MP3 im Netz Hier spielt die Musik

MP3 im Netz: Hier spielt die Musik Fotos
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Das MP3-Format ist nicht nur eine Bedrohung für die Musikindustrie, es eröffnete auch neue Möglichkeiten. MP3-Dateien machten es für Bands und Musiker möglich, über das Web neue Hörer zu gewinnen. Den Anfang machte 1997 die legendäre Website MP3.com.

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Es war eine Revolution mit Anlauf und Husten. Sie kam weit weniger schnell und plötzlich, als das in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Eigentlich lag die grundlegende Technik für MP3- und P2P-Seiten längst bereit, bevor noch Tim Berners-Lee und seine Partner das WWW-Protokoll für die Öffentlichkeit freigaben. Dass die WWW-Zeit nicht sofort mit der "MP3-Revolution" einherging, lag vor allem an mangelnden Bandbreiten. Kaum zu glauben, aber vor etwas mehr als zehn Jahren fiepte man vornehmlich mit 9600-Baud-Modems durchs Web: Selbst die heute als lahm empfundenen 56k-Modems sind da gut sechsmal schneller.

Nachdem Karlheinz Brandenburg, Harald Popp, Bernhard Grill und ihre Mitarbeiter am heutigen Fraunhofer-Institut für digitale Medientechnik IMDT bereits Ende der Achtziger das MP3-Format definierten, fanden sich sehr schnell Enthusiasten, die darin einen Weg erkannten, Musik über neue Vertriebswege zu verbreiten. Erste - wenn auch wenige - MP3-Seiten entstanden dann auch parallel zum Aufkommen des WWW Mitte der neunziger Jahre.

Fast umgehend erkannte die Musikindustrie darin eine potentielle Gefahr für ihr Geschäft. Das brummte gerade kräftiger als je zuvor: Die endgültige Durchsetzung der CD versetzte die Branche in einen wahren Profitrausch, als Musikliebhaber in die Läden strömten, um sich all den alten Käse, den sie als Schallplatten bereits im Schrank stehen hatten, noch einmal zu kaufen. Das stark komprimierte MP3-Format kam da ganz und gar nicht gelegen, machte es doch sogar die Weitergabe von Songs über dürre Telefonleitungen denkbar.

Angst vor der eigenen Courage

Zaghafte Versuche findiger Köpfe innerhalb der Musikindustrie scheiterten an brancheninternen Ängsten und Widerständen. So war die Kölner Filiale des EMI-Konzerns bereits Mitte der Neunziger maßgeblich an der Entwicklung eines Brenn-Kiosk-Systems beteiligt, das von der Konzernzentrale in England letztlich abgeschmettert wurde. Bis zu 5000 Titel, hatten sich die Entwickler vorgestellt, könne man in Brenn-Kiosken an Tankstellen und anderen Orten bereithalten, um dort individuell zusammengestellte CDs brennen zu können. Parallel arbeiteten die Kölner an einem Download-Vertriebssystem, das ebenfalls ausgebremst wurde. Erst fast ein Jahrzehnt später fasste die Industrie den Mut, mit solchen Ideen Ernst zu machen.

Da waren die Musikenthusiasten und net-affinen Tech-Tüftler "außerhalb" der Branche deutlich weiter. Als Michael Robertson 1997 die bereits seit längerem registrierte Domain MP3.com kaufte, ging die Zahl der FTP- und WWW-Seiten, über die MP3-Dateien vertrieben wurden, bereits in die Hunderte. Noch war das nicht sonderlich relevant, denn "Surfer" durften noch als demographische Minderheit gelten, die Suchmöglichkeiten im Web waren vergleichsweise bescheiden, die Log-in-Zahlen von Webseiten mikroskopisch.

Doch das sollte sich schnell ändern. Die Surferzahlen stiegen, der sich ankündigende Dotcom-Boom wie auch die diversen Abwehrreflexe der "Brick and Mortar"-Industrie, die eben mit stofflichen Waren handelte statt mit "Bits and Bytes", sorgten dafür, dass Berichte über das Internet aus den Exotenecken der Medien langsam in den Hauptstrom der Berichterstattung einflossen.

