Lennon-Mörder Mark Chapman "Ich war ein Niemand, bis ich den größten Jemand tötete"

John Lennon wurde 1980 hinterrücks erschossen. Der Mörder Mark David Chapman hatte sich viele Jahre obsessiv mit dem Beatles-Sänger beschäftigt - und zitierte wie eine Heilige Schrift "Der Fänger im Roggen".

New York Daily News

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Schüsse krachen durch die Nacht. Beinahe gehen sie unter im Lärm von New York, nahe der Straßenkreuzung Ecke 72. Straße/Central Park West. Fünfmal drückt Mark David Chapman den Revolverabzug. John Lennon sackt im Eingang des Apartmenthauses "The Dakota" zusammen. Viermal hat Chapman den ehemaligen Beatles-Musiker in den Rücken getroffen.

Die Hohlspitzgeschosse durchschlagen Schulter und Rücken, zerfetzen die Lunge und die Unterschlüsselbeinarterie. Wenige Momente zuvor sind Lennon und seine Frau Yoko Ono an diesem 8. Dezember 1980 aus dem Wagen gestiegen, um in ihre Wohnung zu gehen. "Imagine all the people living life in peace" - seine Botschaft war Nächstenliebe, Weltfrieden. Nun verblutet John Lennon im Eingang des "Dakota". Und während die Sirenen schrill aufheulen, setzt sich Mark David Chapman auf den Bürgersteig und liest seelenruhig in dem Buch, das er in seiner Manteltasche mit sich trägt: J.D. Salingers "Der Fänger im Roggen".

Als die Polizei den Tatort erreicht, hat er den abgewetzten Roman signiert: "Dies ist meine Aussage. Holden Caulfield" - der Protagonist im Buch. Die Beamten setzen Chapman in Handschellen in den Streifenwagen. Dann kommt Yoko Ono, um den rundlichen Mann mit der rundlichen Brille anzuschauen, der gerade ihre große Liebe erschossen hat. Sie sagt kein Wort.

Schon seit seiner Kindheit im Texas der Sechzigerjahre hatte Mark David Chapman die Beatles verehrt. Auch als er im Teenageralter in die Drogensucht schlitterte, waren die Musiker aus Liverpool ein Rettungsanker, besonders Frontmann John Lennon und seine lebensbejahenden Botschaften. Mit 16 Jahren schloss Chapman sich evangelikalen Christen an - und in der musikalischen Liebe taten sich erste Risse auf.

Er hielt sich für den Romanhelden

"Wir sind bekannter als Jesus Christus", erklärte John Lennon 1966 in einem Interview. Ein blasphemischer Affront, so wertete es Jahre später der mittlerweile stark evangelisierte Chapman, der als Jugendarbeiter für den YMCA arbeitete. Seine Lennon-Obsession hielt an, nur nahm sie jetzt eine Wendung zum Dunklen.

Chapman verlor sich in der Welt des "Fängers im Roggen". In diesem Roman, einem Welterfolg, hatte J.D. Salinger 1951 die Geschichte des Teenagers Holden Caulfield erzählt, der durch New York irrt und mit gesellschaftlichen Normen und dem Verhalten seiner Umwelt hadert.

Chapman las das sozialkritische Buch so oft, bis er glaubte, er und Caulfield seien eins; wie sein Romanheld müsse er den Lügen der "Phonies" widerstehen, der Schwindler und Blender. Er beging einen Selbstmordversuch und steigerte sich in Wahnvorstellungen hinein. Er spielte mit dem Gedanken, sich in Holden Caulfield umzubenennen, und unterschrieb später Dokumente mit dem Namen seines verhassten Idols Lennon - ein Mensch ohne eigene Identität, ein leeres Gefäß auf der Suche nach Inhalt.

Kurzzeitigen Halt gab ihm eine weitere Parallele zu Lennon: die Beziehung zu einer japanischstämmigen Amerikanerin, die Chapman Ende der Siebzigerjahre heiratete. Doch auch seine Frau Gloria konnte ihn nicht aus seinem düsteren Kopfgefängnis befreien.

Autogramm für einen Mörder

Während Mark David Chapman am Boden war, thronte John Lennon über der Skyline New Yorks - 1977 entstanden die Aufnahmen, die den Popstar auf dem Dach des Dakota-Gebäudes in Manhattan zeigten. Später sagte Chapman, gerade diese Fotos hätten ihn in seinem Entschluss bestätigt: John Lennon musste sterben.

"Ich weiß noch, wie ich auf die Bilder starrte und zu mir sagte: 'Was, wenn ich ihn umbrächte?'", erinnerte er sich. In Chapmans bizarrer Welt war der Ex-Beatle ein Verräter: Im Song "Imagine" hatte er doch den Besitztümern abgeschworen. Jetzt sah Chapman nur noch einen Multimillionär, jemanden, der Hoffnung vermarktete - und sich über Religion lustig machte. Einer jener Lügner, wie sie auch in seinem Lieblingsroman "Der Fänger im Roggen" an den Pranger gestellt wurden.

Im Oktober 1980 kündigte Chapman seinen Job als Sicherheitsmann, kaufte einen Revolver und flog nach New York. Nach einem Kinobesuch des Films "Ordinary People" und einem Telefonat mit seiner Frau ließ er zunächst von seinem Vorhaben ab. "Mein Zorn war besiegt, der Vulkan versiegelt." Doch schon am 6. Dezember reiste Chapman erneut an die Ostküste, mietete sich in einem YMCA ein, kaufte das neue Lennon-Album "Double Fantasy" und begann das Apartmenthaus des Stars zu beobachten.

