Mord an Siegfried Buback Tödliche Salve an der Ampel

Mord an Siegfried Buback: Tödliche Salve an der Ampel Fotos
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Mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback startete die RAF ihre "Offensive 77". Es war die erste spektakuläre Tat der zweiten Generation und der Auftakt für das blutigste Jahr des deutschen Terrors. Kanzler Schmidt sprach von Schüssen gegen den Rechtsstaat. Von

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Der Gründonnerstag des Jahres 1977 fällt auf den 7. April. Morgens gegen 8.30 Uhr beobachtet der Pächter einer Esso-Tankstelle in der Linkenheimer Landstraße in Karlsruhe zwei Männer mit einem schweren Suzuki-Motorrad. Die beiden stehen an einer Zapfsäule, aber machen keine Anstalten, ihre Maschine aufzutanken. Die Männer, die olivgrüne Helme tragen, schrauben am Rücklicht der Suzuki GS 750. Vor allem aber beobachten sie den Verkehr.

Kurz nach 9 Uhr kommt ein dunkelblauer Mercedes mit drei Männern die Linkenheimer Landstraße herunter und muss an der Einmündung zur Moltkestraße an einer Ampel anhalten. Es handelt sich um den Dienstwagen von Siegfried Buback, 57, der zur Arbeit fährt. Der Generalbundesanwalt sitzt vorne neben dem Fahrer Wolfgang Göbel, 30, hinter Buback der Leiter der Fahrbereitschaft der Bundesanwaltschaft, Georg Wurster, 33.

Jetzt nähern sich die beiden Männer auf dem Motorrad dem Daimler von rechts hinten. Der Beifahrer zieht in dem Moment, in dem die Ampel auf Gelb umspringt, aus einer Reisetasche ein Selbstladegewehr Heckler & Koch HK 43 und beginnt sofort, in den Wagen zu schießen. Mindestens 15 Schüsse gibt er ab.

"Vom Kommando Ulrike Meinhof hingerichtet"

Es ist ein gespenstisches Bild, wie der Daimler daraufhin führerlos über die Kreuzung rollt, bis er an einem Poller zum Stehen kommt. Die beiden Männer auf dem Motorrad fahren in Richtung Karlsruher Innenstadt davon. Kurz darauf wartet ein Mitglied der Roten Armee Fraktion (RAF) in einem Alfa Romeo auf sie, mit dem sie entkommen können. Buback und Göbel erliegen noch am Tatort ihren schweren Verletzungen, aber auch der nur von zwei Geschossen getroffene Wurster stirbt am 13. April.

An diesem Tag wurden an mehreren Orten in der Bundesrepublik rund zehn Bekennerschreiben gleichen Wortlauts aufgegeben, die mit dem Satz begannen: "Für Akteure des Systems selbst findet die Geschichte immer einen Weg." In unverhohlenem Zynismus hieß es weiter: "Am 7.4.77 hat das Kommando Ulrike Meinhof Generalbundesanwalt Buback hingerichtet." Er sei "direkt verantwortlich für die Ermordung" der RAF-Mitglieder Holger Meins, Siegfried Hausner und Ulrike Meinhof - Meins war bei einem Hungerstreik gestorben, Hausner nach der Besetzung der deutschen Botschaft in Stockholm mit lebensgefährlichen Verletzungen nach einem Transport nach Stuttgart; Meinhof hatte sich in ihrer Zelle erhängt.

Die Haftbedingungen der RAF-Gefangenen bestimmte nicht zuletzt der Generalbundesanwalt. In der Kommandoerklärung hieß es weiter: "Wir werden verhindern, dass unsere Fighter in westdeutschen Gefängnissen ermordet werden, weil die Bundesanwaltschaft das Problem, dass die Gefangenen nicht aufhören zu kämpfen, nicht anders als durch Liquidierung lösen kann."

"Ich bringe sie dir alle"

Die Ermordung Bubacks war die erste spektakuläre Aktion der zweiten Generation der RAF. Die erste Generation - mit Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof als führenden Figuren - hatte 1970 dem Staat den Krieg erklärt, aber saß gut zwei Jahre später schon vollständig im Gefängnis. Während sie vor dem Hintergrund des Krieges in Vietnam vor allem US-Einrichtungen angegriffen hatte, wurde für ihre Nachfolger der westdeutsche Justizapparat zum Hauptfeind.

Nicht nur Siegfried Buback selbst war klar, dass er zu den am meisten durch die RAF gefährdeten Personen zählte. Für Gudrun Ensslin verkörperte er "den postfaschistischen Polizeistaat Bundesrepublik".

Das Bundeskriminalamt und die nun von Kurt Rebmann geführte Bundesanwaltschaft versuchte später den genauen Tatablauf zu klären - da keiner der Beschuldigten aussagte, ein schwieriges Unterfangen. Nach ihren Erkenntnissen hatte das RAF-Mitglied Günter Sonnenberg am 2. April 1977 in Düsseldorf das Motorrad angemietet. Bei seiner Verhaftung gut einen Monat später, bei der Sonnenberg einen Kopfschuss erlitt, fand die Polizei auch die Tatwaffe, das Heckler-&-Koch-Selbstladegewehr.

"Wer hat meinen Vater erschossen?"

Die Bundesanwaltschaft kam zu dem Schluss, dass Günter Sonnenberg, Christian Klar und Knut Folkerts, die vor ihrem Abtauchen in den Untergrund in Karlsruhe in einer Kommune zusammengelebt hatten, für die Planung und Durchführung der drei Morde verantwortlich seien. Doch das Oberlandesgericht Stuttgart verurteilte im April 1985 nicht nur Christian Klar, sondern auch Brigitte Mohnhaupt wegen "Mittäterschaft" zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe.

Mohnhaupt allerdings war - will man dem Ex-RAF-Mann Peter-Jürgen Boock glauben - zum Zeitpunkt des Karlsruher Attentats gerade von einer "Dienstreise" zu palästinensischen Verbündeten in Bagdad eingetroffen. Dort soll sie immerhin die Kommandoerklärung entworfen haben. Angesichts des ungeklärten Tatverlaufs erklärte Michael Buback, der Sohn des Generalbundesanwalts, in der "RAF-Debatte" um die Freilassung von Mohnhaupt und Klar: "Ich persönlich möchte wissen, wer meinen Vater erschossen hat."

"Die Schüsse", so befand Bundeskanzler Helmut Schmidt beim Staatsbegräbnis für Siegfried Buback in Karlsruhe, "sollten dem Rechtsstaat überhaupt gelten". Horst Herold, Präsident des Bundeskriminalamtes, der mit Buback bei der Bekämpfung der RAF intensiv zusammengearbeitet hatte, verspricht am offenen Grab: "Ich bringe sie dir alle." Er sollte Recht behalten.

Michael Sontheimer

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 05.04.2007

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