Münchner Räterepublik Mord im Luitpold-Gymnasium

Als die Lage für die in München herrschenden Kommunisten Ende April 1919 immer aussichtloser wird, ist es mit dem Pazifismus der Revolutionäre vorbei. Die Presse berichtet von einer "bestialische Ermordung von Geiseln".


Der Erste Weltkrieg war für Deutschland und seine Verbündeten aussichtslos verloren, als in München am 7. November 1918 ein sozialistischer Umsturz stattfand. König Ludwig III. verließ an jenem Abend seine Residenzstadt und floh nach Anif bei Salzburg. In der Nacht zum 8. November konnte der Pazifist und Sozialist Kurt Eisner ohne jedes Blutvergießen die Regierungsgewalt übernehmen und den "Freistaat Bayern" als "Volksstaat" ausrufen.

Revolution und Gegenrevolution

Die ehemals staatstragenden Kräfte mussten sich dem Aufstand der kriegsmüden, erschöpften und ausgehungerten Massen beugen und erst einmal klein beigeben. Nach kurzer Atempause jedoch begann der Kampf gegen die Linken, symbolisiert durch die Ermordung der kommunistischen Parteiführer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg am 15. Januar 1919 in Berlin. Kurz darauf - am 21. Februar 1919 - wurde in München Ministerpräsident Eisner ermordet. Als Motiv gab der Täter, der ehemalige Leutnant Anton Graf Arco, an, Eisner sei ein Gegner der Monarchie, Bolschewist und dazu noch Jude.

Die Folge des Mordes war die Gründung einer anarchistischen Räterepublik und die Flucht der bayerischen Regierung unter Johannes Hoffmann (SPD) nach Bamberg. Im April 1919 löste eine kommunistische Räterepublik die anarchistische ab. Nun orientierte man sich an der jungen Sowjetunion und stellte dementsprechend auch eine Rote Armee auf, getreu den Empfehlungen, die Wladimir Iljitsch Lenin telegrafisch aus Moskau schickte.

Die Regierung Hoffmann organisierte den militärischen Widerstand gegen die Kommunisten. Zudem rückten Ende April Einheiten der aus dem Krieg zurückgekehrten, geschlagenen kaiserlichen Armee sowie so genannte Freikorps auf München zu. Einige Verbände führten bereits das Hakenkreuz als Emblem. Der Weltkrieg setzte sich nun als Bürgerkrieg zwischen Links und Rechts mit aller Erbitterung fort.

Ende April kam es bei Anzing, Dachau und Starnberg zu Kämpfen zwischen der bayerischen Roten Armee und gegenrevolutionären Einheiten. Auf beiden Seiten waren auch Gefallene zu beklagen. Wegen des Vormarsches der Rechten und ihrer aussichtslos werdende Lage griff die Linke in München schließlich zu einer neuen Waffe: Sie nahm am 26. April 1919 mehrere Personen aus dem gegnerischen Spektrum als Geiseln.

Die IV. Abteilung der Roten Armee München benutzte das Luitpoldgymnasium an der Müllerstraße 5-7 (heute das stillgelegte Heizkraftwerk) als Kaserne. Hierher brachte der "Vollzugsrat der Kommission zur Bekämpfung der Gegenrevolution" die 22 Geiseln und pferchte sie in einem Keller zusammen. Am späten Abend des 29. April kam die Nachricht, bei der Eroberung von Grünwald seien elf Rotgardisten als Geiseln ermordet worden. Eine Überprüfung dieser Neuigkeiten fand in der hektischen Untergangsstimmung nicht statt.

Der Mord

Aus Rache bestimmte der Kommandant der Roten Armee, Rudolf Egelhofer, zehn Geiseln zur Ermordung. Es waren dies: Ernst Berger, Anton Daumenlang, Walther Deike, Walther Hindorf, Fritz Linnenbrügger, Walter Neuhaus, Friedrich von Seydlitz, Franz von Teuchert, Gustav von Thurn und Taxis sowie als einzige Frau Hella von Westarp. Kurz nach Mitternacht zum 30. April 1919 wurden sie erschossen.

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Das Ende des Pazifismus: Ermordung von Geiseln

Die "Münchner Neuesten Nachrichten" berichteten am 3. Mai 1919: "Die bestialische Ermordung von Geiseln rief in der Stadt und auswärts - die Kunde drang in den ersten Vormittagsstunden am Donnerstag noch über den Burgfrieden hinaus - Entsetzen und unbeschreibliche Aufregung hervor. Die Ermordung erfolgte vor Mitternacht im Garten des Luitpoldgymnasiums. Die Geiseln wurden an die rückwärtige Wand gestellt. Den Befehl zum Feuern gab ein Mann der Roten Armee namens Seidl. Da sich die Soldaten des Leibregiments weigerten zu schießen, wurden auch Russen veranlaßt, die Ermordung auszuführen. Einige der Geiseln wurden durch Kolbenschläge und Bajonettstiche getötet. Unter den Ermordeten befand sich auch eine Frau. Die Leichen wurden beraubt und derart verstümmelt, daß sie bisher mit Ausnahme von dreien noch nicht erkannt werden konnten. Bei zwei Leichen fehlt die obere Hälfte des Kopfes. Die Leichen wurden in das gerichtsmedizinische Institut gebracht. (...) Bisher konnte noch eine weitere Leiche festgestellt (= identifiziert, d.V.) werden, und zwar die einer Gräfin Westarp."

