Musizieren am Atari ST Das Pflicht-Programm

Musizieren am Atari ST: Das Pflicht-Programm Fotos

Da spielte die Gitarre nicht mehr die erste Geige! Als Walter Bohnheimer die Musiksoftware "Notator" entdeckte, war es sofort um ihn geschehen. Kein Wunder! Wer Anfang der Neunziger Musik am Computer machen wollte, kam nicht an einem Atari ST und diesem Programm vorbei - auch wenn die Musik klang wie die Klingeltöne der ersten Handys. Von

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Ich liebte es, Musik zu machen. Und eigentlich dachte ich es würde mir an nichts mangeln. Ich zupfte meine Gitarre, nahm Lieder auf mit einem Mehrspurrekorder und malte meine Noten per Hand auf Papier. Doch dann sah ich ihn. Anfang der neunziger Jahre flimmerte er über den Bildschirm eines Bekannten. Er hieß "Notator" und der war ein sogenannter MIDI-Sequenzer, ein Computer-Programm mit dem man Musik machen konnte.

Wer damals ein modernes Tonstudio sein Eigen nennen wollte, brauchte allerdings einen Atari ST. Der hatte nicht nur ein Megabyte Hauptspeicher und war acht Megahertz schnell. Er besaß, anders als die Konkurrenz, sogar eine MIDI-Schnittstelle. "Musical Industries Digital Interface" bedeutet diese Abkürzung. "Midi" war die Grundvoraussetzung, für "Notator".

Aus heutiger Sicht ist ein Atari ST natürlich Computersteinzeit. Er hatte einen Schwarzweißmonitor mit einem Bildschirm von der Größe einer Maxi-Postkarte. Er stürzte häufig ab und zeigte dann gemeinerweise noch schnell eine Linie Bomben bevor er jeden weiteren Befehl verweigerte. Probleme mit der Festplatte waren allerdings kein Thema, denn der ST hatte keine. Programme - einschließlich des Betriebssystems - mussten von Diskette geladen werden. Obwohl: "Laden" ist eigentlich nicht das passende Wort. Den Geräuschen nach hat der Rechner die Daten eher zu sich genommen und lautstark verdaut.

Der Erfinder war Chirurg

Haben musste ich ihn trotzdem. Wegen "Notator". Doch der Preis des Musikstudios für den Computer lag in Sphären, in denen man heute hochprofessionelle Programme wie "Photoshop" findet. Aber man konnte mit ihm Musik machen, auch wenn man an echten Instrumenten eine Krücke war. Diese Musik ähnelte allerdings den Klingeltönen der ersten Handys. Notator konnte das Gedudel dann auch noch in Noten ausdrucken, und das gar nicht schlecht. Natürlich konnte man nicht gleichzeitig drucken und Musik fabrizieren, selbst dann nicht, wenn der Nadeldrucker keinen Ohren betäubenden Lärm gemacht hätte.

"Notator" war ein Kind echter Passion, geschrieben von Dr. Lengeling, einem Hobby-Programmierer, der eigentlich Chirurg war. Das war zu einer Zeit, als Software noch über Jahre reifen konnte. Man erkannte dies nicht zuletzt an dem großen Schuber, der das Handbuch enthielt. Es bestand aus einem Aktenordner mit losen Blättern, von denen bei jedem Update ein paar neue hinzukamen - und ein paar alte keinen Sinn mehr machten.

Später - ich war schon lange auf den PC umgestiegen und nutzte nun notgedrungen andere Musikprogramme - weinte ich "Notator" noch immer hinterher. Zu recht. Bis heute frage ich mich, wie man diese gigantisch vielen Funktionen auf eine Diskette mit nicht mal 800 Kilobyte Speicher hatte quetschen können. Mit "Notator" hatte ich Nächte intensiver Leidenschaft verbracht. Die Augen brannten, das Gähnen drohte den Kiefer auszurenken. Und trotzdem konnte ich nicht aufhören.

Der Verrat

Natürlich machte das Wettrüsten auch vor dem Atari nicht Halt, und schließlich kamen Festplatten. Meine erste hatte 30 Megabyte Speicher. Sie wurde per Kabel angeschlossen und hatte die Größe einer Familienschachtel Pralinen. Außerdem lärmte sie so, dass ich sie in eine mit Schaumstoff gepolsterte Schublade verbannen musste.

