Bis ans Ende der Welt war der französische Präsident gereist, in die Südsee, 20.000 Kilometer von Paris entfernt, zu einem einsamen, unbewohnten Atoll. Doch jetzt, im entscheidenden Moment, durfte Charles de Gaulle nicht hinsehen, trotz seiner dunklen Schutzbrille.
40 Kilometer entfernt von ihm schwebte eine kühlschrankgroße Metallkiste, an einem Ballon 500 Meter über der Lagune des Mururoa-Atolls. Darin befand sich der ganze Stolz des Präsidenten: eine Atombombe mit einer Sprengkraft von 500 Kilotonnen, etwa 37 Mal so stark wie die von Hiroshima - und noch stärker als Frankreichs Sprengsätze zuvor.
De Gaulle und seine Begleiter auf der Brücke des Kreuzers "De Grasse" trugen weiße Schutzanzüge gegen die radioaktive Strahlung. Dann sollte er sich umdrehen, den Rücken zur Explosion. Der Präsident drückte den Knopf, ein greller Atomblitz zuckte auf, zu stark für jede Schutzbrille. Ein Blitz für Frankreichs Größe, der dritte schon in der Südsee. 190 weitere Tests sollten folgen, davon 41 in der Atmosphäre.
Atombomben über jenem Paradies auf Erden - das passt höchstens zusammen, wenn man gewaltige fluoreszierende Pilzwolken als rein ästhetische Erscheinung wahrnimmt und die grausamen Folgen ausblendet: verseuchtes Wasser, verstrahlte Menschen und eine exorbitant hohe Krebsrate selbst Hunderte Kilometer entfernt.
"Hurra für Frankreich"
Für de Gaulle aber passte das zusammen. Atombomben im Übersee-Département Französisch-Polynesien, zu dem auch Tahiti gehört, befand er für politisch notwendig. Mit "Hurra für Frankreich" hatte er 1960 Frankreichs ersten Atomwaffentest in der Sahara der Kolonie Algerien bejubelt. Als sich Algerien zwei Jahre danach seine Unabhängigkeit erkämpfte, brauchte Frankreich ein neues Testgebiet - und entschied sich für die Südsee-Atolle Mururoa und Fangataufa.
De Gaulles Grundüberzeugung: Sein Land könne nur mit einer Atomstreitkraft, der "Force de Frappe", eine Großmachtpolitik betreiben, die Frankreich und damit ganz Europa unabhängig von den USA machen würde. Der General misstraute zutiefst den Amerikanern, sie hatten seiner Meinung nach viel zu spät in die Weltkriege eingegriffen. Atomwaffen bedeuteten für ihn Freiheit.
Verwittert: Wie aus einem Endzeitfilm wirken viele neuere Aufnahmen aus Mururoa, hier vom Dach des Überwachungspostens "Denise" im Norden des Atolls. Ab 1966 hatte Frankreich hier fast 200 Atomwaffentests gestartet.
Zahn der Zeit: Die verwitterte Betonoberfläche der Aufnahmebasis PEA "Denise" in der nördlichen Zone Mururoas erinnert an Ruinen von Bunkeranlagen aus dem Zweiten Weltkrieg. Doch so verwaist die Insel auch wirken mag - völlig menschenleer ist sie nicht: 35 Soldaten leben auf dem Atoll und gehen hier Wartungs- und Sicherheitsaufgaben nach.
Verwaiste Infrastruktur: "Gefahr!" haben Militärs warnend auf die beschädigte Straße in Richtung der nordwestlichen Basis "Denise" auf Mururoa gesprüht (Aufnahme vom Februar 2014). Der Weg droht einzubrechen. Mithilfe von seismischen Sensoren, teils Hunderte Meter tief in die Erde versenkt, soll ein Atoll-Zusammenbruch verhindert werden.
Einsamer Wachtposten: Soldaten auf dem Dach der Überwachungsbasis PEA "Denise" auf Mururoa. Das einladende tropische Ambiente ringsherum täuscht: Bis heute ist das entlegene Atoll militärisches Sperrgebiet.
Rost überall: Bei einem Blick darauf, wie sehr die Witterung des Atolls den französischen Militäranlagen seit Ende der Versuche 1996 zugesetzt hat, stellt sich unweigerlich die Frage, wie sicher die verstrahlten Abfälle der ab 1966 hier durchgeführten Atombombentests wohl auf dem Atoll gelagert sein mögen.
