Museumsstücke Ein Fahrrad mit Geschichte(n)

Museumsstücke: Ein Fahrrad mit Geschichte(n) Fotos
Rosemarie Hannemann

Dieses Zweirad ist Zeitgeschichte auf Rädern: Seit 1934 radelte Rosemarie Hannemann auf ihrem Miele-Fahrrad durch Berlin. Vor dem Krieg zum Schrebergarten der Eltern, nach 1945 durch die Trümmer. Und noch als Pensionärin trat sie weiter in seine Pedale. Jetzt steht das Rad im Deutschen Museum in München - alle Teile komplett original. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
    2.9 (739 Bewertungen)

Dieses Miele-Fahrrad ist kein Vehikel wie jedes andere. Es hat mein Leben begleitet und mir so lange treue Dienste geleistet, dass es jetzt den Platz im Deutschen Museum in München wahrlich verdient hat. (Vielleicht auch eine Empfehlung für deutsche Qualitätsarbeit früher.) Darum will ich ihm eine kleine Biographie mit auf den Weg geben.

Es begann damit, dass dieses Rad Weihnachten 1934 zwischen Tannenbaum und Gabentisch stand; zur Überraschung und Freude der Kinder, denn auch mein Bruder bekam eins. Damit jeder ein Fahrrad hatte und keiner auf den anderen eifersüchtig war - damals sicher etwas Besonderes, wenn Eltern zum Weihnachtsfest gleich zwei Räder verschenkten. Aber so war meine Mutter. Ich konnte ja schon vorher radfahren und hatte es mir bestimmt sehr gewünscht.

Mit dem neuen, chromblitzenden Rad fuhr ich also zur Schule - und natürlich in unseren Garten: Ein Schrebergarten, draußen in Berlin-Lichterfelde. Die Villenstraßen dort mit alten Bäumen und Vorgärten haben noch heute etwas vom Charme früherer Jahre. Der Heimweg ging oft so geschwind, daß ich manchmal eher zu Hause war als meine Eltern, die immer mit der Straßenbahn fahren mussten.

Ein Fahrrad unter der Zimmerdecke

Mein Rad, das von mir sehr sorgfältig behandelt wurde, sollte auch nicht im Keller stehen, zwischen Holz, Kohlen und Kartoffeln. Denn in den älteren Altbau-Mietshäusern gab es natürlich nicht so luftige, temperierte Keller wie heute. Also trug ich es jedes Mal in die Wohnung, im ersten Stock; dann kam's an einen Flaschenzug und wurde hochgezogen bis unter die Decke des Korridors um Platz zu sparen. Das ging eine ganze Weile so. Allerdings erinnere ich mich, dass mir dieses Patent damals nicht sehr gefallen hat.

Weitere Stationen: Die Kriegszeit in Berlin - da hatte ich Glück, denn ich habe mein Miele-Rad durch all die schlimmen Bombenangriffe heil hindurchgebracht. Waren schwere Alarme zu erwarten, habe ich es sogar mit in den Keller genommen. So manches Mal trug ich es auch über Schuttberge und Trümmer, wenn nach einem solchen Angriff die Straßen unpassierbar waren. Das alles ist jetzt wie hundert Jahre her.

Gleich nach dem Krieg hätte man mir den treuen Drahtesel beinah beschlagnahmt, denn jetzt war es natürlich besonders von Vorteil, ja fast lebenswichtig, ein Fahrrad zu haben. Ich hatte es nicht so weit und bin daher auch immer gern zum Dienst geradelt. Im Sommer und nur bei schönem Wetter; bis zum Ende der fünfziger Jahre. Dann nahm der Autoverkehr so zu, dass es mir keinen Spaß mehr machte. In den letzten Jahren bin ich dann nur noch wenig gefahren. Nun stand das Rad in einem passablen Keller und wartete auf mich: fahrbereit und immer topfit.

Ein neues Fahrradgefühl

Die Renaissance kam nach meiner Pensionierung 1981. Ich kriegte direkt ein neues Fahrradgefühl, trotz des enormen Verkehrs der Großstadt. Und machte ich Entdeckung, dass mir die Leute immer wieder nachschauten, wenn ich das Rad vor mir herschob oder damit über eine große Kreuzung ging. Immer guckten sie nach der stabilen Form, dem Firmenzeichen und vor allem nach der Lampe, die so mancher gern gehabt hätte. "Wie ein kleiner Mercedes unter den Fahrrädern", sagte mal jemand.

Einmal schob ich es in den Laden eines Fahrradhändlers um das Lichtkabel oder so etwas in die Richtung wieder festmachen zu lassen. Da rief der Chef seinen Spezi: "Mensch, Harry, komm mal her; hier kannste was sehn: ein echtes altes Miele-Rad."

Ein anderes Erlebnis, auch in Berlin: Ich sitze auf einer Bank im Park, als ein Junge daherkommt: "Ist das ihr Rad?" "Ja." (Ich wusste schon, wa skommen würde.) "Wie alt ist denn das? Sieht toll aus." Pause. "Darf ich mal fahren damit?" -

Ich werde immer wieder von Leuten angesprochen, denen mein braves, nostalgisches Fahrrad gefällt, die es bewundernd angucken und mir Komplimente machen: "Es ist eigentlich zu schade, um immer damit herumzufahren!" Vielleicht haben sie recht und das gute Stück ist wirklich ein Stück Zeitgeschichte geworden? Das Fahrrad ist in allen Teilen original; nichts wurde nachträglich ergänzt oder ersetzt. Bis auf Mantel und Schläuche, die halten natürlich nicht so lange. Früher hatte es Ballon-Reifen, aber die sind inzwischen aus der Mode gekommen. Bei all den Asphaltstraßen braucht's die wohl auch nicht mehr.

Ich wünsche meinen Rad eine gute neue Heimat und viele neue Freunde.

Unter Mitarbeit von Carina Styber


Weitere interessante Themen finden Sie auf der Homepage von einestages! mehr...

Und hier finden Sie sofort mehr Artikel und Fotos über

...die zwanziger Jahre ...die dreißiger Jahre

...die vierziger Jahre ...die fünfziger Jahre ...die sechziger Jahre ...die siebziger Jahre ...die achtziger Jahre ...die neunziger Jahre

Oder fliegen Sie durch die Bilderwelt des 20. Jahrhunderts mit der einestages-Zeitmaschine!


Artikel bewerten
2.9 (739 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH