Moderne Archäologie Huch, es ist der Santa Blaus!

Moderne Archäologie: Huch, es ist der Santa Blaus! Fotos
Akron Toy & Marble Company

In den Trümmern einer US-Spielzeugfabrik machten Archäologen einen spektakulären Fund: den ältesten Spielzeugweihnachtsmann der USA - und der trug blau. Der rote Einheitsdress für Santa Claus setzte sich erst Anfang der dreißiger Jahre durch. Doch nun erlebt der blaue Mantel ein Comeback. Von

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Archäologen finden auf ihren Ausgrabungen so einiges: Häuserruinen, zerbrochene Töpfe oder vielleicht sogar die eine oder andere Mumie. Doch nur wenige haben das Glück, einen so spektakulären Fund zu machen wie Brian Graham vor drei Jahren. Graham fand den Weihnachtsmann. Genauer gesagt: den Ur-Weihnachtsmann. Die nur etwa sechs Zentimeter große Figur aus salzglasierter Keramik, die er aus den Ruinen der American Marble & Toy Manufacturing Company in Akron (Ohio) grub, ist die älteste bekannte dreidimensionale Darstellung des amerikanischen Santa Claus.

Der kleine Weihnachtsmann trägt noch keinen roten Mantel wie seine heutigen Nachfahren, sondern ist wie sein russischer Verwandter "Väterchen Frost" in Eisblau gekleidet. Denn als er zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Spielzeugfabrik das Licht der Welt erblickte, gab es noch keinen einheitlichen Dresscode für amerikanische Weihnachtsmänner. Sie waren entweder in Fell gekleidet (wie in zwei Weihnachtsgedichten aus den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts beschrieben), trugen rot (wie der Weihnachtsmann, den der Karikaturist Thomas Nast für die Zeitschrift "Harper's Weekly" 1863 im Amerikanischen Bürgerkrieg Geschenke an die Soldaten der Union austeilen ließ) oder eben eine blaue Robe, wie ihre russischen und deutschen Vorbilder.

Erst ab 1931, als der blaue Weihnachtsmann aus Akron schon lange unter der Erde lag, wurde die rote Robe zum Einheitsdress. Das behauptet zumindest die Coca Cola Company, die sich gern damit brüstet, ihr Cartoonist Haddon Sundblom hätte den roten Mantel in den Farben des Brause-Logos überhaupt erst erfunden. Tatsache ist, dass Sundblom von 1931 bis 1966 jedes Jahr mindestens einen Santa Claus für Coca Cola entwarf, und die Weihnachtsmann-Werbekampagnen alle Jahre wieder ein riesiger Erfolg wurden. Spätestens seit Sundblom also traute sich kein amerikanischer Weihnachtsmann mehr in einer anderen Farbe als rot auf Straßen, Märkte oder in Kinderzimmer.

Siegeszug der billigen Spielzeugproduktion

Obwohl vom Coca-Cola-Kommerz noch unberührt, ist die kleine Figur aus Akron trotzdem ein historisches Dokument des frühen amerikanischen Konsumbegehrens. Denn sie ist eines der ersten Spielzeuge überhaupt, die in Massenproduktion gefertigt wurden. 1884 baute Samuel C. Dyke die American Marble & Toy Manufacturing Company. Hier fertigten Arbeiter Murmeln und Spielzeuge im Akkord ¿ jeder von ihnen konnte zwischen 800 und 1000 Murmeln in der Stunde schaffen.

"Von 1884 bis 1904 verließen jeden Tag eine Million Murmeln die Fabrik - das sind fünf Güterwaggons voll, sechs Tage die Woche", erzählt Michael Cohill, Direktor des American Toy Marble Museum, im Gespräch mit einestages. Außer Murmeln produzierte Dyke in seiner Fabrik auch sogenannte Penny Toys: kleine Keramikfiguren, die wir heute als "Nippes" bezeichnen würden. "Wir fanden Katzen und Hunde, Männerstiefel und Frauenschuhe, und ganz viele kleine braune Krüge in unterschiedlichen Formen und Größen", beschreibt Cohill die Bandbreite der Produktion. Sogar der Wolf, der Rotkäppchen und die Großmutter verschlang, rollte hier vom Fließband.

