Ein Song und seine Geschichte Wie Miriam Makeba den Afropop erfand

"Pata Pata" war ein echter Welthit und machte Miriam Makeba 1967 zum Star, zu "Mama Afrika", später zu "Uroma Afrika". Es war auch ihr letzter Song, als sie vor zehn Jahren auf der Bühne zusammenbrach und starb.

imago/ Gallo Images

Von


Die Sechzigerjahre waren das Jahrzehnt des Aufbruchs für einen ganzen Kontinent, und diese Sängerin war so etwas wie seine Sonderbotschafterin. Allein 1960 schüttelten von Kamerun bis Kongo 18 Staaten die Ketten des Kolonialismus ab, zahlreiche weitere wurden in den folgenden Jahren unabhängig. Derweil hielt Südafrika noch lange an der Apartheid fest, der gewaltsamen Unterdrückung der schwarzen Mehrheit durch die weiße Minderheit.

Der größte internationale Star aber war bereits seit 1959 außer Landes. Die Sängerin durfte nicht mehr zurück nach Südafrika und wurde in den USA berühmt. Bald nannte man sie "Mama Afrika". Ihr voller Name, so viel Zeit muss sein: Zenzile Makeba Qgwashu Nguvama Yiketheli Nxgowa Bantana Balomzi Xa Ufun Ubajabulisa Ubaphekeli Mbiza Yotshwala Sithi Xa Saku Qgiba Ukutja Sithathe Izitsha Sizi Khabe Singama Lawu Singama Qgwashu Singama Nqamla Nqgithi.

Das passt schlecht auf Konzertplakate und ist auch für zungenfertige Radiomoderatoren unaussprechlich - die Welt kennt sie als Miriam Makeba. Vor allem durch diesen einen großen Hit: "Pata Pata" stürmte 1967 und 1968 in vielen Ländern die Charts. Zuvor war sie bereits mit den wichtigsten Jazzgrößen der USA aufgetreten.

So sang sie 1962 zum Geburtstag von John F. Kennedy im Madison Square Garden "Wimoweh (The Lion Sleeps Tonight)", gleich nachdem Marilyn Monroe im hautengen Kleid lasziv ihr "Happy Birthday" gehaucht hatte". "Ich bin so stolz, dass Sie zu meinem Fest gekommen sind", bedankte sich JFK bei Makeba. Und 1964 forderte sie in einer flammenden Rede vor der Uno-Vollversammlung den Boykott Südafrikas.

Pionierin der Weltmusik

Miriam Makeba kämpfte ihr Leben lang gegen die Unterdrückung der Schwarzen. In vielen ihrer Songs geht es um den Alltag in den Townships und soziales Unrecht. "Pata Pata" aber handelt nicht von Politik, nur von einem in Johannesburg populären Tanz der Fünfzigerjahre; "Pata" steht für Berührung. Makeba sang in ihrer Muttersprache Xhosa, mit einigen eingestreuten Zeilen auf Englisch. Nett, harmlos, gefällig, mal klar und glockenhell, mal tiefer.

Es ist aber auch ein Ohrwurm sondergleichen. Eine ausgelassene Township-Tanznummer, jederzeit geeignet als Antidepressivum und überhaupt nicht verschreibungspflichtig, mit Eisbrecherqualitäten bei lahmenden Partys der Sechziger- bis mindestens in die Achtzigerjahre. Und es ist ein echtes Stück Weltmusik: der erste große internationale Hit des Afropop.

Fotostrecke

27  Bilder
Miriam Makebas Welthit "Pata Pata": "Ich mag diesen Song nicht"

"Pata Pata" war die Krönung einer außergewöhnlichen Karriere. Geboren wurde Miriam Makeba am 4. März 1932 in einer der vielen Armensiedlungen von Johannesburg. Das Baby war gerade 18 Tage alt, als es mit der Mutter für ein halbes Jahr ins Gefängnis kam - man hatte Zenzi Makeba beim illegalen Bierbrauen erwischt.

Die junge Miriam sang im Schul- und Kirchenchor. Sie musste früh die Schule abbrechen, um als Hausmädchen Geld zu verdienen. Bereits mit 17 wurde sie schwanger, heiratete zum ersten Mal und brachte ihre einzige Tochter Bongi zur Welt. Bald brillierte das Gesangstalent auf der Bühne. Mit den Cuban Brothers, ab 1953 mit der Jazzband Manhattan Brothers, dann mit ihrer sehr erfolgreichen Frauengruppe The Skylarks alias The Sunbeams - 1959 hatte sie bereits Star-Status in Südafrika, als sie im Film "Come Back, Africa" auftrat.

Traumduo mit Harry Belafonte

Nach zwei kurzen Gesangsparts in der Anti-Apartheid-Doku wurde ihr die Rückkehr verweigert. "Ich habe niemanden geschlagen - warum darf ich dann nicht in meine Heimat zurück?", sagte sie. Harry Belafonte, großer Sänger und Schauspieler, wurde ihr Mentor und Türöffner in den USA. Zusammen erhielten sie einen Grammy; an seiner Seite wurde Miriam Makeba selbst zum Star.

Man nannte sie nun, mit 35, "Mama Africa". Zu diesem Beinamen dachte sie: "Ich kann doch nicht ganz Afrika auf meinen Schultern tragen, das ist zu schwer für mich", so Makeba in einem "taz"-Interview 2004. "Dann wurde mir klar, was für ein Kompliment das war."

Jahrelang war sie in den Vereinigten Staaten Everybody's Darling und als erste afrikanische Sängerin hoch oben in den Charts, eine Stilikone dazu, mit ihrem Afro-Look und der Kurzhaarfrisur. Mitte der Sechzigerjahre war Miriam Makeba noch mit dem virtuosen Trompeter Hugh Masekela verheiratet, der sie schon als Teenager kannte und als ANC-Anhänger ebenfalls Südafrika hatte verlassen müssen. Kurz nach ihrem Riesenerfolg mit "Pata Pata" endete der Höhenflug jäh - wegen ihrer Hochzeit mit Stokely Carmichael 1968.

Der radikale Bürgerrechtler und "Black Panther"-Aktivist galt in den USA als Public Enemy. Die Folgen für Makeba: abgesagte Konzerte, gekündigte Plattenverträge, die Hit-Single "Pata Pata" aus den Regalen geräumt - und das FBI war ihr auf den Fersen. "Sie wollten mich töten, künstlerisch. Aber sie haben es nicht geschafft", erinnerte sie sich in der "Stuttgarter Zeitung" zu ihrem 70. Geburtstag. "Ich lebe noch, ich singe noch wie ein Vogel. Vielleicht sogar besser als je zuvor."

Erst umjubelt, dann fortgejagt

Miriam Makeba verließ die USA. Gleich neun Staaten boten ihr einen Ehrenpass. Sie entschied sich zunächst für Guinea, als Diktator Sékou Touré sie umgarnte. Von dort aus reiste sie als Botschafterin in alle Welt und sprach zwei weitere Male vor der Uno.

Bei Konzerten sang Makeba meist Songs aus ihrer Heimat, Folk und Jazz, auch Bossa Nova oder mal Beatles-Songs - eine vielsprachige echte Weltmusikerin, die selbst zur Mentorin afrikanischer Kollegen wurde. Zu ihren großen Auftritten zählte das Kinshasa-Konzert 1974, mit James Brown und Blueslegende B.B. King im Begleitprogramm zu "Rumble in the Jungle", dem Boxspektakel von Muhammad Ali gegen George Foreman.

In den Achtzigerjahren wurde es stiller um Makeba. Nach dem Tod ihrer Tochter Bongi 1985 zog sie nach Belgien; zwei Jahre später ging sie mit Hugh Masekela auf die große "Graceland"-Tournee von Paul Simon. Und natürlich war sie 1988 beim gigantischen, weltweit übertragenen Soli-Konzert für Nelson Mandela dabei, der jahrzehntelang auf Robben Island eingekerkert war. Musik spielte beim Kampf gegen die Apartheid am Kap stets eine Riesenrolle, von Peter Gabriels "Biko" (1980) bis zu "Free Nelson Mandela" von The Specials A.K.A. (1984).

1990 kam Mandela endlich frei - und sagte Miriam Makeba sofort, sie solle nach Hause kommen. Nach drei Jahrzehnten im Exil konnte die in jeder Hinsicht stimmgewaltige Musikerin, die man nicht einmal zur Beerdigung ihrer Mutter einreisen ließ, endlich zurück nach Johannesburg und genoss es. Sie gründete eine eigene Hilfsorganisation, sang und tanzte bei vielen Tourneen und Festivals, immer noch mit ihrer warmen und kraftvollen Stimme, mit unverwüstlichem Charisma. Und stets mit "Pata Pata".

"Ich singe nur Lieder"

Dazu lasse sich "schön tanzen, weiter nichts", fand Makeba und sagte in Mika Kaurismäkis Doku "Mama Africa" unverblümt: "Ich mag diesen Song nicht". Ihr anderer US-Hit "The Click Song", ein Hochzeitslied mit Schnalzlauten ihrer Muttersprache Xhosa, war Makeba viel näher, ebenso Protestsongs wie "Kahwuleza" oder das spätere "Masakana", in dem es um Versöhnung in Südafrika ging.

Sie wusste jedoch: "Ich kann nirgendwo ohne diese Lieder auftreten", da gehe es ihr wie Harry Belafonte mit seinem "Banana Boat" - manchmal "ermüdend, aber die Leute haben ein Recht darauf, wir sind schließlich nichts ohne unser Publikum".

Makeba nahm "Pata Pata" im Jahr 2000 auch poppiger mit Hip-Hop-Beats auf; Enkelin Zenzi Lee sang im Chor mit. Stets sei es ihr nur um das Leben "im wahren Afrika" gegangen - "wenn das schon Politik ist, ist es schlimm um die Verhältnisse bestellt. Ich singe nur Lieder".

Ihr alter Weggefährte Hugh Masekela sah das ganz anders: "Niemand hat härter für Afrika gearbeitet als Miriam Makeba. Sie ist die afrikanische Schutzpatronin, und sie ist zugleich die größte Sängerin, die ich je gehört habe", sagte er der "Stuttgarter Zeitung".

2006 absolvierte Makeba, nunmehr "Uroma Afrika" und von Arthritis geplagt, ihre Abschiedstournee. Aber wenn es um eine gute Sache ging, war sie auch danach noch leicht zu überzeugen. "Ich werde singen, bis ich sterbe", sagte sie einmal.

Genau so kam es.

Am 9. November sang Makeba bei einem Benefizkonzert für den Anti-Mafia-Autor Roberto Saviano, in Castel Volturno nahe Neapel. Bei ihren Zugaben riefen die Zuhörer nach "Pata Pata". Einmal noch erfüllte die 76-Jährige den Wunsch, fühlte sich danach unwohl und brach zusammen, als sie die Bühne verlassen wollte - Herzinfarkt. Alle Wiederbelebungsversuche auch in der nahen Klinik waren vergebens, gegen Mitternacht gaben die Ärzte auf. Miriam Makebas großes Herz, es hatte für immer aufgehört zu schlagen.

zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.