Mord an Olof Palme Schwedens größte Wunde

Vor 30 Jahren wurde Premierminister Olof Palme in Stockholm erschossen. Es ist ein schwedisches Trauma und ein düsterer Fall voller Polizeipannen - bis heute wuchern wilde Theorien, wer der Mörder war.

Von Niels Reise, Stockholm

AFP

Im schwedischen Film "Bröderna Mozart" (Die Gebrüder Mozart) hat Opernregisseur Walter eine Vision: "Don Giovanni" als surrealistisches Schlammbad auf einem Friedhof. Das Ensemble, die Bühnentechniker und der Betriebsrat wehren sich. Wie ein Halbgott schwebt Walter über dem Geschehen, trompetet pathetische Anweisungen, taktiert mit Charme und Drohungen. Die Premiere wird ein großer Erfolg. Und der Anteil des fiktiven Regisseurs kaum gewürdigt.

Olof Palme 1982 in Stockholm
AFP

Olof Palme 1982 in Stockholm

Die reale Filmregisseurin Suzanne Osten hatte sich einen Clou ausgedacht: Sie fragte Olof Palme, ob auch er eine Rolle übernimmt - Schwedens charismatischer Regierungschef als omnipotenter Opernchef, selbstironisch in einer Art Cameo. Palme winkte geschmeichelt ab.

Sehen aber wollte er den fertigen Film. Freitag, 28. Februar 1986, eine Woche nach dem Kinostart: Olof und Lisbet Palme beschließen spontan, "Bröderna Mozart" zusammen mit ihrem Sohn Mårten und dessen Freundin Ingrid anzuschauen. Ein frostiger Wind weht durch Stockholms Straßen. Seine Bodyguards hat Palme schon am Vormittag nach Hause geschickt: Heute gebe es für sie nichts mehr zu tun.

Mord am Schaufenster

Per U-Bahn fahren die Palmes zum Kino "Grand", gegen 23 Uhr endet der Film. Nach einem kurzen Schwatz mit Mårten spaziert das Ehepaar die Straße Sveavägen entlang. Auf dem Weg werden sie an einer Würstchenbude und vor einem Textilgeschäft gesehen. Ein Zeuge sagt später, ein Mann habe am Schaufenster des Tapetenladens Dekorima gewartet, das Paar mit wenigen Schritten eingeholt und mit einer Hand Olof Palmes linke Schulter gepackt. Dann seien zwei Schüsse gefallen.

Es ist 23 Uhr 21. Olof Palme ist sofort tot.

Der rechtsmedizinische Bericht wird ergeben: Die erste Kugel aus etwa 30 Zentimetern Entfernung tritt am Schulterblatt in Olof Palmes Rücken ein, zerschmettert die Wirbelsäule, durchtrennt die Aorta, tritt durch die Luftröhre und die Brust wieder aus. Die zweite Kugel feuert der Täter aus etwa 70 Zentimetern auf Lisbet ab, streift sie aber nur und durchlöchert ihren Wildledermantel.

Der Täter läuft über die Tunnelgatan weg. Später melden sich als Zeugen bei der Polizei 25 Menschen, die alle das Attentat beobachtet haben wollen, einige aus vorbeifahrenden Autos.

Moralische Supermacht Schweden

Es folgte eine der aufwendigsten, teuersten und längsten Morduntersuchungen aller Zeiten. Die Akten im Archiv des Stockholmer Polizeipräsidiums reihen sich auf 270 Metern; für die Lektüre dürfte selbst ein erfahrener Jurist 15 Jahre brauchen. Die Kosten liegen laut Zeitung "Bizniz" bis dato bei 700 Millionen Kronen (75 Millionen Euro). Noch heute erreichen die Polizei täglich im Schnitt etwa drei Hinweise aus der Bevölkerung.

