Motorsport-Fotografie Das Auge der Formel 1

Er hat alles gesehen, was auf den Rennpisten rund um den Globus passiert - auch hinter den Kulissen: Seit 1962 fotografiert Rainer Schlegelmilch die Formel 1. Seine faszinierenden Bilder dokumentieren, wie radikal sich der Rennzirkus verändert hat.

Rainer Schlegelmilch

"Zu Weihnachten gibt es immer Post von Bernie", sagt Rainer Schlegelmilch. Bernie heißt eigentlich Bernhard Charles Ecclestone und ist der Boss der Formel 1, Brite und Multimillionär. Schlegelmilch, 66, ist Deutscher, kein Multimillionär - aber so etwas wie das Auge der Formel 1. Seit 46 Jahren reist er zu Autorennen rund um den Globus um zu fotografieren. Mehr als 500 Grand Prix' hat er seither durch den Sucher seiner Kamera gesehen, seit dem Jahr 1963 hat er kein einziges Rennen in Monte Carlo verpasst. Dabei jagt er nicht nach dem aktuellsten Sportfoto, sondern ist eher darauf bedacht, die Formel 1 zu dokumentieren - und das möglichst kunstvoll.

Wie viele große Geschichten beginnt auch diese mit einem Zufall. Während Schlegelmilch in den sechziger Jahren an der Bayerischen Staatslehranstalt für Photographie in München studierte, nahm ihn ein Kumpel mit zu einem Langstrecken-Rennen auf dem Nürburgring und zum Großen Preis von Belgien nach Spa. Schlegelmilch schoss dort die Motive für seine Abschlussarbeit - Rennfahrergesichter voller Anspannung und Konzentration. Und er spürte, wie ihn die Atmosphäre, die Menschen, die Autos in ihren Bann zogen.

"Ich hatte Feuer gefangen", sagt Schlegelmilch. Es muss ziemlich heftig gebrannt haben, denn warum sonst sollte sich ein junger Fotograf, der sich unter der Woche mit Werbefotografie sein Geld verdiente, gleich nach Feierabend ins Auto setzen und nach Monza zum Formel-1-Rennen kutschieren? "Mit einem Zündapp Janus ging es bei Vollmond und mit 15 km/h den Gotthard-Pass hinauf - und auf der anderen Seite mit Tempo 90 wieder runter." So hat Schlegelmilch seine erste Reise zum Grand Prix von Italien in Erinnerung. Später fuhr er VW, inzwischen ist er bei Porsche angelangt, bereits beim elften Modell vom Typ 911.

Werbe-Ladies damals und heute

Es gibt Fotografen, die haben nach einigen Jahren Formel 1 genug. Es sei ja doch immer dasselbe, lautet das Lamento der Aussteiger. Rainer Schlegelmilch dagegen hat aus der Routine eine Tugend gemacht. Weil er auf Motive aus 46 Jahren zurückgreifen kann, komponiert er zum Beispiel spektakuläre visuelle Zeitsprünge: Benzin-Trichter und Hochdruck-Zapfanlagen aus derselben Perspektive, aber mit vier Jahrzehnten zeitlichem Abstand; Fahrer-Frauen mit Stoppuhren in Campingstühlen am Streckenrand und moderne Hightech-Totalüberwachung des Rennens; Werbe-Ladies in der Boxengasse damals und heute.

In Monte Carlo beispielsweise fotografiert Schlegelmilch stets die wichtigsten Autos im Feld immer in derselben Kurve immer mit derselben Brennweite aus immer derselben Perspektive. Daraus entstehen Bildfolgen - erstmals veröffentlich in seinem Bildband "Grand Prix - Fascination Formula 1", ein 400-Seiten-Kompendium, das 1993 erschien und zu den Klassikern des Genres zählt - die inzwischen auch Fotogalerien und Ausstellungsmacher interessieren.

"Mein Vorteil ist, dass ich mich nie als Bildberichterstatter, sondern immer als Fotograf gesehen habe", sagt Schlegelmilch. "Ich wollte gute Bilder machen." Kaum kamen Zoom-Objektive auf den Markt, nutzte Schlegelmilch sie, um Geschwindigkeit auf ganz neue Art zweidimensional auszudrücken. Fotos, auf denen beispielsweise nur der Helm des Rennfahrers im Zentrum des Bildes scharf zu sehen ist, alles andere aber nur unscharf oder als Farbschlieren, sind charakteristisch für seine Fotografie. Damit er diese Technik, die ein perfektes Timing und hohe Fingerfertigkeit erfordert, jederzeit einsetzen kann, bog er sich am heimischen Schraubstock aus zwei Aluminium-Streifen ein spezielles Schulterstativ für seine Kamera. Noch heute nutzt er an der Rennstrecke dieses archaisch anmutende Gestell.

Eis am Stiel im Cockpit

Wenn man Schlegelmilchs Fotografien früherer Pisten-Heroen betrachtet, könnte man wehmütig werden. Der stets korrekt gescheitelte Graham Hill, Jack Brabham mit einem Eis am Stiel im Cockpit oder Jackie Stewart im beigen Rollkragenpulli - "das waren gestandene Männer, reife Leute, echte Persönlichkeiten", sagt Schlegelmilch. Die heutige Rennfahrer-Generation sei da völlig anders. "Alle sind ausschließlich auf Motorsport programmiert. Das geht ja schon im Kindesalter los, wenn sie ihre ersten Runden im Kart drehen." Mercedes-McLaren-Fahrer Lewis Hamilton sei ein Paradebeispiel dafür. "Der Mann ist intelligent und enorm talentiert, aber er ist in gewisser Weise ein Rennfahrer aus der Retorte."

