"Raketen-Krug" Mordauftrag vom Mossad-Chef

1962 verschwand ein Münchner Geschäftsmann, der an Raketenlieferungen nach Ägypten beteiligt war. Vom Mossad entführt, verhört und umgebracht - erst jetzt erfahren die Kinder von Heinz Krug, wie ihr Vater starb.

SPIEGEL TV/NDR/BR

Die beiden Kinder eines im September 1962 spurlos verschwundenen Münchner Geschäftsmannes haben im Lauf der Jahrzehnte schon viele Versionen über das Schicksal ihres Vaters gehört. Der Geschäftsmann Heinz Krug hatte sich am 11. September 1962 morgens von Frau und Kindern verabschiedet und war mit seinem neuen Mercedes 300 SE wie üblich in sein Büro nahe des Münchner Hauptbahnhofs gefahren.

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Er sollte nie zur Familie zurückkehren. Beate Soller, heute 70, und ihr vier Jahre jüngerer Bruder Kaj Krug wuchsen ohne den Vater auf - und in ständiger Ungewissheit, was mit ihm geschehen war.

Mehr als 55 Jahre später legt der israelische Geheimdienstexperte Ronen Bergman, 45, im neuen SPIEGEL-Buch "Der Schattenkrieg - Israel und die geheimen Tötungskommandos des Mossad" die bislang wohl detaillierteste und am besten belegte Chronik dessen vor, was damals geschah. Sie beruht auf zahlreichen Interviews mit ehemaligen und teils unmittelbar beteiligten Mossad-Agenten und einer als geheim eingestuften internen Mossad-Aufarbeitung der Ereignisse um "Raketen-Krug", wie der SPIEGEL den studierten Juristen und umtriebigen Kaufmann in mehreren Berichten in den Sechzigerjahren bezeichnete.

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Mossad: Die Operation "Vitamin C"

Heinz Krug war damals Geschäftsführer der Münchner Handelsgesellschaft Intra und der United Arab Airline. Zuvor hatte er die Geschäfte des Forschungsinstituts für die Physik der Strahlantriebe in Stuttgart geleitet, an dem zu jener Zeit führende Luft- und Raumfahrtexperten der Republik beschäftigt waren.

Um 1960 nahm eine Gruppe Wissenschaftler aus diesem Umfeld einen brisanten Auslandsauftrag an: Sie sollten für den ägyptischen Staatspräsidenten Gamal Abdel Nasser Raketen entwickeln. Heinz Krug beschaffte über die Intra (für: International Rakete) notwendige Bauteile und ließ diese über die Fluglinie an den Nil transportieren.

Operation "Vitamin C"

Als Nasser das Ergebnis dieser Entwicklungshilfe im Juli 1962 stolz bei einer Militärparade vorführen ließ, dekoriert mit ägyptischen Fahnen, brach in Israel Panik aus. Denn die mit deutscher Hilfe gebauten Raketen, ließen die Ägypter vielsagend verlauten, seien in der Lage, Ziele südlich von Beirut zu erreichen.

Mossad-Chef Isser Harel ordnete nach Bergmans Recherchen, die auch Grundlage für eine aktuelle SPIEGEL-TV-Dokumentation im Auftrag von NDR und BR sind, eine massive Kampagne an, um das Raketenprogramm zu stoppen, die "Operation Vitamin C".

SPIEGEL TV

"Der Mossad, die Nazis und die Raketen - Showdown am Nil" - die Produktion von SPIEGEL TV läuft am Montag, 22. Januar 2018 um 23.30 Uhr in der ARD.

Als eines der ersten Ziele nahm der Mossad demnach Krug ins Visier. Ein beteiligter Agent, der in der TV-Dokumentation als Oded auftritt, schildert erstmals öffentlich den Ablauf der Entführung. Demnach lockte er Krug unter dem Vorwand einer dringend notwendigen Besprechung mit einem der ägyptischen Auftraggeber zu einem Haus in einem Münchner Vorort. Dort wartete das eigentliche Kidnapping-Team unter der Leitung des Mossad-Chefs persönlich.

Leiche über dem Meer abgeworfen

Laut einer als geheim eingestuften internen Aufarbeitung der Ereignisse wurde Krug von ihnen überwältigt, in einem VW-Bus nach Marseille gefahren, mit einer El-Al-Maschine nach Israel ausgeflogen und dort in einem Geheimgefängnis monatelang verhört. Seine Aussagen und sein Notizbuch hätten "reiche Früchte" erbracht, heißt es in dem Dokument.

Ehemalige Mossad-Agenten schildern in der SPIEGEL-TV-Dokumentation, was danach geschah: Harel habe einen seiner Leute damit beauftragt, Krug zu erschießen; eine israelische Militärmaschine habe seinen Leichnam dann über dem Meer abgeworfen.

Krugs Nachkommen hat das Schicksal ihres Vaters nie losgelassen. Sie haben selbst recherchiert und vor zwei Jahren gemeinsam ein Buchmanuskript über ihre Spurensuche und über all die unterschiedlichen Fährten und teils schillernden Theorien verfasst, mit denen sie in den Jahrzehnten nach seinem Verschwinden immer wieder konfrontiert wurden. Erst 2016 hatte eine Geschichte weltweit für Furore gesorgt, wonach ihr Vater von dem ehemaligen SS-Obersturmbannführer Otto Skorzeny in einem Wald bei München hingerichtet worden sei, im Auftrag des Mossad.

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Ronen Bergman:
Der Schattenkrieg

Israel und die geheimen Tötungskommandos des Mossad - Ein SPIEGEL-Buch

Deutsche Verlags-Anstalt; 864 Seiten; 36 Euro

Bergmans Recherchen, die Aussagen der ehemaligen Agenten und die vorgelegten Belege ließen sie "erschauern" und seien aus ihrer Sicht plausibel, sagt Beate Soller gegenüber dem SPIEGEL und "Report München". Ihr Bruder stimmt zu, sie passten auch zu den eigenen Recherchen.

Die Geschwister Krug wollen sich nun an die israelische Botschaft wenden und dort um eine offizielle Bestätigung des Staates Israel bitten. "Es wäre ein Traum", sagt Kaj Krug leise, "wenn wir endlich Klarheit bekämen."



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