Mit Dyke's Penny Toys brach eine neue Ära in den amerikanischen Kinderzimmern an. Bis dahin waren Spielzeuge vor allem hausgemacht. Die Mutter nähte der Tochter eine Puppe aus alten Stoffresten. Oder Großvater schnitzte dem Enkel ein Pferdchen. Doch als die Murmeln güterwaggonweise aus den Hallen der American Marble & Toy Manufacturing Company rollten, wurde eine ganz neue Art von Spielzeug erschwinglich.

"Die Produktionsmassen waren so gewaltig, dass selbst ein Kind nun für nur einen Penny schon eine handvoll Murmeln oder Penny Toys erstehen konnte", erklärt Cohill. "Auch der blaue Weihnachtsmann war so ein Penny Toy." Ein Wunsch-Weihnachtsmann sollte es sein: "Man konnte ihn in die Hand nehmen und dabei ganz fest an das denken, was man sich zu Weihnachten wünscht. Santa Claus sorgte dann dafür, dass der Wunsch in Erfüllung ging!"

Ein verheerender Brand

Für Samuel Dyke jedenfalls wurden Wünsche wahr. Bereits 1888 war er auf dem besten Weg, mit Penny Toys zum Millionär zu werden. Sein Konzept war so überzeugend, dass bald weitere Geschäftsleute von Akron seinem Beispiel nacheiferten. In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts beheimatete die Stadt nicht weniger als 32 Murmel-Fabriken. Als dann das Gummi seinen Siegeszug als billiges Material für Spielzeug antrat, eröffneten dazu noch Fabriken für Gummibälle, Gummi-Enten und Gummiluftballons.

Aus zeitweilig bis zu 160 Akroner Fabriken quollen die billigen Spielzeuge für die Kinder der gesamten USA. In Kaliforniens Badewannen schaukelten Quietschenten aus Akron, über die Schulhöfe Maines rollten Bälle aus Akron und die Kindergeburtstage in Texas wurden mit Luftballons aus Akron gefeiert. Noch heute sitzen in der Stadt die drei großen Spielzeugfabrikanten Little Tykes, Step Two und Maple City Rubber - der größte Produzent von Luftballons weltweit.

Der ganz große Boom fand allerdings ohne die American Marble & Toy Manufacturing Company statt. Die brannte in einer Nacht des Jahres 1904 bis auf die Grundmauern nieder. Am nächsten Morgen war Actaeon - der Bruder von Samuel Dyke, der mittlerweile die Geschäfte leitete - ohne ein Wort des Abschieds aus der Stadt verschwunden. Zurück blieb nur ein Haufen Schulden. Denn eine Feuerversicherung hatte es nie gegeben.

Der neue alte Wunsch-Weihnachtsmann

Kaum waren die rauchenden Ruinen hinreichend abgekühlt, kamen die Kinder. Kleine Jungs tapsten mit vorsichtigen Schritten durch die Asche und suchten nach Spielzeugen, die das Feuer verschont hatte. Ihr Mut wurde mit reicher Beute belohnt: "Praktisch alle Jungs von Akron stopften sich am Morgen nach dem Feuer die Taschen mit Murmeln voll", erzählt Cohill. "Der Bürgermeister schickte schließlich die Polizei hin, um sie von der Brandstelle zu verscheuchen." Doch das Spielzeuggrab zog die Kinder an wie ein Magnet. "Schließlich gab der Bürgermeister deshalb den Befehl, die Ruinen der Fabrik zuzuschütten."

Unter der Erde wartete mehr als hundert Jahre lang ein Schatz für Archäologen: Millionen von Murmeln und Penny Toys. "Wir haben Zehntausende davon gefunden", sagt Cohill. "Aus Porzellan, aus Steinzeug, aus gewöhnlichem Ton." Doch unter all dem Spielzeug lag tatsächlich nur ein einziger Weihnachtsmann. "Wir haben sonst nur Scherben von weiteren Exemplaren gefunden - und auch ein paar, die erst halbfertig produziert waren."

In diesem Jahr werden dennoch wieder Tausende von blauen Weihnachtsmännern Akron verlassen. Denn das American Toy Marble Museum produziert inzwischen den Wunsch-Weihnachtsmann als Nostalgieobjekt mit den alten Keramiktechniken von anno 1904. Für einen Penny ist er allerdings nicht mehr zu haben. Der neue alte Santa Claus kostet 15,95 Dollar.

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