Gefährlich: Das Innere des Feuer-Kommandopostens der französischen Armeebasis auf Mururoa. "Danger" - Gefahr - steht an der Kette, die den Treppenaufstieg absperrt. Wer sich allerdings freiwillig in die militärische Sperrzone des bis heute strahlungsbelasteten Atolls begibt, sollte ohnehin ahnen, dass es hier nicht sicher ist.
Betonklotz in der Südsee: Außenansicht des Feuer-Kommandopostens auf Mururoa
Relikt: Auf eine Wand des verlassenen Feuer-Kommandopostens der Armeebasis von Mururoa haben Soldaten vor Jahrzehnten das Bild einer tahitianischen Frau am Strand gemalt.
Tower oder Blockhütte? Einer der 35 Soldaten, die noch heute auf Mururoa stationiert sind, in einem Unterstand am Flugplatz des Atolls
Erinnerung: Am Flugplatz von Mururoa steht dieses Denkmal zu Ehren des fünften Regiments der französischen Fremdenlegion. Die Einheit war ab 1963 auf Mururoa zum Bau der künftigen Atomwaffentestanlagen eingesetzt worden.
"Die Nationen sind in zwei Kategorien eingeteilt", umriss Verteidigungsminister Pierre Messmer einmal de Gaulles Doktrin: "Die einen besitzen Atomwaffen, die anderen nicht. Nur die Ersteren sind fähig, ihre Freiheit und ihr Leben zu verteidigen, die anderen sind zur Knechtschaft und zum Satellitenstatus verdammt." Deshalb müsse die "Force de Frappe", so der Präsident 1959, jederzeit und überall zuschlagen können.
Mit dieser antiamerikanischen Haltung brachte de Gaulle auch die Bundesrepublik in Bedrängnis. Einerseits trieben er und Kanzler Konrad Adenauer die europäische Einigung und die Versöhnung ihrer Länder mit viel Pathos voran - und wurden dafür gefeiert. Andererseits durfte die Bundesrepublik nicht riskieren, ihre militärische Schutzmacht USA wegen einer zu engen Frankreich-Bindung dauerhaft zu verärgern und so das wichtigste Ziel zu gefährden: die angestrebte deutsche Einheit.
Nato-Austritt und Atomtest - der Doppelschlag
Umso größer war der Schock, als Frankreich am 1. Juli 1966 aus der militärischen Struktur der Nato austrat - Schließung von 29 französischen Nato-Basen, Verlegung des Nato-Hauptquartiers von Paris nach Belgien. Mitten im Kalten Krieg verlor die Nato eines ihrer Gründungsmitglieder; die Bundesrepublik fragte sich besorgt, ob sie im Kriegsfall noch ausreichend geschützt sei.
Auf die politische Bombe ließ de Gaulle eine nukleare folgen: Gleich am 2. Juli fand Frankreichs erster Atomtest auf Mururoa statt. Es war die bildgewaltige Bekräftigung von de Gaulles Traum, Europa unter französischer Führung zumindest ein wenig auf Augenhöhe zu den USA zu bringen. Eine Fehleinschätzung, wie sich Jahrzehnte später zeigte. Denn 2009 trat Frankreich wieder als Vollmitglied in die Nato ein.
Irgendwo im Nirgendwo: Lage des Mururoa-Atolls
Nichts wissen sollte die Welt dagegen von den hässlichen Pannen der Grande Nation bei all ihren nuklearen Gehversuchen. Bomben lösten Erdrutsche und einen Tsunami aus, der Inseln verwüstete. 1974 kam es über Tahiti, 1200 Kilometer von Mururoa entfernt, zwei Tage lang zu Fallouts, radioaktivem Regen; die Plutonium-Belastung überschritt den Grenzwert ums 500-fache.
Die Unglückserie begann mit der ersten Explosion. Ein ehemaliger Dolmetscher der französischen Regierung erzählte später dem Magazin "Chrismon", wie er mit einem Minister auf Mangareva, 400 Kilometer von Mururoa entfernt, war. Als es abends zu regnen begann, trieb eine Fallout-Wolke auf die Insel zu. "Die Militärs liefen aufgeregt durch das Dorf", erinnerte sich der Zeitzeuge. "Man hatte gedacht, der Fallout ließe sich mit der Wettervorhersage berechnen", doch niemand habe "die Winde in den tieferen Lagen" einkalkuliert. Eilig reiste die französische Delegation ab.
