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Musik-Kassette Das Band der Liebe

Musik-Kassette: Das Band der Liebe Fotos
Redaktion einestages

Teenager verbrachten früher Wochen vor ihren Kassettenrecordern - und träumten von einer Karriere als Popstar, DJ oder von ihrem Herzblatt. Das Tape mag alt sein. Doch in unseren Erinnerungen ist es noch immer quicklebendig. SPIEGEL-Redakteure erzählen ihre schönsten Kassettengeschichten. Von

Die Kassettenregale in Kaufhäusern - unendliche Weiten. Zumindest in den Glanzzeiten des Tapes, den siebziger und achtziger Jahren, als jeder Kassettenkauf einer Expedition glich. Unüberschaubar war damals die Anzahl der Anbieter, verwirrend und verheißungsvoll die verschiedenen Typenbezeichnungen: Ferrit, Chromdioxid, Metal, Ferrochrom - das versprach Vorsprung durch Technik, für viele Käufer klangen sie aber auch wie die Formel zum Glück.

Ganze Generationen von Teenagern verbrachten damals Tage, Wochen, Monate, vor ihrem Kassettenrecorder und träumten bei gedrückter Record-Taste von einer Karriere als Popstar, DJ oder einfach nur von ihrem Herzblatt, wenn sie ihre Liebesschwüre mit der perfekt choreografierten Playlist auf das Magnetband bannten. Tapes liefen damals einfach überall: im Stereoturm, dem ganzen Stolz der Eltern im Wohnzimmer genauso wie im Kinderkassettenrecorder, im Autoradio genauso wie im Walkman. Viele Jugendliche machten außerdem ihre ersten Schritte am Computer, daddelten ihre ersten Games überhaupt nur dank der Kassette - lange vor CD-Roms, USB-Sticks und Flash-Festplatten war sie das Speichermedium für eine ganze Generation von Nerds.

"Heute werden unsere Tapes vor allem von älteren Menschen gekauft, die sich mit den neuen Medien nicht auskennen", gesteht Sascha Göldner, Marketing-Manager beim Hersteller von Speichermedien Maxell. Silke Bernardt, Pressesprecherin der Sony Deutschland GmbH, hat außerdem sehr junge Menschen als Zielgruppe ausgemacht. "In vielen Kinderzimmern steht heute noch ein alter Kassettenrecorder, mit dem die ganz kleinen ihre ersten Erfahrungen mit Musik oder Hörspielen machen."

Ein Monatsgehalt für den Audio-Pionier

Es ist nicht mehr viel übrig vom Glanz vergangener Tage. Heute lagern Kassetten oft entweder als Restposten in kleinen Stückzahlen schüchtern direkt hinter der Kasse, oder fristen als Ramschware auf dem Grabbeltisch ein trostloses Dasein. Sony und Maxell sind zwei der wenigen Hersteller, die überhaupt noch Tapes produzieren, die meisten haben längst die Segel gestrichen, ehemalige Giganten wie Agfa, BASF oder Philips haben sich schon lange aus dem Markt zurückgezogen.

Die wenigen verbliebenen Konzerne, die der Kassette die Treue halten, verkaufen dabei heute meist nur noch Billigbänder, also jene Tapes, die damals, in den Jubeljahren, die Einstiegsklasse bildeten. "Aber damit machen wir immerhin Gewinn, vor allem natürlich, weil es heute viel weniger Konkurrenz gibt als früher", erklärt Sascha Göldner.

Ihre Premiere feierte die Kassette 1963 auf der 23. Großen Deutschen Funkausstellung in Berlin, wo der niederländische Unterhaltungselektronikkonzern Philips der Weltöffentlichkeit seinen Recorder VL-3300 präsentierte. 299 Mark - inflationsbereinigt heute in etwa 1500 Euro - kostete der Audio-Pionier damals, allerdings lohnte sich die Investition insofern, als dass Käufer des Philips-Gerätes auf das richtige Pferd gesetzt hatte. Anders erging es all jenen, die sich 1965 für den von Grundig produzierten C100-Recorder entschieden hatten, dessen Kassettenformat sich ebenso wenig durchsetzen konnte wie die vor allem in den USA kurzzeitig populäre 8-Spur-Kassette.

