Musiklegenden und ihre Eltern Mama, Papa, Rockstar

Musiklegenden und ihre Eltern: Mama, Papa, Rockstar Fotos
Time & Life Pictures/Getty Images

Elton John? Schrill. Joe Cocker? Wild. Eric Clapton? Genial. Anfang der Siebziger waren Rockstars alles, nur nicht normal. Sie nahmen Drogen, zerstörten Hotelzimmer, hatten jede Menge Sex. Dann kam ein Magazin auf die Idee, die Musikikonen mit ihren Eltern abzulichten - mit erstaunlichem Ergebnis. Von

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Wenn er auf einer Bühne stand und sang, war er wie entfesselt. Der junge Joe Cocker gestikulierte wild, schrie, spuckte und nuschelte seine Zeilen ins Mikrofon, stierte irr ins Scheinwerferlicht. Die Locken, die ihm nicht auf der schweißnassen Stirn klebten, hingen ihm wirr ins Gesicht.

Ende der sechziger Jahre wurde Cocker zu einer Ikone der Rockmusik. Tausende Hippies jubelten ihm bei seinen Auftritten zu. Junge Männer träumten davon, so frei und wild zu sein wie er, junge Mädchen hätten alles gegeben, nur um XXXX mit ihm in einem Raum sein zu dürfen. Doch dass dieser singende Berserker, diese Lichtgestalt der Gegenkultur, dass dieser Rockstar auch Eltern hat, haben viele dabei sicher ganz vergessen. Eltern, die an ihm herumjammern, sagen, er solle sich einen vernünftigen Job suchen oder sich für seine ausgeleierten Batik-Shirts schämen. Eltern wie ihre eigenen.

Für ihre Fans lebten Musiker den Traum vom Rock'n'Roll. Sie wachten jeden Tag in einer anderen Stadt auf, vergnügten sich mit Groupies, feierten Partys und nahmen Drogen. Wie sollte man sich da vorstellen, dass sie in Häusern aufgewachsen waren, die ebenso spießig aussahen wie die der eigenen Eltern?

Eine fast schon blasphemische Idee

So gesehen könnte man den Auftrag, den das US-Magazin "Life" 1971 John Olson gab, fast schon blasphemisch nennen. Der Fotograf sollte einige der größten Rockstars ihrer Zeit fotografieren. Zusammen mit ihren Eltern. In den Wohnzimmern ihrer Kindheit.

Es gelang Olson, eine illustre Runde zu versammeln. Er reiste durch Großbritannien und die USA, fotografierte unter anderem Elton John, Eric Clapton, die Jackson Five, Frank Zappa und eben Joe Cocker.


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Auf dem Porträt der beiden sieht es ein wenig aus, als würde der Sänger auf dem Schoß seiner Mutter Marjorie sitzen. Er trägt lange Haare, die stumpf und wie vergessen an seinem Kopf hinabhängen, einen fusseligen Bart und einen roten Rollkragenpullover, der ihn noch jünger wirken lässt, als die 27 Jahre, die er damals erst ist. Marjorie lächelt voll Stolz zu ihrem Sohn hinauf. Sie trägt schwer aussehende Ohrclips, eine Kette aus bunten Glasperlen, ihr Lippenstift mit einem Einschlag ins fliederfarbene wirkt ganz frisch gezogen. Im Hintergrund sieht man unscharf eine Blümchentapete - und die beiden schauen sich an, als würden sie einander sehr lieben.

Kommunist, Revolutionär, Perverser

"Als Joe mit 16 von der Schule ging", erzählte Marjorie 1971 dem "Life"-Reporter, "dachte ich, er würde eine Karriere als Gas-Wasser-Installateur machen." Sie habe ihm sogar eine Menge Bücher zu dem Thema besorgt, weil er sich eine zeitlang tatsächlich dafür interessiert habe. "Aber da war immer die Musik." Man merkt den Sätzen an, dass Mutter Cocker ihren Sohn genau so stolz ansähe, wenn er Klempner geworden wäre und kein Musikidol, das sich zwei Jahre zuvor mit seinem Auftritt in Woodstock einen festen Platz in der Rockgeschichte ersungen hatte.

Ein bisschen Sorgen würden ihr allein die Drogen machen, gesteht Marjorie und versucht, selbst dafür Verständnis aufzubringen. "Ich habe selbst nie welche ausprobiert", räumt sie ein, "aber ich trinke gerne mal ein Glas - und ich denke, das ist in etwa dasselbe." Cockers Vater hatte es vorgezogen im Garten zu arbeiten, statt mit seinem Sohn auf einem Foto zu posieren.

Erstaunlich viele der Eltern in der Fotostrecke hatten sich mit den ungewöhnlichen Karrieren ihrer Kinder arrangiert. Andererseits ist natürlich nicht bekannt, wie viele Musiker damals absagten. Doch auch die Mütter und Väter, die sich hier mit ihren Sprösslingen haben ablichten lassen, hatten mitunter mit dem Schlagzeilen produzierenden Lebensstil ihrer berühmten Nachkommen zu kämpfen.

So musste sich die Mutter von David Crosby, dem Rhythmusgitarristen, Sänger und Komponisten von Crosby, Stills, Nash & Young, oft von ihren Freunden anhören, ihr Sohn sei ein Kommunist, ein Revolutionär und ein Perverser. "Das ist nicht schön für sie", sagte der Musiker, "aber sie ist eine wirklich gute Mutter. Es war immer sie, die ins Büro des Schulleiters kam, wenn ich als Kind mal wieder Ärger hatte."

Tags schlafen, nachts auf Partys spielen - mit vier Jahren

Andere Eltern erkannten und förderten das Talent ihres Kindes schon beinahe von der Wiege auf. "Mit drei Jahren fing er an, auf dem Piano herumzuhämmern", erklärte Elton Johns Mutter dem "Life"-Reporter stolz, "als er vier war, legten wir ihn tagsüber schlafen, damit er nachts auf Partys spielen konnte." Solche Geschichten sind amüsant. Doch es braucht nicht unbedingt Worte, um zu sehen, wie das Verhältnis der Rockstars zu ihren Eltern war.

Auf dem Bild, das den damals 24-jährigen Elton John mit seiner Mutter und seinem Stiefvater zeigt, weiß man nicht, wer die exzentrischere Erscheinung ist. Der Rockstar trägt ein blaues Hemd, Schlangenlederstiefel und eine Jeans mit einer an die amerikanische Flagge erinnernden Stickerei auf dem Hosenschlitz. Die Mutter präsentiert sich in einem geradezu unverschämt hochgeschlitzten Rock, der den Blick auf ihre Knie und Stiefel in Schlangenlederoptik freigibt. Das Schuhwerk passt zur Bluse, die ebenfalls ein Reptilhautmuster ziert. Im Hintergrund hängt, ordentlich gerahmt, ein Poster ihres Sohnes.

So erzählt jedes der Bilder, die "Life" schließlich im September 1971 abdruckte, mehr über die Herkunft der Musiker und ihr Verhältnis zu ihren Eltern, als das griffigste Zitat. einestages zeigt die Bilder der Fotostrecke - und zwei Motive, die es damals nicht ins Heft schafften.

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1.
Ronald Vogel 25.02.2012
Eine klasse Sammlung zeitgeschichtlicher Portraits! Besonders gefallen mir die Aufnahmen, bei denen das Posing in den Hintergrund tritt und die Physiognomien der Musiker das Unbehagen ausdrücken mit Mama und Papa abgelichtet zu werden. Als Portrait-Fotograf weiß ich wie schwierig es ist die Ausdrücke, die nicht vom austauschbaren "Cheeese" entstellt wurden, einzufangen. Zappa und Clapton sind herrliche Beispiele hierfür.
2.
Volker Altmann 26.02.2012
Es dürfte auch schwer gewesen sein für jeden Fotografen, Frank Zappa ein klassisches Cheese-Lächeln abzuringen. Das leider viel zu früh verstorbene Musikgenie scherte sich nicht um Konventionen. Wenn Zappa lächelte, blitzte ihm immer auch der Schalk aus den Augen. Ein Workaholic vor dem Herrn, der von seinen Musikern das Äußerste forderte. Für ein Bravo-Lächeln auf Seite 1 war er wohl eher ungeeignet, er liebte es eher ernst, oder mit ironisch-tiefgründigem Blick abgelichtet zu werden.
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