Musiklegende Nile Rodgers König im Land der guten Grooves

Zu den Hits von Nile Rodgers tanzt die Welt, er selbst steht als Produzent und Gitarrist oft in der zweiten Reihe. Hier spricht er über Superdiven, Dragqueens, Drogenentzug und das dekadente Studio 54.

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Ein Interview von


Zur Person
    Nile Gregory Rodgers jr., geboren am 19. September 1952 in der Bronx (New York), ist ein Musiker, Songwriter und Produzent von Weltruf. Er gründete 1977 mit Bernard Edwards die Band Chic ("Le Freak", "Good Times"), komponierte und produzierte später als "Hitmaker" für Diana Ross, Sister Sledge, Madonna, David Bowie, B52s, Duran Duran und viele andere. Für "Get Lucky" mit Daft Punk und Pharrell Williams gewann er 2013 einen Grammy. Nach 25 Jahren Pause erscheint jetzt das neue Chic-Album "It's About Time". Damit geht Rodgers, Kreativ-Berater für die Abbey Road Studios in London, auf Tour.

Tourdaten Nile Rodgers & Chic: 4. Dezember 2018 München, Tonhalle +++ 5.12. Frankfurt, Jahrhunderthalle +++ 7.12. Köln, Palladium. Mehr Informationen und Termine gibt es hier.

einestages: Mr Rodgers, vor genau 40 Jahren begann ihre Weltkarriere mit dem Hit "Le Freak". Wie kamen Sie auf den Bandnamen Chic?

Rodgers: Zu Hochzeiten der Discowelle machte man sich noch schick, wenn man abends ausging. Das Studio 54 in Manhattan war der Nabel der Welt. Wir wollten Jazz und Funk mit Disco-Elementen verbinden. Mein Leben funktionierte ganz einfach: Ich musste mich nur um meine Band kümmern, das tat ich fast 24 Stunden am Tag. Sie war alles, was ich hatte. Musik, Management, Marketing - ich wollte überall mitreden. Ahmet Ertegun, der legendäre Gründer von Atlantic Records, war mein Plattenboss, aber auch Freund und Mentor. Ahmet gefiel, dass ich für meine Musik brannte. "Le Freak" war viele Jahre die erfolgreichste Single des Labels.

einestages: Wie lernten Sie Ihren Chic-Partner Bernard Edwards kennen?

Rodgers: Bei einem Pick-up-Gig in New York. Das sind Konzerte, bei denen man als Musiker kurzfristig angerufen wird, wenn ein Gitarrist oder Bassist ausfällt. Da spielten wir zum ersten Mal zusammen und wurden schnell Freunde. Wir gründeten die Big Apple Band, spielten Hits von den Bee Gees oder Earth, Wind & Fire nach und tourten durch kleine Klubs, Biker Bars, Highschools. Später wurde daraus Chic.

einestages: Jazz, Funk, Disco, Soul, Rock - musikalisch sind Sie unglaublich vielseitig.

Rodgers: So bin ich aufgewachsen, ohne Grenzen. Als ich fünf Jahre alt war, schenkte mir meine Großmutter die Elvis-Single "Blue Suede Shoes" und dazu blaue Wildlederschuhe. "Und jetzt tanz für mich", sagte sie (lacht). Ich habe mich schon immer für alle Richtungen interessiert und auch Gitarrenrock gespielt mit Steve Vai oder Surf-Punk mit Frank Zappas Sohn Dweezil Zappa.

einestages: Ihr Start ins Leben war alles andere als einfach. Als Sie zur Welt kamen, war Ihre Mutter Beverly 13 und heroinabhängig...

Rodgers: ...und gleich bei ihrem ersten Mal schwanger geworden! Ich war ein kränkliches Kind mit chronischem Asthma und verbrachte einen Großteil meiner Kindheit in Krankenhäusern. Mein Vater Nile senior war Hobbymusiker und Junkie, aber auch verantwortungsbewusst: Tagsüber verdiente er in einer Kleiderfabrik gutes Geld, nachts machte er Musik in Klubs. Black-Panther-Aktivisten und Drogendealer gaben sich bei uns die Klinke in die Hand. Ziemlich verwirrend für ein Kind. Aber ich liebte meine Eltern. Sie gaben sich große Mühe mit mir.

