Ray Davies von The Kinks "In den USA hielt man uns für Kommunisten"

The Kinks zählten zu den ganz großen Bands der Sechzigerjahre - vielleicht kommen sie für ein neues Album wieder zusammen. Hier spricht Musiker Ray Davies über Bruderzwist, Carpool-Karaoke und Kölner Glockengeläut.

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Ein Interview von


Zur Person
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    Sir Raymond Douglas Davies wurde am 21. Juni 1944 in London geboren. Mit seinem jüngeren Bruder Dave (*1947) gründete der Gitarrist, Sänger und Songwriter die Band The Ravens, Ende 1963 umbenannt in The Kinks. Mit Hits wie "You Really Got Me", "Lola" oder "Waterloo Sunset" waren sie Wegbereiter des Punk und Britpop - und Mitte der Sechziger Teil der "British Invasion" in den USA, neben den Beatles, den Rolling Stones und The Who. Legendär sind die ständigen Streitereien der Davies-Brüder. Heute lebt Ray, Vater von vier Töchtern, in London; 2018 erschien sein Album "Americana II: Our Country".

einestages: Sir Ray, ist es eine gute Idee, mit seinem Bruder eine Band zu gründen?

Ray Davies: Nein!!! Fragen Sie die Beach Boys oder Oasis. Zwischen Dave und mir flogen immer die Fetzen, aber wenn am Ende gute Musik rauskommt, ist das alles, was zählt. Wir sprechen jetzt wieder miteinander, machen zurzeit sogar gemeinsam Musik und haben bereits einige Songs geschrieben. Wenn die am Ende gut genug sind und unser Drummer Mick Avory mitmacht, kommt es zu einer Kinks-Reunion. Allerdings wollen wir nur in kleinen Pubs auftreten.

einestages: Im Sommer 1964 mischten Sie von London aus die internationale Musikszene auf, mit Ihrem ersten Hit "You really got me" - und diesem Gitarrenriff, das den Rock revolutionierte.

Davies: Für den Song war ich verantwortlich, für das unglaubliche Riff mein Bruder als Leadgitarrist. Ich höre immer wieder Gerüchte, dass Jimmy Page das Riff gespielt haben soll, er war ja vor Led Zeppelin ein begehrter Studiomusiker. Stimmt nicht! "Pagey" ist allerdings als Gast-Gitarrist bei zwei anderen Nummern auf unserem ersten Album vertreten, und auf "Long tall Shorty" spielt er Tambourin.

einestages: Ihr großer Traum war immer Amerika. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren grassierte dort die Angst vor Ufos, Außerirdischen und Kommunisten...

Davies: ...und was ist gekommen? Die "British Invasion"! (lacht)

einestages: Kaum starteten Sie mit The Kinks in den USA durch, wurden Sie 1965 nach wenigen Konzerten des Landes verwiesen und durften bis 1969 nicht mehr auftreten.

Davies: Weil man uns allen Ernstes für Kommunisten hielt.

einestages: Waren Sie denn politisch aktiv?

Davies: Null. Wir trugen damals auf der Bühne knallrote Jacken, das war wohl Indiz genug, Kommunist zu sein. Kein Witz. Dabei waren wir keine großen troublemakers - aber unser Sound war hart und rau. Anders als bei den Rolling Stones oder The Who hat wohl unser Bandname zum Boykott beigetragen, kink kann auch "pervers" bedeuten. Das alles war zu viel fürs konservative Amerika, wir mussten nach Hause, während die anderen britischen Bands dort abräumten. Wir waren die Sündenböcke, durften erst 1969 wieder in Amerika auftreten und taten das dann ausgiebig.

einestages: Herrschte bei Ihnen auch Groupie-Alarm wie bei Rod Stewart und den Faces, den Stones oder Led Zeppelin?

Davies: Auch wir waren wild unterwegs. Ich singe auf meinem neuen Album "Americana II" davon. Im Song "The Take" verarbeite ich zwei Geschichten, die ich in den Siebzigern mit Girls aus dem Mittleren Westen erlebte. Sie kamen zu unseren Konzerten mit der festen Absicht, ein berühmtes Bandmitglied flachzulegen, in diesem Fall mich (lacht). Ich singe die Nummer im Dialog mit Karen Grotberg von The Jayhawks, sie hat die perfekte Stimme dafür.

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"British Invasion": Wie The Kinks die Musikszene aufmischten

einestages: Die Vereinigten Staaten sind Thema Ihres aktuellen Soloalbums. Ihr Sehnsuchtsland?

Davies: Schon als kleiner Junge im London der Nachkriegsjahre hat mich Amerika total fasziniert. Die Cowboyfilme, Countrymusic, Blues und Rock'n'Roll. Es war das Land meiner Träume. Ich stellte mir das Leben dort besser und bunter vor. Der "American Dream" lebt noch immer, selbst in Zeiten eines Donald Trump. Dass er von großen Teilen einer benachteiligten working class gewählt wurde, verstehe ich - aber ungefähr so, wie ich verstehe, dass ein Autounfall passieren kann.

einestages: Die neue Platte haben Sie in den Konk-Studios in Hornsey bei London aufgenommen, die Sie seit 1973 zusammen mit Ihrem Bruder führen. Spielt bei Ihnen der Nostalgiefaktor eine Rolle?

Davies: Ja, ich erinnere mich gern an alte Zeiten, als wir hier Alben wie "Preservation Act 1 & 2" oder "Low Budget" einspielten. Dieses Gefühl übertrug sich auf meine Mitmusiker, die Jayhawks aus Minnesota, die mich auf "Americana" begleiten. Wir hatten viel Spaß bei der Arbeit, mir kamen gleich neue Ideen für ein Musical und eine neue Platte.

einestages: Vor ein paar Jahren wollten Sie das Studio noch verkaufen.

Davies: Weil man damit im Computerzeitalter kein Geld mehr verdient. Für mich ist mein Studio aber ein Ort der Freiheit. Dort haben wir einige unserer besten Songs aufgenommen. Also beschloss ich, es zu behalten.

einestages: Vor fast 50 Jahren spielten die Kinks das Konzeptalbum "Arthur (Or the Decline and Fall of the British Empire)" ein, in dem Sie britisches Spießertum und den Traum vom gesellschaftlichen Auf- und Ausstieg schilderten. Klingt noch heute relevant.

Davies: Ich bin selbst verwundert, dass das Thema in Brexit-Zeiten wieder aktuell erscheint. In der Schule hatte ich einen guten Geschichtslehrer, ich habe mir gemerkt, was er uns erzählt hat.

einestages: Bereitet Ihnen der bevorstehende Brexit Sorge?

Davies: Er könnte sich zu einem der größten Desaster des 21. Jahrhunderts entwickeln. Die Länder Europas müssen lernen, einander besser zu verstehen, auch die jeweilige Kultur. Die Vereinigten Staaten von Europa, an diesen Traum kann man glauben oder nicht. Es muss zwischen allen Ländern und Partnern ein Geben und Nehmen sein. Ich bleibe Optimist, trotz Übervölkerung, Wirtschaftskrise und technologischem Wahnsinn.

einestages: 2017 wurden Sie von Prinz Charles im Buckingham Palace zum Ritter geschlagen. Wie lief Ihr erstes Jahr als Adliger?

Davies: Ich werde jetzt ständig gebeten, Wunder zu vollbringen, man meint, ich könne Wasser in Wein verwandeln (lacht). Natürlich ist es eine große Ehre, aber viel verändert hat sich für mich nicht. Bei der Zeremonie passierte mir ein peinlicher Patzer: Ich habe vergessen, vor Prinz Charles einen Diener zu machen - was mir der Protokollchef zuvor eingetrichtert hatte. Charles flüsterte mir vorm Ritterschlag dann diskret "Diener" zu. Ich war wohl zu nervös.

einestages: Offiziell sind Sie nun "Knight Bachelor", Bachelor kommt vom normannisch-französischen "battalere" und bedeutet "Kämpfer". Sind Sie einer?

Davies: Klar. Wenn man ein Album aufnimmt, muss man zwangsläufig eine Kämpfernatur sein und Unwägbarkeiten mit Ausdauer und Willenskraft überwinden. Als Musiker geht's einem wie einem Schriftsteller: Man sitzt vor einem leeren Blatt und will es sinnvoll füllen. Es ist jedes Mal aufs Neue spannend, auch nervenaufreibend. Bei einem Buch sind die ersten Sätze entscheidend, bei einer Platte der erste Song. Beide "Americana"-Alben basieren übrigens auf meinem gleichnamigen Buch, das ich vor ein paar Jahren veröffentlichte.

einestages: Auf dem Album gibt es auch einige von Ihnen gesprochene Stücke wie "The Invaders".

Davies: Damit lade ich den Zuhörer quasi in mein Leben ein. Das macht das Werk, das autobiografisch geprägt ist, noch persönlicher. Bei den Kinks habe ich immerzu andere Charaktere besungen, erfundene oder reale, wie "Lola", "David Watts" oder den "Dedicated Follower of Fashion". Jetzt erzähle ich meine eigene Geschichte.

einestages: Dazu gehört auch der Raubüberfall in New Orleans, bei dem Sie im Januar 2004 verletzt wurden.

Davies: Die Songs "Tony and Bob" und "The Big Guy"handeln davon. Meiner Begleitung wurde auf offener Straße mit vorgehaltener Waffe die Geldbörse geraubt, ich verfolgte die flüchtenden Diebe. Der Polizeichef von New Orleans warf mir später vor, damit unverantwortlich gehandelt zu haben. Das war aber eine spontane Reaktion, ich dachte gar nicht über die Folgen nach. Diese Gangster schossen mir ins Bein. Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort, ohne meine Bodyguards, die "Big Guys", eben Tony und Bob. Sie waren zu Kinks-Zeiten unsere Gorillas.

einestages: In "The Big Guy" heißt es auch: "Tony from South London saved my ass in '82". Wie hat er Ihnen denn "den Arsch gerettet"?