Beginn eines beispiellosen Siegeszugs

Nachdem der kurze Formatkrieg mit einem klaren K.o.-Sieg für den präszise "Compact Cassette" genannten Tonträger entschieden war, begann ein beispielloser Siegeszug. Bereits 1971 fragte der SPIEGEL "Hat die Schallplatte ausgespielt?" und beschrieb das Phänomen Kassette so: "In den Schallplattenläden haben sich die kleinen Plastikpäckchen explosionsartig ausgebreitet, in vielen Läden nehmen sie schon die Hälfte des Verkaufsraumes ein." In nackten Zahlen las sich das so: Etwa vier Millionen bespielte Tapes und acht Millionen Leerkassetten gingen 1971 über deutsche Ladentheken. Sieben Jahre später waren es bereits 75 Millionen Leerkassetten, die in Deutschland verkauft wurden.

Dabei kann keine Zahl die Begeisterung beschreiben, mit der sich Musikfans in Deutschland und weltweit der Compact Cassette widmeten. Die kleinen Plastikschatullen mit den anfangs 60, später 90 und zuletzt sogar 120 Minuten fassenden Bändern wurden zu einem Lebensgefühl. Die Geräusche neben der eigentlichen Musik, das "Klöck" des Kassettenfachs, wenn es geschlossen wurde, das "Klick", dass die Play-Taste beim Herunterdrücken machte und das "Klack", wenn sie nach dem Drücken der Stop-Taste wieder heraussprang - Millionen Menschen werden sie nie vergessen.

Von 1970 bis 1995 gab es wohl keinen Teenager, der nicht mindestens einmal in seinem Leben eine Leerkassette in seinen Recorder geschoben und eigene Musik aufgenommen hat. Sei es aus dem Radio, von Platte oder vom anderen Tape im Doppelkassettendeck. "Immer mehr machen ihre Hitparade selbst", beschrieb das "Hamburger Abendblatt" das Phänomen in einem Artikel 1978, und prophezeite: "Der Cassette, sei sie bespielt oder nicht, gehört jedenfalls die Zukunft."

Königsdisziplin Liebestape

Ein Tape aufzunehmen, war ein sinnliches Erlebnis und erforderte handwerkliches Können - zumindest, wenn man sich nicht damit begnügte, einfach Radiosendungen aufzunehmen oder Musikalben auf Kassette zu kopieren. Anders als heute, wo man mit ein paar Clicks seine Lieblingsplaylist auf dem Computer zusammenstellt und in Sekundenschnelle wieder umbauen kann, war das Aufnehmen eines Tapes eine Sache, auf die man sich wirklich einlassen musste. Die Auswahl der Songs war mindestens genauso wichtig wie die Reihenfolge - immerhin konnte man damals nicht einfach ein Lied weiter drücken, wenn einem ein Stück nicht mehr gefiel. Ein Mixtape war wie eine Nonstop-Bahnfahrt, aussteigen galt nicht. Und nur wer genug Sorgfalt bei der Liedauswahl walten ließ, hatte eine angenehme Reise.

Andere Aspekte wurden kurzerhand zur Wissenschaft deklariert, über die es sich leidenschaftlich diskutieren ließ. Wie lange durfte die Pause zwischen den Tracks sein? Was war die beste Aussteuerung des Eingangspegels? Fragen wie diese bekamen vor allem dann Bedeutung, wenn man beim Aufnehmen versagt hatte. Tapes waren Musik für die Ewigkeit und wurden oft jahrelang gehört - genauso lang ärgerte man sich wieder und wieder über einen vergeigten Übergang zwischen zwei Songs oder eine falsche Aussteuerung, die ein Lied plötzlich viel lauter oder leiser machte als alle anderen auf dem Band.

