Frankreichs Atomtests auf Mururoa Das verstrahlte Paradies

Blitze über der Südsee, Plutonium in der Lagune, verstrahlte Polynesier - 30 Jahre lang zündete Frankreich Atombomben auf dem Mururoa-Atoll. Und erklärte Kritikern lapidar, Fernsehstrahlung sei gefährlicher.

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Bis ans Ende der Welt war der französische Präsident gereist, in die Südsee, 20.000 Kilometer von Paris entfernt, zu einem einsamen, unbewohnten Atoll. Doch jetzt, im entscheidenden Moment, durfte Charles de Gaulle nicht hinsehen, trotz seiner dunklen Schutzbrille.

40 Kilometer entfernt von ihm schwebte eine kühlschrankgroße Metallkiste, an einem Ballon 500 Meter über der Lagune des Mururoa-Atolls. Darin befand sich der ganze Stolz des Präsidenten: eine Atombombe mit einer Sprengkraft von 500 Kilotonnen, etwa 37 Mal so stark wie die von Hiroshima - und noch stärker als Frankreichs Sprengsätze zuvor.

De Gaulle und seine Begleiter auf der Brücke des Kreuzers "De Grasse" trugen weiße Schutzanzüge gegen die radioaktive Strahlung. Dann sollte er sich umdrehen, den Rücken zur Explosion. Der Präsident drückte den Knopf, ein greller Atomblitz zuckte auf, zu stark für jede Schutzbrille. Ein Blitz für Frankreichs Größe, der dritte schon in der Südsee. 190 weitere Tests sollten folgen, davon 41 in der Atmosphäre.

Atombomben über jenem Paradies auf Erden - das passt höchstens zusammen, wenn man gewaltige fluoreszierende Pilzwolken als rein ästhetische Erscheinung wahrnimmt und die grausamen Folgen ausblendet: verseuchtes Wasser, verstrahlte Menschen und eine exorbitant hohe Krebsrate selbst Hunderte Kilometer entfernt.

"Hurra für Frankreich"

Für de Gaulle aber passte das zusammen. Atombomben im Übersee-Département Französisch-Polynesien, zu dem auch Tahiti gehört, befand er für politisch notwendig. Mit "Hurra für Frankreich" hatte er 1960 Frankreichs ersten Atomwaffentest in der Sahara der Kolonie Algerien bejubelt. Als sich Algerien zwei Jahre danach seine Unabhängigkeit erkämpfte, brauchte Frankreich ein neues Testgebiet - und entschied sich für die Südsee-Atolle Mururoa und Fangataufa.

De Gaulles Grundüberzeugung: Sein Land könne nur mit einer Atomstreitkraft, der "Force de Frappe", eine Großmachtpolitik betreiben, die Frankreich und damit ganz Europa unabhängig von den USA machen würde. Der General misstraute zutiefst den Amerikanern, sie hatten seiner Meinung nach viel zu spät in die Weltkriege eingegriffen. Atomwaffen bedeuteten für ihn Freiheit.

"Die Nationen sind in zwei Kategorien eingeteilt", umriss Verteidigungsminister Pierre Messmer einmal de Gaulles Doktrin: "Die einen besitzen Atomwaffen, die anderen nicht. Nur die Ersteren sind fähig, ihre Freiheit und ihr Leben zu verteidigen, die anderen sind zur Knechtschaft und zum Satellitenstatus verdammt." Deshalb müsse die "Force de Frappe", so der Präsident 1959, jederzeit und überall zuschlagen können.

Mit dieser antiamerikanischen Haltung brachte de Gaulle auch die Bundesrepublik in Bedrängnis. Einerseits trieben er und Kanzler Konrad Adenauer die europäische Einigung und die Versöhnung ihrer Länder mit viel Pathos voran - und wurden dafür gefeiert. Andererseits durfte die Bundesrepublik nicht riskieren, ihre militärische Schutzmacht USA wegen einer zu engen Frankreich-Bindung dauerhaft zu verärgern und so das wichtigste Ziel zu gefährden: die angestrebte deutsche Einheit.

Nato-Austritt und Atomtest - der Doppelschlag

Umso größer war der Schock, als Frankreich am 1. Juli 1966 aus der militärischen Struktur der Nato austrat - Schließung von 29 französischen Nato-Basen, Verlegung des Nato-Hauptquartiers von Paris nach Belgien. Mitten im Kalten Krieg verlor die Nato eines ihrer Gründungsmitglieder; die Bundesrepublik fragte sich besorgt, ob sie im Kriegsfall noch ausreichend geschützt sei.

Auf die politische Bombe ließ de Gaulle eine nukleare folgen: Gleich am 2. Juli fand Frankreichs erster Atomtest auf Mururoa statt. Es war die bildgewaltige Bekräftigung von de Gaulles Traum, Europa unter französischer Führung zumindest ein wenig auf Augenhöhe zu den USA zu bringen. Eine Fehleinschätzung, wie sich Jahrzehnte später zeigte. Denn 2009 trat Frankreich wieder als Vollmitglied in die Nato ein.