Das Ermittlungsergebnis 30 Jahre später: kein Ergebnis. Zahlreiche Theorien ranken sich um den Mord. Spuren wurden verfolgt, verworfen, wieder aufgenommen. Staatsanwälte und Geheimdienstler, Polizisten und Publizisten haben mit diesem Fall Karriere gemacht - und Karrieren zerstört. Der Mord an Olof Palme, es ist ein wahrer Nordic Noir. Ein ebenso spannender wie düsterer Krimi. Und ein schwedisches Trauma obendrein.

SPIEGEL TV Magazin über Olof Palme (1993)

Olof Palme, ab 1969 bis 1976 und 1982 bis zum Tod zweimaliger Ministerpräsident über insgesamt elf Jahre, ragte unter Skandinaviens Politikern weit heraus und war einer der Leitwölfe der europäischen Sozialdemokratie, neben Willy Brandt und Bruno Kreisky. Als oft ruppiger Rhetoriker wurde er bewundert und gefürchtet. Innenpolitisch umstritten waren vor allem sein Ausbau des Sozialstaats und der Atomkraft. Außenpolitisch profilierte Palme sich als Friedenspolitiker, Fürsprecher der Dritten Welt, scharfer Kritiker von Amerikas Vietnamkrieg sowie des südafrikanischen Apartheid-Regimes.

Palme hatte Gegner. Er hatte Feinde. Viele. In allen Lagern. Unter Palme hatte sich das kleine neutrale Schweden zur moralischen Instanz aufgeschwungen, mit dem Premier als eine Art Weltgewissen. Palme selbst mit seiner Arroganz und Selbstgerechtigkeit wurde zur Zielscheibe des sprichwörtlichen "Palmehasses".

Beispiellos verworrener Polit-Krimi

Bis heute gehen viele Schweden von einem Polit-Komplott aus - mit völlig unterschiedlichen potenziellen Tätern. Führten Fährten nach Iran oder in den Irak, nach Südafrika, Chile oder in die USA? Waren es militante Kurden, sowjetische Kommunisten, kroatische Faschisten, italienische Geheimlogisten, deutsche Linksterroristen? Oder doch eher schwedische Rechtsradikale, womöglich rechte Sozialdemokraten?

All diese Thesen wurden ernsthaft und intensiv diskutiert. Keine Verschwörungstheorie war für das geschockte und kollektiv rätselnde Schweden zu verwegen. Auch nicht die von einer Verwicklung von Geheimdienstlern und der Polizei selbst. Dafür sprach die Trottelhaftigkeit, mit der sich die Ermittler blamierten.

Am Tatort gab es keine Fingerabdrücke, keine DNA. Die einzige Spur waren die beiden Projektile vom Typ Winchester-Western 357 Magnum. Passanten fanden sie tags darauf außerhalb der Polizeiabsperrungen - durch Drauftreten und Anfassen für die forensische Untersuchung praktisch unbrauchbar.

Die Stockholmer Polizei unter dem früheren Geheimdienstler Hans Holmér erbat für ein Phantombild Amtshilfe vom westdeutschen Bundeskriminalamt in Wiesbaden. Den Verdächtigen beschrieb Holmér so: "Er ist ein Mann. Er ist 30 bis 45 Jahre alt. Er hat dunkle Haare und ist etwa 170 bis 180 Zentimeter groß. Er trug dunkle Kleidung." Wie vielleicht jeder dritte Stockholmer Passant.

Gesucht, gefunden: ein einsamer Verrückter

Eine Zeugin behauptete, sie habe den Täter in einem Café getroffen: 33 Jahre alt, Palmehasser, Waffennarr, angeblicher Ex-Agent von CIA und FBI. Holmér verkündete begeistert den raschen Fahndungserfolg; Victor Gunnarsson wurde als vermeintlicher Mörder verhört. Doch der Generalstaatsanwalt veranlasste seine Freilassung und warf den Ermittlern sogar Rechtsbeugung und die Behinderung seriöser Fahndungsarbeit vor. Tatsächlich war Gunnarsson, ehemaliger Zivi, vor allem ein Sonderling, der seinerseits im Jahre 1993 einem Mord zum Opfer fiel.