Die Königsdisziplin war das Band der Liebe - Tapes, zusammengestellt und aufgenommen für die "Flamme", wie es damals hieß. Hier zählte noch mehr als sonst die richtige Komposition, schließlich ließen sich per Magnetband viel einfacher und vor allem souveräner Liebesbotschaften senden als verbal - ein von einem x-beliebigen Interpreten im Song gehauchtes "I love you" war immer besser als ein gestammeltes "Willst du mit mir gehen" im Kino. War das Herz erst erobert, folgte - zumindest für manche Jungs - Phase zwei der Tape-Becircung. Nun galt es, den richtigen Soundtrack für die körperliche Annäherung zusammenzustellen, Petting per Play-Taste war das Motto. Tage- und wochenlang knobelten sie an der Formel, die ihre Angebetete vom schüchternen Schulmädchen in einen liebeshungrigen Vamp verwandeln sollte - meist ohne Erfolg, versteht sich.

Ein Tape zum Freund

Mindestens genauso wichtig, vor allem bei Love-Tapes der Gattung eins, aber eigentlich ganz allgemein war die Gestaltung der Hülle oder des Papp-Einlegers. Nur Banausen ließen diesen unberührt, das Minimum an Customizing war das nüchterne Herunterschreiben der Tracklist. Viel öfter aber wurde in die Verzierung der wenigen Quadratzentimeter Pappe viel Zeit investiert, oft mehr als in das Erstellen des Tapes selbst. Ob handgezeichnete Bilder, aus der "Bravo" ausgeschnittene Popstar-Collagen oder abgepauste Film- und Comic-Helden - der Einleger machte aus der Massenware Tape ein Unikat.

In einem gewissen Sinne trifft das auch für die Kassette ganz allgemein zu. Kein anderes Unterhaltungsmedium hat seine Konsumenten bisher so gebannt und so sehr dazu eingeladen, sich an ihm abzuarbeiten wie das Tape. Kaum jemand kommt heute auf die Idee, eine gebrannte CD auf eine ähnliche Weise zu verzieren und zu individualisieren, wie es früher bei Kassetten gang und gäbe war.

Aber warum ist das so? Vielleicht liegt es im Wesen der Kassette selbst. Das Gefühl, das sie allein vermittelt, wenn man sie in der Hand hält. Ihr Gewicht, ihre Robustheit, das Klackern der Bandspulen, wenn man sie hin- und herschüttelt. Sie ist hart im Nehmen einerseits, anderseits ist sie umständlich, sie ist nicht glatt und seelenlos wie ein CD-Rohling, sie hat eben Charakter. Und oft ist sie ans Herz gewachsen. Sei es, weil man Tage und Wochen in sie investiert hat, oder weil man sie von jemandem bekommen hat, der Tage und Wochen aufgebracht hat, um sie zu machen. Ein Tape ist nicht einfach ein Datenträger. Ein Tape ist ein Freund, von dem man sich auch nicht so einfach trennt - warum sonst lagern auf Tausenden Dachböden und in Tausenden Kellern Deutschlands noch alte Tapes, obwohl die Anspielgeräte schon lange ausgemustert sind?

Die Hersteller sehen das natürlich etwas nüchterner. "Wir als Spezialist für Speichermedien schließen mit der Kassette eine Sortimentslücke", erklärt Sascha Göldner den Stellenwert von Tapes im Maxell-Sortiment. Und auch Silke Bernhard von Sony gibt sich eher unsentimental: "Auch wenn wir Kassetten immer noch produzieren - als innovatives Unternehmen konzentrieren wir uns natürlich auf die Speichermedien der Zukunft." Nach einem echten Treueschwur hört sich das zwar nicht an, um das Überleben der Kassette ganz allgemein muss man sich trotzdem vorläufig keine Sorgen machen.

Denn auch wenn in Europa oder den USA die Kassette auf dem Rückzug ist - in Südamerika oder Afrika ist sie noch immer das Musikmedium Nummer eins. 1971 schrieb der SPIEGEL: "Tonband nämlich unterliegt keinem, jedenfalls keinem merklichen Verschleiß, das Band der Kassette ist zudem auch gegen Staub, Beschädigungen und derben Zugriff geschützt" - Nehmerqualitäten, die dem Musikmedium-Methusalem noch heute einen entscheidenden Vorteil verschaffen.

In unseren Erinnerungen wird die Kassette eh ewig leben. Als Tonträger für alle Lebenslagen, als musikgewordenes Sammelsurium vergangener Momente, Gefühle und Erlebnisse. Und für manche auch als schönste Liebeserklärung, die man in 90 Minuten packen konnte.