Irgendwo im Nirgendwo: Lage des Mururoa-Atolls


Nichts wissen sollte die Welt dagegen von den hässlichen Pannen der Grande Nation bei all ihren nuklearen Gehversuchen. Bomben lösten Erdrutsche und einen Tsunami aus, der Inseln verwüstete. 1974 kam es über Tahiti, 1200 Kilometer von Mururoa entfernt, zwei Tage lang zu Fallouts, radioaktivem Regen; die Plutonium-Belastung überschritt den Grenzwert ums 500-fache.

Die Unglückserie begann mit der ersten Explosion. Ein ehemaliger Dolmetscher der französischen Regierung erzählte später dem Magazin "Chrismon", wie er mit einem Minister auf Mangareva, 400 Kilometer von Mururoa entfernt, war. Als es abends zu regnen begann, trieb eine Fallout-Wolke auf die Insel zu. "Die Militärs liefen aufgeregt durch das Dorf", erinnerte sich der Zeitzeuge. "Man hatte gedacht, der Fallout ließe sich mit der Wettervorhersage berechnen", doch niemand habe "die Winde in den tieferen Lagen" einkalkuliert. Eilig reiste die französische Delegation ab.

Aufräumtrupps in kurzen Hosen

Die Einheimischen blieben unwissend über die Gefahren, die Frankreich verschwieg. Viele Polynesier, zumeist arme Fischer, sahen das Atomzeitalter als Chance: viele neue Jobs und traumhafte Monatsgehälter! Auf Mururoa gab es eine Zone de vie. Dort wohnten Angestellte des Atomwaffenprogramms in gepflegten Anlagen, gingen ins Kino, fuhren Kanu, spielten Tennis oder Fußball - wie im "Klub Med", witzelten manche.

Doch wann immer eine Bombe gezündet wurde, verwandelte sich das Idyll in eine Todeszone. Auf Tankschiffen flüchteten französische Techniker und Militärs zusammen mit einheimischen Hilfskräften aufs Meer. Dann schleuderte die Explosion Lastwagen durch die Luft, verbrannte Palmen, übersäte den Boden mit toten Fischen. Danach endeten die Gemeinsamkeiten. Wie Opfer später aussagten, entsorgten einfache Aufräumtrupps in kurzen Hosen die Fischkadaver, während andere in Schutzkleidung übers Gelände liefen.

Über die Folgen klärten die Behörden nicht auf. Noch heute vermutet man etwa 15 Kilogramm am Boden der Lagune - wobei die Strahlenbelastung über die Jahre abnimmt, was darauf hinweist, dass Plutonium durch unterirdische Erdspalten ausgeschwemmt wird. "Wir konnten in der Lagune baden, dort, wo die Atomtests durchgeführt wurden", berichtete Florence Bourrel dem Deutschlandfunk. Sie arbeitete in den Achtzigerjahren auf Mururoa und erkrankte später an Schilddrüsenkrebs.

"Sie behandeln uns wie Versuchskaninchen"

"Ich glaube, ich habe mich beim Baden verseucht, oder als ich verstrahlte Lebensmittel aß", so Bourrel. Den Angestellten habe man damals nur drei Hinweise gegeben: Esst keinen Fisch aus der Lagune. Esst keine Kokosnüsse. Und duscht nach dem Baden im Meer. Viele Angestellte aus Polynesien konnten die Warnschilder nicht einmal lesen.

Wasserproben in aller Welt verrieten: Bis nach Südamerika war der Fallout nachweisbar. Australien fertigte in den Siebzigern keine französischen Schiffe mehr ab; das Hafenbecken von Adelaide galt zeitweise als verseucht. Neuseeländische Milch enthielt hohe Dosen an radioaktivem Jod. 1973 verklagten beide Länder Frankreich vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag wegen Verletzung ihrer "Souveränität durch Verschmutzung der Atmosphäre". Auch Polynesiens Vertreter in der französischen Nationalversammlung klagte nun: "Sie behandeln uns wie Versuchskaninchen."

Offiziell nannte Frankreich die Tests "weniger gefährlich als die Strahlung von Fernsehgeräten", verlagerte sie aber nun doch lieber in die Tiefe und durchlöcherte das Atoll mit Dutzenden Bombenschächten. Ob Konservative oder Sozialisten, es blieb beim Mantra, nur Atombomben garantierten eine unabhängige Großmachtpolitik. Auf zunehmende Proteste reagierte das Land trotzig und übernervös, etwa als es 1985 das Greenpeace-Schiff "Rainbow Warrior" versenken ließ.

Erst nach 30 Jahren endeten 1996 die Atomversuche, eingestellt von Frankreichs Premier Jacques Chirac, der von Umweltaktivisten noch mit "Fuck Chirac" beschimpft wurde (was den Moderator Markus Lanz einmal den Job kostete, siehe Fotostrecke). Insgesamt hatten etwa 150.000 Menschen für das Programm gearbeitet; viele waren der Strahlung ungeschützt ausgesetzt. Trotzdem behauptete Frankreich noch jahrelang, die Tests seien sauber gewesen. Krebskranke mussten ihre Verseuchung erst beweisen, entschädigt wurde fast niemand. Die Opfer starben still und ungehört.

