Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

NS-Täterkinder Es half nur noch reden

NS-Täterkinder: Das große Verschweigen Fotos
DER SPIEGEL

Seine Mutter war BDM-Führerin und überzeugte Nationalsozialistin, sein Vater dagegen brach den Dienst bei der Wehrmacht ab und stellte sich gegen das NS-Regime. Die Aufarbeitung des "Dritten Reichs" vollzog sich in Philipp Maußhardts Familie am Küchentisch.

Zum Autor
  • DER SPIEGEL
    Philipp Maußhardt, geboren 1958 in Tübingen, ist Journalist. Er arbeitete unter anderem beim Kölner Stadtanzeiger, der Münchener Abendzeitung, der "taz" und für "Die Zeit". Seit 2002 ist Maußhardt Reporter der Reportageagentur "Zeitenspiegel". 1996 wurde er mit dem Theodor-Wolff-Preis für eine Reportage über die Nazi-Vergangenheit des Journalisten Peter Grubbe ausgezeichnet. Maußhardt ist Mitbegründer und Leiter der Zeitenspiegel-Reportageschule in Reutlingen.
Meine Eltern, beide Jahrgang 1927, hatten sich bei Kriegsende kennengelernt. Anneliese, die glühende BDM-Führerin, und Martin, der Nazi-Hasser. Komplizierter hätte der Anfang einer Liebesbeziehung kaum sein können. Es half nur reden, tagelang, nächtelang, wochenlang. "Dein Vater hat mir die Augen geöffnet, dass ich einem Verbrecher aufgesessen war", sagt meine Mutter noch heute.

Man hätte alles wissen können, davon ist mein Vater bis heute überzeugt. Er selbst war 15, als ein Polizeimajor im "Wehrertüchtigungslager" über die Ermordung der Juden im Osten erzählte. Ein Vortrag des Grauens, den Major Wilhelm Trapp vom Reserve-Polizeibataillon 101 seinen jungen Zuhörern mit Geifer in der Stimme entgegenschleuderte. Zurück im Schlafsaal wandte sich mein Vater an den Stubenältesten. Das sei ja furchtbar, was der Major gerade erzählt habe, wie Frauen und Kinder vor ausgehobenen Gruben erschossen würden. Ja, antwortete der Stubenälteste, das sei ganz furchtbar. Aber leider notwendig.

Zwei Jahre später trug mein Vater selbst ein Sturmgewehr. Mit anderen 17-Jährigen hatte man ihn zur Wehrmacht einberufen, um die anrückenden Franzosen im Schwarzwald aufzuhalten. Auf dem Weg zur Front wurde seine Kompanie um einen kleinen Hilfsdienst gebeten. An einem Bahnhof waren Häftlinge aus dem Zug gesprungen und in einen angrenzenden Wald geflohen. Es war ein Transport aus dem Konzentrationslager Natzweiler-Struthof im Elsass. In Zweiergruppen durchstreiften die jungen Wehrmacht-Soldaten den Wald, mein Vater betete: "Bitte lass mich keinen finden." Das sei feige gewesen, sagte er mir einmal. Er schäme sich, nicht gebetet zu haben: "Lass mich einen finden und ihn verstecken."

Zwei Tage später, man hörte schon die Geschütze der Franzosen, kam die Kompanie meines Vaters an einem einzelnen Bauernhof vorbei, dessen Bewohner in Erwartung der ersten französischen Truppen ein weißes Leintuch aus dem Fenster hängen hatten. Der Kommandant befahl anzuhalten, nahm zwei Soldaten mit und erschoss den Bauern hinter dem Haus. In der folgenden Nacht schlich sich mein Vater davon, warf sein Gewehr in einen Tümpel, besorgte sich zivile Kleidung und lief zu Fuß nach Hause.

Es half nur noch reden. Warum habt ihr das gemacht? Warum habt ihr tatenlos zugesehen oder weggeschaut? Niemand hat etwas gewusst? Die jüdischen Nachbarn, einfach so verschwunden? Die grauen Omnibusse, die jede Woche mit behinderten Menschen über die Schwäbische Alb nach Grafeneck fuhren? Nichts gewusst? Der Rauch aus dem Krematorium? Nichts wahrgenommen? Dachau, Auschwitz, Bergen-Belsen, nie gehört?

Mein Vater wurde Psychoanalytiker, er wollte wissen, warum eine ganze Nation dem Wahnsinn verfiel.

Jeden Sonntag stand die Türe offen. Zum Abendessen kamen oft ein Dutzend Freunde, nicht nur des Essens wegen. Sie kamen, weil man redete. Als Kinder haben wir das nie als ermüdend oder entnervend empfunden. Das Bücherregal zu Hause war durchgebogen, weil jede Neuerscheinung über die Nazizeit sofort angeschafft wurde. Sogar die jährliche Urlaubsroute planten unsere Eltern nach der Lage von KZ-Gedenkstätten. Ich hatte als 15-Jähriger mehr Konzentrationslager als Kirchen besichtigt und dabei immer besser verstanden, warum sie das Thema nicht mehr losließ.