Dann kam der neue Rechner, der Mega STE mit sagenhaften vier Megabyte Ram und einer Taktfrequenz von 16 Megahertz. Bei ihm war die Festplatte bereits eingebaut: unfassbare 80 Megabyte! Es schien ausgeschlossen sie jemals auch nur annähernd voll zu kriegen. Und weil mein musikalisches Hobby damals eigentlich nur Midi- und Textdateien hervorbrachte, war diese Einschätzung wohl nicht verkehrt. Denn schließlich sind Midi-Dateien eigentlich auch bloß Textdateien und vergleichbar klein. Sie enthielten ja auch nur Befehle, die ein externer Klangerzeuger nach genormtem Gutdünken auszuführen hatte.

Dann kam der Verrat. Dr. Lengeling, der Erfinder von "Notator" schrieb das Musikprogramm "Logic". Zuerst auch für den Atari, aber auf dem ist es nie vernünftig gelaufen, denn der Doktor hatte schon den Mac und den PC im Blick. "Logic" war also dementsprechend auch keine Weiterentwicklung des Bewährten. Es war etwas komplett Neues - mit alten Fehlern. Ich begab mich verzweifelt auf die Suche nach einer PC-Emulation des "Notator". Es gab keine.

Die Magie des "Notator"

Heutige Computer sind rasend schnell, ihre Speicher uferlos und die künstlichen Töne erzeugt von virtuellen Instrumenten wirken erstaunlich natürlich. Zudem kann heute jeder Rechner sogar mit echten Tondateien umgehen, hunderte von Megabyte große Aufnahmen, die es ermöglichen, mit sich selbst einen Chor oder eine Band aufzumachen. Doch jene Nächte des schöpferischen Rausches sind trotzdem nie wieder gekommen.

Ja, schon. Ich bin auch älter geworden. Aber es war auch die Magie des "Notator". Ein so ausgewogenes Programm mit einem Notationsteil, der manch reines Notensatzprogramm von heute alt aussehen lässt, das gibt's irgendwie nicht mehr. Und ich habe wirklich einiges ausprobiert, auch das berühmte Programm "Finale". Ein vermeintlicher Funktionsriese, der alles hat, außer den gewünschten Funktionen.

Wissen Sie, wie ich deshalb heute meine Noten zu Papier bringe? Mit Photoshop.

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Andre Koppel 14.05.2008
Der Atari ST und seine Programme gehörten wie andere Computer aus den siebziger und achtzigern zu einer anderen Zeit. Die Intention der Programmierer war damals eine andere als heute. In erster Linie ging es darum ein Problem oder eine Aufgabe so gut wie möglich zu lösen. Die Hardwarebeschränkungen brachten es immer mit sich, dass z.B. die Grafik für heutige Ansprüche sehr rudimentär war. Für den Anwender war das tatsächlich kein Problem, denn er hatte ein Stück Software, mit dem er etwas machen konnte, was vorher manuell getan wurde. Die Unterhaltung fand im Geiste statt. Heute wird von einem Computersystem (oder Programm) erwartet, dass es uns in der Benutzung einerseits unterhält (oder wenigstens nicht langweilt) und uns andererseits alle Möglichkeiten offen lässt. Gerade die Möglichkeit der unendlichen Nutzungsmöglichkeiten bringt jedoch mehr Frustration als Lustgewinn, denn während früher "mühsam" die Funktionalität eines Systems erarbeitet werden musste, um auch nur mindestens einen geringen Nutzen zu erzielen, ist heutige Software so gebaut, dass sie den Anschein erweckt, jeder Trottel können sie bedienen. Entsprechend ist die Intention sich mit einem System eng vertraut zu machen zumeist nicht mehr vorhanden, man pfriemelt sich basierend auf dem eigenen Unwissen halt so durch und flucht lieber auf die Software als dass man das eigene Unvermögen reflektiert. Zu Zeiten eines Atari ST hatte man umfangreiche aber eben doch begrenzte Möglichkeiten. Und man konnte die Programme je nach Fleiß tatsächlich vollständig beherrschen (entsprechende Glücksgefühle eingeschlossen). Diese Zeiten sind vorbei. Heute werden wir unterhalten, und der Aufwand, der von Software für das Entertainment des Anwenders getrieben werden muss, ist so groß, dass einfach keine Entwicklerzeit mehr hinreichend vorhanden ist, um tatsächliche Funktionalität fehlerfrei zur Verfügung zu stellen. Ein netter Artikel, aber uns bleiben die Erinnerungen, während wir uns mit der aktuellen Technik herumschlagen.
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