Musikdealer in der DDR Zappa in der Wagentür

Musikdealer in der DDR: Zappa in der Wagentür Fotos
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Das Pornoheft versteckte er unter der Fußmatte, die Zappa-Schallplatten in der Autotür. Wolfhard Kutz scheute kein Risiko: Mit Schmuggeleien finanzierte sich der Student in der DDR ein schönes Leben. Bis sein Vater, ein Stasi-Hauptmann, einen Blick in den Kleiderschrank des Sohnes warf. Von

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Große Wagen hat er schon immer gerne gefahren. Und Geld war auch meistens vorhanden. Mit Anfang 20 entwickelte der DDR-Bürger Wolfhard Kutz aus seinem Hobby ein cleveres Geschäftsmodell unter realsozialistischen Bedingungen. Als Veranstalter von privaten Musikpartys im kleinstädtischen Bad Doberan wurde der Elektronikstudent in den siebziger Jahren zum Trendsetter in der Provinz: Er verfügte über Schallplatten westlicher Rockgruppen, die er von der Ostsee aus im ganzen Land verhökerte.

Bis zu 150 Ostmark kosteten die heiß begehrten Scheiben. Das legendäre Album "Freak Out!" des US-Rockrebellen Frank Zappa etwa hatte damit den Gegenwert eines halben Monatslohns eines jungen DDR-Arbeiters. Musikfans zahlten den Preis, denn offiziell waren die West-Produktionen in der DDR gar nicht erhältlich. Als Schmuggelwaren kamen sie aus der Bundesrepublik, über die Tschechoslowakei oder Polen ins Land.

Doch bevor daraus ein lukratives Geschäft wurde, musste der gebürtige Rostocker Kutz Lehrgeld zahlen: Eine seiner frühen Schmuggeltouren, damals noch im Trabant, fand im Februar 1976 an der polnisch-deutschen Grenze ein jähes Ende. Am Kontrollpunkt Stettin - "Wir dachten, das sei eine Tankstelle" - wurde der Wagen herausgewunken. Auf dem Rücksitz entdeckten die Grenzer fünf Jeans-Nietenjacken - und sahen sich das Auto näher an. Sie fanden die Schallplatten sowie ein "Pornoheft unter dem Fußbodenbelag", wie die Bezirksverwaltung der Staatssicherheit in Rostock protokollierte. Kutz bekam eine Anzeige bei der Volkspolizei und musste den doppelten Gegenwert der Platten sowie eine Strafe bezahlen, insgesamt rund 1600 Ostmark. Es schreckte ihn nicht. Im Gegenteil: "Daraus habe ich für später gelernt."

Bei Verstoß ins Arbeitslager

Im Oktober 1978 gelang ihm ein großer Coup: Mit seinem neuen Wagen, einem grauen Wolga Kombi, besuchte er das Festival "Jazz Jamboree " im polnischen Warschau. Für die Rücktour hatte er den Wolga präpariert: In den Seitentüren des robusten sowjetischen Fabrikats gab es nun Hohlräume. In ihnen verstaute er pro Tür jeweils 10 bis 15 Schallplatten, die er zuvor von polnischen Händlern am Rande des Festivals erworben hatte. Der Erfolg der Aktion machte ihn mutig: Touren dieser Art unternahm Kutz nun öfter - nach Polen und auch in die CSSR, ohne entdeckt zu werden.

Zurück in der DDR bot er die West-Platten in der Musikszene zum Kauf an. Die Übergabe fand meist unbeobachtet in privaten Zirkeln statt. Sie musste heimlich erfolgen, weil Westmusik in der DDR schon lange auf dem Index stand. Bereits 1965 hatte sich das SED-Zentralkomitee, das höchste politische Gremium der DDR, eingehend mit "Fragen der Jugendkultur und dem Auftreten von Rowdygruppen" mit "westlicher Beatmusik" beschäftigt. Auf dem Protokoll mit der Registriernummer 78/65 ist handschriftlich vermerkt, wie mit Störenfrieden zu verfahren sei: "Gruppen und Gammler, die gegen die Gesetze der DDR verstoßen, und eine Gefährdung der Ordnung" darstellten, sollten "in Arbeitslager eingewiesen werden." Die Notiz stammte von Erich Honecker, der sechs Jahre später zum Ersten Sekretär des ZK aufstieg.

Die wachsende Popularität westlicher Klänge von Boogie Woogie über Rock'n'Roll bis zur Beatmusik beunruhigte die Kultur-Funktionäre. Mit Richtlinien und Verordnungen versuchten sie, das musikalisch bedrohte Vaterland vor westlichen Einflüssen zu schützen - etwa 1965 mit der Anordnung Nr. 2 zur "Ausübung von Tanz und Unterhaltungsmusik": Amateurbands konnten danach nur mit Genehmigung der "zuständigen Kulturbehörden" auftreten. Die Einführung eines "Berufsausweises für Musiker" stellte das Musizieren unter staatliche Aufsicht. Bereits 1958 war versucht worden, mit einer "Quotenregelung" den privaten Musikgruppen die Richtung vorzugeben. Danach duften nur "maximal 40 Prozent" der gespielten Werke aus dem "nicht-sozialistischen Wirtschaftsgebiet" stammen. Amateurbands, die an "westlichen Musikstilen" festhielten, wurden durch Kontrollen von Finanzbehörden bis hin zum "Lizenzentzug" schikaniert.

