Motorrad-Pionierinnen Frauenbewegung mit 36 PS

Motorrad-Pionierinnen: Frauenbewegung mit 36 PS Fotos
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Anfang des 20. Jahrhunderts galt das Motorrad als reine Männersache. Als zwei amerikanische Schwestern die USA mit ihren Bikes durchquerten, war das eine Sensation. Die Tour geriet zum Medienspektakel - und genau das brachte Adeline und Augusta van Buren um ihren Erfolg. Von

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Am 4. Juli 1916 warfen die Schwestern Adeline und Augusta van Buren ihre Indian-Motorräder an, um den nordamerikanischen Kontinent zu überqueren. Und das kam einem Skandal gleich. Motorräder galten damals in der Rangfolge der Fortbewegungsmittel als noch unweiblicher als Flugzeuge. Kein Wunder, bestätigte sich doch immer wieder die Regel, dass man den Motorradfahrer stets an der Farbe seiner Fingernägel erkennt: Störungs- und schadenfreie Langstreckenfahrten waren eher die Ausnahme. Wer Zweirad fuhr, musste auch Schrauben können.

Das scherte die van-Buren-Schwestern nicht. Kurz zuvor hatten sie vergeblich versucht, sich als Botenfahrerinnen für den Militärdienst zu melden und waren mit Hinweis auf ihr Geschlecht abgelehnt worden. Mit ihrer Rekordfahrt wollten die van Burens darum nicht weniger unter Beweis stellen, als die technische wie körperliche Gleichwertigkeit der Frau mit dem Manne - 1916 für manche ein Kuriosum, für andere eine Zumutung.

Als Vehikel für ihre provokante Botschaft wählten sie das brandneue Modell der amerikanischen Motorrad-Marke Indian, damals größter Hersteller motorisierter Zweiräder weltweit. Die Indian Powerplus entlockte ihrem zweizylindrigen 998-Kubikzentimeter-V-Motor bis zu 18 PS. Damit gehörte das Motorrad zu den Schwergewichten seiner Zeit - ein Bike für harte Jungs, nicht zuletzt für das Militär entwickelt.

Ein Motorrad erobert die Welt

Mit für die Zeit atemberaubenden und die Bandscheiben strapazierenden 100 km/h rasten die Indians bald nicht nur über Amerikas Straßen und Schotterpisten, sondern als militärische Botenfahrzeuge auch durch das vom Ersten Weltkrieg umgepflügte Europa. Wie schnell und verlässlich dieses bärenstarke Arbeitspferd mit Sprinterqualitäten war, ließ Indian mit einer spektakulären Australien-Durchquerung demonstrieren: Anfang 1916 donnerte Werksfahrer Cannonball Baker in 24 Stunden satte 1653 Kilometer durchs staubige Outback.

Noch mehr aber sollte die Fahrt der beiden Schwestern zu einem landesweit beachteten Medienspektakel werden: Die van Burens waren prominente Vertreterinnen des National Preparedness Movement, das auf eine Teilnahme der Vereinigten Staaten am Ersten Weltkrieg drängte. Sie hatten entsprechende propagandistische Unterstützung und einen finanzstarken Sponsor: Der Start der Tour in Brooklyn wurde vom Reifenhersteller Firestone inszeniert.

Bereits im Jahr davor hatten zwei Frauen aus Brooklyn bewiesen, wie populär man durch so "männliches" Gehabe werden konnte. Als die 20-jährige Effie Hotchkiss ihrer Mutter Avis Anfang 1915 eröffnete, dass sie mit ihrer Harley Davidson von New York nach San Francisco fahren wolle, um sich dort die Weltausstellung anzusehen, fand die den Plan nicht wirklich gut: Eine unverheiratete junge Frau allein auf einem Motorrad auf Fahrt quer über den Kontinent? Nicht ohne Mama, beschloss Avis Hotchkiss. Wofür hatte der Knatterbalken einen Seitenwagen?