Besonders intensiv folgte die Polizei der sogenannten PKK-Spur. Die kurdische PKK war nach Gewalttaten in den Vorjahren in Schweden als Terrororganisation eingestuft worden; eine umfangreiche Razzia verlief ergebnislos. Die Folgen erschütterten allerdings die Politik, bei der "Ebbe-Carlsson-Affäre", einem tragikomischen Slapstick.

Der Verlagsdirektor Ebbe Carlsson, eng mit Kommissar Holmér befreundet, ermittelte auf eigene Faust in Sachen PKK und erhielt Zugriff auf Fahndungsprotokolle und Zivilfahrzeuge der Polizei. Empfehlungsschreiben von Justizministerin Anna-Greta Lejon sollten ihm Unterstützung ausländischer Behörden bringen. Das alles war natürlich durch kein Gesetz gedeckt und flog auf, Ministerin Lejon und Ermittlungsleiter Holmér mussten gehen, ebenso weitere ranghohe Polizeioffiziere.

Andere Spuren wurden nur noch halbherzig verfolgt. Fortan gingen die Fahnder vom Mord eines wahnsinnigen Einzeltäters aus - einem, der nicht ins sozialdemokratische "Volksheim" Palmes passen wollte. So einen fanden sie dann auch: den bereits früher wegen Totschlags verurteilten Drogenabhängigen Christer Pettersson.

Christer Pettersson - einmal Mord und zurück

Tatsächlich meinte Palme-Witwe Lisbet bei einer Gegenüberstellung zwei Jahre nach der Tat, in Pettersson den Mörder zu erkennen. Im Juli 1989 wurde der versoffene Gewohnheitsverbrecher zu lebenslanger Haft verurteilt, indes nur wenige Monate später in zweiter Instanz freigesprochen. Lisbet Palme hatte lediglich eine Videoaufnahme angeschaut und soll zudem von der Polizei einen Tipp zum Verdächtigen bekommen haben; ein plausibles Mordmotiv fehlte ebenso wie die Tatwaffe.

1998 entschied der Oberste Gerichtshof: Das Verfahren gegen Pettersson wird nicht wieder aufgenommen. Angeblich soll er später einer Freundin gegenüber den Palme-Mord gestanden haben. Dem SPIEGEL dagegen sagte er 1998: "Also, wenn man an Gott glaubt, dann gibt es drei, die die Wahrheit kennen - den Mörder, Gott und mich. Glaubt man nicht an Gott, dann sind es wenigstens zwei: den Mörder und mich. Ich weiß, dass ich nicht der Mörder bin."

Ein spätes Geständnis ist von Pettersson nicht mehr zu erwarten. Er starb im September 2004 an einer Schädelfraktur, die er sich beim Fall auf offener Straße zuzog. Viele sind heute noch überzeugt, dass er doch der Täter war. Aber in den vergangenen Jahrzehnten haben 133 Menschen den Mord gestanden. Und keiner von ihnen ist rechtskräftig verurteilt.

2010 wurde in Schweden die 25-jährige Verjährungsfrist für Mord abgeschafft. Vor der Presse bemüht sich die "Palme-Gruppe" tapfer um den Eindruck, der Fall sei weiter lösbar: "Das ist unser Ziel und unsere Hoffnung", sagte Staatsanwältin Kerstin Skarp am vergangenen Donnerstag. In Wahrheit sind die sechs Polizisten, die heute noch am Fall arbeiten, eher Archivare.

Mehr als 100.000 Hinweise wurden geprüft und großflächig Gewässer nach der Tatwaffe durchtaucht. Man schwamm durch ein Meer an Material, verhörte Hunderte Verdächtiger und ließ sie wieder frei - Stockholms Polizei ist epochal gescheitert. Nach 30 Jahren ist der Mord an Olof Palme in Schweden noch immer eine schwärende Wunde.

  • einestages-Autor Niels Reise lebt und arbeitet seit 16 Jahren in Stockholm.

