Mondschwindel 1835 Fledermausmenschen auf dem Erdtrabanten

Sensationsfund im All! Mit einer großen Artikelserie versetzte die Tageszeitung "New York Sun" 1835 die Welt in Aufruhr: Ein Wissenschaftler hatte mit einem gigantischen Fernrohr Wesen auf dem Mond beobachtet. Am Ende wusste nur einer nichts von der bahnbrechenden Entdeckung - der Entdecker selbst.

Corbis

Von Ariane Stürmer


Manchem New Yorker dürfte am Morgen des 28. August 1835 das Frühstücksbrötchen im Halse steckengeblieben sein, als er die "New York Sun" aufschlug. Was da zu lesen war: eine Sensation. Der Wissenschaftler Sir John Frederick Herschel hatte mit einem Mega-Fernrohr menschliches Leben entdeckt. Auf dem Mond! Mit Flügeln! Zappalott!

Endlich schien bestätigt: Der Mensch ist nicht allein im Universum. Wäre vor 174 Jahren schon klar gewesen, dass es auf der Erde zu eng werden könnte, zu heiß, zu kalt, zu kriegerisch, dann hätte der New Yorker vielleicht freudig in die Hände geklatscht, seiner Frau einen Kuss gegeben und gesagt: "Schatz, wir wandern aus."

Denn die "New York Sun" berichtete nicht nur von geflügelten Menschen, die "zweifelsohne unschuldige und fröhliche Kreaturen" seien und den lieben langen Tag nichts weiter täten "als verschiedene Früchte in den Wäldern zu sammeln, zu essen, zu fliegen und zu baden". Sie berichtete von einem Mond als zweiter Erde. Mit Seen, Wäldern, Hügeln, einem rundum "romantischen Charakter" - und Tieren, deren Aussehen freilich jedes Fabelwesens spottete. Sie berichtete von einer Märchenwelt, die Shakespeare, die Gebrüder Grimm und Tolkien verzückt hätte.

Ein Sieben-Tonnen-Fernglas

Während die "New York Sun" ihre Auflage sprunghaft steigerte und die Nachricht sich wie ein Lauffeuer über den Kontinent verbreitete, über den Atlantik schwappte und Europa in Aufregung versetzte, saß der Entdecker der Sensation, Sir John Herschel, in aller Ruhe am Kap der Guten Hoffnung und betrachtete den Sternenhimmel, als sei nichts geschehen. Abgeschnitten von den Weltnachrichten war Sir John Herschel einer der letzten Menschen des Planeten, der von seiner Entdeckung erfuhr.

Was er nicht wissen konnte: Die "New York Sun" hatte vom 26. bis 31. August 1834 auf Basis seiner angeblichen Entdeckungen eine Serie von Artikeln publiziert, die als erste große Zeitungsente in die Geschichte eingehen sollte. Als Herschel endlich auch die Zeitung in Händen hielt, habe er die Berichte über seine Forschungen mit herzhaftem Lachen quittiert. Das schreibt der Astronomiehistoriker Manfred Holl.

John Herschel, Sohn des Uranus-Entdeckers Wilhelm Herschel, war damals schon weltbekannt und wegen seiner wissenschaftlichen Astronomie-Erkenntnisse geadelt worden. Herschel hatte zahlreiche astronomische Schriften veröffentlicht - in denen er allerdings keine Mondmenschen beschrieb, sondern Nebelflecken, Sternhaufen und Doppelsterne.

Wahr an der "New York Sun"-Geschichte ist, dass Herschel 1833 nach Südafrika gereist war, um den südlichen Sternenhimmel zu erforschen. Wahr ist auch, dass Herschel zwei der damals weltgrößten Fernrohre mit im Gepäck hatte - allerdings bei weitem nicht von den schier unfassbaren Ausmaßen, die die "New York Sun" beschrieb: Sieben Tonnen sollte allein die größte Linse gewogen haben, die jedes Objekt 42.000-mal größer erscheinen ließ. Damit sei es möglich gewesen, Objekte auf dem Mond ab einem Durchmesser von etwa 50 Zentimetern zu erkennen, so das New Yorker Blatt.

Menschen mit Fledermausflügeln

Doch selbst wenn Herschel ein solches Gerät besessen hätte: Der Ausblick in Richtung Mond wäre sicher ein anderer gewesen. Keine weißen Sandstrände gesäumt von farbigen Felsen, riesige Amethystkristalle in der Form von Pyramiden, Bisons, Mini-Zebras und Ziegen-Einhorn-Verschnitte. Wie die "New York Sun" feststellte, unterschieden sich die Mond-Bisons vor allem durch eine Fleischwulst über den Augen von ihren irdischen Verwandten - vermutlich um sie vor "den Extremen des Lichts zu schützen". Als modisch passenden Vergleich führte die Zeitung die Kopfbedeckung von Mary Stuart an.

