Millennium-Bug Die Nacht, in der wir alle noch einmal davonkamen

Selten schien die Katastrophe so nah: Ein Fehler in der Digitaltechnik versetzte Ende 1999 Computer-Experten, Bürger und die britische Armee in Alarmbereitschaft. Frank Patalong versah seinen Dienst an der Medienfront - gerüstet für den unberechenbaren Glitch.

AP

Die Angst, dass uns allen der Himmel auf den Kopf fallen könnte, hat eine lange Tradition. Fröhliche Urstände feierte sie zuletzt zum Jahreswechsel 1999/2000. Würden all unsere kleinen elektronischen Helferlein den Geist aufgeben? Das Bangen darum führte zu einer die Apokalypse regelrecht beschwörenden Massen-, zumindest aber Medienhysterie.

Am 25. Dezember 1999 wurde der damals 22 Jahre junge Ying Vang aus Milwaukee zum ersten Opfer einer Bedrohung, die seit mehreren Jahren schon die IT-Welt, und den Rest von uns ab etwa September 1999 in Bann schlug: der "Millennium Glitch", auch Bug oder Wanze genannt. Und weil das eine so sperrig klang, wie das andere cool, wurde es früh verniedlicht zum Kosenamen y2k-Bug (y2k für "year 2 kilo", zu deutsch: Jahr 2000).

Bohnen, Benzin und Butangas

Ying Vang überlebte zum Glück mit nur leichten Verletzungen: Dem jungen Mann, der zum Jahrtausendwechsel felsenfest mit einem Rückfall in die Steinzeit gerechnet hatte, war sein sorgsam angelegter Vorratskeller um die Ohren geflogen. Dort hatte er nicht nur Bohnen, sondern auch Benzin und Butangas gehortet - der Mix erwies sich noch vor Silvester als explosiv und ungesund.

In Foren des Internet gab der Vorfall damals Anlass, intensiv über Lagermethoden für Brennstoffe zu debattieren, darüber was man wo bunkern sollte und was wo nicht. Nur selten vertrat jemand die Meinung, dass man die Lagerung von Benzin grundsätzlich am besten den Tankwarten überlassen sollte. Vorherrschend war die Furcht, dass am 1. Januar 2000 alle Zapfsäulen versagen könnten.

Chaos und Tod und Bürgerkrieg

Denn genau das war die düstere Vision. Aufgrund eines der Digitaltechnik immanenten Fehlers, warnten Experten, könnten elektronische Geräte am 1.1.2000 in Massen den Dienst verweigern oder irrationale Dinge tun. Zapfsäulen könnten streiken, Telekommunikationsnetze zusammenbrechen, Atomkraftwerke zur Kernschmelze kommen, Unruhen ausbrechen, Notstände erklärt werden, Chaos und Tod und Bürgerkrieg und ... - Armageddon schien selten so nah.

Die Medien griffen das Thema im großen Maßstab erst ab Herbst 1999 auf. Wir wühlten und recherchierten und versuchten zu erfassen, was einerseits bereits passierte und andererseits vielleicht passieren könnte. Aus Informatikern wurden binnen Wochen in allen Medien zitierte "Milleniumsexperten".

Party statt Hysterie

Selbst nüchterne Fachleute glaubten damals durchaus, dass der Welt mit dem y2k-Glitch zumindest eine die Strukturen der Wirtschaft erschütternde Krise bevorstehen könnte. Als Nachrichtenagenturen Mitte Dezember von Notfallplänen unter anderem in Großbritannien berichteten, die angeblich vorsahen, dass die Armee in der Nähe von Großstädten positioniert werden sollte, um eventuell aufflammende Unruhen einzudämmen, war es nur logisch, dass auch ich zum Telefon griff: Nein, versicherte man mir im Verteidigungsministerium gar nicht relaxed, sondern erst nach Nachfrage auf höchster Ebene, dann aber mit Nachdruck, es gäbe keine Pläne, die Bundeswehr gegen die Bundesbürger zum Einsatz zu bringen. Was andere Staaten in Europa planten, könne man nicht kommentieren.

Es wäre eine Verklärung der Situation, wenn man zurückblickend behaupten würde, wir alle wären vor dem magischen Datum in Hysterie verfallen und erst auf der rauschenden Millenniums-Party davon geheilt worden. Klar gab es Menschen, die das Gerede vom "y2k-Bug" nicht interessierte. Noch mehr gab es, die glaubten, all die religiösen Fanatiker sollten aus ihren klamm-kalten Bunkern kommen und lieber mitfeiern. Und natürlich gab es auch massenweise Fachleute, die rieten, erst einmal abzuwarten: So dicke werde das alles schon nicht kommen.

Nur so ganz sicher war sich vor dem 1.1.2000 da niemand.

"Schon abgestimmt, ob wir Silvester überleben werden?"

So riet uns auch Dieter Degler, damals Chefredakteur von SPIEGEL ONLINE, Anfang Dezember zur Vorsicht: Hier und da locker und galgenhumorig sollten wir mit dem Thema durchaus umgehen, eben nicht hysterisch, aber uns bloß nicht vor der Zeit darüber lustig machen. Kein Medium wollte sich zu früh endgültig festlegen und Entwarnung geben: Was, fragte mich Degler damals, wenn Du eine Glosse über die Hysterie veröffentlichst, und dann gibt es doch Tote?

Ein weiser Rat, wie ich bald einsah. Am 10. Dezember veröffentlichte ich den Artikel "Wer hat Angst vor y2k?", in dem ich zum einen Einkaufslisten für Notfallvorräte empfahl, dass Ganze aber gleichzeitig auf die Schippe nahm. "Schon abgestimmt, ob wir Silvester überleben werden?", hieß es in dem Artikel: "Im Web wimmelt es von 'Y2K-Umfragen'."

Denen konnte man zu diesem Zeitpunkt entnehmen, dass nur rund sieben Prozent aller Auskunftswilligen fest mit dem Ende der Welt rechneten. Das entspricht immerhin etwa dem Bevölkerungsanteil, der über Jahrzehnte der FDP das Überleben sichert. Weil aber das Zittern vor dem großen Daten-GAU irgendwie auch ein bisschen seltsam wirkte, dürften durchaus mehr als nur diese FDP-kleine Minderheit zu dieser Zeit Dosen gehortet haben, als sich hier offenbarten.

Endlich zeigt sich der Glitch

Dann kam sie, die Nacht der Nächte, als euphorischer Schwoof rund um den Globus. Produzierte Bilder aus Sydney und Berlin und Moskau und New York und nichts passierte, als dass sich Menschen prächtig amüsierten.

Kein Atomkraftwerk explodierte, kein Fehlalarm leitete den Atomkrieg ein, keine Zapfsäule versagte, kein Telekommunikationsnetz fiel aus, und auch Aliens sah man nur in Form euphorisch kreischender Menschen unter deutlichem Drogeneinfluss auf Massenpartys tanzen.

Das Ende der Welt blieb aus, die Apokalyptiker kamen aus ihren Löchern und bereiten seitdem den nächsten Weltuntergang vor, der Absatz von Bohnen und Butan sank für eine Weile - und endlich, endlich zeigte sich der Bug, der Glitch, der so befürchtete Milleniums-Fehler.

Neugeborene wurden zu Greisen, weil fehlerhafte Software sie mit dem Geburtsjahr 1900 verbuchte. Bankautomaten fielen aus, Banksoftware erhöhte Dispo-Kredite oder - nur zeitweilig - Guthaben, mitunter um Milliardensummen. Büchereien verschickten automatische Mahnungen wegen der Überziehung von Leihfristen um 100 Jahre. In zehn Atomkraftwerken fielen Uhren aus, in einem stellte eine elektronisch gesteuerte Tür den Dienst ein. Hier und da wurde nach und nach bekannt, hatte es zahlreiche kleine Fehler gegeben, die sich unter dem Strich tatsächlich zu erheblichen Schäden summierten.

Der verhinderte GAU

Nur, war das wirklich der Glitch oder sahen wir alle nur ausnahmsweise einmal ganz genau hin, machten quasi Inventur über den ganz alltäglichen IT-Wahnsinn?

Nicht ganz, sagen die Experten heute. Der Bug hat tatsächlich Milliardenschäden verursacht. Das Gros dieser Summen floss allerdings bereits, bevor der Fehler überhaupt auftreten konnte: Teils Jahre vor dem Jahreswechsel 1999/2000 hatten IT-Unternehmen damit begonnen, ihre Systeme auf Vordermann zu bringen und gegen Fehlfunktionen zu wappnen. Mit Erfolg, und möglicherweise hat das wirklich einen GAU verhindert. Ganz genau werden wir das nie wissen. Am Ende standen die, die am lautesten und grimmigsten gewarnt hatten, jedenfalls reichlich blamiert da.

Die Öffentlichkeit wandte sich - zumindest in FDP-Stärke peinlich berührt - vom Thema ab und hatte es schon fast vergessen, als der Bug Ende Februar 2000 doch noch einmal zuschlug: Weil er auch Auswirkungen auf die Datums-Zählung hatte, wenn er 2000 (ein Schaltjahr) als 1900 (kein Schaltjahr) las, stolperten betroffene Maschinen auch über den 29. Februar 2000.

Ein letztes Mal also produzierte der Millennium-Bug weltweit viele kleine Schlagzeilen: Mitte März etwa erhielt ein US-Autofahrer eine Kfz-Steuerforderung für die letzten 100 Jahre über 760.000 Dollar, berichteten die Nachrichtenagenturen. Natürlich ging die Sache für den wohl noch nicht einmal geschockten Fahrzeughalter so glimpflich aus, wie die meisten durch den Bug verursachten Störungen: Außer Spesen ist da wohl nichts gewesen.



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Seite 1
Chris Kurbjuhn, 02.01.2008
1.
Es gab eine Internetseite, die vom Millenium-Glitch betroffen war: http://www.nimoy2k.com. Auf dieser Seite verkaufte der Schauspieler Leonard Nimoy (ja, genau, Mr. Spock) Millenium-Glitch-Survival-Kits für ca. 200$ pro Stück (Kerzen, Decken, tragbarer Generator, was man halt so braucht, wenn alles zusammenbricht). Und genau diese Seite war am 1. 1. verschwunden.
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