Mini-U-Boote Himmelfahrtskommando unter Wasser

In den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs setzten Briten, Italiener, Japaner und Deutsche auf heimtückische Waffen: Mini-U-Boote und bemannte Torpedos. Diese waren kaum zu orten und konnten so ihre tödliche Fracht unbemerkt ans Ziel bringen. Dennoch - mörderisch waren sie am Ende meist nur für die eigene Crew.

CORBIS

Die Besucher kamen von unten, unangemeldet und pitschnass. "Hast du schon mal einen Engländer gesehen?", fragte der deutsche Seemann einen Kameraden, "da steh'n im Moment vier draußen vor der Bude des Wachtmeisters."

Am Morgen des 22. September 1943 kletterten vier britische Marinesoldaten auf das Deck des deutschen Schlachtschiffs "Tirpitz", Schwesterschiff der "Bismarck" und Stolz der deutschen Flotte. Ihr Transportmittel, das Klein-U-Boot "X 6", hatten die Briten selbst versenkt - nachdem sie zwei Minen unter dem Rumpf der "Tirpitz" platziert hatten.

Vorbei an Patrouillenbooten, Unterwassermikrofonen, Minensperren und Sperrnetzen, in denen die "Tirpitz" als schwimmende Artilleriefestung im norwegischen Kåfjord wie in einem Schutzkäfig stationiert war, brachten sie ihre tödliche Fracht ins Ziel. Ein tollkühnes Unterfangen, das nur wenige Minuten später auch ihren Kameraden eines weiteren Klein-U-Bootes gelang.

Himmelfahrtskommando unter Wasser

Um 10.12 Uhr Bordzeit entfesselten Zeitzünder die verheerende Wirkung der Minen. Im Bauch des Schlachtschiffs rissen Metallwände, Turbinenlager und Maschinenfundamente verformten sich. An Deck hob die Explosionswucht die vier jeweils gut tausend Tonnen schweren Geschütztürme der 38-Zentimeter-Artillerie aus ihren Lagern. Sechs Monate schufteten anschließend Hunderte deutscher Werftarbeiter, um die Schäden an der "Tirpitz" zu beheben.

Englands Admiralität feierte später den Angriff der X-Boot-"Gentlemen" auf das gefürchtete Schlachtschiff als eine "der tapfersten Taten aller Zeiten". Der spektakulärste Einsatz unter den Attacken bemannter Torpedos oder von Mini-U-Booten im Zweiten Weltkrieg war das Kommando-Unternehmen zweifellos.

Vier Nationen setzten im Zweiten Weltkrieg auf diese eher krude Waffe: Italiener und Japaner hofften so, den überlegenen Seekriegsmächten Britannien und USA beikommen zu können, Briten und Deutsche zogen nach. Nachdem die Royal Navy die Schlagkraft der italienischen Unterwasserwaffen im Mittelmeer am eigenen Leib erfahren musste, nutzten die Briten bei der Jagd auf die in norwegischen Fjorden nahezu unangreifbare "Tirpitz" die schwer zu ortenden Mini-Boote, um sich dem Giganten unbemerkt zu nähern. Geweckt vom Angriff auf ihr Schlachtschiff freundete sich 1944 dann auch die deutsche Marineführung mit der lange verschmähten Waffe an.

Auf Feindfahrt im "klammen Tod"

Für die Crews der tauchenden Bomben bedeutete jeder Einsatz enorme physische und psychische Belastungen. Eingezwängt in stählerne Konservendosen, verbrachten sie Dutzende von Stunden, manchmal gar Tage auf Feindfahrt. Die Männer schliefen im Sitzen oder eingerollt um ihre Seerohre. Gab es sogenannte Pumpklos, wie sie beispielsweise die Boote der britischen "X"-Klasse führten, ergoss sich deren Fracht oft genug ins Bootsinnere statt über Ventile in die umgebende See.

Und obwohl schon der Kampfeinsatz in einem der geschlossenen Mini-U-Boote einem Höllenritt glich - es gab noch eine Steigerung. Auf Konstruktionen wie den britischen "Chariot" ritten Kampfschwimmer nur von einem Tauchanzug geschützt auf einem mit einer Steuerkonsole versehenen Torpedo durch die Tiefe. Den Anzug nannten die Elitesoldaten spöttisch "Clammy Death", der "klamme Tod". Seidenunterwäsche bewahrte den Körper notdürftig vor Unterkühlung. Für die Hände fehlte ein brauchbarer Schutz - eine Schicht Vaseline zögerte die Starre der Gliedmaße hinaus.

Ruhm war nur wenigen der Hasadeure beschieden, der Tod ihr steter Begleiteter. Bildeten Italiener, Japaner und Briten noch eine Elite für die Einsätze aus, so setzte die Reichsmarine schon nicht mehr auf die Fitten und Belastbaren. Ins nasse Gefecht zogen zumeist sogenannte "Opferkämpfer", wie Großadmiral Karl Dönitz sie nannte - schlecht ausgebildete und meist blutjunge Soldaten.

Verehrung als Kriegsgötter

Manch Überlebender der Himmelfahrtkommandos mag seine toten Kameraden trotzdem beneidet haben. Kazuo Sakamaki war vermutlich einer von ihnen. Der Leutnant zur See gehörte zu zehn Auserwählten, die in fünf "Ko-Hyoteki" ("Zielscheibe") Mini-U-Booten am 7. Dezember 1941 die amerikanische Pazifikflotte in Pearl Harbour angreifen sollten. Zwar gelten für Experten die "Ko-Hyoteki" als die wohl besten Klein-U-Boote des Zweiten Weltkriegs. Die in sie gesetzte Hoffnung, die US-Flotte im Pazifik schwächen zu können, erfüllten die "Zielscheiben" indes nicht. Eines der Boote wurde durch Wasserbomben zerstört, drei sanken samt Crew im Hafenbecken von Pearl Harbour. Das fünfte, unter dem Kommando von Sakamaki, havarierte auf einer Untiefe. Während sein Co-Pilot ertrank, rettete sich der Leutnant an Land. Er war der erste japanische Kriegsgefangene der USA - und in der Heimat eine Unperson. Wurden seine gefallenen Kameraden postum als Kriegsgötter geehrt, so widerfuhr Sakamaki höchste Schmach: Japan betrachtete ihn als nicht existent.

Verwunderung über den Rückstand der Nazis

Am erfolgreichsten setzten Italiener ihre tauchenden Kampfmittel, vornehmlich bemannte "Maiale"-Torpedos, ein. Bis zum September 1943 versenkten Kampfschwimmer der Elite-Einheit "Decima MAS" zwischen Alexandria und Gibraltar vier Kriegsschiffe und 27 Handelsschiffe mit insgesamt 265.352 Bruttoregistertonnen. Der Ruf der Decima-MAS-Kommandos war auch im Hitler-Reich exzellent - allerdings beruhte der Respekt nicht auf Gegenseitigkeit. Im Sommer 1942 wohnte Fregattenkapitän J.V. Borghese, Kommandeur der Decima MAS, der Ausbildung deutscher Kampfschwimmer bei. Sein Urteil war vernichtend: "Sie besaßen noch nichts, was sich mit unseren bemannten Torpedos und Haftladungen vergleichen ließ."

Als dann die Zeit kam, "rasch einen ganzen Kampfverband mit neuartigen Kampfmitteln aufzustellen", wie Großadmiral Dönitz im März 1944 forderte, stand die Invasion alliierter Truppen in der Normandie unmittelbar bevor. Bis dahin galt die Einschätzung des Marine-Oberkommandos vom Januar 1942: Sie hielt kleine U-Boote für nicht "frontverwendungsfähig", weil sie "mit zwei Torpedos an Bord einen zu kleinen Waffenträger" darstellen und es "bei schlechtem Wetter im Seegang" kaum eine Einsatzmöglichkeit gibt.

Die drohende Niederlage führte dann zum "K-Verband" der Klein-U-Boote. Im schleswig-holsteinischen Eckernförde entwickelte Techniker Richard Mohr einen bemannten Torpedo - den die Marine "Neger" taufte. Auf norddeutschen Werften entstanden in rascher Folge Klein-U-Boote mit Ein- oder Zweimann-Besatzung wie "Molch", "Marder", "Hecht", "Biber", "Seeteufel" und "Seehund".

