Minilaster Piaggio Ape Die Blech-Biene

Minilaster Piaggio Ape: Die Blech-Biene Fotos
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Seit 1948 ist Piaggios Ape das Lieblingsgefährt italienischer Pizzabäcker und Lieferanten. In Deutschland ist der Kleinstlaster eher selten - dabei taugt er durchaus als urtümliches Spaßmobil. Von

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Wo ist hier bloß der Rückwärtsgang? Hat die Ape überhaupt einen? Ja, sie hat: Während die linke Hand den Kupplungshebel heranzieht, muss die rechte einen schwarzen Metallstab umfassen, der roh aus dem Fahrzeugboden ragt. Dann die Beine gegen die Kabinenfront stemmen, den Oberkörper nach hinten werfen und schon rastet la marcia indietro ein. Dazu gibt das unsynchronisierte Getriebe ein hässliches Krachen von sich. Aber keine Sorge, das ist ganz normal.

Piaggios Kleinstlaster Ape (Biene) ist ein urtümliches Gefährt, 1948 von Enrico Piaggio und dem Flugzeugingenieur Corradino d'Ascanio als preiswertes Transportfahrzeug für das boomende Nachkriegsitalien ersonnen. Auf Schnickschnack verzichtete die Rollerfirma - billig sollte das Lieferantenpendant der Vespa (Wespe) stattdessen sein um mühelos durch verwinkelte römische Gassen zu steuern. "Bis heute ist das Grunddesign im wesentlichen unverändert geblieben", sagt Unternehmenssprecher Wolfgang Witzani.

In der Tat. Die Ape besitzt weder Heizung, noch Radio. Der Fahrersitz ist nicht verstellbar. Das Dreirad ist im Prinzip nur ein schnöder Fünfziger-Roller, der mit Blech ummantelt wurde. Das Interieur ist spartanisch, die Motorleistung überschaubar: Ein Zweitakter mit 49,8 Kubikzentimeter beschleunigt die Biene auf bestenfalls 40 km/h, fettleibige Fahrer müssen sich mit weniger Schub begnügen.

Das tut dem Fahrspaß jedoch keinen Abbruch, im Gegenteil. Selten ist man Fahrzeug und Straße so nah wie beim Ape-Fahren. Jeder Schlag des Hamburger Kopfsteinpflasters geht direkt in die Knochen, jeder Gangwechsel ist wie ein Tritt ins Kreuz. Dank der geringen Breite (knapp 1,30 Meter) und dem winzigen Wendekreis zirkelt man auch mit Höchstgeschwindigkeit mühelos durch schmale Straßen. Die Ape zuckelt dahin, fühlt sich aber mächtig schnell an. Es ist ein bisschen wie Trabi fahren.

Anfangs stehen einem die Schweißperlen auf der Stirn, denn die Ape verlangt vor allem im Abendverkehr Koordinationsfähigkeit. Das unsynchronisierte Getriebe ist zickig, die Fußbremse beißfaul. Erschwerend kommt hinzu, dass mangels Cockpitbeleuchtung alle Verrichtungen im Halbdunkel stattfinden müssen. Das stresst den ungeübten Fahrer. Später gewöhnt man sich daran.

Platz für den Irren in der knatternden Kiste

Weil der Lasten-Kasten breiter ist als die Vorderkabine, sieht man beim Höllenritt mit der Ape nicht allzu viel von dem, was die anderen auf der Straße so treiben. Da hilft nur italienische Gelassenheit. Außerdem ist die Ape im deutschen Straßenbild derart selten, das die anderen Verkehrsteilnehmer ohnehin ganz von selbst auf das wunderliche Gefährt achten. Überhören kann man den knatternden Zweitakter ohnehin nicht.

Eine Testfahrt im Hamburger Innenstadtverkehr zeigt: Selbst tonnenschwere Geländewagen bremsen vorsorglich ab, wenn eine Ape ihren Weg kreuzt. Das Verhalten ähnelt jenem von muskelbepackten Bodybuildern, die einem drahtigen kleinen Typen ausweichen, der ihnen entgegentorkelt und irgendwie nach Ärger aussieht. Auch der Piaggio-Laster signalisiert: Achtung, hier kommt ein bereifter Irrer. Also aufgepasst, denn wer sich freiwillig mit so einem Gefährt in die Rushhour begibt, dem ist vermutlich alles egal.

Connaisseure kalauern, nur drei Berufsgruppen könnten mit der Ape etwas anfangen: Pizzafahrer (weil sie Italiener sind), Friedhofsgärtner (weil sie enge Wege befahren müssen) und Alkoholiker (weil sie keinen Pkw-Führerschein mehr haben). Doch auch für alle anderen ist Piaggios Ape interessant. Da ist zunächst das Finanzielle. 4474 Euro kostet die auch als Pickup erhältliche Ape. Dank des Fünfziger-Motors darf man mit Versicherungskennzeichen fahren, was lediglich 100 Euro im Jahr kostet.

Für so wenig Geld bekommt der Ape-Pilot viel Coolness-Faktor. Wo die Biene auftaucht, steht sie im Mittelpunkt. Passanten gaffen. Frauen kreischen. Porschefahrer weinen. Wer in seiner Ape durch In-Viertel wie die Schanze oder den Prenzlauer Berg knattert, kann sich seiner Rolle als Trendsetter sicher sein. Er darf Pkw-Normalos mit mitleidigen Blicken abkanzeln. Die armen Würstchen müssen schließlich Mini oder BMW Z8 fahren und das auch noch langsam - zumindest, solange sie eine Ape vor der Nase haben.

Für Fahrten jenseits des Fünf-Kilometer-Radius ist die Ape nichts. Doch wer sein Auto ohnehin nur zum Supermarkt und zurück bewegt, dem mag das kleine Laster ausreichen. In den Kofferraum des Kastenwagens passen ungefähr 1500 Liter, also genauso viel wie in die Kombiversion der Mercedes C-Klasse. Ab 200 Kilo wird es allerdings heikel. Ob die Zuladung zu heavy ist, prüft man am besten auf die italienische Weise: Wenn sich die Hinterräder mehr als 20 Grad neigen, ist die Fuhre voll.

Thomas Hillenbrand

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 21.11.2007

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