Musikfotograf Herbert Schulze Udo unzensiert

Musikfotograf Herbert Schulze: Udo unzensiert Fotos
Herbert Schulze

Maffay, Turner, Springsteen: Wenn die Superstars aus dem Westen im Osten auftraten, war DDR-Fotograf Herbert Schulze mit seiner Kamera dabei. Doch keinem kam er so nah wie Udo Lindenberg. Auf einestages erinnert sich Schulze an die skurrile Begegnung mit dem Panikrocker - und zeigt seine besten Bilder. Von

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Herbert Schulze, Jahrgang 1950, gehört zu den wichtigsten Ostrock-Fotografen der Vorwende-Zeit. Weniger bekannt ist, dass er auch sämtliche Stars aus dem Westen vor der Linse hatte, die damals in der DDR gastierten. Knapp drei Monate lang verbrachte er damit, Udo Lindenberg abzulichten: Im Sommer vor dem Mauerfall beauftragte ein DDR-Verlag Schulze, den Hamburger Musiker für eine Biographie zu porträtieren. Autor war der Rundfunkmoderator Lutz Bertram von DT 64, dem Jugendprogramm der DDR. Die hierbei entstandenen Aufnahmen sind nun in dem Bildband "Udo Lindenberg - 'Wir wollen doch einfach nur zusammen sein'. Eine deutsch-deutsche Rock-Romanze" zu sehen.

Da stand er, schwarzer Hut und Lederhose, direkt vor dem Brandenburger Tor und benahm sich wie einer, der sofort im Gefängnis landen will. Die Augen halb geschlossen, murmelte er immer wieder "Die Mauer soll weg, die Mauer soll verschwinden" und gestikulierte mit den Händen wie ein Schlangenbeschwörer. "Mensch Udo, wir sind hier im Osten", zischte ich ihm zu, es wimmelte vor lauter Stasi-Leuten in Zivil um uns herum.

Doch keiner kam. Und so führte ich Lindenberg weiter durch Ost-Berlin, an jenem sonnigen Septembertag 1989. Zeigte ihm das Nikolaiviertel und die Gethsemanekirche, wo sich seit geraumer Zeit die Opposition formierte, aber auch mein Atelier in der damals noch völlig heruntergekommenen Jablonskistraße im Prenzlauer Berg. Udo kannte die Stadt noch nicht, und ich bot mich als sein persönlicher Reiseführer an - schließlich kannten wir uns aus Hamburg.

Der staatliche Musikverlag der DDR, "Lied der Zeit", hatte mich im August 1989 in die Hansestadt geschickt, um Lindenberg zu fotografieren. Ausgerechnet Lindenberg - es war wie ein Lottogewinn für mich. Schon als ganz junger Mensch verehrte ich das Panikorchester. Wie die da über die Bühne fegten, so wild und respektlos und dann auch noch deutsch sangen: Das faszinierte mich völlig.

Um dem ein bisschen nachzueifern, ließ ich mir in den Siebzigern bunte Hemden mit gigantischem Spitzkragen und Manschetten mit fünf Knöpfen nebeneinander nähen. Lindenberg-Platten gab es damals keine, wir schnitten die West-Hitparaden mit. Dass ich Udo und all die anderen Stars einmal vor der Linse haben sollte, war purer Zufall. Ich wollte einfach kein Ingenieur werden.

Normal, schüchtern, brav

"Jeden Morgen um sieben Uhr durch dieses Werkstor, das ist nicht mein Leben", beschloss ich als Facharbeiter des VEB Bergmann-Borsig und bewarb mich 1969 beim Fernsehen. Ich begann als Kameraassistent bei "Ein Kessel Buntes" und anderen Unterhaltungssendungen. Dalida, Vicky Leandros, Adamo, plötzlich kam ich den Stars von damals nahe - und lichtete sie ab wie wild. Meine Bilder verkaufte ich an Musikzeitschriften, im Nu verdiente ich mehr Geld als beim Fernsehen.

