Münchens Olympia-Bewerbung "Ein Wunder, dass wir die Spiele erhielten"

Münchens Olympia-Bewerbung: "Ein Wunder, dass wir die Spiele erhielten" Fotos
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Es wäre ein nie dagewesenes Doppel: München, Olympia-Stadt von 1972, ist Deutschlands Kandidat für die Winterspiele 2018. Hans-Jochen Vogel, damals Oberbürgermeister, erinnert sich an den Vergabekrimi von 1966 - der 40 Jahre später wohl in verschärfter Form droht.

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Die Gerüchte kurz vor 18 Uhr sind völlig widersprüchlich. Die einen meinen, wir hätten es geschafft. Andere versichern, im dritten Wahlgang seien wir ausgeschieden. Es ist der 26. April 1966. Hinter verschlossenen Türen entscheidet in Rom das Internationale Olympische Komitee (IOC), wer die Olympischen Sommerspiele im Jahr 1972 ausrichten darf: Montreal, Madrid, Detroit - oder meine Stadt: München.

Um 18 Uhr werden alle Delegationen in den Sitzungssaal gerufen. Beim Reingehen sehe ich, wie ein kanadisches IOC-Mitglied den Vertreter Montreals in die Arme schließt. War das eine Gratulation? Für mich eine Schrecksekunde. Doch Willi Daume, der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) der Bundesrepublik, schaut mich an, ballt die Faust und streckt den Daumen nach oben. Ich weiß: Wir haben gewonnen. Vorne nimmt IOC-Präsident Avery Brundage ein Blatt zur Hand und sagt: "The Games are awarded to..." - er macht die übliche Kunstpause, um die Spannung zu steigern - "... Munich".

Mir fiel damals ein Stein vom Herzen. Der Vertreter der Nachrichtenagentur dpa schrieb, ich hätte Tränen in den Augen gehabt. Das war falsch, ich habe das dementieren lassen. So etwas in der Öffentlichkeit - man hätte doch jahrelang immer wieder hervorgeholt, dass ich bei solchen Gelegenheiten weine. Also, es stimmte nicht.

Eine englische Übersetzung ohne Datum

Dennoch empfand ich es 1966 als Wunder, dass wir die Spiele erhielten: Einundzwanzig Jahre nach Kriegsende, München war für die Nazis "Hauptstadt der Bewegung", das KZ Dachau in der Nähe. Hinzu kam noch die deutsche Teilung, das Spannungsverhältnis hinsichtlich der Nicht-Anerkennung der DDR durch die Bundesrepublik. Und im Jahr zuvor war die gesamtdeutsche Olympiamannschaft aufgelöst worden. Auch galt ja noch die Hallstein-Doktrin, der zufolge die Bundesrepublik keine diplomatischen Beziehungen zu jenen Staaten unterhalten sollte, die die DDR anerkannten.

Also es war schwierig. Das IOC und Brundage wollten vor der Entscheidung eine schriftliche Erklärung von uns, dass alle Olympiamannschaften mit ihren Hymnen und Symbolen in München teilnehmen können, die DDR also genauso behandelt wird wie alle anderen Länder auch. Das Bundeskanzleramt schickte uns dann über die Botschaft ein Schreiben. Das war wenig hilfreich, denn darin wurde der Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik bekräftigt. Glücklicherweise gab es noch eine frühere Erklärung des Innenministers Paul Lücke (CDU), die war undeutlich deutlich genug. Unter Weglassung des Datums und in englischer Übersetzung legten wir sie dem IOC vor. Das genügte offenbar.

Dem DDR-Vertreter kamen wir in Rom überdies per Fahrstuhl näher: Heinz Schöbel, der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees der DDR, wollte Mitglied des IOC werden - und wir wollten die Spiele. Vorsichtige Kontakte im Hotelaufzug ließen den Herrn Schöbel dann erkennen, dass ein Votum für München seinen IOC-Wunsch nicht gerade erschweren musste. Daume sprach zudem noch mit dem sowjetischen Vertreter, mit dem man sich unproblematischer in der Öffentlichkeit treffen konnte.

Zeitungsente mit Folgen

Eine wichtige Rolle spielte die italienische Sportpresse, weil sie dort in Rom von den IOC-Mitgliedern gelesen wurde. Wir streuten diskret unter den Journalisten, dass die Vizebürgermeisterin von Leningrad vor kurzem bei uns in München zu Gast war. Und die römische Presse? Sie übertrieb und berichtete von einer engen Städtepartnerschaft. Aber es lief gut für uns, der sowjetischen Delegation fiel diese Zeitungsente gar nicht mal auf und im IOC tat sie vielleicht ihre Wirkung.

Natürlich mussten wir auch Bewerbungsreden halten. Daume sprach zwei Minuten auf Französisch, ich sechs Minuten auf Englisch - den Text hatte ich auswendig gelernt. Ich ging auch auf die Nazi-Zeit ein, betonte, dass 1972 zwei Fünftel der Münchner Bevölkerung jünger als 30 sein würden und es sich entsprechend um ein neues München handeln werde. Es war möglicherweise auch hilfreich, dass ich in Rom mit gerade mal 39 Jahren einer der Jüngsten war, Repräsentant einer Generation, die nicht unmittelbar mit der NS-Zeit in Verbindung gebracht werden konnte.

