Mode der Achtziger Ein Blusenwunder namens Thatcher

Mode der Achtziger: Ein Blusenwunder namens Thatcher Fotos
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Neon-Schweißbänder, Schulterpolster, Röhrenjeans: Die Achtziger waren ein Jahrzehnt irrer modischer Entgleisungen. Schade, dass ihnen kein richtiges Comeback gelingt - schließlich hatte das ästhetische Grauen eine wichtige Tugend im Gepäck: Selbstironie. Von Daniel Haas

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Wenn dich die "Vogue" auf die Titelseite hebt, bist du, zumindest was Modefragen angeht, eine verbindliche Größe. So geschehen mit Calvin Broadus alias Snoop Dog. Die italienische Ausgabe des Fashion-Magazins präsentierte den Rapper im edlen Anzug, flankiert von einem Windhundgespann. Auf diese Weise werden Dandys in Szene gesetzt, und tatsächlich ist Snoop eine Stilikone, weit über die Grenzen des HipHop hinaus.

So jemand kann sich, wie im Video zum aktuellen Hit "Sexual Seduction", auch im Disco-Anzug zeigen, auf dem Kopf ein Borsalino-Hütchen, vor dem Bauch ein weiß lackiertes Umhängekeyboard. Alles Insignien der achtziger Jahre, die der Popstar heute mit viel Ironie zum popkulturellen Outfit montiert.

Was im HipHop-Clip noch einmal für Überraschungseffekte sorgt, ist in der Modebranche schon fast wieder ein alter Hut. In der Damenmode sind die Achtziger weitgehend passé. Statt Röhrenjeans und Leggins trägt Frau diese Saison Marlene-Dietrich-Hose. Die Schulterpolster werden ersetzt durch schmale Tops, Higheels machen den zuletzt angesagten Ballerinas Beine. Unten breit, oben schmal, das Ganze um ein paar ordentliche Zentimeter aufgestockt: dieses Erscheinungsbild kehrt die V-Form der Achtziger-Jahre-Mode um.

Der weibliche Sockel

Herauskommt eine Sockelgestalt, zu der man aufschauen kann; suggeriert wird perspektivisch der Blick von unten auf eine sich aufrichtende, ja überragende Weiblichkeit. Das passt gut zum gegenwärtigen Bewunderungsklima, wo allerorts von Alpha-Mädchen und einem neuen Feminismus die Rede ist. Nur dass die realen Verhältnisse dann doch ein wenig anders aussehen - man muss nur einmal die Lohnverteilung oder Aufstiegschancen bei den Geschlechtern vergleichen.

Wirklich mächtige Frauen achten auf die dezente Linie und gleichen sich den Männern in Modefragen an. Vor allem der Hosenanzug bestimmt das Bild, die "optische Reduit-Lösung für stürmische Zeiten", wie ein Kritiker der "Neuen Zürcher Zeitung" schrieb. "Ganz ohne Ecken und Kanten, an denen sich der Gegner festkrallen könnte."


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Ausgerechnet für diesen Look hat sich Hilary Clinton gerade einen Rüffel von höchster Stelle eingefangen. Anna Wintour, legendäre Chefredakteurin der amerikanischen "Vogue", unkte, Margaret Thatcher habe großartig in einem Hosenanzug ausgesehen. "Aber das war vor 20 Jahren." Was Clinton also fehlte, war Ironie. Sie trug das Ensemble ohne Augenzwinkern, wie Margaret Thatcher ganz unironisch jene seidenen Ärmelbündchen-Blusen trug, denen Marc Jacobs 2004 zu einem Comeback verhalf.

"It's all about finding Margaret Thatcher sexy", sagte der Designer damals, und aus diesem Motto spricht nicht nur die Chuzpe junger Modemacher, es ist auch ein Schlüssel zu einer Form popkultureller Vergangenheitsbewältigung. Was machte die achtziger Jahre aus?

Glitzerhemd und Zuhälter-Anzug

Man kann versuchen, das über eine historische Rekonstruktion zu klären. Erzählen, wie sich an die turbulenten Siebziger eine Phase der Konsolidierung anschließt, mit dominanten Führungspersönlichkeiten wie Thatcher, Reagan, Kohl. Wie diese auf Kontinuität setzende Politik kontrastiert wird von den tiefgreifenden Veränderungen im Osten, durch Solidarnosc und Gorbatschows Perestroika. Und wie - trotz Tschernobyl und Öko-Ängsten - , ein immenser Fortschrittsoptimismus um sich greift, zu dem die Entwicklung neuer Technologien entscheidend beitragen.

Im selben Zeitraum veränderten nämlich Computer, Video und Privatfernsehen die Alltagswelt in ungeahntem Maße und erschlossen der Wirtschaft neue Märkte. Die Popkultur trieb diese Revolution mit voran, bildete sie ab, feierte und persiflierte sie - immer mit einem erstaunlichen Gespür für Dialektik. So trat in Serien wie "Denver" und "Dallas" der Yuppie als Held des Kapitalismus in Erscheinung, aber auch als dessen Nemesis. Im Pop trafen gutgelaunter Stadion-Mucke (Phil Collins) auf tragisch-kitschige Balladenkunst (Spandau Ballet), in der Mode gesellte sich zum affirmativen Popper-Look die inszenierte Revolte des Punk.