Meine Vorgesetzten stellten mich vor die Wahl: Entweder du studierst hier und wirst Kameramann oder du nimmst deinen Fotoapparat und gehst. Ich ging und wurde Fotograf. 1982 eröffnete ich mein eigenes Fotostudio, im Jahr darauf, am 25. Oktober 1983, erlebte ich Udo zum ersten Mal live. Der Panikrocker trat bei der FDJ-Veranstaltung "Rock für den Frieden" im Palast der Republik auf. Ich fotografierte Lindenberg zuerst bei der Generalprobe und war überrascht, wie normal, schüchtern und brav der war: Er hatte ja keine Ahnung, was da auf ihn zukommt.

Mit Udo reden durfte ich nicht, Stasi-Mitarbeiter schirmten ihn hermetisch ab, so wie sie es mit allen sogenannten "Weststars" taten. Man ließ die Idole zwar kurz rein in den Arbeiter- und Bauernstaat, in Kontakt treten durfte jedoch niemand mit ihnen. Während ich mit den Ostmusikern oft eng befreundet war, wechselte ich in all den Jahren nie ein privates Wort mit einem der Superstars von drüben. Udo sollte ich erst im Sommer 1989 besser kennenlernen, bei der ersten Westreise meines Lebens.

"Geld ist nicht das Problem"

An einem lauen Augustmorgen stieg ich in meinen grünen Mazda 323, den ich mir nach 13 Jahren Wartezeit ausgesucht hatte, und brauste los Richtung Hamburg, in der Tasche einen nagelneuen Reisepass vom Musikverlag. Nur Westgeld hatte man mir keines mitgegeben, keinen Pfennig. Abends lud mich Lindenberg zum Essen ein. "Herr Lindenberg, ich habe einen Pass und die tolle Aufgabe, Sie zu fotografieren, aber ich habe überhaupt kein Geld", gestand ich ihm. "Geld ist nicht das Problem", sagte Udo und steckte mir 300 D-Mark zu. Damit konnte ich erst einmal ein paar Filme kaufen.

Untergekommen bin ich bei Thomas "Felix" Scholz, dem "Zwerg", damals engster Vertrauter Lindenbergs, ein Hotel wäre viel zu teuer gewesen. Doch immerhin durfte ich auf Lindenbergs Namen im Interconti an der Alster frühstücken. Ich begleitete den Musiker bei seinen Touren durch Hamburg, bei Festivals in Westdeutschland, bei einer Rollschuh-Fahrt. Sogar in sein Haus lud er mich ein - jedoch ohne Kamera. Udo war unglaublich zurückhaltend und ließ kaum jemanden wirklich an sich ran.

Allerdings mochte er die Art, wie ich fotografiere - ich hatte ihm aus Ost-Berlin eine Schachtel mit meinen schönsten Aufnahmen von 1983 mitgebracht. Er setzte bei der Plattenfirma Polydor durch, dass ich zum Promotion-Fotografen für das Album "Bunte Republik Deutschland" wurde und verschaffte mir in Hamburg Kontakt zu anderen Musikern, Frumpy etwa, der Band mit Inga Rumpf. Damit man mir die üppigen Foto-Honorare aus Hamburg nicht an der Grenze wegnahm, eröffnete ich ein Konto bei der Sparkasse in West-Berlin.

Meißner Porzellan als Gage

Lindenbergs größter Wunsch, durch die DDR touren zu dürfen, wurde ihm bis zuletzt verweigert, der Partei war das schlicht zu heiß. Erst im Januar 1990 war es endlich so weit. Ich begleitete die "Bunte Republik"-Tournee und war, genau wie Udo, völlig überwältigt von der Euphorie der Leute: Das war ein gigantisches Freudenfest. So wie es schon vor dem Fall der Mauer stets ein grandioses Erlebnis war, wenn ein Westmusiker auftrat.

Ob Mirelle Mathieu oder Gitte, Depeche Mode oder Bruce Springsteen: Es war völlig schnuppe, wer da auf der Bühne stand. Die Menschen in der DDR hatten eine enorme Sehnsucht nach den unerreichbaren Stars aus dem Westen. Und jeder Künstler, der kam, wusste genau: Wir waren das beste Publikum der Welt!

