Kuriose Tarnung im Weltkrieg Ein Schiff mit Inselbegabung

Einem niederländischen Minenräumboot gelang 1942 eine unglaubliche Flucht vor Japans Marine und Luftwaffe. Weil der couragierte Kapitän eine sehr gute Idee hatte.

Marinemuseum Den Helder

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Ein grünes Paradies, auf die Weltkarte gesprenkelt am Rand des Indischen Ozeans. Es ist überwuchert von Regenwald und Zigtausenden Pflanzenarten, vom Javanischen Edelweiß bis zu den meterhohen Blüten von Amorphophallus titanum. Die Natur der 17.508 Inseln Indonesiens ist einzigartig. Für wenige Tage war sie um ein Eiland reicher, das ein besonderes Geheimnis verbarg.

Bei genauem Hinsehen hätte man sie am Abend des 6. März 1942 auf dem Meer nahe Surabaya erspähen können: eine kleine Insel, 50 Meter lang, dicht bewachsen, mit einem Hügel in ihrer Mitte - und auf keiner Karte eingezeichnet. Merkwürdig auch, dass aus dem Dickicht auf dem Hügel Rauch aufstieg. Und dass die Insel sich bewegte. Erst unmerklich, dann schneller, immer die Küste entlang.

Aber in dieser Nacht fiel sie niemandem auf. Darum überlebten die niederländischen Soldaten, die sich ins Dickicht duckten und an Bord des getarnten Minenräumboots "Abraham Crijnssen" eine der denkwürdigsten Fluchten des Zweiten Weltkriegs wagten.

1000 Seemeilen durch Feindesgebiet

Gerade hatte das japanische Militär die jahrhundertelange Kolonialherrschaft der Niederländer über das damalige "Niederländisch-Indien" beendet, aus Interesse am strategischen Standpunkt und den Rohstoffen. Mit dem Angriff auf Pearl Harbor hatte Japan am 7. Dezember 1941 die auf Hawaii stationierten US-Streitkräfte gelähmt - und parallel eine Invasion in Südostasien gestartet. Gemeinsam mit den USA und Großbritannien stemmten die Niederlande sich dagegen, wurden aber bei der Schlacht in der Javasee am 27. Februar vernichtend geschlagen.

Alle alliierten Schiffe der Region waren nun zerstört oder auf der Flucht. Bis auf eine Handvoll Hilfsfahrzeuge in Soerabaja (heute: Surabaya) - zurückgelassen in einem gegen Invasoren schutzlosen Inselreich.

Eine Insel mit zwei Masten
NIMH

Eine Insel mit zwei Masten

Das Schiff "Abraham Crijnssen" war seit 1937 hier stationiert. Den Kommandanten Anthonie Van Miert hatte man Mitte Februar 1942 angewiesen, die Flucht nach Australien vorzubereiten; sie sei auf ein codiertes Signal hin sofort zu starten.

Wie genau Van Miert, 34, das Kunststück vollbringen sollte, fast 1000 Seemeilen durch das von der japanischen Marine und von Fliegern überwachte Meer lebendig zu durchqueren - das hatte man ihm nicht erläutert. Es schien wie ein Himmelfahrtskommando, zumal die "Crijnssen" sich mit ihrer dürftigen Bewaffnung kaum gegen Luftangriffe wehren konnte. Als Van Miert es seiner Besatzung überließ, wer die Flucht wagen wolle, ging ein Großteil der 46 Männer von Bord.

Das Warten wurde zermürbend: Wochenlang verharrte die Rest-Crew im Hafen, zerstörte vorsorglich die eigenen Militäranlagen, rekrutierte notdürftig neue Besatzung und nahm Zivilisten auf, die von Java fliehen wollten. Und weiter kein Fluchtsignal. Während andere Schiffe aus dem verlorenen Hafen aufbrachen, ließ Van Miert die "Crijnssen" sorgfältig mit Tarnnetzen behängen - und wartete. Selbst als nach der Niederlage in der Javasee immer noch kein Zeichen kam.

Getarnt als Mini-Insel

6. März 1942, endlich kommt der Rückzugsbefehl, hastig brechen die letzten Schiffe auf. Nur Van Miert nimmt sich Zeit: Er lässt sein Boot mit Bäumen, Ästen, Gestrüpp und Büschen ausstaffieren, bis es aussieht wie eine kleine Insel. Die wenigen unbedeckten Flecken streichen die Männer eilig in Tarnfarben. Der Effekt ist verblüffend: Wo vor Stunden noch die "Abraham Crijnssen" vertäut war, liegt nun ein schwimmender botanischer Garten, dem sein militärischer Ursprung kaum anzusehen ist.

Bis zum Abend wartet Van Miert. Erst um 21.30 Uhr tuckert die improvisierte Insel aus dem Hafen von Soerabaja und zieht im Schlepptau eine Segeljacht bis in die Straße von Madura mit. Nun ist die "Crijnssen" allein in völliger Dunkelheit, ohne Positionslichter, selbst die Bullaugen sind abgedeckt, um unsichtbar zu werden. Gut 50 Seemeilen schleichen die Niederländer in dieser Nacht ostwärts davon.