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Nile Rodgers: "Michael Jackson hat meine Karriere gerettet"

einestages: Spielten zu Hause nur Drogen eine Rolle oder auch Musik?

Rodgers: Es lief immerzu Jazz. Damals gab es eine Art Verbindung zwischen Jazz und Heroin. Einmal besuchte uns der berühmte Jazzer Thelonious Monk. Er wollte meiner Mutter einen Pelzmantel abkaufen, sie brauchte Geld für Stoff. Zum Musikmachen hat mich mein Stiefvater Bobby animiert. Er war weiß und jüdischen Glaubens, arbeitete in einer Kleiderfabrik, derselben wie mein biologischer Vater, und war immer stylish angezogen. Zuerst lernte ich Flöte, dann Klarinette und, ganz wichtig, klassisch Noten lesen. Erst mit 15 kam ich zur Gitarre, weil Bobby mir eine schenkte.

einestages: Welche Musiker inspirierten Sie damals?

Rodgers: Die Beatles, bis heute! "A Day in the Life" wollte ich als ersten Song lernen. Ich kriegte es einfach nicht hin, bis mein Stiefvater merkte, dass die Klampfe überhaupt nicht gestimmt war. Er half mir, ich übte wie besessen. Als ich es komplett spielen konnte, fühlte ich mich wie Sir Edmund Hillary auf dem Mount Everest. Und bekam kurz darauf schon den Job in der Band der "Sesamstraße" (lacht).

einestages: Später waren Sie in der Hausband des berühmten Apollo-Theaters in Harlem.

Rodgers: Riesensache! Ich erhielt stolze 300 Dollar pro Woche. Das Highlight war gleich der erste Gig - mit Screamin' Jay Hawkins. Ich ahnte nicht, wie crazy der drauf war. Zum Showbeginn sprang er aus einem Sarg. Ich erschrak mich zu Tode, es war ja nicht mal Halloween.

einestages: 1983 produzierten Sie "Let's Dance", David Bowies erfolgreichstes Album.

Rodgers: Für ihn war ich nur der "Disco King", wegen meiner Chic-Hits. Ich sagte ihm, dass ich als klassisch ausgebildeter Musiker auch Stücke für ein großes Orchester schreiben kann. Aber er wollte, dass ich ihm Chart-Hits produziere.

einestages: Nach gut 20 Jahren veröffentlichen Sie jetzt mit dem Chic-Album "It's About Time" wieder eigene Songs - auch eine Hommage an Bernard Edwards?

Rodgers: Ja. Bernard hat den Chic-Sound mitgeprägt, ich vermisse ihn. Obwohl er zwei Wochen jünger ist, war er mein großer Bruder und musste immer auf mich aufpassen, weil ich der Unvernünftigere von uns beiden war. Sein plötzlicher Tod 1996 war ein Schock. Wir hatten ein Konzert in Tokio gespielt, bei dem Bernard auch als "Produzent des Jahres" ausgezeichnet wurde. Er war gesundheitlich angeschlagen, wollte aber unbedingt auf die Bühne. In der Nacht starb er im Hotelzimmer, mit erst 44.

einestages: Was hat Sie bewogen, neue eigene Songs mit prominenten Gästen aufzunehmen?

Rodgers: Ich war nie einer, der sich in den Mittelpunkt drängt. Zuletzt war ich meist als Songwriter, Gitarrist, Produzent für andere Künstler tätig und habe nebenbei Songs für mich geschrieben. Jetzt verspürte ich den Drang, mich selbst wieder öffentlich musikalisch auszudrücken. Die neue Platte ist ein Update meiner Musik - dass Freunde wie Elton John und Lady Gaga mitmachen, liegt auch an ihrer Liebe zu meinem Sound. Ebenso wichtig ist mir die Mitarbeit neuer Künstler wie Emeli Sandé, Mura Masa oder Hailee Steinfeld. Manche Songs kommen erst aufs nächste Album, etwa die mit Debbie Harry, Pharrell Williams und Bruno Mars. Die Chic-Story ist noch nicht zu Ende.

einestages: Auch mit Michael Jackson waren Sie eng befreundet und bezeichnen sich als "Brüder im Geiste".

