Morddrohungen gegen Ted Kennedy "Er wird per Armbrust getötet"

Auf Druck von US-Medien hat das FBI seine Geheimakten über Ted Kennedy freigegeben. Die Dokumente offenbaren, wie gefährdet der legendäre Senator war: Er bekam jahrzehntelang Morddrohungen - und fürchtete bis zuletzt, wie seine Brüder einem Attentat zum Opfer zu fallen.

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Von , New York


Das Telegramm ist ebenso kurz wie dramatisch. 19 Worte, zwei Sätze, weder Punkt noch Komma. "Please make certain that Ted Kennedy gets all the protection he needs we are down to one Kennedy thanks", heißt es darin. "Bitte sicherstellen, dass Ted Kennedy allen Schutz bekommt, den er braucht. Wir haben nur noch einen Kennedy. Danke."

Es ist der 6. Juni 1968. Der Telegrammkopf vermerkt die exakte Uhrzeit: 18.33 Uhr - 17 Stunden nach dem Tod Robert F. Kennedys, des damaligen US-Präsidentschaftsbewerbers. RFK wurde in jener Nacht, wie schon sein Bruder John F. Kennedy fast fünf Jahre zuvor, von einem Attentäter erschossen, nach einer Rede in Los Angeles, mit der er seinen Sieg bei der kalifornischen Vorwahl gefeiert hatte.

Der Mord hinterließ den letzten Kennedy - Ted Kennedy, der jüngste der Brüder und damals noch der politisch zaghafteste. Nun rückte er plötzlich ins Fadenkreuz, als einzig verbliebene, nationale Ikone dieser US-Dynastie. Kein Wunder, dass besagtes Telegramm erging, sofort und von höchster Stelle: Der Verfasser war niemand Geringerer als FBI-Chef J. Edgar Hoover, der die Depesche an alle Außenstellen schickte.

2352 Seiten Angst

Es war nur der Anfang. Diese Woche gab das FBI seine Geheimakten über Ted Kennedy frei - 2352 Seiten an gesammelten Erkenntnissen die weiter unter Verschluss geblieben wären, hätten nicht mehrere US-Medien Druck gemacht. Die mal atemberaubenden, mal banalen Memos, Protokolle und Notizen, die SPIEGEL ONLINE sichtete, offenbaren die schwere Bürde des letzten Kennedy: Von Morddrohungen verfolgt, lebte er in ewiger Furcht, so zu enden wie seine Brüder.

Als Kennedy im August vorigen Jahres im Alter von 77 Jahren starb, verneigten sich die USA in landesweiter Trauer. Die Nachrufe würdigten seine Verdienste um die Politik, sein knorriges Wesen, selbst seine Makel. Kaum beachtet blieb jedoch, dass er unter dem dauerhaften Schatten der Attentatsangst stand - ein Umstand, der erst jetzt durch die FBI-Akten mit beklemmenden Details belegt wird.

Ted Kennedy selbst gab seine Furcht nur selten zu. Die FBI-Papiere dokumentieren nun, was er nach außen hin jahrzehntelang verschwieg. Sie umfassen eine Zeitspanne von 1961 bis 1985 - dem Jahr, bevor Kennedy in den Senat zog, bis zur Dekade seines politischen Zenits. Immer wieder vermerkte das FBI in dieser Zeit Morddrohungen. Einige waren ernst zu nehmen, andere lagen eher im Bereich "nutcase", waren Drohungen offensitlich verwirrter Menschen. Die Behörden gingen trotzdem fast jeder Spur akribisch nach.

Eine Warnung an die Kennedys

Sie kamen von anonymen Einzelpersonen und von offenen Gruppen, meist Radikalen und Extremisten: vom rassistischen Ku-Klux-Klan, den antikommunistischen Minutemen, der nationalsozialistischen National Socialist White People's Party. Manche Absender hat das FBI auch nachträglich geschwärzt - wahrscheinlich auf Wunsch der Kennedy-Familie, die das letzte Wort über die Freigabe der Akten hatte.