Aufräumtrupps in kurzen Hosen
Die Einheimischen blieben unwissend über die Gefahren, die Frankreich verschwieg. Viele Polynesier, zumeist arme Fischer, sahen das Atomzeitalter als Chance: viele neue Jobs und traumhafte Monatsgehälter! Auf Mururoa gab es eine Zone de vie. Dort wohnten Angestellte des Atomwaffenprogramms in gepflegten Anlagen, gingen ins Kino, fuhren Kanu, spielten Tennis oder Fußball - wie im "Klub Med", witzelten manche.
Doch wann immer eine Bombe gezündet wurde, verwandelte sich das Idyll in eine Todeszone. Auf Tankschiffen flüchteten französische Techniker und Militärs zusammen mit einheimischen Hilfskräften aufs Meer. Dann schleuderte die Explosion Lastwagen durch die Luft, verbrannte Palmen, übersäte den Boden mit toten Fischen. Danach endeten die Gemeinsamkeiten. Wie Opfer später aussagten, entsorgten einfache Aufräumtrupps in kurzen Hosen die Fischkadaver, während andere in Schutzkleidung übers Gelände liefen.
Über die Folgen klärten die Behörden nicht auf. Noch heute vermutet man etwa 15 Kilogramm am Boden der Lagune - wobei die Strahlenbelastung über die Jahre abnimmt, was darauf hinweist, dass Plutonium durch unterirdische Erdspalten ausgeschwemmt wird. "Wir konnten in der Lagune baden, dort, wo die Atomtests durchgeführt wurden", berichtete Florence Bourrel dem Deutschlandfunk. Sie arbeitete in den Achtzigerjahren auf Mururoa und erkrankte später an Schilddrüsenkrebs.
"Sie behandeln uns wie Versuchskaninchen"
"Ich glaube, ich habe mich beim Baden verseucht, oder als ich verstrahlte Lebensmittel aß", so Bourrel. Den Angestellten habe man damals nur drei Hinweise gegeben: Esst keinen Fisch aus der Lagune. Esst keine Kokosnüsse. Und duscht nach dem Baden im Meer. Viele Angestellte aus Polynesien konnten die Warnschilder nicht einmal lesen.
Wasserproben in aller Welt verrieten: Bis nach Südamerika war der Fallout nachweisbar. Australien fertigte in den Siebzigern keine französischen Schiffe mehr ab; das Hafenbecken von Adelaide galt zeitweise als verseucht. Neuseeländische Milch enthielt hohe Dosen an radioaktivem Jod. 1973 verklagten beide Länder Frankreich vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag wegen Verletzung ihrer "Souveränität durch Verschmutzung der Atmosphäre". Auch Polynesiens Vertreter in der französischen Nationalversammlung klagte nun: "Sie behandeln uns wie Versuchskaninchen."
Tödliche Explosion: Die "Rainbow Warrior" im Hafen von Auckland - das Greenpeace-Schiff wurde am 10. Juli 1985 vom französischen Geheimdienst durch zwei kurz nacheinander gezündete Haftminen versenkt. Der Sabotageakt sollte verhindern, dass die "Rainbow Warrior" zum Mururoa-Atoll ausläuft, um dort gegen Atomtests zu protestieren. Ein Crewmitglied, der Fotograf Fernando Pereira, ertrank im Bauch des Schiffs.
"Dritter Weltkrieg": Blick ins Innere der zerstörten "Rainbow Warrior" (Foto vom 1. November 1985). Entsetzt reagierten Politiker aller Parteien auf den vom französischen Geheimdienst ausgeführten Anschlag. "Der dritte Weltkrieg hat bereits in der Südsee begonnen", sagte damals der Sprecher der "Grünen", Heinz Suhr.
Minen gegen Umweltschützer: Ein Arbeiter inspiziert die zerstörte "Rainbow Warrior" (Aufnahme vom 1. August 1985). Französische Kampfschwimmer hatten am Abend des 10. Juli zwei Haftminen an Propeller und Schiffskörper befestigt. Eine rund 15 Kilogramm schwere TNT-Bombe riss ein zwei mal zwei Meter großes Loch in den Rumpf. Wasser drang in den Innenraum - binnen weniger Sekunden neigte sich die "Rainbow Warrior" zur Seite und sank. Bei dem Anschlag auf das Greenpeace-Schiff handelte es sich um den ersten Terrorakt auf neuseeländischem Territorium.