Davies: Ich war früher ein dummer Junge und stellte oft Blödsinn an, besonders unter Alkohol. Man musste die Welt regelrecht vor mir schützen (lacht). Dafür war Tony da. In einer Bar in Sydney lieferte ich mir damals ein Snooker-Duell mit einem Australier, samt zünftigem Saufgelage. Ich war so sturzbetrunken, dass mich Tony ins Hotel schleppen musste. Er wachte die ganze Nacht an meinem Bett und passte auf, dass ich nicht an meinem Erbrochenen ersticke. Hat mir das Leben gerettet. Zu jener Zeit war ich mit Chrissie Hynde von The Pretenders liiert. Gut, dass sie nicht dabei war.

einestages: Ihr Kollege Sir Paul McCartney überraschte kürzlich im Netz mit einem spektakulären "Carpool Karaoke"-Video mit Moderator James Corden. Haben Sie's gesehen?

Davies: Man hat mir davon erzählt - Paul fährt durch Liverpool und singt Beatles-Lieder mit diesem Comedian. Erstaunlich, dass Corden, ausgerechnet ein Brite, einer der angesagtesten Talkshow-Hosts in Amerika ist.

einestages: Würden Sie so eine Karaoke-Aktion auch mitmachen?

Davies: Klar würde ich in seinen Wagen einsteigen - wenn ich die Lieder bestimmen dürfte. Die Kinks-Nummer "Drivin'" stellt sich schon mal von selbst auf.

einestages: In Deutschland haben Sie seit vielen Jahren einen großen Bewunderer - Wolfgang Niedecken von BAP.

Davies: Oh ja, Wolfgang, schöne Grüße! Ein toller Musiker und großer Kinks-Supporter. Ich hoffe, es geht ihm gut. Ich liebe Köln, seine Heimatstadt. Zu Hause habe ich sogar eine Platte, auf der ist nichts drauf als das Glockengeläut des Kölner Doms. Die lege ich oft auf. Zur Beruhigung.

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Stefan Bürvenich, 05.07.2018
1. Grandios
2004 durfte ich Ray Davies live in einem kleinen Londoner Club erleben (u.a. mit einem kiffenden, gut gelaunten Paul Weller im Publikum). Zwischen den Songs saß dort ein netter älterer Herr auf der Bühne, der lustige Anekdoten von früher erzählte. Bei den Stücken selbst hat er dann aber die Bude gerockt wie nichts Gutes. Ganz, ganz großes Kino.
Jutta Hammer, 05.07.2018
2. One of a kind
Leider habe ich die Kinks als Live Band nicht mehr erlebt. Aber etliche Soloauftritte von Ray Davies, die ich später in verschiedenen Ländern miterlebte, entschädigten mich. Auch seine Musicals "Come Dancing" und "Sunny Afternoon" (5 Olivier Awards) waren großartige Veranstaltungen, die sein Können unter Beweis stellten. Ray Davies, "Poet Laureate" - ein Künstler, der vor allem durch mitreißende Shows überzeugt.
Peter Kroll, 05.07.2018
3. Wenn der Herr Davis in Eure Stadt kommt: Hingehen!
Denn der hat's echt noch drauf.
Volker Horchler, 05.07.2018
4. von wild nach zahm
Leider konnte ich die KInks nicht Live erleben, weil etwas dazwischen kam. Ihre Musik in den 60-Jahren galt als roh, ungeschliffen, (You really got me/I´m a lover, not a fighter) aber ein Geheimtip und als Schüler haben wir sie dann in der Freizeit gehört. Ich erinnere mich an einen Radiomoderator, dem es grauste, wenn er sie spielen musste. Dann haben sie sich "modernisiert" mit den Songs "Dedicated Follower of Fashion" oder dem Sommerklassiker "Sunny Afternoon". Später kann ich mich nur noch an relativ ruhige Lieder erinnern wie das sehr romantische "Don´t forget to dance". Irgendwie sind sie sich aber treu geblieben.
Klaus-Dieter Schreiber, 05.07.2018
5. Ray Davies, ein großer Musiker
The Kinks waren in den 60ern eine tolle Band mit sehr guten Songs im taffen Gitarrensound. Erst später habe ich begriffen wie sozialkritisch und satirisch viele Texte sind, das sind schon andere Kaliber als die gefälligen "me/you/she & I"- Lennon/McCartney-Songs. "Live" konnte ich die Kinks am 26. Mai 1977 im Circus Krone/München erleben - das war natürlich nicht mehr die 60er Gruppe sondern gereifte Musiker. Hervorragendes Konzert, für mich unvergesslich.
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