Muppet-Erfinder Jim Henson Chaos, Filz und Anarchie

Muppet-Erfinder Jim Henson: Chaos, Filz und Anarchie Fotos
The Muppets Holding Company

In der "Sesamstraße" übten die putzigen Puppen noch das Buchstabieren, in der "Muppet Show" probten Kermit und Co. dann den Aufstand. Für ihren Erfinder Jim Henson war es eine Befreiung - endlich konnte er seiner Liebe zum kreativen Wahnsinn freien Lauf lassen. Von Danny Kringiel

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Hunderte Trauergäste hatten sich am 21. Mai 1990 in einer New Yorker Kathedrale eingefunden. Keiner von ihnen trug Schwarz. Auch sonst war es eine eher außergewöhnliche Zeremonie: Der Organist spielte keinen getragenen Trauermarsch, sondern improvisierte fröhliche Melodien. Es wurde getanzt, ein als riesiger gelber Vogel verkleideter Mann sang vor dem Altar und die Anwesenden schwenkten Schaumstoff-Schmetterlinge.

Dann trat der Sohn des Verstorbenen nach vorne und verlas die letzten Worte seines Vaters an die Hinterbliebenen: "Das alles kommt euch vermutlich total albern vor. Aber was zur Hölle soll's, ich bin schließlich tot. Wer will sich da noch mit mir streiten?" Und: "Seid nicht traurig, weil ich gestorben bin."

Der Name des Toten: Jim Henson. Der Erfinder der Muppets hatte genaue Regieanweisungen hinterlassen, die seine Beerdigung in ein kunterbunt-absurdes Singspiel verwandelten. Eine Beerdigung wie eine Fernsehshow - es hätte kein stimmigeres Ende für Hensons Leben geben können.

Immer war er von dem Wunsch getrieben worden, eine skurrile Fernseh-Puppenshow zu etablieren. Genauso dominiert aber war er zeitlebens auch vom Streben, seiner Umwelt nicht zur Last zu fallen. Der erste Wunsch brachte ihm einen Stern auf dem "Walk of Fame". Der zweite kostete ihn möglicherweise das Leben.

Kaffeewerbung mit Kopfschüssen

Wenige Tage vor seinem Tod fragte die "New York Times" Henson nach dem einschneidensten Erlebnis seiner Jugend. Die Antwort lautete: Der Tag, an dem ein Fernseher in sein Elternhaus kam. 1936 geboren, gehörte Henson zur ersten Fernsehkinder-Generation Amerikas. Vor allem begeisterten ihn Puppenspieler wie Burr Tillstrom, dessen Figuren Kukla, Fran und Ollie ab 1947 im US-Fernsehen zu sehen waren. Eigentlich für Kinder gedacht, wurde die Sendung wegen ihres Slapstick-Humors jedoch bald vor allem von Erwachsenen gesehen. Dieses Erlebnis entzündete Hensons lebenslange Liebe für das Puppenspiel.

Ihm ging es vor allem darum, die Ausdrucksmöglichkeiten des Puppentheaters zu erweitern: Er wollte den Figuren "Leben und Feingefühl" geben. Deswegen baute er seine Handpuppen schon bald nicht mehr aus Holz, sondern aus Schaumstoff - so ließen sie sich viel nuancierter steuern. Er lernte sogar, die Lippen seiner Puppen so zum Text zu bewegen, wie es Menschen beim Sprechen tun. Nachdem er während einer Europareise die Techniken klassischer Marionettenspieler studiert hatte, beschloss er, die Eigenschaften von Handpuppen und Marionetten zu verbinden - zu Handpuppen, deren Arme mit Stäben bewegt wurden. Er taufte seine Erfindung "Muppets", zusammengesetzt aus "marionette" und "puppet". Eine bahnbrechende Idee, nach der Hensons Karriere erst richtig durchstartete.

1957 erschien im US-Fernsehen eine von Henson gedrehte Werbung für die Kaffeefirma Wilkins: Eine Handpuppe sitzt hinter einer Kanone und fragt eine zweite: "Was hältst du eigentlich von Wilkins-Kaffee?" "Nie probiert", grummelt die und wird prompt aus dem Bild geschossen. Die Puppe dreht ihre Kanone zum Zuschauer. "Und? Was halten Sie von Wilkins?" Dieser Spot brachte Hensons Vision auf den Punkt: Er wollte Puppenspiel für Erwachsene machen. Und lotete aus, welche Dinge man mit den unschuldig wirkenden Handpuppen anstellen konnte, die man echten Menschen nie durchgehen lassen würde: So wurde der Kaffeeverächter in weiteren Spots mit Baseballschlägern verprügelt, von Wagen überrollt, mit einem Kopfschuss niedergestreckt oder in die Luft gejagt. Die Kampagne war so erfolgreich, dass Henson über 300 weitere Werbeaufträge für Kaffee erhielt.