Todesopfer Pereira: Der niederländisch-portugiesische Fotograf Fernando Pereira (Aufnahme von 1985). Der zweifache Vater wurde nur 35 Jahre alt: Als in der Nacht des 10. Juli 1985 die beiden Haftminen detonierten, wollte Pereira noch schnell seine Kameraausrüstung sowie sein Bildarchiv aus dem Bauch des sinkenden Schiffs retten - und kam dabei ums Leben.
Vom Öko-Schiff zum Taucherziel: Die Reste der zerstörten "Rainbow Warrior" schlummern vor der neuseeländischen Küste nahe Matauri Bay in der Tiefe. Das Schiffswrack dient heute als beliebtes Ziel für Taucher. Rund acht Millionen US-Dollar musste Frankreich damals an Greenpeace bezahlen. Auch die Familie Pereiras und der neuseeländische Staat wurden finanziell entschädigt.
Die Regenbogen-Krieger: Die international bunt zusammengewürfelten Besatzungsmitglieder der "Rainbow-Warrior". Im Uhrzeigersinn von oben: Funker Lloyd Anderson (mit Stirnband und Sonnenbrille), Techniker Henk Haazen, Deckhelferin Bunny McDiarmid, Kapitän Peter Willcox, erster Steuermann Martini Gotje, Deckhelferin Grace O'Sullivan, zweiter Steuermann Benedikt Hoffmann, Maschinist Davey Edwards, Köchin Nathalie Mestre, Technikerin Hanne Sorensen und Schiffsarzt Andy Biedermann.
Verseuchtes Paradies: Im Mai 1985 evakuierte die "Rainbow Warrior" die Bewohner der kleinen Südseeinsel Rongelap (Foto). Die Menschen litten massiv unter den Folgen der zwischen 1946 und 1958 durchgeführten US-Atomwaffentests auf den benachbarten Atollen Bikini und Eniwetok. 1954 war dort die Wasserstoffbombe "Bravo" detoniert - mit einer Wucht, die tausendmal so stark war wie die Hiroshima-Bombe.
"Wir lieben die Zukunft unserer Kinder": Die rund 300 Bewohner von Rongelap wurden im Mai 1985 von der Greenpeace-Crew auf die nicht verstrahlte Insel Mejato gebracht. Als die Besatzung der "Rainbow Warrior" am 17. Mai in der Lagune von Rongelap einlief, begrüßten die Bewohner die Umweltaktivisten mit einem Transparent, auf dem geschrieben stand: "We love the future of our kids".
Atompilz über Mururoa: Französischer Atombombentest auf Mururoa (Aufnahme von 1971). 30 Jahre lang erprobte Frankreich seine Nuklearwaffen auf dem Südsee-Atoll - die radioaktiven Niederschläge waren noch viele tausend Kilometer entfernt messbar. Nach den 46 Tests in der Atmosphäre wurden bis 1996 weitere 147 unterirdische Explosionen vorgenommen. Die "Rainbow Warrior" wollte ursprünglich von Neuseeland aus zum Mururoa-Atoll segeln, um die dortigen Atomwaffentests zu stören.
"Niemals Atombombenversuche im Pazifik": Blick von oben auf Mururoa. "Frankreich wird niemals Atombombenversuche im Pazifik durchführen", hatte Louis Jaquinot, damals französischer Minister für die Sahara und die französischen Überseegebiete, noch 1961 erklärt. Das Atoll galt als unbewohnt - dennoch kamen die Polynesier der um das Atoll gelagerten Inseln regelmäßig zum Fischen, Jagen und Ernten nach Mururoa.
Umweltaktivist und Schiffsführer: Peter Willcox, der einstige Kapitän der "Rainbow Warrior" (Foto von 1985), präsentiert eine Petition der "Australian Federal Parliamentary Labor Party" gegen die französischen Atomwaffentests. Der Amerikaner, Jahrgang 1953, engagiert sich seit 1981 für Greenpeace. Immer wieder...
...wurde Willcox wegen seines Einsatzes für die Umweltorganisation inhaftiert, so zuletzt 2013 in Russland, wo Aktivisten versucht hatten, eine Gazprom-Ölplattform zu besetzen. Der leidenschaftliche Segler fährt nach wie vor für Greenpeace über die Meere - seit 2014 ist er Kapitän der "Rainbow Warrior III". "Die Organisation Greenpeace hat sich radikal verändert - die Atmosphäre an Bord der Schiffe ist immer gleich toll geblieben. "Deshalb bin ich bis heute dabei", sagt Willcox im Interview.