14.000 Kilometer mit dem Motorrad

Beide waren Motorradfahrerinnen mit erheblicher Erfahrung. Effie hatte im Alter von 17 Jahren damit begonnen und, wie die "Orange County Times-Press" am 23. April 1915 berichtete, schon von klein auf keinerlei Interesse an "Puppen und Nadelarbeit" gehabt. Nach drei Jahren Praxis, so die Zeitung, stellte die "hübsche, athletische junge Frau" die Qualitäten ihres Bruders als Fahrer und Monteur locker in den Schatten: "Ein interessantes Beispiel, wie weit es Frauen mit Entschlossenheit bringen können."

Es waren Pioniertage, gerade für Frauen. Noch hatten die kein Wahlrecht, keine gesellschaftliche Gleichstellung. Für mehr Gleichheit sorgte aber ausgerechnet der seit 1914 tobende Krieg - Frauen bekamen nun Chancen in Berufen, in denen zuvor nur Männer arbeiteten. Während Effie an der Harley schraubte und ihre große Tour plante, zog am Himmel die Kunstfliegerin Ruth Law Runden und Loopings - und ertrotzte sich bald darauf als erste Frau eine Airforce-Pilotenuniform.

Die Hotchkiss-Frauen hingegen fuhren nicht nur von Küste zu Küste, sie nahmen auch den gleichen Weg wieder zurück. Insgesamt saßen sie rund 14.000 Kilometer und über drei Monate lang in Sattel und Seitenwagen. Geschlafen wurde im Zelt, gekocht über dem Feuer. Kleine und größere Schäden reparierte Effie jeweils vor Ort. Einmal, wird behauptet, behalf sie sich bei einer doppelten Reifenpanne, indem sie die Schlafdecken in Streifen schnitt und in die Reifenmäntel stopfte, bis sie eine Werkstatt erreichten. In San Francisco schließlich, heißt es, lief ihr auch noch ein Mann vor das Motorrad. Sie heirateten wenig später - ein Abenteuer mit romantischem Happy End.

Boxenstopp im Knast

Für die Damen van Buren war dadurch allerdings die Latte hoch gelegt. Die Erstdurchquerung des Kontinents hatte ihnen Effie abgenommen. Ihr Rekordversuch sollte nun der erste "ohne Seitenwagen" sein und zudem der Beweis für die Kriegstüchtigkeit von Frauen. So geriet die Rekordfahrt, die von New York nach San Francisco und die kalifornische Küste hinab über Los Angeles bis nach Mexiko führen sollte, zu einem bis dahin beispiellos lückenlos medial berichteten Event. Der Startschuss fiel - höchst symbolträchtig - am US-Nationalfeiertag, dem 4. Juli 1916.

Auf dem Wege erzielte Rekorde - beispielsweise die bis dahin höchste Bergfahrt mit einem Motorrad - wurden bis an die Grenze der PR-Inszenierung dokumentiert und fotografiert. Ob Gussie und Addie ihre Indians nun über Staubpisten quälten, oder neben Hollywood-Starlets posierten - stets sahen sie gut aus dabei in ihren militärisch wirkenden Uniformen. Dass die sie mehrere Male kurzzeitig ins Gefängnis brachten, weil örtliche Polizeibehörden Anstoß am "Tragen von Männerkleidung" nahmen, sorgte für zusätzliche Schlagzeilen und schien der Sache zu dienen.

Doch das war ein Trugschluss. Gerade die vermeintliche Inszenierung der Fahrt sollte sich rächen: Das Gros der zeitgenössischen Presse fand Lob für die genutzten Motorräder, nicht aber für die Fahrerinnen, die beweisen wollten, dass Frauen alles hinbekommen, was Männer können. In den Medien wurde über die Rekordfahrt der auf Fotos stets strahlend lächelnden Blondinen berichtet, als sei das eine Urlaubsfahrt gewesen.