"Eine Warnung an die Kennedys", hieß es in einem Brief, den die kanadische Polizei im Oktober 1968 erhielt, vier Monate nach RFK's Tod. "John Kennedy, Nr. 1 ermordet, Robert Kennedy, Nr. 2 ermordet, Ted Kennedy, Nr. 3 ermordet am festgelegten Datum 25. Oktober 1968." Der Verfasser riet, "die Kennedy-Residenz an dem Datum gut zu beschützen".

"Du weißt nicht, wer wir sind - aber wir wissen, wer du bist", schrieb ein sogenanntes Committee of Two Hundred, das sich als Gruppe von Weltkriegsveteranen identifizierte, 1969. Man sei bei Kennedy "entschlossen, etwas zu unternehmen". Das FBI vermerkt lakonisch, es habe im Telefonbuch nach der Organisation gesucht, sie aber nicht gefunden und die Ermittlungen daraufhin abgebrochen.

Unablässige Morddrohungen

Ebenfalls 1969 bekam der Kolumnist William Buckley einen Anruf, in dem eine Frau ein angeblich in Kuba geplantes Attentat auf Kennedy ankündigte. Im selben Jahr ermittelte das FBI gegen eine weitere Frau, die "versteckte Drohungen" gegen Kennedy äußerte. Die 62-Jährige beharrte demnach "unerbittlich darauf, dass sie Senator Kennedy, 'das schmutzige Stinktier', hasse, aber 'keine Kugel für die Ratte vergeuden wolle". Der Fall wurde eingestellt.

Und so ging es weiter, Jahr für Jahr. Im Mai 1970 schickte ein anonymer Absender einen Drohbrief an "das Schwein Ted Kennedy, Boston, Massachusetts", mit verkritzelten Zeitungsausschnitten über den Senator. "Ich werde Kennedy und Reagan umbringen", polterte ein anderer Briefschreiber 1985, dessen Hass offenbar gleichermaßen dem republikanischen Präsidenten Ronald Reagan galt. "Und das meine ich wirklich ernst." Das FBI schrieb dazu, der Verdächtige sei als "bewaffnet und gefährlich" anzusehen.

Die meisten der Möchtegern-Attentäter kündigten an, Kennedy wie seine Brüder erschießen zu wollen. Einer jedoch avisierte eine andere, eigenwilligere Tatwaffe. Der Mann rief demzufolge 1982 - zwei Jahre nach Kennedys missglücktem Anlauf zur US-Präsidentschaftskandidatur - mehrmals im Büro des Demokraten-Chefs von Florida an: Sollte sich Kennedy erneut ums Weiße Haus bewerben, "wird er per Armbrust getötet".

Eine Million Dollar Kopfgeld

Kennedys Kandidatenpleite war zuvor schon Gegenstand einer kryptischen Botschaft, die das FBI am 14. August 1980 erhielt. Darin erklärte ein Mann aus Arizona telefonisch, er habe übersinnliche Kräfte und sehe voraus, dass beim Wahlparteitag der Demokraten an jenem Abend auf Kennedy geschossen würde - "dreimal in den Nacken oder die Schulter". Der Attentäter befinde sich auf der Dachtribüne und sei "entweder ein Homosexueller oder hübsch".

Selbst Sirhan Sirhan, der Mörder von Robert Kennedy, spukte weiter durch Ted Kennedys Dasein. Dieser hatte sich gegen die Todesstrafe für Sirhan ausgesprochen. Die FBI-Akten enthüllen jetzt, dass Sirhan versucht haben soll, einen Mitgefangenen zu bewegen, auch Ted Kennedy zu ermorden - für eine Million Dollar.

Kennedy verbarg seine Todesangst gut. Nur selten wurden Kollegen wie der spätere Präsidentschaftskandidat Walter Mondale Zeugen seiner Angstzustände. Im April 1969, so Mondale, habe Kennedy an Bord eines Flugzeugs einen Panikanfall bekommen und geschrien: "Sie haben Jack umgebracht, und sie haben Bobby umgebracht, und jetzt versuchen sie, mich umzubringen… Sie versuchen, mich zu töten!"