Zumeist erfüllten die Kampfboote die wichtigsten Kriterien nicht: schnelle Unterwasserfahrt und ausreichende Reichweite für die Schleichfahrt zum Feind. Stattdessen waren sie unter Wasser notorisch schwierig zu steuern und wurden von Kompass-Problemen geplagt.

Verluste wie bei Kamikaze-Piloten

Als die ersten "Marder"-Verbände nach der Landung der Allierten in der Normandie im Juni 1944 ausrückten, erlitten sie hohe Verluste. Im Juli 1944 etwa gingen 21 "Marder" im Ärmelkanal auf Feindfahrt. Keines der Mini-U-Boote kehrte zurück. Die Briten beklagten lediglich den Verlust eines Minensuchbootes.

Vom "Marder"-Vorläufer "Neger" kamen vom März 1944 an 200 Stück zum Einsatz. Sie versenkten kleinere Kriegsschiffe und beschädigten im Juni 1944 den polnischen Kreuzer "ORP Dragon" schwer. Die bescheidenen Erfolge bezahlten etwa 80 Prozent der "Neger"-Piloten mit dem Leben.

Ende 1944 sollten dann "Biber" und "Molche" Schrecken unter alliierten Schiffen in Nordsee und Ärmelkanal verbreiten. Wieder waren zumeist die Ein-Mann-Crews das Opfer. Als "Selbstmord-Einsätze" bezeichnete die Marineführung die Feindfahrten. In wenigen Wochen gingen 52 "Biber" verloren. Einziger Erfolg - die Versenkung eines Handelsschiffes.

Als letzte der vermeintlichen Wunderwaffen zogen vom 1. Januar bis zum 28. April 1945 die "Seehunde" aus. Technisch das anspruchvollste der deutschen Klein-U-Boote, gelang es 142 der Jäger, neun Schiffe mit insgesamt 18.451 Bruttoregistertonnen zu versenken. 35 "Seehund"-Crews blieben auf See.

Seekriegshistoriker halten den Einsatz des deutschen K-Verbandes für ein Fiasko. "Die Verluste an Menschenleben", urteilt etwa der Brite Paul Kemp, "können nur noch mit jenen der japanischen 'Kamikaze' verglichen werden."



insgesamt 3 Beiträge
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Christoph Blase, 07.12.2009
1.
Guten Tag, vielen Dank für diesen interessanten Beitrag. Zwei kleine Anmerkungen. Müsste es nicht Kriegsmarine statt Reichsmarine heißen und zeigt das Bild 12 wirklich ein Kleinst-U-Boot oder eher einen sogenannten "Einbaum" der U-Boot-Klasse II, wobei die Monturen fast eher nach 1. Weltkrieg aussehen. Herzliche Grüße aus Berlin
Florian Geier, 12.12.2009
2.
Um die hohen Verluste der deutschen Kleinkampfverbände angemessen zu bewerten, sollte man auch den Kontext berücksichtigen. Das heißt, daß alles außer einem deutschen Erfolg, so unerreichbar er nach der Invasion in der Normandie auch schien, einfach unvorstellbar war wegen des dann sicheren Untergangs Deutschlands. Von der Erkenntnis, im Konflikt mit Stalin auf die Deutschen angewiesen zu sein, waren die Westallierten damals noch weit entfernt, Stichwort Morgenthau-Plan.
Michael Möller, 03.03.2015
3.
Zum Bild 9: ---Zitat--- Platz für vier Navy-Offiziere: Das britische Kleinstunterseeboot "XE-7" ergänzt die Atlantikflotte der U.S. Navy. Hier ist eine "XE-7" am 30. August 1950 vor der Küste Virginias zu sehen. ---Zitatende--- Das britische Kleinstunterseeboot XE-7 "ergänzte" nicht die US-Navy, sondern war im Sommer 1950 'zu Besuch' in den USA und wurde dabei von der Navy getestet. Siehe Norman Friedmann; U.S. Submarines Since 1945: An Illustrated Design History; U.S. Naval Institute - Annapolis; 1994 S. 220. Weiterhin ist XE-7 der Name eines Bootes der XE-Klasse, damit wäre es korrekt 'Hier ist die "XE-7"...' anstelle von 'eine XE-7'
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