Erst 2010 kehrte ein Entschädigungsgesetz die Beweislast um. Doch unsinnige Ausnahmen - Schilddrüsenkrebs etwa wird nur bei Krankheitsausbruch in jungen Jahren anerkannt - nährten den Verdacht, dass Frankreich sich vor seiner Verantwortung drückt.

Da überrascht es fast, wie herzlich man Präsident François Hollande im Frühjahr 2016 in Tahiti empfing. Ungewohnt deutlich bedauerte er "die Auswirkungen auf die Umwelt und die gesundheitlichen Folgen" der Tests und versprach, nicht als Erster, hohe jährliche Zuwendungen. Dann war er weg.

Zurück in Paris musste Hollande sich anhören, so eine Dienstreise um die halbe Welt sei ja wohl ganz schön teuer, zeitraubend - und umweltschädigend.

insgesamt 11 Beiträge
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Michael Hops, 01.07.2016
1. wenn ungefährlicher
als fernsehstrahlung dann hätte sie die Tests doch auch in der Normandie machen können....alle 200+... über 200 "Tests" wie bescheuert die(Franz, Sowjet, Ami, Inder, Pakistan...) waren und immer noch sind.
Stefan Margraf, 01.07.2016
2. Da haben wir einen feinen EU Partner
Frankreichs Atomtests sind noch verbrecherischer als die von Nordkorea, da sie in der Atmosphäre stattfanden. Sie führten zum schleichenden Tod bei vielen der dortigen Bewohner und auch die Natur war den Franzosen schxxxegal. Und das ganze wurde gekrönt durch Staatsterrorismus in einem fremden Land. Die freigewordenen strahlende Materie verteilte sich über den ganzen Globus, denken sie an Frankreich, Tschernobyl und Fukushima, wenn Sie eine Tumordiagnose erhalten. Praktischerweise ist ein Kausalzusammenhang nicht nachweisbar. Und Frankreich steht bis heute nicht zu seiner Verantwortung. Hollandes Reaktion reicht nicht.
Sir Henry I., 01.07.2016
3. Einstein hatte Recht.
Die Wissenschaftler um Oppenheimer in Los Alamos ahnten nicht, welche Geister sie riefen. Die amerikanischen Wissenschaftler in der Wüste von Nevada waren in den 50-er Jahren bei den Atomversuchen genauso naiv und ahnungslos, wie die Franzosen später im Südpazifik. Dabei hätte ein Blick nach Hiroshima oder Nagasaki gereicht, zu begreifen, was passiert, wenn man den Geist aus der Flasche läßt. Einstein begriff in seinen letzten Lebensjahren, daß Kernspaltung radioaktive Kontamination für tausende von Jahren implementiert. Und daß Atomwaffen den Suizid der Menschheit bedeuten können. Doch auch er konnte die immer mehr um sich greifenden Atomtests nicht verhindern. Die Quittung kam erst in den sechziger Jahren, als die Krebsfälle auch in den Staaten unübersehbar wurden. Zu diesem Zeitpunkt machte Frankreich noch munter weiter. --Eine Schande für den einzigen blauen Planeten, den wir haben.
Manfred Maier, 01.07.2016
4. Natürlich war die Umsetzung eine Sauerei...
Aber de Gaulle hatte auch recht. Ohne Atombombe ist man aus Sicht der Supermachte nur ein Zwerg. Aus dem selben Grund setzen und setzte UK auch auf Atomkraft. Ohne die Bombe würde jede Verantwortungsbewußte Regierung zum Schluß kommen, dass sich Kernenergie und Atomstrom sich nicht rechnet
Heinz Schmitz, 02.07.2016
5. Wie bitte?
"Andererseits durfte die Bundesrepublik nicht riskieren, ihre militärische Schutzmacht USA wegen einer zu engen Frankreich-Bindung dauerhaft zu verärgern und so das wichtigste Ziel zu gefährden: die angestrebte deutsche Einheit." # Wo hat der Autor denn Geschichte studiert? Auf einem US-Stützpunkt? Es war im Gegenteil die "Schutzmacht" USA, die die deutsche Einheit unterbanden, wo sie nur konnten, weil sie den deutschen "Frontstaat" brauchten! So bot die Sowjetunion schon unter Stalin eine Wiedervereinigung Deutschlands an unter der Bedingung der politischen und militärischen Neutralität dieses Staates! Die USA verhinderten es und ihr Vasall Adenauer drückte erst die Teilung und dann die Wiederbewaffnung und NATO-Mitgliedschaft durch. Die Österreicher waren nicht so dumm, nahmen das Angebot aus Moskau an, und konnten ihre vier Besatzungszonen bereits 1955 zur "Zweiten Republik" vereinen und ihre Souveränität und Unabhängigkeit erlangen. 45 Jahre vor der Wiedervereinigung Deutschlands und 6 Jahre vor dem Bau der Mauer!
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