Musikgeschichte Der ungezähmte Engel

Zu wild für die Neue Deutsche Welle: Am 18. August 2008 wäre der Mann mit dem rollenden "R" sechzig Jahre alt geworden. Doch er blieb in lebhafter Erinnerung. Heiner Pudelko sang in den achtziger Jahren so extrem, dass seine Band Interzone durch alle Raster rutschte.

Rainer W. Sauer

"Er ist zäh wie Unkraut im Beton, er lässt das Pflaster platzen, er schießt sich hoch ans Licht und für seinen Mund braucht er 'nen Waffenschein" - präziser als Ulla Meinecke in ihrem Song "Erwischt" kann man Heiner Pudelko am Mikro kaum beschreiben. "Zu Heiner fällt mir Intensität ein und eine Wildheit, die nichts zu tun hat mit dekorativ schlechtem Benehmen, sondern eher mit Natürlichkeit, also mit ungebändigtem und ungezähmtem Ausdruck, was sehr echt ist. Echt im Sinne von unausweichlich", erinnert sich Meinecke.

Pudelko wuchs in Berlin auf ("Berlin-West" wie er gern korrigierte) und begann sich schon früh für Musik zu interessieren. Rock 'n' Roll und Blues holte er sich über den britischen Soldatensender Radio BFBS nach Hause. Jeden Song sog er in sich auf, sang ihn nach, wollte so werden "wie die ganz Großen im Business", wie er einmal sagte. Schlüsselerlebnis war für den Teenager im Herbst 1958 das Berliner Konzert von Bill Haley & His Comets bei dessen erster Europatournee, als es im Sportpalast zu einer Saalschlacht kam.

The Huts hieß die Beat-Combo, in der Heiner Pudelko daraufhin Anfang der sechziger Jahre als Junge mit der Mundharmonika beeindruckte; der schüchterne, melancholische Sänger mit den blonden Haaren fiel den Berlinern auf. Dass Heiner und seine Band ihre Instrumente und Verstärker mit der U-Bahn zu ihren Auftritten transportierten, tat ihrem Enthusiasmus keinen Abbruch - im Gegenteil: 1964 spielten The Huts zusammen mit der Spencer Davis Group.

Erfolg dank Wondratschek

Zwei, drei weitere Bands später gründete Pudelko mit dem Bassisten Kurt Herkenberg, dem Schlagzeuger Hans Wallbaum die in den siebziger Jahren mäßig erfolgreiche Rhythm & Bluesband Curly Curve. 1978, als der Punk über Deutschland kam, wechselte das Trio ihren Gitarristen Alex Conti gegen Leo Lehr und Mario Schulz aus und wurde zu Interzone.

Heiner Pudelko schrieb zu dieser Zeit noch keine eigenen deutschen Texte. Ihn faszinierte die moderne Pop-Lyrik Wolf Wondratscheks. Mit dessen Einverständnis entstand eine ganze LP-Produktion mit vertonten Gedichten. 1979 erhielten die Musiker vom Plattenlabel WEA einen Optionsvertrag. Schnell stellte sich heraus, dass der Hauptgrund dafür Wondratscheks Name war. "Wir waren naiv genug zu glauben, ihnen ginge es um unsere Musik", erzählte Pudelko später.

Auf eigene Kosten veröffentlichte die Band im Sommer 1980 eine Single, für deren Verpackung der Berliner Fotograf Jim Rakete ins Boot geholt wurde. Rakete suchte noch nach einem geeigneten Werbegag, da kam Pudelko mit seiner Idee: In der Nacht zum 17. Juni 1980 strichen Interzone am Potsdamer Platz vierzig Meter der Berliner Mauer pechschwarz an und sprühten das von Raketes damaliger Bürokraft Nena Kerner abgetippte Bandlogo darauf. Prompt wurden sie von der britischen Militärpolizei verhaftet, abgeführt und verhört.

Das Stadtgespräch in ganz Berlin

Nach dieser Aktion war die Platte das Berliner Stadtgespräch. Sogar große Magazine berichteten bundesweit über die Aktion. Die Auflage der Single war schnell vergriffen.

Daher nahm die Plattenfirma WEA erneut Kontakt mit der Band auf. Da sich die Verhandlungen mit den nicht mehr so naiven Musiker lange hinauszögerten, ging die Band ohne Vertrag ins Studio. Erst kurz vor Abschluss der Produktion kam es zur Einigung.

Mitte Juni 1981 erschien das Debüt "Interzone", die Verkäufe liefen "prrrächtig", nicht zuletzt, weil Pudelko, einen deutschen Rhythm & Blues zelebrierte, der ohne anglo-amerikanische Anleihen auskam. "Rhythm & Blues gehört nicht den Rolling Stones allein. Die haben ihn sich ja auch nur bei Howlin' Wolf oder sonstwo geholt. Und Howlin' Wolf hat ihn ja auch nicht erfunden. Blues gehört uns allen, und in dem Moment, in dem man es schafft, nicht mehr diese Vorbilder nachzuäffen, kann man sagen: ich bin", erklärte Pudelko 1985 in einem Interview.

Vor allem faszinierte die Musikfans die große Bandbreite seiner Stimme, von weich und hoch bis zu kreischend schrill wie Metall auf Metall. Bei einer Umfrage unter Deutschlands führenden Musikjournalisten im Jahr 2001 schaffte es das Interzone-Debüt immer noch auf Platz 51 der 100 besten deutschen Alben.

Der Rote Hugo

Im Frühjahr 1982 absolvierte Interzone gemeinsam mit Spliff und Extrabreit Auftritte in 28 Städten. Hinterher ärgerte sich Pudelko über die Schublade Neue Deutsche Welle. Er entschied, das nächste Album müsse härter und kompromissloser werden. "1979 geschah das Wunder: In Berlin bildete sich eine Wave. Das musste das Glück sein. Und viele glitten auf ihrer schäumenden Krone dahin und nichts konnte sie halten. Wo sind sie geblieben? Freie Produzenten und große Schallplattenfirmen betraten die Szene, und es ertönte der Ruf leicht verdienten Geldes, das Locken der Weiber und enger Knabenärsche. Wie hätten Sie auf ein solches Angebot reagiert? Wie soll man sein Kind schlagen? Mit kühlem Mut oder im Zorn?", schrieb Pudelko 1982 zynisch.

Als im September 1982 das zweite Interzone-Album "Aus Liebe" erschien, erzielte es gute Reaktionen bei Kritikern und Kollegen. Herwig Mitteregger von Spliff setzte Heiner Pudelko als 'Der rote Hugo' sogar ein Denkmal, als er nach der gemeinsamen Tour den Song "Déjà vu" schrieb. "Natürlich war das eine Hommage an Heiner", bestätigte Mitteregger. "Wie'n weißer Engel, schön wie Schnee hängt er da - eh, du tust dir doch weh! War'n wilder Kerl mit feuchtem Blick, doch der kommt nie zurück. So schreib' dein Leben auf ein Stück Papier und warte bis die Zeit vergeht" heißt es da.

Inzwischen verfasste Pudelko längst eigene Texte für seine Songs. "Wenn wir es gut gemacht haben, dann siehst du Filme. 'Böser Vati' ist schon sehr genussreich. Das ist ein Text, den du in verschiedene Richtungen interpretieren kannst. Der Bursche wehrt sich, und er wird es schaffen. Wenn am Schluss diese Melodie kommt, dann sehe ich ihn immer wie Charlie Chaplin in der Schlussszene von 'Moderne Zeiten' die Straße hinuntermarschieren. Aber ich bin auf die Band total angewiesen. Ohne diese Zwiesprache, ohne das kreative Feedback, könnte ich nicht arbeiten."

Ein Unglück kommt selten allein

Wie sehr Pudelko das Team zum Arbeiten brauchte, zeigte sich im Sommer 1983, als Pudelkos langjähriger Freund und Bassist Kurt Herkenberg mit schweren Schädelverletzungen tot auf einem Gehweg in Berlin-Kreuzberg aufgefunden wurde. Die Umstände - ob Sturz oder Totschlag - konnten nie aufgeklärt werden. Das Unglück warf die Arbeit am dritten Interzone-Album zurück. Pudelko erkrankte ernsthaft.

Erst mit dem Keyboarder Ingo Bischof und dem neuen Bassisten Benjamin Hüllenkremer kam wieder der Glauben an den Erfolg seiner Musik. Das Album mit dem Titel "Das süße Leben" präsentierte Interzone 1985 mit einem neuen Sound, der musikalisch mehr als früher auf Pudelkos Geschichten zugeschnitten war. Der wiederum befand sich auf dem Höhepunkt seines musikalisch-textlich-stimmlichen Schaffens.

In der Folge widmeten sich Pudelko und seine Lebengefährtin Angela, die heute Museumsdirektorin in Berlin ist, dem ersten Soloprojekt. "Mein Schatz" wurde 1987 von Annette Humpe und Conny Plank produziert und mit der kompletten Interzone-Mannschaft aufgenommen. Während die Single "Christine" in die Charts einstieg und Pudelko sich mit seinen alten Freunden Gedanken über die Chancen für eine Fortsetzung von Interzone machte, wurde Gitarrist Leo Lehr bei einem Verkehrsunfall von einem Lastwagen erfasst und tödlich verletzt. Damit war nach zehn Jahren das Ende der Band gekommen.

Glanz und Gloria

1991 entstand mit "Gloria" das zweite und zugleich letzte Soloalbum. Nach dem glanzvollen Start, unter anderem in Jürgen von der Lippes Erfolgsgarant "Geld oder Liebe", schlichen sich bei Pudelko zunehmend gesundheitliche Probleme ein, die sich zwei Jahre später als schwere Krebserkrankung herausstellten. Der Jahreswechsel 1994/95 brachten dem Mann, der einst "zäh wie Unkraut im Beton" war, zwar eine leichte Besserung, doch dann verschlechterte sich sein Zustand dramatisch.

Am 11. Januar 1995 starb Heiner Pudelko, einer der besten Rocksänger, die Deutschland hatte, im Alter von 46 Jahren. Nach seinem Tod erschien ein Album mit seinen besten Songs und drei unveröffentlichten Demos. Betitelt wurde es mit der Höflichkeitsfloskel, mit der Pudelko stets seine Briefe abschloss: "Mit den artigsten Grüßen".

Am 18. August 2008 wäre Heiner Pudelko sechzig Jahre alt geworden.



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Bernhard Dregger, 25.09.2008
1.
Liebe Spiegel-Leser, liebe Redaktion, lieber Herr Sauer, vielen Dank für diesen speziellen Beitrag über Heiner Pudelko und Interzone. Als eine der besten deutschsprachigen Rock-Blues-Bands habe ich Interzone immer sehr verehrt und war zum Glück während ihrer Levis Tour auch auf einem Konzert in der Stadthalle in Köln. Mit meiner Band haben wir bereits vor über 20 Jahren Songs von Interzone nachgespielt und nach der Wiedervereinigung der Band haben wir auch 2 Songs mit in das aktuelle Set genommen. Mich würde sehr interessieren, ob es eine Live Aufzeichnung des Konzerts auf der Berliner Waldbühne als Video/DVD gibt? Hat die Plattenfirma WEA-Records ggfs die Möglichkeit, dieses Konzert zu veröffentlichen? Vielen Dank im voraus. Grüße aus Bonn.
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