Sisi-Attentat 1898 Eine Kaiserin wird ermordet und läuft einfach weiter

Ein Dolch war ihm zu teuer - mit einer Feile erstach ein Hilfsarbeiter vor 120 Jahren Kaiserin Elisabeth von Österreich. Mehr zufällig wurde sie sein Opfer. Dabei hasste Sisi die Monarchie ebenso wie ihr Mörder.

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Kann man erstochen werden, ohne es zu merken?

Man kann - sofern man es sehr eilig hat. "Was wollte dieser Mann denn eigentlich?", fragt Kaiserin Sisi ihre Begleiterin, Gräfin Irma Sztáray, mittags am 10. September 1898. Und mutmaßt: "Vielleicht wollte er mir die Uhr wegnehmen?" Kurz zuvor hatte sich ein Unbekannter am Ufer des Genfer Sees auf sie gestürzt. Die Monarchin fiel rücklings zu Boden, ihre schweren, aufgesteckten Haare milderten die Wucht des Aufpralls.

Sisi rappelt sich auf, lässt das verschmutzte Kleid säubern, hastet weiter Richtung Anleger. Sie muss ja das Dampfschiff nach Territet bekommen, das um 13.40 Uhr ablegt. Die 60-Jährige klagt zwar über Schmerzen in der Brust, bricht aber erst zusammen, als sie nach 120 Schritten auf dem Oberdeck des Schiffes angelangt ist.

Der Kapitän wendet sofort und lässt die ohnmächtige Kaiserin zurück ins Hotel "Beau Rivage" tragen. Dort öffnet man ihr Mieder und entdeckt einen winzigen bräunlichen Fleck auf der linken Brust. Sisi kommt noch einmal zu sich und fragt mit klarer Stimme: "Was ist denn eigentlich geschehen?"

Dies sind die letzten Worte der Elisabeth Amalie Eugenie, Kaiserin von Österreich und Königin von Ungarn. Laut Sterbeurkunde haucht sie um 14.40 Uhr ihr Leben aus.

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Sisi-Attentat: "Ich würde die Tat noch einmal begehen"

Laut Autopsie hat sich ein "langer, spitzer" Gegenstand 85 Millimeter tief ins Gewebe der Monarchin gebohrt. Die vierte Rippe verletzt, den vorderen Teil des linken Lungenflügels zerschnitten, den Herzbeutel zerstört, die linke Herzkammer durchbohrt. Gut zwei Stunden nach dem Mord findet man die Tatwaffe: eine Dreikantfeile mit Holzgriff. Sie gehört Luigi Lucheni, 25. Der italienische Gelegenheitsarbeiter ermordete Sisi quasi zufällig - weil sein eigentliches Opfer nicht vor Ort war.

"Ich würde gern jemanden töten"

Denn ins Jenseits befördern wollte Lucheni zunächst den italienischen König Umberto I. Doch fehlte dem mittellosen Mann das Geld für die Reise. Ersatzopfer: der Herzog von Orléans, der sich für September in Genf angesagt hatte. Als der Besuch kurzfristig gestrichen wurde, nahm Lucheni eben mit Sisi vorlieb - und so kam es zu einem der am besten dokumentierten Kriminalfälle des Fin de Siècle.

Von der kaiserlichen Visite hatte Lucheni aus der Zeitung erfahren, obwohl Sisi unter falschem Namen angereist war. Sein Opfer war dem von Attentatsfantasien getriebenen Italiener im Grunde gleichgültig: "Ich würde gern jemanden töten, aber es müsste eine sehr bekannte Persönlichkeit sein", hatte er im Mai 1898 seinem Zimmergenossen erklärt.

Ein Revolver oder Dolch war ihm zu teuer, darum ließ sich Lucheni eine Feile messerscharf schleifen. Wo exakt das Herz liegt, hatte er im Anatomieatlas nachgeschlagen, streifte dann durch Genf und wartete auf seine Gelegenheit. Sie kam am 10. September, einem spätsommerlichen Samstag.

Am Vormittag unternahm die Kaiserin mit ihrer Begleiterin einen Stadtbummel. Sisi kaufte einen Musikautomaten ("Ariston"), dazu 24 Platten für die Enkel. Die Frauen besuchten eine Konditorei, aßen Eis, erwarben Bonbons. Gegen 13.15 Uhr kehrten sie ins Hotel zurück und brachen gleich wieder auf, denn bald sollte ihr Schiff ablegen.