Die grausigen Details, die die Zeitung ihrer Leserschaft zur Kenntnis gab, stimmten nicht mit der Wirklichkeit überein. Sie entstammten der politisch gefärbten Fantasie des Journalisten. Dies ändert aber natürlich nichts am Unrechtscharakter der Geiselmorde.

Gräfin im "Germanen-Orden"

Hella (genannt Heila) Gräfin von Westarp wurde am 11. Januar 1886 in Partenkirchen geboren. Ihre Eltern waren der preußische Kammerjunker und Schriftsteller Adolf Graf von Westarp (1851-1915) und Godela Gräfin von Westarp, geborene von Oven (1863-1949). Die Familie zog 1890 nach München und lebte zunächst in der Theresienstraße 34, seit 1897 in der Romanstraße 18 und seit 1898 in der Montenstraße 1. Die Jahre 1913 bis 1919 verbrachte Hella von Westarp in Hessen und Württemberg. Seit dem 3. März 1919 war sie als "ledig, Privatiere, protestantisch" wieder in München, in der Nymphenburger Straße 187, 2. Stock, gemeldet, wo sie am 26. April 1919 auch verhaftet wurde. Sie arbeitete als Sekretärin für die Thule-Gesellschaft.

Diese 1918 gegründete Gesellschaft verstand sich als "Germanen-Orden", als "Orden für deutsche Art", der sich gegen den "Todfeind Juda" richtete, "gegen die Revolution, gemacht von Niederrassigen, um den Germanen zu verderben". Der Briefkopf der Vereinigung zeigte einen Dolch im Eichenlaub, hinter dem ein Hakenkreuz als Sonne aufging. Der Wahlspruch lautete: "Gedenke, daß du ein Deutscher bist! Halte dein Blut rein!" Zur Durchsetzung ihrer Ideen finanzierte und bewaffnete die Thule-Gesellschaft das "Freikorps Oberland", das gerade am Marsch auf München beteiligt war. Den Revolutionären erschien Hella von Westarp aufgrund ihrer Tätigkeit als geeignete Geisel.

Ihr Onkel mütterlicherseits, der General Ernst von Oven (1861-1935), war zudem einer der Befehlshaber der gegenrevolutionären Truppen, die auf München zumarschierten. Am 1. Mai 1919 eroberten diese München und ermordeten anschließend fast tausend Revolutionäre und zu solchen Erklärte. Von Oven hatte also auch ein persönliches, familiäres Motiv für sein militärisches Handeln, aber er verlor den Wettlauf gegen die Zeit um einen einzigen Tag.

Hella von Westarp liegt auf dem Münchner Westfriedhof begraben. Ihr Grab, dessen Inschrift kaum mehr entziffert werden kann, befindet sich in der Sektion 9, Reihe 6, Grab 12.

Urteil Todesstrafe

Das Volksgericht verhandelte vom 1. bis 19. September 1919 die Rolle von sechzehn Angeklagten, die an den Erschießungen teilgenommen hatten. Das Urteil lautete auf die Todesstrafe gegen sechs Beteiligte. Sie wurden am 20. September im Gefängnis Stadelheim erschossen. Egelhofer war bereits am 3. Mai bei seiner Festnahme ermordet worden. In zwei späteren Geiselmordprozessen 1919 und 1920 wurde je ein weiteres Todesurteil verhängt und anschließend in Stadelheim vollstreckt.

Im Jahr 1920 wurde im Hof des Luitpoldgymnasiums, an der Stelle der Erschießungen, eine Gedenktafel enthüllt, die auch Hella von Westarps Namen trug. Die Tafel wurde 1944 mitsamt dem Gebäude zerstört.

Der NS-Stadtrat benannte am 18. Oktober 1934 eine Straße in Neuhausen nach Westarps Onkel: Die nicht mehr existierende Von-Oven-Straße zog sich, im rechten Winkel abknickend, zwischen Volkart- und Maximilian-Wetzger-Straße hin. Die Widmung lautete: "General Ernst von Oven befreite 1919 München von der Räteherrschaft."

NS-Oberbürgermeister Fiehler entschied am 13. August 1936 die Benennung von vier noch bestehenden Straßen in Kirchtrudering nach Opfern des Geiselmordes: die Deikestraße, Linnenbrüggerstraße, Teuchertstraße sowie die Hella-von-Westarp-Straße mit der Widmung: "Geboren 11. Januar 1886 in Partenkirchen, wurde am 26. April 1919 von Rotgardisten als Geisel festgenommen und am 30. April 1919 im Luitpold-Gymnasium ermordet."

Die Straße existiert heute noch inmitten der oben Genannten. Ihre jetzige Erklärung lautet modifiziert und etwas fehlerhaft: "Geboren 11.1.1886 in Partenkirchen, erschossen am 30.4.1919 im Keller (!) des ehemaligen Luitpoldgymnasiums als Geisel der so genannten Rotgardisten des Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrates."

Erschienen in "Neuhauser Werkstatt-Nachrichten", Heft 18



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