Ständiger Schutz durch das FBI

Dieser Furcht wegen habe Kennedy nach Roberts Tod zwölf Jahre gewartet, um selbst das Weiße Haus anzupeilen, sagte sein Ex-Berater Robert Shrum der "Washington Post". Und sie sorgte auch dafür, dass Kennedy stets auf den Ernstfall vorbereitet war: "Wir trafen Vorsichtsmaßnahmen. Wir hatten überall einen Arzt dabei. Wir hatten an den meisten Orten Rettungswagen parat", so Shrum.

Kennedy war dankbar für den FBI-Schutz. In einem Brief an den damaligen FBI-Direktor Clarence Kelley schrieb er 1974, die Hilfe der Behörde sei "ein großer Trost für uns alle".

Das FBI spähte Kennedy aber seinerseits auch selbst fleißig aus. So habe er sich auf einer Mexiko-Reise mit "'Intellektuellen' linker Gesinnung" getroffen, steht in einem internen Bericht von 1961. Und ein Memo von 1965 erwähnt eine Gesellschaftsdame und Ex-Gattin eines US-Botschafters, die "beträchtliche Informationen über Sexpartys" der Kennedy-Brüder mit Marilyn Monroe, Frank Sinatra und Sammy Davis Jr. in Manhattan gehabt habe.

Allein 77 Seiten befassen sich mit Kennedys Verwicklung in einen tödlichen Autounfall. Im Juli 1969 war er mit seinem Wagen nach einer nächtlichen Party von einer Brücke an der Insel Chappaquiddick nahe dem Familiensitz in Massachusetts ins Wasser gestürzt. Seine Beifahrerin, die 28-jährige Wahlkampfhelferin Mary Jo Kopechne, ertrank; Kennedy beging Fahrerflucht. Der Skandal ruinierte Kennedys Präsidentschaftsambitionen.

Doch das sind eher Randnotizen - im Zentrum der Akten stehen die Drohungen gegen sein Leben. Kennedy selbst bekannte bewusst sich nur ein einziges Mal zu seiner Todesangst - in seinen Memoiren "True Compass", die er kurz vor seinem Krebstod fertigstellte. "Auch heute noch erschrecken mich plötzliche Geräusche", schrieb er da. "Ich zucke bei Salutschüssen auf dem Arlington-Friedhof zusammen, die die Gefallenen im Irak ehren. Meine Reaktion ist unterbewusst - ich weiß, ich schwebe nicht in Gefahr - aber es durchfährt mich dennoch."



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Albgardis Ongvarsk, 17.06.2010
1.
Ich finde den kleinen Hinweis auf Mary Kopechne ziemlich dreist. So ganz klein und fast schon unauffaellig in den Endteil gestrickt. Und das ausgerechnet in einem Artikel, der sich hauptsaechlich mit den angedrohten Attentaten gegen ihn befasst!! Ist Ihnen denn ueberhaupt nicht der Gedanke gekommen, dass die allermeisten dieser Leute, die Drohungen gegen ihn ausstiessen, ihn genau dafuer hassten? Und ich bin auch nicht einverstanden, wie Sie den Vorfall hier so abtun, als waere es eben ein tragischer Unfall gewesen. Ted war voll und ist mit dem Auto von der Bruecke gefahren, und waehrend er sich befreit hat UND DANN EINFACH NACH HAUSE GEKOMMEN IST, ist seine Wahlhelferin im Wagen ertrunken. Jeder andere waere doch dafuer verknackt worden - wieso er nicht? Das wurde ihm nie verziehen. Ich lebe in den USA, Sie duerfen mir das glauben. Er wurde genau deshalb gehasst. Wenn er nun nuechtern gewesen waere und vielleicht ein anderer Besoffener den Unfall verursacht haette, wenn er alles versucht haette sie zu retten, wenigstens den Notruf ausgeloest - aber so, nee, also echt nicht. Ich persoenlich fand es uebrigens aeusserst bedauerlich, dass er an einer Krankheit verstorben ist. Das duerfen Sie nun verstehen, wie Sie wollen.
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