Sex und Gewalt

1969 feierte er dann sein Debüt in der "Sesamstraße". 1968 hatte eine Studie ergeben, dass fast alle US-Kindersendungen erzieherisch wertlos seien. Und so konzipierte man eine Sendung für Vorschulkinder, die unterhaltsam, aber auch lehrreich sein sollte. Henson steuerte Puppensegmente bei, und Figuren wie Grobi, das Krümelmonster oder Kermit der Frosch eroberten die Herzen der jungen Zuschauer. Für den Puppenrevoluzzer war es gleichzeitig Segen und Fluch: Hensons Puppen waren nun weltberühmt - aber er seinem Ziel, Puppenspiel für Erwachsene zu machen, so fern wie nie zuvor.

Nach sechs Jahren als "Sesamstraßen"-Märchenonkel hatte Henson 1975 die Nase voll: Er produzierte Puppensketche für die Comedy-Sendung "Saturday Night Live". Doch die "Sesamstraßen"-Jahre hatten Spuren hinterlassen: Die Gagschreiber fürchteten, ihre Sendung mit den Puppen als Kinderprogramm zu diskreditieren. Der leitende Autor Michael O'Donoghue boykottierte schließlich mit den Worten "Ich schreibe nicht für Filz!" jede weitere Beteiligung der Muppets.

So entschied Henson, eine eigene Comedy-Sendung zu drehen. Noch im selben Jahr produzierte er eine Pilotfolge, und schon die ersten Sekunden ihres Vorspanns machten deutlich, dass der Puppen-Anarcho sich damit seinen Weg aus der Pädagogennische freiboxen wollte: In großen Buchstaben stehen aus Fels gehauen, von Wind und Wetter erodiert, die Worte "Sex und Gewalt". Irres Lachen. Eine wild gackernde Figur mit aufgerissenen Augen rennt ins Bild und sprengt den Schriftzug. Ein zweiter Titel erscheint: "The Muppet Show".

Angriff der menschenfressenden Müllschlucker

Sie war ein Trommelfeuer der Absurditäten: Wo sonst gab es im Fernsehen einen dänischen Koch, der fröhlich ein Salatsandwich mit Stapeln aus Wurst, Käse, Topflappen, Tellern und anderen Salat-Sandwiches belegt, während er mit asiatischen Schriftzeichen untertitelt Dinge in Phantasie-Dänisch vor sich hinplappert? Oder eine Figur wie Laborassistent Beaker, der bei den Experimenten seines Chefs Dr. Honigtau Bunsenbrenner sein Leben riskiert, wenn er mit angespitzten Bananen beschossen, von Menschen fressenden Müllschluckern verfolgt oder von einem Stahlhasen angegriffen wird, während er magnetische Karotten in der Hand hält?

Showmaster Kermit der Frosch geht in diesem Meer aus Anarchie fast unter: Während sich Tänzer gegenseitig auf der Bühne verprügeln, Schauspieler von Gorillas gefressen werden, auf der Bühne plötzlich Haifische die Tänzer verfolgen, versucht der sanftmütige Chef der Muppets meist vergeblich, sich irgendwie Gehör zu verschaffen.

Von all seinen Figuren war ihm der Frosch wohl am nächsten: Kermits nachgiebige Führung der Chaotentruppe wurde oft mit eben jener Art verglichen, mit der Henson die Geschicke seiner Firma "Muppets Inc." lenkte. So berichtete etwa im Dezember 1978 das "Time"-Magazin, der große, aber sanftmütige Visionär, aus dessen Althippie-Bart ständig ein strahlendes Lächeln hervorblitzte, habe seine Mitarbeiter in etwa so fest im Griff wie man "eine Explosion in einer Matratzenfabrik im Griff haben kann".

Chaos als Erfolgsrezept

Hensons chaotische "Muppet Show" wurde trotzdem ein riesiger Erfolg: Rund 235 Millionen Zuschauer verfolgten in den besten Zeiten jede Woche die Sendung - in mehr als hundert Ländern der Welt. Die Serie gewann vier Emmys. "Muppets"-Kinofilme wurden gedreht, Kinder wollten Kermit-Bettwäsche und Miss-Piggy-Puppen. Stars wie Harry Belafonte, Liza Minelli und Roger Moore waren zu Gast in der Show. Der Puppenschöpfer hatte es tatsächlich geschafft, mit einem vollkommen exzentrischen Showkonzept den Fernseh-Mainstream für Handpuppen einzunehmen.

Dabei war Henson privat alles andere als ein Anarchist oder Exzentriker: Der Puppenspieler war bekannt dafür, stets mit sanfter Stimme zu sprechen. Carroll Spinney, Darsteller der "Sesamstraßen"-Puppe Bibo, sagte 1990 im Interview mit dem Magazin "People", Henson habe es nicht einmal über sich gebracht, Mitarbeitern zu sagen, wenn er eine Idee schlecht fand. Seine höchste Ablehnungsbekundung sei ein zögerndes "Hmmm" gewesen.

Offenbar lebte der zurückhaltende Henson über seine Muppets die Wildheit aus, die er sich selbst nicht zugestand. Der "Newsweek" erklärte er jedenfalls, er habe Kermit stets als Alter Ego gebraucht, da der mutiger sei als er selbst: "Er kann Dinge sagen, die ich selbst zurückhalte." Der Puppenvater und seine Schöpfungen gingen eine symbiotische Beziehung ein.