Dies alles lässt sich besichtigen in zahllosen Achtziger-Shows, in den Filmen und Videos der Zeit. Eine tatsächliche Annäherung an die Epoche und ihre Ästhetik gibt es aber nur in verschobener Perspektive. Jacobs' Rüschen-Blusen oder Snoop Doggs Glitzerhemd sind, anders als der Clinton-Dress, von ironischem Zuschnitt. Das heißt, sie erweisen einer vergangenen Epoche die Reverenz, ergänzt um selbstreflexive Finesse. Margaret Thatcher sexy zu finden, setzt ein hohes Maß an Aufgeklärtheit voraus. Man muss die Erotik des politischen Macchiavelismus mit dem Wissen von den ruinösen Folgen eines galoppierenden Wirtschaftsliberalismus zusammen denken, um ihn dann in einem Kleidungsstück ironisch aufzuheben. Der "Miami Vice"-Anzug von Snoop Dogg erzählt in seiner Zuhälterhaftigkeit immer auch von der Herabsetzung des Menschen zur Ware, nur dass im Video diese Figur gleichzeitig verballhornt wird, als Auslaufmodell männlicher Herrschaft.

2008 nichts mehr falschzumachen

Der Optimismus der Achtziger ist popkulturell also nur um den Preis seiner Bloßstellung zu haben. Dennoch scheinen im Zitat die Restbestände der damaligen Utopien auf. In den bedruckten T-Shirts, den bunten asymetrischen Frisuren, den sinnlosen Accessoires zeigte sich Mode einerseits als Ausdruck der kapitalistischen Struktur. Das vom Großstädter getragene Schweißband hatte den Gebrauchswert so weit hinter sich gelassen wie Thatcher die soziale Empathie. Das auf Sweat- und T-Thirts, Polohemden und Taschen verschwenderisch applizierte Logo war Zierde und zugleich Chiffre für einen Markt, der willkürlich Bedürfnisse schafft, um sie dann gewinnbringend zu stillen.

Andererseits aber signalisierte genau dieser Überschuss, die ans Groteske grenzende modische Vielfalt, ein Stück Zweckfreiheit und Künstlichkeit - ein Mehr jenseits tauschlogischer Verhältnisse. Die ästhetische Opulenz der Achtziger ist so gesehen ein Geschenk für Konsumenten und Kreative, denn die Popkultur kann sich immer wieder aus diesem Zeichenschatz bedienen, ohne automatisch dem neoliberalen Geist der Zeit huldigen zu müssen.

Die Looks von heute enthalten sich solcher Spielereien. Die Farbe dieser Saison ist weiß. "Einschränkungen gibt es so gut wie keine", heißt es auf der Webseite von Deutschlands oberstem Stilberater, Bruce Darnell. "Denn zu Weiß passt einfach alles." Man kann nichts mehr falsch machen, ganz im Gegensatz zu den Achtzigern, die im Rückblick alles falsch machten - und ausgerechnet damit genau richtig lagen.


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1.
Jan Roschnik 09.04.2008
Gleich zu Beginn meines Beitrags als Sprachrohr der Trendsetter und Coolhunter möchte ich anmerken, dass gerade die Wahl von Snoop Dogg als Vogue-Cover vor Augen führt, dass auch die größte Modezeitschrift nicht über uneingeschränkte Stil-Sicherheit verfügt. Für mich stellt Snoop Dogg, sowie das Gros der Hip-Hopper, kein modisches Vorbild dar. Wenn man sich nach der wilden Mode der 80er sehnt, muss man den Blick über die klassischen Modemagazine hinauswagen und die aktuellen Trends der Jugendkulturen verfolgen. Gerade da spielen die 80er zurzeit eine tragende Rolle. Entweder unter dem Begriff New Rave (oder Nu Rave), ein Trend, bei dem in Neonfarben gekleidete junge Leute zu elektronischer Musik tanzend die schillerende Partyszene der 80er wiederbeleben. Auch Bad-Taste-Parties finden immer größeren Anklang bei der Partybevölkerung und gerade da findet sich das 80er-Schlüsselelement der Selbstironie wieder. Schriller, neonfarbener, enger. Boys in Leggins und Mädels mit übergroßen Fensterglasbrillen - was New York in den Eighties schonmal erlebte, inspiriert die heutige Jugend zu verrückten Outfits und erweist Bruce Darnells Tip, dass Weiß "in" ist, eine deutliche Absage. Sowieso...Weiß als Trend zu bezeichnen ist wohl an Einfallslosigkeit nicht zu übertreffen. Neon ist das neue Weiß und Elektro das neue Indie.
2.
Jan P. 06.10.2009
Wer schreibt dich denn einen solchen, an den Haaren herbeigezogenen Unsinn zusammen ... Punkt-1: Phil Collins ist wie meine Wenigkeit ebenfalls Schlagzeuger, wer das nicht ist mag wohl nicht direkt nachvollziehen können, dass es dauerhaft überaus anstrengend ist, ein Bühnenset komplett zu spielen und somit nicht weniger als beispielsweise bei (Punkt-2) einem Grand-Slam Tennisturnier eben auch der Schweiß fließt. Margareth Thatcher als Stil-Beispiel für Blusen mit gerafften Ärmelchen zu titluieren erscheint mir etwas abwegig, immerhin ist die Rede von der erzkonservativen, "eisernen Lady" und wenn man einen solchen, von blumenhaften Stilworten durchsetzten Text schon verfasst, sollte man ReFerenz wenigstens richtig schreiben.
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