehr vollenden - die typische Attitüde und seinen kühlen Klang aus frühen Tagen. Zum Beispiel, als er den Bebop überwinden wollte und gemeinsam mit einer illustren Kollegentruppe gleichen Geistes den Cool Jazz aus der Taufe hob. Diese Spielart des Jazz führten Lee Konitz (Altsaxophon), Gerry Mulligan (Baritonsaxophon) oder Kai Winding (Posaune) später und dauerhaft zu breitem Erfolg.

Da bewegte sich Miles Davis schon wieder in ganz anderen Gefilden. Seine Aufnahmen von 1949 und 1950 hatten zunächst wenig Widerhall gefunden. Aber als Davis' Karriere 1957 Fahrt aufnahm, wurden sie unter dem Titel "Birth of the Cool" wiederveröffentlicht - heute ein Meilenstein der Jazzgeschichte. Schon damals war Miles Davis seiner Zeit weit voraus. Eben ein Leben lang "Miles Ahead".

insgesamt 10 Beiträge
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Frank Nitty, 28.09.2016
1. Das größte Talent war,
die richtigen Musiker zusammen zu führen und deren Qualitäten zu erkennen. So gut wie alle, die mit ihm auf der Bühne/Studio standen, machten danach eine Solo Kariere. Das hat es so nie wieder gegeben.
Papi Chulo, 28.09.2016
2. Wie Klischee
Alle plappern das selbe nach: Miles war der Beste, Coltrane auch, die Liste ist ewig lang mit diesen Behauptungen aber kann jemand - mit eigenen Worten - sinnvoll erklären wieso sie die besten sind? Wohl kaum. Deshalb bitte kein prätentiöses Nachgeplapper, sondern eigene Gedanken mit eigenen Worten fassen.
Popey Pope, 28.09.2016
3. Der Artikel
ist irgendwie vollkommen durcheinander. Dauernd wird in der Zeit hin- und hergesprungen. Wieso eigentlich immer "Bitches Brew"? Anderswo wird behauptet, Zappa's "Hot Rats" hätte den JazzRock erfunden. Ist "On The Corner" (1972) nicht das wichtigere Album? Das erscheint zumindest häufiger in irgendwelchen Retro-Besten-Listen. Und daß "doo-bop" noch irgendwie wichtig sein sollte, das wage ich zu bezweifeln. Die Sample-Beats sind weitgehend öde und fad, der Rap uninspiriert und darüber dann eher beiläufig die Trompete zu setzen, reine Formsache. Von Experimenten kaujm Spuren, und das war damals auch Konsens in den Gazetten. Da waren Gang Starr / Guru schon ein paar Schritte weiter.
Werner Ehrlich, 28.09.2016
4. @Papi Chulo
Alles Gerede ist eigentlich sinnlos - man muss die Platten einfach hören. Entweder kann man nachvollziehe, was daran so aufregend ist oder nicht. Dabei darf man nicht vergessen, WANN diese Platten aufgenommen wurden und was andere Musiker zu dieser Zeit so gemacht haben. Technisch gut ausgebildete Epigonen gab und gibt es immer, wenn man die vergleichen will... klar, heute kommt man per Klick im Onliner-Reisebüro schneller, bequemer und billiger nach Amerika als Kolumbus, der mit seiner Klapperkiste Wochen brauchte. Nur halt nicht als erster... Nur bei Miles' Spätphase kann ich der Begeisterung des Autors nicht folgen - der käsige Jazzrock mit Stern, Scofield und co klingt nicht mehr zeitlos, sondern einfach nur 80er. Und bei Doo-wop klingt es, als habe Davis nicht mehr gemacht, als schnell im Studio sein Standardrepertoire über irgendein fertiges Groove-Ding gespielt, mit dessen Entstehung er nichts zu tun gehabt hatte.
Mathias Lampert, 28.09.2016
5. Geschmackssache!
Davis' Einfluss auf den Jazz ist unbestritten. Aber ich sehe das eher wie Frank Nitty (s.o.). er hatte ein unheimlich gutes Gespür für seine Mitmusiker und musikalischen Strömungen, war richtungsweisend. Aber: mir persönlich gefällt sein Sound z.B. überhaupt nicht, deshalb zählt er für mich in der Riege der Jazz-Trompeter nicht zu den Favouriten. Geschmacksache eben.
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