Da nahmen es viele auch in Kauf, in Naturalien bezahlt zu werden, etwa mit Meißner Porzellan, einem Akkordeon oder einem Blüthner Konzertflügel - Westgeld war eben schwer aufzutreiben. Costa Cordalis nahm Schulhefte für sein Kind mit, einer soll mal ein Segelschiff bekommen haben. Milva jedoch bestand auf Bares. Sie ließ sich einen Koffer voller kleiner Scheine direkt zur Bühne bringen und ihn das ganze Konzert über von einem ihrer Teamkollegen bewachen.

Kein Wort über Lindenberg

Ab Mitte der achtziger Jahre kamen immer mehr "Weststars" ins Land. Mit den Konzerten wollte die Partei die Jugend ruhig stellen. Viele Bands gingen den Kompromiss mit der SED ein, um die Massen zu begeistern, doch manche ließen sich nicht das Wort verbieten. BAP zum Beispiel sagten das Konzert 1984 wieder ab, weil eine ihrer Songzeilen nicht genehmigt worden war. Ich hatte mich schon so auf BAP gefreut - und dann hatte ich wieder die Puhdys vor der Linse, zum hundertsten Mal.

Nach der Wende besorgte ich mir meine Stasi-Akte, um zu sehen, wie intensiv man mich beschattet hatte, immerhin war 1989 ich fast ein Viertel Jahr lang fast ununterbrochen in Hamburg gewesen. Doch von meinen ganzen Reisen zu Lindenberg stand in der dünnen, kaum 20 Seiten umfassenden Akte kein Wort geschrieben.

Dass ich als Teenager bunte Hemden und Schlaghosen getragen hatte: Dafür hatten die mich auf dem Kieker. Auch über meinen Wechsel zum Fernsehen gab es ein paar Notizen. Aber dass ich monatelang beim Klassenfeind ein- und ausgegangen war, schien niemanden gestört zu haben.

Kurz vor dem eigenen Untergang hatte der Arbeiter- und Bauernstaat wohl einfach andere Sorgen.

Aufgezeichnet von Katja Iken

Zum Weiterlesen:

Herbert Schulze: "Udo Lindenberg - 'Wir wollen doch einfach nur zusammen sein'. Eine deutsch-deutsche Rockromanze", Mitteldeutscher Verlag, Halle 2011, 160 Seiten.

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1.
Karsten Peter 18.08.2011
Ich habe diesen Beitrag, als ehemaliger DDR-Bürger, mit großen Interesse gelesen. Nun habe ich allerdings eine Nachfrage. Der Artikel beginnt mit folgenden Satz: "Maffay, Turner, Springsteen: Wenn die Superstars aus dem Westen im Osten auftraten..." Als Tina Turner Fan muss ich natürlich fragen, ob mit der Nennung von Turner tatsächlich Tina gemeint ist? Es interessiert mich wie wild zu erfahren, wann sie in der DDR war. Mir ist leider dergleichen nicht bekannt.
2.
Siegfried Wittenburg 19.08.2011
Am 23. Juni 1996 gab Tina Turner ein Konzert im ausverkauften Rostocker Ostsee-Stadion.
3.
Siegfried Wittenburg 19.08.2011
Es war 1982, als Roger Chapman and The Shortlist ein kurzfristig angekündigtes Konzert in der Rostocker Mensa gab. Die Veranstaltung wurde vom Filmklub der Universität organisiert, der auch für hochklassige Jazz-Events bekannt war. Der Gig fand im Speisesaal vor etwa 1.000 Zuschauern statt. Als die Band den Rythmus vorgab, Chappo auf die Bühne kam und drei Worte ins Mikriofon sang, explodierte der Saal. Ich habe nie wieder ein so intensives Rock-Konzert erlebt, der Saal hat zwei Stunden lang gekocht, und habe heute noch Chapmans freudig verwundertes Gesicht vor mir. Er gab alles. Ja, man sagte, er hat seine Gage als Segelboot bekommen. Ein Jahr später kam er mit Mike Oldfield ("Shadow On The Wall") in die Stadthalle. Ja, es war im wahrsten Sinne des Wortes ein Schatten an der Mauer.
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