Als am Morgen des 8. Dezember Lennons Kindermädchen vom Spaziergang mit dem fünfjährigen Sean zurückkam, fand sie Chapman vor der Tür. "Beautiful Boy", zitierte Chapman einen Songtext Lennons und schüttelte dem Kind die Hand. Wenige Stunden später begegnete er seinem früheren Idol. Doch Lennon begrüßte den vermeintlichen Fan nur fröhlich, unterschrieb auf dem mitgebrachten Album und fragte, ob er sonst noch etwas für ihn tun könne. Der Fotograf Paul Goresh hielt die Szene fest (siehe Fotostrecke).

"Lennon war nur ein Bild auf einem Cover"

Völlig perplex blieb Mark David Chapman vor dem "Dakota", bis das Paar kurz vor 23 Uhr aus dem Aufnahmestudio zurückkehrte. Was dann geschah, erzählte er 1992 der Journalistin Barbara Walters: "John stieg aus dem Auto aus, und ich hörte diese Stimme, die sagte: 'Tu es, tu es, tu es.' Wahrscheinlich war es meine eigene Stimme."

Später suchte der Mörder, zu lebenslanger Haft verurteilt, immer wieder die Öffentlichkeit. "Ich war ein Niemand", sagte Chapman. "Bis ich den größten Jemand auf dieser Erde getötet habe." Ein Mord als Trittbrettfahrt zum traurigen Ruhm. Chapman gab Showmaster Larry King ein Interview, versuchte das signierte Album wieder an sich zu bringen, richtete Appelle an Lennons Witwe Yoko Ono. "Ich habe keine wirkliche Person umgebracht. Lennon war nur ein Bild auf einem Album-Cover. Er war nicht real."

Yoko Ono sprach sich mehrfach gegen Chapmans Freilassung aus (etwa in diesem bewegenden Brief) - auch weil sie um ihr Leben und das von Sean und Julian Lennon fürchtete. Die Anträge dieses "Subjekts", wie Ono ihn bezeichnete, wurden trotz guter Führung abgelehnt, zum achten und bislang letzten Mal 2014. Zu "abscheulich, grundlos, brutal, kalt und kalkuliert" sei das Verbrechen gewesen, so der Haftprüfungsausschuss.

Bei seiner Verurteilung hatte Mark David Chapman sich 1981 auf "Der Fänger im Roggen" berufen, das er auch in der Mordnacht bei sich trug wie eine Heilige Schrift.

"Jedenfalls stelle ich mir immer kleine Kinder vor, die in einem Roggenfeld ein Spiel machen", zitierte er aus dem Buch, das seine Tat erklären sollte. "Tausende von kleinen Kindern, und keiner wäre in der Nähe - kein Erwachsener, meine ich - außer mir. Und ich würde am Rand einer verrückten Klippe stehen. Ich müsste alle festhalten, die über die Klippe hinauslaufen wollen - ich meine, wenn sie nicht achtgeben, wohin sie rennen, müsste ich vorspringen und sie fangen. Das wäre einfach der Fänger im Roggen. Ich weiß schon, dass das verrückt ist, aber das ist das einzige, was ich wirklich gern wäre. Ich weiß natürlich, dass das verrückt ist."



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Max Super-Powers, 08.12.2015
1.
Auch wenn Mord sicherlich niemals für irgendetwas eine Alternative ist, habe ich doch so meine Probleme damit, wie Lennon heute als Lichtgestalt präsentiert wird. Er war mitnichten ein Weltfriedens-Apostel, sondern vor allem ein hemmungsloser Opportunist, der seinen Sohn psychisch misshandelte und nur über Frieden sang, weil es damals trendy war. Der Mann spielte sich als Arbeiterklassen-Hero auf und fuhr einen Rolls Royce.
Christian Seym, 08.12.2015
2. R.i.p.
Jedes Jahr stelle ich eine Kerze für John auf. Früher in der Schule, heute im Gericht oder Büro. Auch nach 35 Jahren muss ich weinen, wenn ich an diesen schrecklichen Tag denke.
Lorenz Ohm, 08.12.2015
3. Nicht berichten
Ich fände es korrekt, über diesen Mann gar nicht zu berichten, aber jedenfalls seinen Namen und sein Foto weg zu lassen. So ist er ein Jemand, besser wäre, wenn er ein Niemand geblieben wäre und wir alle sollten ihn damit strafen, seine Existenz zu ignorieren, auch die Presse.
Andreas Igler, 08.12.2015
4. Na Bravo
Chapman hat Lennon erschossen "um berühmt zu werden". Das wurde ihm nach dem Mord konsequent verweigert - kein Aas weiß heute, wer Chapman ist. Und jetzt holt ihn SPON aus der Mottenkiste und "bricht das Tabu". Bravo, das habt ihr fein gemacht. Wer will was von dem Trottel hören?
Daniel Apostol, 08.12.2015
5. Julian ein Sohn von Yoko Ono?
Hat sich Autor Neeb mit dem Leben Lennons irgendwie beschäftigt, oder bin ich einfach nur so viel älter, dass es bei jüngeren Leuten, auch Journalisten, einfach nicht mehr zur Allgemeinbildung gehört? (wenn das ein Formulierungsfehler war, bitte ich um Entschuldigung, aber es liest sich als glaube Herr Neeb, dass Julian ein direkter Sohn Onos sei) Julian und Ono waren so verkracht, dass er erst mit über 40 zum ersten mal auf einem Foto mit ihr zu sehen war. Übrigens glaubt(e) Julian, dass John eben genau so ein 'Phonie' war, auch wenn er seinem Vater sicher nicht den Tod dafür wünschte, siehe sein Interview 1998 mit dem Telegraph.
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