So erhielten wir den Zuschlag.

"Herr Oberbürgermeister, sitzen Sie fest auf Ihrem Stuhl?"

Man muss bedenken, wie schnell das alles ging. Sieben Monate vor Rom hatte ich noch nicht einmal über die Möglichkeit Olympischer Spiele in München nachgedacht. Im Oktober 1965 bat mich aber Willi Daume kurzfristig um einen Termin im Rathaus. Am 28. Oktober saß er vor mir und fragte: "Herr Oberbürgermeister, sitzen Sie fest auf Ihrem Stuhl?" Ich habe aus Spaß geschaut, ob da am Stuhl irgendwas nicht in Ordnung war, dann aber natürlich den politischen Hintergrund der Frage ernst genommen: "Ja doch, ich sitze fest", war meine Antwort. Darauf Daume: "Ich schlage Ihnen vor, dass sich München um die Olympischen Spiele bewirbt."

Ich war sprachlos. Es gab ja nicht nur die erwähnten historischen und deutsch-deutschen Probleme, wir hatten in München auch keine einzige der für eine Olympischen Spiele benötigten Sportstätten. Aber Daume meinte, dem IOC sei der Bau neuer Anlagen ohnehin lieber. Na gut, ich habe dann gesagt, er solle mir ein paar Tage Bedenkzeit geben, um mich mit meinen engsten Mitarbeitern zu beraten. Wir haben uns dann sehr freundlich verabschiedet. Ich sagte: "Herr Daume, selten habe ich Besucher gehabt, die mich derartig überrascht haben wie Sie." Daume lächelte siegesgewiss.

Der Minister zupfte den Bundeskanzler am Ärmel

Was stand dann an? Ich bin zuerst zu Willy Brandt nach Berlin gereist, er war ja damals dort der Regierende Bürgermeister. Gerade wegen der Schwierigkeiten mit der DDR war mir seine Meinung besonders wichtig. Damals war außerdem einen Moment lang der Gedanke aufgetaucht, dass Berlin die Spiele in beiden Teilen der Stadt durchführen könnte. Selbstverständlich hätte ich Berlin immer das Vorgriffsrecht gelassen. Aber Brandt sagte sofort seine Unterstützung für München zu. Und er meinte, die Frage der DDR-Flagge und -Hymne werde bis 1972 keine Frage mehr sein. So sollte es kommen.

Dann bin ich zum bayerischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel (CSU) in die Staatskanzlei gegangen: "Jawohl, Bayern beteiligt sich und stimmt zu", erklärte er zu meiner Freude sehr schnell. Das habe ich Alfons Goppel nie vergessen. Er war ein Landesvater, Parteigrenzen haben bei unserer Bewerbung keine Rolle gespielt.

Es kam die schwierigste Phase: Bundeskanzler Erhard musste überzeugt werden. Zwar hatte er gerade die Bundestagswahlen gewonnen, befand sich aber bereits in Schwierigkeiten. Im November 1965 flogen unter anderem Goppel, Daume und ich nach Bonn. Im Kanzleramt saßen wir Erhard und seinem Bundesminister Ludger Westrick gegenüber. Während wir vortrugen, zupfte Westrick den Erhard dauernd am Ärmel: "Das wird viel teurer, das sollten wir nicht machen." Die deutsch-deutschen Probleme fanden natürlich auch ihre Erwähnung. Aber irgendwann hat dann Ludwig Erhard etwas unwirsch entgegnet: "Wir müssen den Menschen auch einmal eine fröhliche Botschaft geben!"

Stadionmodell aus Damenstrümpfen

So kamen die Spiele nach München. Die Stadt hat sich dadurch verändert, vor allem durch das Olympiagelände mit dem kühnen Stadionbau, dessen Zeltdach der Architekt Günter Behnisch übrigens im Modell mit einem Damenstrumpf darstellte. Zudem ist der bereits zuvor geplante U- und S-Bahn-Bau deutlich beschleunigt worden. Jetzt bewirbt sich München wieder um Olympische Spiele, um die Winter-Spiele 2018. Das hat gute Aussichten. Vielleicht werde ich es nicht mehr erleben, aber ich würde mich sehr freuen, wenn die Stadt ein zweites Mal Erfolg hätte.

Als die Spiele im August 1972 eröffnet wurden, war ich nicht mehr Oberbürgermeister. Meine Amtszeit endete am 30. Juni des Jahres, ich kandidierte nicht noch einmal. Aber die Menschen sahen mich natürlich eng mit dem Olympischen Spielen verbunden, ich war auch noch Vizepräsident des Organisationskomitees. Es waren heitere Spiele. Bis der dunkle Schatten auf sie fiel: die Geiselnahme und Ermordung der israelischen Sportler durch palästinensische Terroristen. Das war furchtbar. Ich bin am Ende als deutscher Repräsentant mit den Särgen nach Tel Aviv geflogen.

Aufgezeichnet von Sebastian Fischer

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