Modefotografie Volkseigene Models

Modefotografie: Volkseigene Models Fotos
Günter Rössler

Was derzeit in Modezeitschriften zum Trend ausgerufen wird, war in der DDR Alltag - Amateure als Models in Hochglanzblättern. Wenn DDR-Illustrierte zum Foto-Shooting baten, stand oft der einzige Profi hinter der Kamera. Von Solveig Grothe

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Verträumt steht die junge Frau auf einem staubigen Hügel. Der Sommerhut wirft Schatten auf ihre sehnsuchtsvollen Augen, seine Bänder und das lange Haar wehen im Wind. Dann steigt die dunkelhaarige Schönheit mit eleganten Bewegungen herab, den langen, engen Rock mit beiden Händen über den Knien zusammengerafft. Es sieht aus wie in "Jenseits von Afrika".

Zum Glück ist es nicht so heiß: Das Safari-Modeshooting findet in der DDR statt. Genauer: Im Chemiedreieck bei Bitterfeld, auf den Abraumhalden des Braunkohlenkombinats.

Unten angekommen, wechselt das Mädchen die Kleider und pudert ihr Gesicht. In ihren Sandalen scheuert der Sand zwischen den Zehen, doch sie lächelt tapfer, als sie wieder hinauf auf das Geröll steigt. Etwa ein Dutzend Mal geht das so.

Für Anja Kossiwakis gehören die Aufnahmen der Haldensafari bis heute zu den aufregendsten Erlebnissen ihrer DDR-Modelkarriere. Und die kann sich sehen lassen: Dreimal schafft sie es auf den Titel von "Modische Maschen", dem DDR-Zentralorgan für die modebewusste Selbststrickerin. Die damals 16-Jährige aus Dessau hatte sich beworben, als "MM" 1985 nach attraktiven Hobbymodellen suchte. Kurz darauf wurde sie zu Probeaufnahmen eingeladen, ein Jahr später zum ersten Shooting.

Die jüngste Aufregung um die Ankündigung der Frauenzeitschrift "Brigitte", künftig nur noch mit Amateurmodellen zu arbeiten, kann die heute 40-Jährige nicht verstehen. "In der DDR war das normal." Der Vorstoß der "Brigitte" aber stößt auf Argwohn: Einen PR-Coup wittern die einen, Sparzwang die anderen. Will überhaupt jemand Angestellte und Hausfrauen in Hochglanzheften sehen? "Modell Gabi" nennt der SPIEGEL das neue Schönheitsideal mancher Zeitschriftenmacher.

Mädels in merkwürdigen Posen

Gabi hat, wenn man so will, ein historisches Vorbild - und das lehrt dreierlei, erstens: Schöne Mädchen gibt es (fast) überall. Zweitens: Ohne Professionalität geht es auch mit Laien nicht. Drittens: Es sind nicht immer nur ästhetische Gründe, die ein neues Schönheitsideal schaffen und durchsetzen.

Fotograf Günter Rössler arbeitete sein Leben lang mit Laien. Seine Fotos, die auch der "Playboy" druckte, erschienen in so gut wie allen Zeitschriften und Magazinen der früheren DDR. Das neudeutsche Wort "Model" geht Rössler nur schwer über die Lippen, lieber sagt er "Fotomodell", wenn er erklärt, dass er mit den Profis dieser Branche wenig gute Erfahrungen gemacht hat: "Wenn man die fotografieren wollte, sind sie immer in irgendwelche merkwürdigen Posen gefallen", wundert sich der 83-Jährige noch heute. "Die konnte ich schon immer ahnen."

Seine Amateurdarstellerinnen wählte Rössler sorgfältig aus - und lud sie erst einmal zu sich nach Hause, zum Gespräch wohlgemerkt. Die Methode funktionierte bestens: "Welches 17-, 18-jährige Mädchen sagt schon 'Nein', wenn es auf der Straße oder im Café gefragt wird, ob es fotografiert werden möchte." Bevor er eine Frau fotografierte, traf er sich mehrmals, meist drei, vier Monate lang mit ihr. "Ich wollte wissen, mit wem ich es zu tun habe. Umgekehrt war das genauso wichtig."

Ob die Fotos gut wurden, lag nicht allein an den Mädchen. "Entscheidend ist, wie gut ein Fotograf Regie gibt", sagt Kirsten Schlegel. Die Leipzigerin stand schon als 14-Jährige für Rössler Modell, interessierte sich dann aber immer mehr für die Arbeit hinter der Kamera, bis sie schließlich ganz die Seiten wechselte: Sie wurde seine Assistentin - und später seine Frau.