Mitarbeit: Jochen Leffers



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Modem Hamster, 28.02.2016
1. Fragt man in den deutschen Medien nach
ist es doch ganz klar. Das war ganz bestimmt der Putin. Die PKK zu vermuten, ist mindestens verwegen, sinnvoller wäre sicherlich, mal die merkwürdigen U-Boote vor Schwedens Küste u untersuchen. Die sollten ja Angst un Schrecken verbreiten, was aber bei Palme nicht funktioniert hat, wollte er doch Schweden als blockfreies Land etablieren. Torrijos könnte nicht das einzige Opfer der CIA gewesen sein.
Nauru Keke, 28.02.2016
2. Er war einfach...
nicht erwünscht ,und zu progressiv . Die Dokumentation "Die Methode Reagan" die vor ein paar Monaten auf "ARTE" lief ,beschreibt noch einmal detailliert und ausführlich die Ereignisse ,und die Umstände mit denen es O.Palme zur damaligen Zeit (während einer heißen Phase des K.Krieges) zu tun hatte.Dem ,der danach der Theorie vom verrückten Einzeltäter noch Glauben schenkt ,ist auch nicht mehr zu helfen.
Ralf Manthey, 28.02.2016
3. Völlig klar - der verrückte Einzeltäter ...
... genau wir bei Kennedy, der ja von einer Kugel von hinten durch die Brust ins Auge getötet wurde. Frgat lieber mal, wer von seinem Tod am meisten profitiert hat.
Christian Bellechamps, 28.02.2016
4. ist doch längst klar!
USA und Nato hatten im kalten Krieg eine knallharte anti-kommunistische Politik verfolgt, die bis heute wirkt. Die Anschläge in Italien mit Dutzenden Toten, um das Land vor einem Sieg der kommunistische Partei zu "schützen", das Oktoberfest Attentat in Deutschland, die U-Boote vor Schweden und bis in die heutige Zeit die Hintermänner des NSU. Alles Werk der USA geführten NATO mit Deckung bis in höchste deutsche Regierungsämter. Und wenn jemand etwas herausbekommt, dann wird der eben mit weggeräumt wie die arme kleine Polizistin die ja nicht von dem NSU Trio sondern anderen erschossen wurde. Aber wer jetzt glaubt, daß wäre im Kommunismus oder jetzt bei Putin besser, der täuscht sich. Das alles geht immer noch eine Nummer schlimmer. Dort lassen auch alt kommunistische polnische und russische Geheimdienstkreise gemeinsam mal eine ganze Regierungsmaschine abstürzen, um unliebsame Kritiker zu beseitigen. Von besonderen Intimfeinden werden dann noch die sterblichen Überreste absichtlich vertauscht um sich maximal zu rächen. Und die deutschen Zeitungen klatschen dabei Ablaus, allen voran TAZ und ZEIT.
Steffen Rau, 28.02.2016
5. Vor einiger Zeit
lief mal eine recht interessante Doku, indem der Mord am Rande mit abgehandelt wurde. Nach allen Indizien waren die USA für den Mord verantwortlich. Die USA mieteten das italienische U-Boot, dass später als "russisches" gesichtet wurde. Den USA wurde die pazifistische und ausgleichende OstPolitik Palmes zunehmend lästig, da Palme sich den Wünschen und Befehlen als einziger europäischer Ministerpräsident nicht beugte. Ein Ende des kalten Krieges war von amerikanischer Seite nicht erwünscht, ein totaler Sieg sollte es schon sein. Der Ostblock und Russland hatten durch den Tod Palmes nichts zu gewinnen, nur zu verlieren. Schon damals hatte die Sowjetunion unter dem Hochrüsten zu leiden,Palmes Politik der Entspannung für die Sowjetunion sehr willkommen. Die Frage, die sich aber wirklich stellt, ist, wer den Mord ausführte. Teile der militärischen Führung, die damals offen gegen den gewählten Ministerpräsidenten intrigierten? Oder die USA? Wir werden es wohl nie erfahren.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.