Mediziner mit Mission: Andy Biedermann, Jahrgang 1956, engagierte sich als Schiffsarzt auf der "Rainbow Warrior", als der Anschlag auf das Schiff passierte. Zu Greenpeace war er 1983 gekommen. Der Mediziner arbeitet heute im Bereich Gesundheitsvorsorge und Prävention in Bern. "Wir hatten eine Mission", sagt der Schweizer im Gespräch mit einestages.
"Die Wahrheit ist grausam": Das von französischen Agenten gesprengte Schiff ist im Hafen von Auckland zur Seite gekippt - die Friedenstaube auf dem Rumpf der "Rainbow Warrior" schaut nur noch halb heraus. Mit den Worten "Meine Damen und Herren, die Wahrheit über diese Affäre ist grausam", räumte der damalige Premier Laurent Fabius erst im September 1985 die Verantwortung der Franzosen ein.
Teuflische Operation: Nach dem Anschlag wurde die gesunkene "Rainbow Warrior" kriminaltechnisch untersucht. Die neuseeländische Polizei setzte eine Sonderkommission ein, um den Terroranschlag aufzuklären, den der französische Auslandsnachrichtendienst mit dem Codenamen "Opération Satanique" tituliert und von langer Hand geplant hatte.
Rädelsführer: Schon zwei Tage nach der Versenkung der "Rainbow Warrior", am 12. Juli 1985, wurden zwei französische Geheimdienstler festgenommen, die vom Auslandsnachrichtendienst DGSE mit der Aktion beauftragt worden waren. Es handelt sich um Alain Mafart (Foto) und
Dominique Prieur (Aufnahmen vom 17. Juli 1985). Die beiden Agenten hatten sich in Neuseeland als Schweizer Ehepaar Turenge ausgegeben. Die anderen Hintermänner indes konnten fliehen und wurden nie belangt. Die französische Regierung vertuschte und leugnete die Geheimdienstoperation so lange wie möglich: Erst zweieinhalb Monate nach dem Anschlag mussten Verteidigungsminister Charles Hernu und Geheimdienstchef Pierre Lacoste ihre Posten räumen.
"Das Beste, was Greenpeace je hatte": Am 12. Dezember 1987 wurden die Reste der zerstörten "Rainbow Warrior" an die Nordspitze Neuseelands geschleppt und bei den Cavalli-Inseln vor der Matauri Bay versenkt. Das Schiff erhielt ein traditionelles Maori-Seebegräbnis. Kapitän Peter Willcox hat kein Verständnis dafür, dass es damals nicht repariert, sondern dem Meer überantwortet wurde. "Die 'Rainbow Warrior' war ein Symbol - und das Beste, was Greenpeace je hatte", sagt er im Interview.
Ruhestätte in 30 Meter Tiefe: Die "Rainbow Warrior" bäumt sich ein letztes Mal auf - dann verschwindet das Greenpeace-Schiff in den Tiefen des Ozeans. Es mutierte zum künstlichen Riff - und dient mittlerweile zahlreichen Meereslebewesen als Heimat.
Beförderung für die Täter: Polizisten bringen den französischen Geheimdienstoffizier Alain Mafart zum Gericht in Auckland, wo im November 1985 der Prozess gegen zwei der Hintermänner des Sabotageakts stattfand. Mafart und Dominique Prieur wurden zu einer jeweils zehnjährigen Haftstrafe wegen Totschlags und Sachbeschädigung verurteilt. Die französische Regierung drohte mit einem EG-weiten Importverbot für Butter und Hammelfleisch - die Haftstrafe wurde in einen dreijährigen Hausarrest auf einer französischen Militärbasis im Pazifik umgewandelt. Doch schon im Dezember 1987 wurde Mafart wegen angeblicher Magenbeschwerden nach Frankreich ausgeflogen - kurze Zeit später folgte die mittlerweile schwangere Prieur. Beide Agenten wurden in ihrer Heimat befördert und mit Orden ausgezeichnet.