Rodgers: Wir lernten uns 1973 kennen, als ich mit meiner Band New York City im Vorprogramm der Jackson 5 auftrat. Er war der Freak in seiner Band, ich in meiner, beide Außenseiter. Als ich in den Neunzigern mit Drogenproblemen kämpfte und die Musik komplett aufgeben wollte, hat er mich motiviert weiterzumachen. Michael lud mich zur Mitarbeit an seinem Album "HIStory" ein. Ich sagte, dass ich keine Musik mehr mache und gerade mitten im Drogenentzug bin. Aber MJ ließ nicht locker, rief immer wieder an, bis ich zusagte und wieder Mut fasste. Im Song "Money" spielte ich Gitarre. Michael hat damit meine Karriere gerettet.

einestages: Mit 15 kamen sie erstmals mit LSD in Berührung.

Rodgers: Das war 1967, die Flower-Power-Zeit, LSD war einfach überall. Natürlich war ich auch familiär vorbelastet. Viele Jahre war ich drauf, bis zum 15. August 1994, einen Tag vor Madonnas Geburtstag. Seitdem habe ich keine Drogen mehr angerührt. Die Reha hat's möglich gemacht - und Michael hat einen Teil beigetragen.

einestages: Für Madonna produzierten Sie frühe Hits wie "Like A Virgin" und arbeiteten später mit Lady Gaga. Kann man die beiden vergleichen?

Rodgers: Lady Gaga ist musikalisch gesehen das größere Naturtalent, eine richtige Musikerin. Aber ich liebe Madonna, sie ist extrem ehrgeizig und hat sich immer weiter verbessert. Als ich sie kennenlernte, konnte sie kein Instrument spielen, nur tanzen und singen, heute spielt sie recht gut Gitarre. Und sie ist eine Meisterin des Storytelling, mit einer klaren Message in Songs wie "Papa Don't Preach", "Live To Tell" oder "Like A Prayer". Sie will durch ihre Musik etwas bewegen - Lady Gaga tritt in ihre Fußstapfen.

einestages: Diana Ross haben Sie 1980 zum großen Comeback verholfen. Was brachte Sie auf die Idee der Outing-Hymne "I'm Coming Out"?

Rodgers: Diana war früh eine Gay-Ikone und neben Barbra Streisand der größte weibliche Star der Welt. Und ich durfte sie produzieren! Eines Abends in einem Club in Hell's Kitchen, damals ein gefährliches Viertel in Manhattan, musste ich zur Toilette und dachte, ich seh nicht richtig: Da standen sechs Diana-Ross-Doppelgänger vorm Spiegel - alles Dragqueens. Die Szene inspirierte mich zu "I'm Coming Out". Diana war begeistert.

einestages: Vor einigen Jahren haben Sie den Krebs besiegt.

Rodgers: 2010 wurde bei mir Prostatakrebs diagnostiziert, seit dem 29. Juli 2013 gelte ich als geheilt. Es war ein harter Kampf. Unverwundbar fühle ich mich sicher nicht, auch der Verlust meiner Freunde Michael Jackson, Prince und David Bowie hat mich sensibilisiert. Ich versuche, das Beste aus meinem Leben zu holen. Jetzt gehe ich mit Chic auf große Tour, auch in Deutschland, und freue mich auf die Konzerte. Es ist immer etwas Besonderes, eigene Songs vor Publikum zu präsentieren. Ich liebe Studioarbeit, aber das direkte Feedback der Fans, die tanzende Menge - nichts kann das ersetzen.

einestages: Apropos tanzende Menge - erinnern Sie sich an die wilden Zeiten im Studio 54?

Rodgers: Es war für fünf Jahre der dekadenteste Ort der Welt, bis zur Schließung 1980. Ich wohnte nur einen Block entfernt und war fast jeden Abend dort. Alle Superstars gingen ein und aus, Mick Jagger, Andy Warhol, John Travolta, Liza Minelli. Michael Jackson drehte gerade in New York den Film "The Wiz", zu dem Quincy Jones die Musik machte. Gerade gestern habe ich mit Quincy telefoniert. MJ tanzte im Studio 54 aber nicht, er beobachtete lieber die Tanzenden und checkte, auf welche Sounds sie abgingen. Das verarbeitete er dann auf seinem Album "Off the Wall" mit Quincy Jones als Produzent.

einestages: Mit welchem Künstler hätten Sie gern noch zusammengearbeitet?

Rodgers: Miles Davis! Er wollte mit mir eine R&B-mäßige Dance-Platte aufnehmen, um das Pop-Radio zu erobern: "Schreib mir einen motherfucking Hit wie dein 'Good Times'." Ich dachte, er verarscht mich, bei ihm war ich eher auf Jazz-Fusion eingestellt. Von seinem Ruf als schwieriger, unberechenbarer Zeitgenosse wusste ich, aber wenn wir uns sahen, hatten wir immer Spaß und wurden ziemlich gute Freunde. Dabei wollte ich es belassen. Heute bereue ich, nicht den Mut gehabt zu haben, mit Miles ins Studio zu gehen.

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insgesamt 6 Beiträge
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Dietmar Poth, 16.11.2018
1. Danke.
Danke für dieses Interview. Ich liebe den Sound von Nile Rodgers und bin mit ihm groß geworden. Tickets buche ich auch gleich. Ich freue mich das ich diesen großen Musiker doch noch live sehen darf. Schnell lass es Dezember werden.
Reiner Arnold, 16.11.2018
2. Sehr bodenständig geblieben
Chic sollten mal mit "Kool and the Gang" im Zenith in Strasbourg spielen. Chic trat nicht auf und ich war ziemlich wütend. Noch in der Nacht nahm ich via Facebook kontakt mit Nile Rodgers auf, (weiß nicht, ob das heute noch möglich wäre), zu meiner Verwunderung hatte ich am nächsten Morgen schon eine Antwort von ihm, daraus entwickelte sich langer Austausch über Musik und Produktion von Musik. Ich war echt verwundert, dass ein Mensch, der als Musiker und Produzent so unvorstellbar viel Tonträger verkaufte, sich so viel Zeit nahm und mir Aufnahmetechniken erklärte.
Papazaca, 17.11.2018
3. Bewegendes Interviews eines großen Musikers
Chic, das ist fetzige Musik. Das gilt auch für ""Lets dance" von Bowie. Ein bewegendes Leben, bei dem man sich nur wundern kann, das Rodgers immer noch lebt. Und wie! Ein sympathisches Interview von jemandem, der oft überlebte und dabei noch sehr gute Musik machte. Man kann Ihm nur alles Gute wünschen.
Alexis Saint-Craque, 17.11.2018
4. Wunderbar
Eine ganz wunderbare Musik fürs Schränkeräumen. Tanzen tun dazu nur Leite, die nicht tanzen können. Das erklärt den weltweiten Erfolg.
stefan maass, 17.11.2018
5. Nicht verpassen !!!
Für alle die selbst Guitarre spielen und gerne wisssen möchten wie der Meister der Rhythmusguitarre es macht - hier ist ein tolles video: Masterclass with Nile Rodgers. https://www.youtube.com/watch?v=gF1d227_4ac Ich selbst war 1978 als Austauschstudent in Cincinnati als aus jedem Autoradio Le Freak knallte. Es war eine Offenbarung. Ich weis nicht was 1978 grösser war, Le Freak oder mein erstes Date mit meiner späteren Ehefrau(einer Cousine von Marvin Gaye). ;-)
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