So gab es eine ganze Reihe von Gründen, warum MP3.com nach seiner Gründung als Firma im November 1997 schnell zur weltweit beliebtesten Musik-Webseite aufsteigen konnte.

Zum einen war da das Angebot: Sofort ab Start bot MP3.com mehr als 3000 kostenlose Songs. Fast noch wichtiger aber war die Tatsache, dass sich Branchenanwälte mit Aggressivität und teils amerikanisch überzogenen Schadenersatzforderungen auf die keimende MP3-Szene stürzten. So rief etwa Labelchef David Geffen (damals Geffen Records, Dreamworks) bereits Ende 1997 zur MP3-Hatz. Bis zum Frühjahr 1998 ließen seine Anwälte rund 250 Webseiten schließen und rasierten zeitweilig den zumindest in Teilen illegalen Markt.

Robertson kamen sie zunächst nicht bei, doch die Gerichtsprozesse halfen, die verklagten "Helden" der MP3-Szene zu Robin Hoods einer neuen Zeit zu stilisieren. "MP3.com" wurde für kurze Zeit zum Synonym des Widerstandes gegen eine übermäßig gierig erscheinende Industrie. Anders als die später auftretenden P2P-Börsen konnte MP3.com schließlich mit Leichtigkeit dokumentieren, dass es im Kern ein um Legalität bemühtes Angebot darstellte.

Robertsons Geschäftsmodell setzte nicht primär auf die Weiterverteilung von copyrightgeschützter Musik, wie Shawn Fanning dies im Jahr darauf mit Napster versuchte, sondern auf junge, unbekannte Bands. Zumindest die redaktionell kontrollierten Teile des MP3.com-Angebotes waren weitgehend ohne Makel.

Die Verheißung von MP3.com: Web statt Plattenvertrag?

Der Traum von MP3.com klang aber auch zu gut: Die Webseite sollte zur Plattform für jedermann werden, zum Musikmarkt abseits der Vertriebskanäle der Industrie, und Musikern Chancen bieten, weltweit und ohne großen Aufwand bekannt zu werden - mit oder ohne Plattenvertrag.

Die Firma ging am Ende trotzdem zugrunde: Von Plattenfirmen und ehemaligen Stars auf Millionen Dollar Schadenersatz verklagt ging allein Robertson am Ende als Sieger vom Schlachtfeld, als Vivendi seine Firma im Mai 2001 für stolze 372 Millionen Dollar kaufte. Im Spätherbst 2003 stieß der französische Konzern die Marke wieder ab, die Archive wurden für Monate auf Eis gelegt. Große Teile des Angebotes sind heute über Garageband.com abrufbar - eine der umfangreichsten Quellen für "Independent Music". MP3.com ist heute - abgesehen von einem kleinen Angebot kostenloser Teaser-Downloads - vor allem eine Promotionplattform für "professionelle" Musik.

Die ursprüngliche Idee aber wirkt bis heute fort - und wird längst auch von der Musikindustrie selbst genutzt. Kaum eine Band, kaum eine Plattenfirma, die nicht Teile ihres "Contents" verschenkte - als kraftvolle Werbemaßnahme für Musik, die im Einheitsgedudel des Formatradios sonst vielleicht nie zum Zuge käme.

Wer also Abwechslung sucht vom "Mainstream" des Radios, das uns in Dauerschleife die "Hits der Achtziger, Neunziger und von heute" um die Ohren haut, ist im Web bestens aufgehoben. Wer will, der brennt sich die ganz offiziell freigegebenen Stücke und entdeckt eine Vielfalt an Musik, die heute an großen Teilen des Publikums vorbeigeht. Neben Musikdownloads von zahlreichen kleinen, noch unbekannten Bands bietet das Web dabei auch die Möglichkeit, Gruppen zu entdecken, die den Sprung nach Europa einfach nie geschafft haben.

Frank Patalong

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 14.05.2005

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