Verstoßenes Findelkind

Auf dem Weg zum See passte Lucheni sein Opfer ab, stach blitzschnell zu. Da die Feile so dünn war, gelangte das Blut nur tropfenweise aus der Herzkammer in den Herzbeutel; die Herzfunktion wurde langsam stillgelegt. Todesursache: eine durch die Stichverletzung ausgelöste Herzbeuteltamponade.

"Es lebe die Anarchie! Tod der Aristokratie": Sisi-Mörder Luigi Lucheni nach seiner Verhaftung
Österreichsches Volkshochschularchiv/ Imagno/ Getty Images

"Es lebe die Anarchie! Tod der Aristokratie": Sisi-Mörder Luigi Lucheni nach seiner Verhaftung

Wie im Rausch zog der Mörder danach pfeifend und trällernd durch die Genfer Straßen. Dass er zügig gefasst wurde, trübte seine Hochstimmung nicht: Ein Foto zeigt ihn nach der Verhaftung - breit grinsend posiert der untersetzte Mann mit Hut für die Kamera.

"Umso besser", frohlockte Lucheni, als er vom Tod der Kaiserin erfuhr. Auch vor Gericht zeigte er keinerlei Reue und prahlte: "Ich würde die Tat noch einmal begehen." Mit dem Satz "Ich glaube an die Propaganda durch die Tat" stilisierte sich Lucheni zum Anarchisten.

Wie seine erst 1998 veröffentlichten Memoiren zeigen, war der Sisi-Mörder eher ein vom Leben enttäuschter Mensch. Ein von den Eltern verstoßenes Findelkind, das in Armut aufwuchs und nie die Aufmerksamkeit bekam, nach der es gierte.

"Wisst ihr denn nicht, dass die zurückgewiesene Liebe Hass gebiert", schrieb er in seinen Aufzeichnungen. Luchenis Wut auf alles Aristokratische entsprang weniger politischer Überzeugung als einer tiefen Kränkung: Der Staat, dem er als Soldat dreieinhalb Jahre lang so treu gedient hatte, versagte ihm 1897 die ersehnte Anstellung.

Kaiserin wider Willen: "Erwacht in einem Kerker"

Hätte Lucheni, der zufällige Monarchiehasser, nur fünf Minuten mit Sisi gesprochen, wäre ihm klargeworden, dass er sich das völlig falsche Opfer ausgesucht hatte: Die "Kaiserin wider Willen" (so ihre Biografin Brigitte Hamann) verabscheute den Hof so sehr wie ihr Mörder.

"Ich bin erwacht in einem Kerker, und Fesseln sind an meiner Hand", schrieb die Kaiserin 1854, nur zwei Wochen nach ihrer Hochzeit mit Franz Joseph. Sisi hielt die Monarchie für einen Anachronismus und schockierte ihre Umgebung gern mit dem Satz: "Ich hörte, dass die zweckmäßigste Regierungsform die Republik sei."

Statt verhasste Repräsentationspflichten in Wien zu erfüllen, reiste die menschenscheue Sisi um die Welt und pestete in Gedichten gegen die Habsburger. Zudem frönte sie einem ruinösen Fitness- und Schlankheitskult: Bei einer Größe von 1,72 Metern wog sie zeitlebens nicht mehr als 50 Kilo. Zu Mittag begnügte Sisi sich oft mit gesalzenem rohen Eiweiß, nachts legte sie sich eine Maske aus rohem Rindfleisch aufs Gesicht.

Es nützte alles nichts: Die Monarchin wurde alt und faltig, mutierte zur "Mumie", wie sie schrieb. Weshalb sie das Gesicht bald hinter einem Fächer verbarg. Als sich ihr Sohn Rudolf 1889 mit seiner Geliebten das Leben nahm, sehnte Sisi selbst den Tod herbei. Sie verschenkte all ihre farbigen Kleider, irrte rastlos in Schwarz gekleidet und inkognito durch Europa - in Wien hielt sie es nun weniger aus denn je.

"Sei verflucht, grausames Ungeheuer"

"Die beiden Worte: hoffen und freuen hat Mama für immer aus ihrem Leben gestrichen", schrieb ihre Tochter Marie Valerie im Mai 1898. Mit dem Attentat hatte Lucheni eine kreuzunglückliche, lebensmüde Person erlöst. "Nun ist es so gekommen, wie sie es immer wünschte, rasch, schmerzlos, ohne ärztliche Beratungen", so die Tochter, als sie die Todesnachricht erhielt.

Alle trauerten um die Kaiserin - und Lucheni fand endlich die ersehnte Beachtung. "Sei verflucht während deines ganzen Lebens, Elender, grausames Ungeheuer", hieß es in einem von 16.000 Wiener Frauen unterzeichneten Brief an den Sisi-Mörder.