Entdeckung im Kleiderschrank

1974 musste das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) "alarmierende Vorfälle" der immer aktiver auftretenden Jugendszene melden. So hatte die Volkspolizei bei einem Musikfestival im Rahmen des Blütenfestes im brandenburgischen Werder einschreiten müssen, ebenso auf dem Ostberliner Festival "Pferdemarkt". Kutz erinnert sich, dass "einige Fans auch abgeführt wurden".

Er selbst bekam damals ebenfalls Ärger mit den Staatsorganen. Als Kutz' Vater bei einer Durchsuchung des häuslichen Kleiderschranks einen Stapel Zappa-Scheiben entdeckte, gab es eine Vorladung bei der Kreisdienststelle. Die MfS-Späher hatten den Genossen Kutz senior zuvor um Mithilfe bei der Aufklärung eines Plattenschmuggels gebeten - der Vater, Hauptmann bei der Staatsicherheit, zeigte sich kooperationsbereit. Wolfhard Kutz habe "die Musik von Zappa verbreitet, so dass die anderen daran Geschmack gefunden haben", heißt es im Bericht der MfS-Kreisdienststelle Bad Doberan vom 6. Januar 1978. Die Funktionäre hielten es für verwerflich, dass der Student die Fähigkeit habe, "anderen Jugendlichen diese Musik näherzubringen".

Der Vater musste daraufhin einen Bericht über die Umtriebe des Sohnes mit dem "dekadenten, ungepflegten äußeren Auftreten" schreiben. Allerdings zeigten sich die Behörden unzufrieden wegen der fehlenden Durchsetzungskraft des Vaters: Kutz senior wurde zum Sicherheitsinspektor auf der Rostocker Neptunwerft degradiert. Und auch der Berufsweg des begabten Studenten der Fachrichtung Technologien und Elektronik an der Ingenieur-Hochschule in Wismar war wegen des Vorfalls bedroht. Dank guter Leistungen konnte Kutz schließlich weiterstudieren und auch arbeiten. Seine Plattensammlung blieb eingezogen.

Volles Risiko

Mittlerweile auch der Vorbereitung von Republikflucht verdächtig, ging Kutz kurz vor dem Mauerfall 1989 ein weiteres Risiko ein: Auf einem Parkplatz der Transitstrecke Hamburg-Berlin, an der sich DDR-Bürger gar nicht anhalten durften, übergab ihm ein aus Sri Lanka stammender Austauschstudent mit Reisefreiheit in den Westen 36 Langspielplatten, überwiegend von Frank Zappa. Eilig wurde das Schmuggelgut auf Tonbänder kopiert und verbreitet - bis zu sechs Überspielungen am Tag. Glück für Kutz: Die konspirative Aktion blieb unentdeckt.

Und Kutz selbst blieb Zappa-Fan - auch nach der politischen Wende in der DDR. 1990 veranstaltete er zusammen mit einem westdeutschen Mitstreiter, Thomas Dippel, eine sogenannte "Zappanale" in den Ruinen einer brachliegenden Kirche im mecklenburgischen Althof bei Bad Doberan. Das Konzert versammelte die Band Ace Nine und Fans der Musik des US-Rockrebellen. Als Hauptbühne diente der Anhänger einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft. In einem Zelt in Stralsund ging schon ein Jahr später die zweite Zappanale über die Bühne, die dritte schließlich im Ostseebad Kühlungsborn, in einem Club namens K.O. in der Straße des Friedens. Auf der Einladung stand zu lesen: "Schlafsack/ Luftmatratze mitbringen".

Heute ist die Zappanale ein professionell gemanagtes Musikfestival, das als Zappanale 21 am Veranstaltungsort Bad Doberan noch bis zum 15. August 2010 mehr als 30 Bands präsentiert - von HipHop, Fusion, elektronischer Musik junger Musikgruppen aus aller Welt bis zu den Klassikers des Zappa-Kosmos.

Das private Arbeitszimmer des ehemaligen DDR-Rebellen Wolfhard Kutz gleicht inzwischen einem Zappa-Museum: Original-Notenmanuskripte, ein Gitarrenkoffer, über 3500 Schallplatten und CDs des verehrten Meisters. Und auch die Stasi-Akte des heutigen Elektronikunternehmers in Bad Doberan und Lübeck befindet sich unter den Materialien. Daraus ergibt sich, dass bis zu 24 Inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit auf ihn angesetzt waren. Kutz: "Ich war schon vor der Wende ein guter Arbeitgeber."

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