"Mord in Kauf genommen": Greenpeace-Gründervater David McTaggart (1932-2001) vor der "Rainbow Warrior" (Foto von 1985). Der kanadische Umweltschützer war Anfang der Siebzigerjahre mehrfach mit dem Segelboot "Vega" vor dem Mururoa-Atoll gekreuzt, um die Atomwaffentests zu stören. Im Sommer 1973 enterte ein von der französischen Marine geschicktes Prügelkommando das Boot und schlug McTaggart brutal zusammen. "Wir hätten es schon nach dem Überfall auf die 'Vega' erkennen können. Leute, die einen solchen Angriff auf Wehrlose anordnen, nehmen auch einen Mord in Kauf", sagte McTaggart nach dem Anschlag auf die "Rainbow Warrior".
Deutsches Crew-Mitglied: Benedikt Hoffmann an Bord der "Rainbow Warrior". Der Deutsche war zweiter Steuermann des Greenpeace-Schiffs, zum Zeitpunkt des Anschlags befand er sich jedoch an Land. Auf dem Schiff befanden sich an jenem Abend nur zwölf der insgesamt 27 Crew-Mitglieder. "Wir haben Glück gehabt. Wären alle an Bord gewesen, hätte es vielleicht noch mehr Tote gegeben", sagt Kapitän Peter Willcox im Interview.
Bunte Nachfolgerin: Genau vier Jahre nach der Sprengung der "Rainbow Warrior" ging am 10. Juli 1989 die "Rainbow Warrior II" (Foto) auf Jungfernfahrt. Das Greenpeace-Schiff lief aus, um gegen Atomtests auf dem Mururoa-Atoll zu protestieren. Zudem diente es in den 22 Dienstjahren als Aktionsplattform etwa gegen Walfang, globale Erwärmung und Überfischung. Zuletzt war die "Rainbow Warrior II" 2011 vor der japanischen Küste im Einsatz, um nach der Katastrophe von Fukushima Meerwasserproben zu entnehmen.
Steinerner Regenbogen: Auf dem Berg an der Matauri Bay, unweit des Wracks, befindet sich das "Rainbow Warrior Memorial". Das aus Steinen errichtete Halbrund soll an einen Regenbogen erinnern, in der Mitte prangt die Original-Schiffsschraube der "Rainbow Warrior". Kreiert wurde das Denkmal 1988-1990 von dem neuseeländischen Künstler Chris Booths. Derzeit erwägt die Hafenbehörde von Auckland, ein weiteres Denkmal unmittelbar am Ort des Anschlags zu errichten.
Offiziell nannte Frankreich die Tests "weniger gefährlich als die Strahlung von Fernsehgeräten", verlagerte sie aber nun doch lieber in die Tiefe und durchlöcherte das Atoll mit Dutzenden Bombenschächten. Ob Konservative oder Sozialisten, es blieb beim Mantra, nur Atombomben garantierten eine unabhängige Großmachtpolitik. Auf zunehmende Proteste reagierte das Land trotzig und übernervös, etwa als es 1985 das Greenpeace-Schiff "Rainbow Warrior" versenken ließ.
Erst nach 30 Jahren endeten 1996 die Atomversuche, eingestellt von Frankreichs Premier Jacques Chirac, der von Umweltaktivisten noch mit "Fuck Chirac" beschimpft wurde (was den Moderator Markus Lanz einmal den Job kostete, siehe Fotostrecke). Insgesamt hatten etwa 150.000 Menschen für das Programm gearbeitet; viele waren der Strahlung ungeschützt ausgesetzt. Trotzdem behauptete Frankreich noch jahrelang, die Tests seien sauber gewesen. Krebskranke mussten ihre Verseuchung erst beweisen, entschädigt wurde fast niemand. Die Opfer starben still und ungehört.
Erst 2010 kehrte ein Entschädigungsgesetz die Beweislast um. Doch unsinnige Ausnahmen - Schilddrüsenkrebs etwa wird nur bei Krankheitsausbruch in jungen Jahren anerkannt - nährten den Verdacht, dass Frankreich sich vor seiner Verantwortung drückt.
Da überrascht es fast, wie herzlich man Präsident François Hollande im Frühjahr 2016 in Tahiti empfing. Ungewohnt deutlich bedauerte er "die Auswirkungen auf die Umwelt und die gesundheitlichen Folgen" der Tests und versprach, nicht als Erster, hohe jährliche Zuwendungen. Dann war er weg.
Zurück in Paris musste Hollande sich anhören, so eine Dienstreise um die halbe Welt sei ja wohl ganz schön teuer, zeitraubend - und umweltschädigend.