Selfmade-Frauen am Schraubstock

Rösslers fotografische Vorliebe für das Schlichte und Natürliche passte ideal zum Ansatz der "Modischen Maschen". Zur Mission des Blattes gehörte es, die klaffenden Lücken im Angebot der DDR-Textilindustrie zu stopfen, indem es die DDR-Bürgerinnen zu tätiger Selbsthilfe in Sachen Oberbekleidung animierte - mit Riesenerfolg. Selbst in den sozialistischen Bruderländern war die Strickzeitschrift, die ab 1963 vierteljährlich erschien, überaus beliebt und darum schnell vergriffen. Für die praktisch denkende Leserschaft knipste Hausfotograf Rössler die Mode dort, wo Frauen sie später auch tragen würden - mal in einer romantischen Flusslandschaft, aber auch direkt am Schraubstock im Betrieb.

Alltagstauglichkeit war das Zauberwort bei "MM". Wer die ausführlichen Anleitungen geduldig nacharbeitete, konnte sich eine komplette Kollektion selbst zusammenstellen. Jede Ausgabe enthielt eine wiederkehrende Rubrik mit spezieller Empfehlung. "Unser Tipp: Mützen" etwa, oder "Unser Tipp: Röcke". Nur einmal, erinnert sich Rössler, war die wohlmeinende Empfehlung der Redaktion nicht mit der Staats- und Parteilinie vereinbar. Da hatten sie die Ratgeberkolumne - ganz ohne Hintersinn - betitelt mit: "Unser Tipp: Westen".

Modefotografie in der DDR folgte demselben Primat wie das gesamte Leben in einer Mangelwirtschaft: dem von Pragmatismus und Improvisation. Zu einem ihrer Fototermine in Leipzig war Freizeitmodell Anja Ende der achtziger Jahre in einer legeren Lederjacke angereist. Die sähe toll aus, befand die Redakteurin, und sie lasse sich auch toll kombinieren. Also kam die Jacke gleich mit aufs Bild. "Dass die aus dem Westen war, habe ich nicht gesagt", erinnert sich Anja Kossiwakis. Es hat aber auch niemand gefragt.

"Dann bist du raus!"

Nicht Mangel, sondern Boom prägte zur gleichen Zeit im Westen das Geschäft mit der Mode - und den Models. "Mit Laien zu arbeiten, das konnte damals niemand riskieren. Dafür stand einfach zu viel auf dem Spiel", weiß Tong-Jin Smith. Das Ex-Model mit koreanischen Wurzeln präsentierte schon als 14-jährige Schülerin in den USA Bademode und warb für Sonnencremes, in den achtziger und neunziger Jahren jettete sie zwischen Fototerminen und Modenschauen kreuz und quer durch Europa.

"Das war schon damals ein Knochenjob mit extremen Arbeitszeiten", sagt Smith. "Wenn du da nicht zig Posen auf Lager hast, bist du raus." Ihre Zukunft wollte sie darauf allerdings nicht bauen. Sie ging zum Studium nach Heidelberg - und wurde dort in der Straßenbahn prompt von der Mitarbeiterin einer Fotoagentur angesprochen. So modelte sie weiter - für die Studentin ein willkommener Zuverdienst, an manchen Tagen 2000 Euro und mehr, berichtet Smith, die inzwischen promoviert und Journalistin in Berlin ist.

Für Anja Kossiwakis war das Modelleben entspannter, aber auch für sie war immer klar, dass Fotomodell kein Beruf ist, sondern ein Hobby - zumal sich das Honorar für ein Titelbild in der DDR auf gerade einmal 35 Mark belief. Die Schöne von der Halde absolvierte eine Lehre zur Finanzkauffrau; nach dem Mauerfall zog die 21-Jährige sofort nach Wiesbaden. Mit den Foto-Shootings war es nun vorbei.

Aber dann wollte sie es doch noch einmal wissen. Mit ein paar Fotos von sich im Gepäck stellte sie sich bei einer Modelagentur in Frankfurt am Main vor. Ohne sich die Bilder auch nur anzusehen, fragte die Dame von der Agentur: "Mädchen, hast du 'nen festen Job?" Auf die Antwort, sie arbeite bei der Sparkasse, bekam sie einen knappen, gut gemeinten Rat: "Dann bleib da!"

Zum Weiterlesen:

Günter Rössler: "Mein Leben in vielen Akten". Neue Das Berlin, Dezember 2005, 253 Seiten.

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Christine Thomas 11.03.2014
Ich fand das Modell (Bild 20 und 29) immer toll. Hätte mir damals nicht vorstellen können, dass das alles keine Profis sind. Ich fand sie einfach perfekt.
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