Seit er die Szene verfolge, sagt Schlegelmilch, hätten nach seiner Einschätzung sechs Rennfahrer die höchste Stufe erreicht. Er zählt auf: "Jim Clark, Jackie Stewart, Niki Lauda, Alain Prost, Ayrton Senna und Michael Schumacher." Aus der aktuellen Fahrerriege ragen nach seiner Ansicht Kimi Raikkönen, Nico Rosberg und Lewis Hamilton heraus. Schlegelmilch sagt aber auch, dass er sich davor hüten wolle, die Früher-war-alles-besser-Platte aufzulegen. "Ich habe immer noch Spaß an meiner Arbeit und möchte auch weiterhin motiviert zu den Rennen fahren. Das geht nicht, wenn man negativ an die Sache herangeht." Im Übrigen sei auch manches sehr viel besser geworden. "Zum Beispiel das Essen bei den Teams."

Vor allem aber die Sicherheit. Wenn ein Fotograf in den sechziger Jahren die Position wechseln wollte, wartete er einfach, bis die Piste einen Moment frei war und lief über die Strecke. Heute undenkbar. Dennoch genießt Schlegelmilch erhöhte Freiheiten im Feld der etwa 70 ständigen Formel-1-Fotografen. Er ist als einziger sozusagen direkt Bernie Ecclestone unterstellt, erhält von ihm einen speziellen Pass und verfügt über alle Leibchen, die zum Vordringen an die Boxenmauer oder in die Boxengasse berechtigen.

Spionage? Atmosphäre!

Dennoch sind auch für ihn manche Dinge tabu. "Seit etwa 15 Jahren treiben die Teams ein fast paranoides Versteckspiel", sagt Schlegelmilch. Motoren oder Getriebe dürfen keinesfalls fotografiert werden, die Boxen selbst sind absolutes Sperrgebiet. Doch es gibt Tricks. An der neuen Rennstrecke in Bahrein beispielsweise könne man nach Einbruch der Dunkelheit, wenn die Mechaniker noch in den hell erleuchteten Boxen an den Autos arbeiten, mit einem 500er-Teleobjektiv ganz brauchbare Fotos schießen. Es gehe schließlich nicht um Spionage, sondern um Atmosphäre.

Ans Aufhören dachte Schlegelmilch immer dann, wenn tödliche Unfälle die Motorsportwelt erschütterten. So etwa 1968, als Jim Clark bei einem Formel-2-Rennen in Hockenheim starb, 1982, als Gilles Villeneuve tödlich verunglückte und 1994 beim Tode Ayrton Sennas. Meist war er nicht weit von den Unglücksstellen entfernt. Und einmal hätte es ihn fast selbst erwischt: 1990 beim Großen Preis von Spanien in Jerez, als Martin Donnelly nur sechs Meter vor ihm in die Leitplanke krachte, das Auto zerriss und die Wrackteile durch die Luft spritzten. "Ich hatte riesiges Glück", sagt Schlegelmilch. Donnelly ebenso. Er überlebte den Crash, trug 26 Knochenbrüche davon, kehrte jedoch nie wieder in ein Formel-1-Cockpit zurück.

Schlegelmilch möchte noch ein paar Jahre das Auge der Formel 1 bleiben. "Ich bin jetzt so lange dabei, da würde ich gerne noch ein paar Dokumente schaffen, die dann in Büchern weiterleben", sagt er. Ab 16. März wird sich das Formel-1-Karussell wieder drehen, wenn die Startampel zum Großen Preis von Australien in Melbourne auf Grün springt. Aber erstmal kommt die Weihnachtspost von Bernie.

Zum Weiterlesen:

Weitere Fotos auf RainerSchlegelmilchs Website



insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
marc hoffmann, 07.12.2007
1.
eine hochinteressante photoreihe, die den nicht nur technischen unterschied zwischen gestern und heute hervorragend illustriert. hier allerdings ein kleiner faux-pas: "Spannungsabbau: Ein schattiges Plätzchen an der Leitplanke suchte sich Jacky Ickx in Monza 1970. Und auch Ferrari-Fahrer Felipe Massa entspannte sich - gut beschirmt von Teamchef Jean Todt - am Rande des Rennens in Barcelona 2007." der massa abschirmende herr ist definitiv nicht jean todt. der mag zwar ein umgänglicher typ mensch sein - während eines formel 1 rennens hat er aber sicherlich wichtigere dinge zu tun, als seine nummer zwei vor sonnenstrahlen zu schützen.
Thomas Brockerhoff, 10.12.2007
2.
Auch von mir ein kleiner Hinweis zu Bild 10: Es muss vermutlich 1983, nicht 1993 lauten.
Nick Hahne, 13.06.2008
3.
Ein Filmportrait von Rainer Schegelmilch gibt es unter supervolare.tv
Stefan Germer, 27.10.2013
4.
Interessanter geschichtlicher Hinweis zu Rainer Schlegelmilch: Sein Porsche wurde 1972 von Andreas Baader geklaut. Dieser fuhr damit in eine Garage im Frankfurter Hofeckweg, in der die RAF Sprengstoff gelagert hatte. Dort wurden dann Baader, Raspe und Meins festgenommen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.