Die ziegenartigen Wesen hingegen würden auf Erden wohl "als Monster klassifiziert", so der erste Artikel der Serie weiter. Es hatte "eine bläuliche Farbe", dazu einen Ziegenbart und ein einzelnes Horn auf der Stirn, leicht nach vorne gebogen. Im Übrigen würden sich die Weibchen von den Männchen durch einen sehr viel längeren Schwanz unterscheiden. Alles in allem schien die Mond-Ziege "eine agile muntere Kreatur zu sein, die mit großer Geschwindigkeit rennt". Und all das sichtbar mit einem Teleskop von Kapstadt aus. Bemerkenswert.

Die Phantasie des Autors gipfelte schließlich in der Beschreibung der "Fledermausmenschen", Vespertilio-homo mit wissenschaftlichem Namen. Zwei unterschiedliche Spezies habe der geadelte Astronom Herschel entdeckt: Die erste sei etwa 1,20 Meter groß, habe kurzes, kupferfarben schimmerndes Haar und Flügel aus einer dünnen Membran, die von den Schultern bis zu den Waden reichten. Das gelbliche Gesicht habe Ähnlichkeit mit dem Orang Utan, sei aber doch sehr viel "offener und intelligenter im Ausdruck". Vespertilio-homines seien "zweifelsohne unschuldige und fröhliche Kreaturen, auch wenn einige ihrer Späße sich nicht mit unserem irdischen Verständnis von Anstand vertragen würden". Die zweite Menschenart sei weit höher entwickelt, größer und von hellerer Hautfarbe.

Ende der Schwindelei

Das weltweite Echo auf die angebliche Sensation war enorm: Die Artikel wurden in mehrere Sprachen übersetzt, eine Missionsvereinigung soll bereits Pläne zur Missionierung der Mondmenschen geplant haben, zahlreiche Journalisten begannen mit ihren eigenen Recherchen. Unter ihnen war auch ein Reporter des New Yorker "Journal of Commerce".

Der Reporter wollte die Originaldokumente Herschels einsehen, doch die "New York Sun" verweigerte ihm diesen Wunsch. Der Reporter fragte beim "Edinburgh Journal of Science" nach, das laut "Sun" eine wissenschaftliche Veröffentlichung der Herschel'schen Sensationen plante, fand dort aber nur über ihr angebliches Vorhaben verwunderte Herausgeber vor. Schließlich soll sich der Reporter mit dem vermutlichen Autor der Lügengeschichte getroffen haben. Der "New York Sun"-Reporter Richard Adams Locke gestand dem "Journal of Commerce"-Reporter angeblich die Erfindung der gesamten Artikelserie bei Kaffee und Kuchen. Der Reporter schrieb seine Enthüllungsgeschichte. Der Schwindel war aufgeflogen.

Auch der weltbekannte Science-Fiction-Autor Edgar Allan Poe entlarvte die "großartigen astronomischen Entdeckungen" als phantasievolle Literatur. 1848 verfasste er ein entsprechendes Manuskript. Poe hatte nur drei Wochen vor der Artikelserie im Jahr 1835 den ersten Teil seiner "beispiellosen Abenteuer eines gewissen Hans Pfaall" veröffentlicht. In der Geschichte fliegt ein Mann in einem Heißluftballon zum Mond.

Wie Poe schrieb, war er selbst von einem authentischen Astronomieartikel Sir John Herschels inspiriert worden, in dem Herschel die Möglichkeit von Leben auf dem Mond diskutierte. Als dann die frei erfundene Geschichte der "New York Sun" erschien, sei Poe von Anfang an überzeugt gewesen, dass seine Erzählung über Hans Pfaall die Grundlage gewesen sein musste. Nach den detaillierten und phantasievollen Ausführungen des "New York Sun"-Reporters Richard Adams Lockes allerdings habe er seine eigene Geschichte nicht mehr beenden wollen - weil es Lockes Ausführungen nichts mehr hinzuzufügen gebe, auch wenn sie offensichtlich frei erfunden seien.

Die Artikelserie endete übrigens nicht, weil sie als Schwindel ausgemacht worden war - die Enthüllung kam erst viel später. Sie endete, weil Herschels Mega-Teleskop angeblich abbrannte.



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Seite 1
bernd schikowski, 18.07.2009
1.
Wahre Geschichte, nur leider abgeschrieben. Orginal: The Sun and the moon : the remarkable true account of hoaxers, showmen, dueling journalists, and lunar man-bats in nineteenth-century New York Autor: Goodman, Matthew 2008 Selbst die Photos wurden uebernommen
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