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1.
Jan Lüdeke, 14.01.2010
Ach, die Kassette! Sonntagnachmittage mit Papa im Wohnzimmer, wo wir Radiosendungen mitschneiden und abwechselnd den Kopfhörer aufhaben. Mit dem besten Freund kongenial HiFi-Anlagen verkabeln und "Radiosendungen" aufnahmen - der Soundtrack: natürlich "The Final Countdown". Konzertübertragungen mitschneiden. Wie gebannt die neueste Musikentdeckung mit den Freunden anhören und kopieren. Die Mixtapes für die Freundin. Ein sehr schöner Artikel.
2.
Endo Oettinger, 14.01.2010
Meine damalige Freundin trangsalierte mich 1987 beim Kuscheln auf dem Sofa immer mit selbst mitgebrachten Kassetten. (Ich brachte es zu diesem Zeitpunkt bereits auf stolze 100 selbst aufgenommene Kassetten, wobei 75% davon schon Westkassetten waren, welche fast billiger zu bekommen waren, als die DDR- Produkte.) Als Depeche Mode - Fan hatte ich wenig Interesse an ihren Cure- Kassetten. Um erfolgreich zu "kuscheln" musste ich es aber wohl oder übel ertragen und bin nach einigen Wochen dann selbst überzeugter Cure- Hörer geworden. Als sie allerdings "Black - Wunderful Life" ohne mich zu fragen zu unserem gemeinsamen Lied erklärte, musste ich mich von ihr trennen. Nach über 22 Jahren möchte ich mich hiermit entschuldigen!
3.
Kerstin Vosshans, 15.01.2010
Kurz vor Weihnachten hat Jason Bitner in den USA "Cassette From My Ex: Stories and Soundtracks of Lost Loves" (Rezension: http://www.wallflowerdispatches.com/?p=631) veroeffentlicht - eine Sammlung aehnlicher Geschichten. Eine Nostalgiewelle fuer alle, die sie daran erinnern koennen. Ich hoffe, die Idee ist nicht geklaut...
4.
Götz-Tobias Heger, 15.01.2010
Hm, netter Artikel, aber dies hier muss korrigiert werden: "Die kleinen Plastikschatullen mit den anfangs 60, später 90 und zuletzt sogar 120 Minuten fassenden Bändern wurden zu einem Lebensgefühl." Also die 120er gab es schon fast mit zum Anfang der CC, zumindest aber in den 1970ern. Außerdem war das auch nicht die längste Kassette, denn in Japan waren auch 150er gebräuchlich. Der absolute Langläufer war aber die TDK D-180 mit wirklich absolut nicht mehr HiFi-tauglichem Band. Wer also nun mal wieder eine neue Kassette aufnehmen will (inkl. dem Auspacken aus einer neuen Folie) hat aber nicht mehr so die große Auswahl. Typ III (FeCr) gibt es seit Mitte der 1980er nicht mehr und die Typ IV (Metall) ist Anfang des letzten Jahrzehnts ausgestorben. Im gut sortierten Fachhandel finden sich Heute aber noch folgende Typen (in Qualitätsreihenfolge). Typ II (Chrom) -------------- 1. TDK SA 2. Sony UX-S * 3. Fuji DR II * 4. Sony CDit II * 5. SK CX-II * Typ I (Normal) -------------- 1. Maxell UR 2. EMTEC Sound I * 3. Sony HF 4. TDK D 5. TDK FE 6. Fuji DR * 7. JVC G1 Alle mit * markierten werden dabei schon etwas länger nicht mehr produziert, sind aber mit etwas Glück noch im Regal zu finden. Alles andere, hier nicht aufgeführte, ist wirklich NOS und wahrscheinlich nicht aus den letzen fünf Jahren. So z.B. auch die beiden letzten, wirklich guten Kassetten Fuji Z II und Maxell XL II. Ach ja, und neue TDKs erkennt man am Namenszusatz "Life on Record". Diese stammen nun eigentlich nicht mehr von TDK sondern von Imation, die den Namen gekauft haben.
5.
Norbert Kreuzmann, 15.01.2010
Wobei ich meine, dass eine Drei Fragezeichen -Kassette vier TKKG- Kassetten wert ist.... Beste Grüße Justus J.
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