In den Morgenstunden erreichen sie Gili Radja. Auf dem winzigen Eiland vor der Südküste Maduras warten bereits alte Bekannte: die Minenräumboote "Jan Van Amstel" und "Eland Dubois", ebenfalls aus Soerabaja geflohen. Die Kapitäne tauschen sich aus, die Crew der beschädigten "Eland Dubois" geht an Bord der "Crijnssen". Zusammen mit der völlig ungetarnten "Jan Van Amstel" weiterfahren? Zu riskant, Van Miert lehnt ab und will hier auch nicht vor Anker bleiben. Zügig legt die "Crijnssen" wieder ab Richtung Nachbarinsel Giligenting.

Des Kommandanten Bauchgefühl erweist sich als richtig: Noch am Abend um 23.30 Uhr wird die "Van Amstel" vom japanischen Zerstörer "Arashio" versenkt. 21 Mann sterben.

Im Endspurt versiegt der Treibstoff

Knapp ist die "Crijnssen" entkommen, schlängelt sich vorsichtig an den Inseln Sapudi und Goa Goa vorbei und nördlich die Kangeaninseln entlang. Van Miert weiß, dass sein Schiff mit höchstens 15 Knoten chancenlos gegen die Japaner ist - und besinnt sich auf seine größte Stärke: Geduld. Nur nachts fahren die Männer, am frühen Morgen ankern sie vor Inseln und schlagen noch vor Sonnenaufgang frisches Grünzeug zur Tarnung ab, um den Tag über reglos zu verharren.

Als die Niederlande Japan am 9. März ihre Kapitulation erklären, befindet sich die "Crijnssen" noch in der feindlich kontrollierten Balisee. Nachts haben die Männer einen 100-Seemeilen-Sprung nach Soembawa (heute: Sumbawa) gewagt - und viel riskiert: Um Mitternacht tauchte auf See eine große Silhouette auf. Sofort änderte Van Miert den Kurs und schüttelte den unheimlichen Schatten ab. Doch die Nerven liegen nun blank. Morgens kundschaftet erst ein Motorboot Soembawas Küste aus, bevor die "Crijnssen" vor Anker geht.

Matrose oder Gärtner?
Marinemuseum Den Helder

Matrose oder Gärtner?

Sie haben Glück: Auf der ganzen Insel, so berichten Einheimische, sind keine japanischen Streitkräfte. Und seit vier Tagen wurde kein Flugzeug mehr gesichtet. Gute Voraussetzungen für die letzte Etappe, mehr als 500 Seemeilen übers offene Meer nach Australien. Ein letztes Mal lässt Van Miert neue Tarnfarbe auftragen. Mit der Abenddämmerung brechen sie auf, durch die Alas-Straße in den Indischen Ozean.

Just zum Endspurt geht ihnen die Puste aus, der Treibstoff wird knapp. Van Miert lässt auf zehn Knoten drosseln. Und so schippert die "Crijnssen" in gemächlichem Fahrradtempo Japans Jagdflugzeugen, Zerstörern und U-Booten davon.

Erst Tage später entdeckt ein Aufklärungsflugzeug der Royal Australian Air Force das Schiff 100 Seemeilen vor der australischen Küste treibend. Der Treibstoff hatte nicht gereicht. Am 15. März, nach neun Tagen auf scheinbar aussichtsloser Mission, wird die "Abraham Crijnssen" in den Hafen von Geraldton gezogen. Als letztes niederländisches Militärschiff, dem die Flucht von Java gelungen ist.

Für seinen Mut und Einfallsreichtum erhält Van Miert das niederländische Verdienstkreuz. Die "Crijnssen" wird Australiens Marine übergeben. Doch für einen Teil der Crew ist die Freude nur von kurzer Dauer - 24 von ihnen werden verpflichtet, unter australischem Kommando weiter auf dem Schiff zu dienen. Grund: Die Kollegen aus Down Under kommen mit den niederländischen Beschriftungen an Bord nicht zurecht.


Zum Autor
  • Danny Kringiel (Jahrgang 1977) fand 2010 zu einestages - nach Umwegen über Lehrerausbildung und Computerspiel-Doktorarbeit. Liebt seinen Bass, fürchtet kandierten Ingwer und hat den Gedanken an Gärtnerei nach dem langen Siechtod seiner ersten Zimmerpflanze (Ficus benjamina) dauerhaft verworfen.
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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Maya Uhde, 02.03.2016
1.
Das wäre doch mal ein spannender Filmstoff.
Ingo Meyer, 02.03.2016
2. Eine schöne Geschichte über die Wirkung von Camouflage....
....aber in diesem großen Weltkrieg doch sicher häufig passiert: Zu Wasser, in der Luft und vor allem auf dem Land.
Joachim Lehmann, 02.03.2016
3.
Interessante Geschichte. Gebe da Maya Uhde recht... Wäre was für einen Film. Und die Kulisse kann man ja sich immer noch abgucken, das Schiff ist Teil des Marinemuseums in Den Helder.
Wilfried Huthmacher, 02.03.2016
4. Wie ging es weiter mit Schiff und Besatzung im Krieg?
Haben sie überlebt?
D. Fense, 02.03.2016
5. Wie cool ist das denn...
Das erste Schiff mit waschechter Stealth-Technologie! Das hätte ich mir patentieren lassen, Kapitän Van Miert ! ;-)
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