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Nach nur einem Prozesstag wurde Lucheni zu lebenslanger Haft verurteilt. Als man im Gefängnis seine Aufzeichnungen stahl, drehte Lucheni durch und kam in Dunkelhaft, wo er sich am 19. Oktober 1910 mit einem Gürtel erhängte.

Noch nach seinem Tod befasste sich die Wissenschaft mit ihm. Gerichtsmediziner schnitten seinen Kopf ab, um das Gehirn des Mörders zu untersuchen. Da nichts Auffälliges gefunden wurde, steckte man den Schädel in einen mit Formaldehyd gefüllten Behälter. Jahrzehntelang schlummerte das Präparat im Keller der Genfer Universität, bis es 1985 nach Österreich gelangte.

Luchenis Haupt landete im "Narrenturm", dem Fundus des Pathologisch-anatomischen Bundesmuseums in Wien. Als der Direktion der Wirbel um den prominenten Kopf zu bunt wurde, beerdigte man ihn im Jahr 2000 auf dem Wiener Zentralfriedhof.

Dort ruht des Sisi-Mörders Kopf bis heute - nur wenige Kilometer entfernt von seinem Attentatsopfer: Entgegen ihrem Wunsch wurden die sterblichen Überreste der Reise-Kaiserin nicht auf ihrer Lieblingsinsel Korfu beigesetzt, sondern liegen in der Wiener Kaisergruft.

insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Bernd Geiges, 10.09.2018
1. Urteil
Wieso wurde der Mörder seinerzeit nicht zum Tod verurteilt? War die Todesstrafe damals schon abgeschafft? Das kann ich mir kaum vorstellen.
Michael Wemmer, 10.09.2018
2. Danke!
Bitte mehr von solchen Artikeln. So macht Geschichte Spaß!
Katja Iken, 10.09.2018
3. zu Kommentar 1
Sehr geehrter Herr Geiges, im Kanton Genf wurde die Todesstrafe bereits 1871 abgeschafft. Sisi-Mörder Luigi Lucheni, der gern als Anarchisten-Märtyrer in die Geschichte eingegangen wäre, forderte seine Auslieferung an Italien, was ihm jedoch versagt blieb. Stattdessen wurde er zu lebenslanger Kerkerhaft verurteilt. Herzliche Grüße, Katja Iken
Birgit Schimmer, 10.09.2018
4.
Die gute Sisi hat sich ihr Lebtag nicht für Politik interessiert, mit Ausnahme der Ungarn waren ihr die Belange ihrer Untertanen herzlich egal. Das hatte u.a. damit zu tun, dass die Erzherzogin Sophie eine tiefe Abneigung gegen dieses renitente Völkchen hegte und Sisi wiederum mit der Schwiegermama auf ungutem Fuß stand. Das Gerede über die Republik passt ebenso ins Bild - ein willkommener Anlass, um zu schockieren; wie das Ankertattoo und die exzessive Reiterei in Schottland und anderswo. Eine Obsession, die das Franzl Unsummen kostete und Sisi das Jagdschloss Gödöllö einbrachte. Dass sie die wohl beste Reiterin ihrer Zeit war und - im Damensattel - sämtliche männlichen Konkurrenten hinter ließ sich, ist allerdings eine nachgerade olympische Leistung. Die kreuzunglückliche, ins 'Geschirr' der Hofburg eingespannte Frau ist aber nur eine Facette dieser faszinierenden Persönlichkeit; ihr Desinteresse an den Kindern, insbesondere an dem ebenso sensiblen wie hochintelligenten Rudolf - der nun wirklich ein ausgewiesener Republikaner war - gehört ebenfalls zu dem Bild einer schillernde Egomanin. In der Hofburg hieß es anlässlich der Silbernen Hochzeit nicht von ungefähr 'Andere haben fünfundzwanzig Jahre Ménage, wir haben fünfundzwanzig Jahre Manège'. Kann man alles in den Büchern der leider verstorbenen Historikerin Brigitte Hamann nachlesen; insbesondere ihre Habilitationsschrift über Kronprinzip Rudolf zeigt ein Habsburgerreich, mit dem es zwangsläufig zu Ende gehen musste.
Wilfried Auen, 10.09.2018
5. Habe mir seit Jahrzehnten
alles über Sisi beschafft, diese so merkwürdige "republikanische" Kaiserin. Überhaupt hat mich jene k.+k.-Donaumonarchie stets fasziniert. Nicht wegen der eisernen Hand der imperalistischen Monarchen, sondern wegen der Tatsache, diesen unglaublichen Vielvölkerstaat von 55 Millionen Untertanen verschiedener Volksgruppen regieren zu können.
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