Scheitern im Erfolg

Effie Hotchkiss hatte auf ihrer Tour kein Ziel, außer dem geografischen. Die selbstgewählte Mission der van Burens aber scheiterte, obwohl die Tour ein Erfolg war. Bis in die dreißiger Jahre lehnte die US-Armee Frauen als Botenfahrerinnen ab. Anerkennung sollte erst sehr viel später folgen. Für Frauen wie Dorothy "Dot" Robinson, legendäre frühe Rennfahrerin und Mitbegründerin der Motor Maids, des ersten weiblichen Motorradclubs, waren die Hotchkisses und van Burens Vorbilder.

Und viele jahre später sollte auch der sehnlichste Wunsch von Augusta ("Gussie") und Adeline ("Addie") van Buren in Erfüllung gehen. Im Zweiten Weltkrieg kamen so manche der frühen Rekord- und Stuntfahrerinnen in Lederuniform zum Einsatz, ohne verhaftet zu werden.

Zum Weiterlesen:

Frank Patalong: "Der viktorianische Vibrator - Törichte bis tödliche Erfindungen aus dem Zeitalter der Technik". Lübbe, Oktober 2012, 288 Seiten.

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1.
Sven Meier 22.04.2013
"Pionierin" - geht's nicht noch mehr pc? Und die beliebte (und zuweilen weniger beliebten Pionierlager aus meiner Vergangenheit sind jetzt PionierInnenlager? Mit PionierInnenlagerleiterInnen?
2.
Alfons Huber 22.04.2013
"Mit ihrer Rekordfahrt wollten die van Burens darum nicht weniger unter Beweis stellen, als die technische wie körperliche Gleichwertigkeit der Frau mit dem Manne" Nur mal so am Rande, aber ohne die Ingenieurs Kunst von Pierre Michaux und Louis-Guillaume Perreaux und deren Erfindung des Dampfrades, ohne die Erfindung des Erstes Serien-Benzinmotorrad von Hildebrand & Wolfmüller von 1894, ohne die Spritzdüsenvergaser (Patent von Wilhelm Maybach, 1893, ohne die Magnetzündung (Patent von Robert Bosch 1901) etc. pp kurz gesagt, alle technischen Entwicklungen die von Nöten waren kamen (und kommen) von Männern...Ohne die kreative, technische Vorarbeit von Männern hätten die Damen zu Fuß gehen müssen.
3.
Jens Habermann 23.04.2013
>"Mit ihrer Rekordfahrt wollten die van Burens darum nicht weniger unter Beweis stellen, als die technische wie körperliche Gleichwertigkeit der Frau mit dem Manne" > >Nur mal so am Rande, aber ohne die Ingenieurs Kunst von Pierre Michaux und Louis-Guillaume Perreaux und deren Erfindung des Dampfrades, ohne die Erfindung des Erstes Serien-Benzinmotorrad von Hildebrand & Wolfmüller von 1894, ohne die Spritzdüsenvergaser (Patent von Wilhelm Maybach, 1893, ohne die Magnetzündung (Patent von Robert Bosch 1901) etc. pp kurz gesagt, alle technischen Entwicklungen die von Nöten waren kamen (und kommen) von Männern...Ohne die kreative, technische Vorarbeit von Männern hätten die Damen zu Fuß gehen müssen. Ich glaube, dass damit die Fahrt an sich gemeint ist: Einem Mann wurde es zugetraut, die Strapazen und die technischen Pannen auf einer so langen Fahrt zu meistern - einer Frau nicht.
4.
Verena Reindl 23.04.2013
Im Jahr 1950 gründete Louise Scherbyn in USA die WIMA Women's International Motorcycle Association. Bereits 1958 kam die Organisation nach Europa. Motroradrennfahrerinnen gründeten die Gruppen in Deutschland, England, Schweiz, Holland - weitere folgten. Jährlich wurde ein Treffen für eine Woche in einem anderen land ausgerichtet. Die WIMA-Gruppen, vor allem in Europa, wuchsen rasch. Es kamen nicht nur immer mehr motorradbegeisterte Frauen hinzu, sondern auch immer mehr Länder. Heute sind es 19 aktive Länder weltweit und ca. 1.200 Frauen. Die jährlichen Treffen für eine Woche werden nun wechselweise in Europa und Übersee angehalten. Time changes.
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