Eine Handpuppe als Stellvertreter

Als Henson am 1. Mai 1990 in der "Arsenio Hall Show", einer amerikanischen Talkshow, auf die Bühne gerufen wurde, zeigte sich ein seltsam schüchterner Hüne im Strickpulli, der so gar nicht wirkte wie jemand, der jahrzehntelange Erfahrung im Showgeschäft gesammelt hatte. Erst als er nach wenigen Minuten seine Handpuppe Kermit überstreifte und sie für sich den Rest des Interviews bestreiten ließ, war alles anders: Der schlagfertige Frosch riss Witze über seine Beziehung zu Miss Piggy, schüttelte Wortspiele aus dem Ärmel und improvisierte Gags, als habe er nie etwas anderes gemacht. Und Henson saß unbeteiligt daneben, als höre er einem Fremden zu, der nur zufällig aus seinem rechten Arm herauswuchs.

Am Ende war es wahrscheinlich genau diese zurückhaltende Art, die wenige Tage später dazu führte, dass Henson im Alter von nur 53 Jahren verstarb. Nachdem er bereits seit Wochen an Erkältungssymptomen litt, ging es ihm am Abend des 14. Mai 1990 so schlecht, dass Jane Henson, die getrennt von ihrem Mann lebte, in sein New Yorker Apartment kam.

Gegen 2 Uhr morgens begann Henson, Blut zu husten. Er sagte seiner Frau, dass er vielleicht gerade sterbe, weigerte sich aber, in ein Krankenhaus zu gehen. Als er sich nach Stunden doch überreden ließ, war es bereits zu spät: In der Klinik gelang es nicht mehr, die schwere Bakterieninfektion, die ihn befallen hatte, zu stoppen. Er starb 20 Stunden nach seiner Einlieferung. In einem Interview mit "People" vermutete seine Witwe als Grund für Hensons Weigerung, sich einliefern zu lassen: Er habe einfach niemandem zur Last fallen wollen.

Zum Weitersehen:

"Die Muppet Show", erste Staffel.

Die DVD-Box erhalten Sie im SPIEGEL Shop.

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insgesamt 5 Beiträge
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1.
Martin Protz 13.12.2010
Danke für den Artikel! Hab Tränen gelacht!
2.
Arne Polzer 13.12.2010
Im amerikanischen Original ist es ein schwedischer Koch, der falsches Schwedisch spricht. In der deutschen Synchronisation wurde aus ihm ein dänischer Koch.
3.
Christian Eggert 16.12.2010
Der Beitrag ist ein besonders ärgerliches Beispiel für bezahlten "Journalismus". Oder auch "Schleichwerbung". Zu Beginn dieses Monats ist die erste DVD mit alten Folgen der Muppet-Show erschienen. Etwas zu spät fürs Weihnachtsgeschäft, dumm gelaufen. Also muss man ein bisschen mehr Werbung machen, zumal es sich um ein Produkt handelt, zu dem man die Interessenten erst einmal wieder hinführen muss, weil die Muppet-Show schließlich schon seit Jahrzehnten durch ist. Wie schön, wenn man aus der Schublade einen alten Beitrag über den lieben Onkel Jim Henson zaubern kann, an den man am Ende schnell einen Hinweis auf die jüngst erschienene DVD anklebt, die man - na, wie praktisch! - auch gleich noch im Spiegel-Shop bestellen kann. Dass Spiegel-Online sich für solche durchsichtigen PR-Aktionen hergibt, ist ärgerlich und erschüttert mein Vertrauen in die Seriösität der Journalismus-Marke "Spiegel". Man kann eine gut eingeführte Marke aus der Printwelt auch über den Online-Ableger ruinieren.
4.
Jan Christian Kruse 14.12.2010
Leider fehlt in diesem Artikel einen paar wichtige Meilensteine in Jim Henson's Lebenslauf bezüglich der Puppen. So hat er z.B. in dem Film "Der dunkle Kristall" so viel schöpferisches Können an den Tag gelegt, dass er eine komplette Fantasie-Welt mit Lebewesen bevölkert hat. Dieser Film ist zwar auch noch für Jugendliche gemacht, aber die Tricktechnik (ohne Computer!) ist so gut gelungen, dass diese Fantasiewelt besser rüberkommt als z.B. in "Avatar" von James Cameron wo man noch sehr deutlich erkennen kann welches reale Tier Pate für ein Fabelwesen gestanden hat.
5.
Martin Bartonitz 29.12.2010
Schade, dass so viele Jounalisten den Begriff positiven Anarchie immer in so negativen Zusammenhängen wie hier mit Chaos und Filz in Zusammenhang bringen. Anarchie ist Organisation ohne Herrschaft und damit absolut icht chaotisch. Viele SCRUM-Teams haben inzwischen mit dieser Organisationsform gute Erfahrungen gemacht. Und eine anarchistische Welt hört sich auch lebenswerter an, als unsere krisengeschüttelte, kapitalistische. Siehe: http://faszinationmensch.wordpress.com/2010/12/28/der-himmel-auf-erden-anarchie/#comment-8
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