Recherche-Links
Wenn auch Sie die Lebenswege Ihrer Vorfahren während der Zeit des Nationalsozialismus nachverfolgen möchten, finden Sie hier eine Aufstellung der in den Protokollen erwähnten Dokumente und Archive für Ihre eigene Spurensuche.

Leider gibt es nicht nur eine Anlaufstelle, in der alle relevanten Unterlagen für diese Zeit gelagert sind. Durch Kriegsverluste variiert die Wahrscheinlichkeit, in Archiven Antworten auf Fragen zu erhalten.
  • Militärdienst, Militäreinsätze, Auszeichnungen, Verwundungen, Kriegsgefangenschaften:
  • Die "Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht" kurz "WASt" (http://www.dd-wast.de/) erteilt Auskünfte über alle Aspekte im Zusammenhang mit dem Militärdienst in der Wehrmacht. Angaben zu Beginn und Ende des Wehrdienstes, über Zugehörigkeiten zu verschiedenen Truppenteilen, Beförderungen, Auszeichnungen, etc. Darüber hinaus können auch Informationen über mögliche Verwundungen oder Kriegsgefangenschaften vorhanden sein, oftmals sogar mit Fotos.

    Weitere Unterlagen zu Kriegsgefangenschaften, Verhören, etc. können sich eventuell auch in den Hauptarchiven der alliierten Streitkräfte, z. B. in den National Archives in London oder Washington, DC befinden.

  • Mitgliedschaft bei der NSDAP, SS, SA, etc.:
  • Unterlagen über Personen, die der NSDAP und ihren Gliederungen, der SS und deren angeschlossenen Verbänden sowie der SA angehörten, befinden sich im Bundesarchiv Berlin. (http://www.bundesarchiv.de/bundesarchiv/dienstorte/berlin_lichterfelde/index.html.de)
  • Hier liegen die Bestände des ehemaligen "Berlin Document Centers": Die alliierten Streitkräfte haben nach Ende des Zweiten Weltkriegs schriftliche Überlieferungen von deutschen Behörden sowie militärischen und paramilitärischen Verbänden, der NSDAP, deren Gliederungen und angeschlossenen Verbänden, beschlagnahmt. Diese Unterlagen dienten der Vorbereitung der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse oder der Durchführung von Entnazifizierungsverfahren. Von der zentralen NSDAP-Mitgliederkartei sind schätzungsweise 80 Prozent erhalten. Weitere für diese Recherche interessante Bestände sind Parteikorrespondenzen oder Personalunterlagen von SS- und SA-Angehörigen. Die Personenakten des Heiratsamtes des Rasse- und Siedlungshauptamtes erlauben teilweise detailliert Einblicke in persönliche Lebensumstände von SS-Mitgliedern und deren Ehefrauen und Kindern.
  • Entnazifizierungsakten:
  • Durch die alliierten Mächte wurden Personen zur Entnazifizierung in verschiedene Kategorien eingeteilt:
    Kategorie I: Hauptschuldige (Kriegsverbrecher)
    Kategorie II: Belastete (Aktivisten, Militaristen und Nutznießer)
    Kategorie III: Minderbelastete
    Kategorie IV: Mitläufer
    Kategorie V: Entlastete

    Die Akten der Kategorien IV und V werden meist in den regionalen Stadt-, Staats- oder Landesarchiven aufbewahrt, abhängig vom Wohnort zum Zeitpunkt der Erhebung. Die Akten der Personen, die in die Kategorien I - III befinden sich ausschließlich im Bundesarchiv Berlin (http://www.bundesarchiv.de/bundesarchiv/dienstorte/berlin_lichterfelde/index.html.de).
  • Prozessakten:
  • In Spruchkammerverfahren wurden zwischen 1946-1949 in den drei westlichen Besatzungszonen Personen, die in die oben erwähnten Kategorien I und II eingeteilt waren, verurteilt. Oftmals endete ein Verfahren mit einer Einstufung als Mitläufer. Diese Akten werden im Bundesarchiv Koblenz (http://www.bundesarchiv.de/bundesarchiv/dienstorte/koblenz/index.html.de) verwahrt.
  • Als zentrale Anlaufstelle für Akten zu Nachkriegsprozessen aller bundesweiten Staatsanwaltschaften und Gerichte seit 1958 sollte jedoch das Bundesarchiv Ludwigsburg (http://www.bundesarchiv.de/bundesarchiv/dienstorte/ludwigsburg/index.html.de) (Zentralstelle für Aufklärung von NS-Verbrechen) kontaktiert werden. Hier gibt es neben vielen Originalakten auch Kopien der sonst regional aufbewahrten Akten. Des Weiteren können Originale einiger Verfahrensakten Nationalsozialistischer Gewaltverbrechen auch in den Archiven am Ort der jeweiligen Prozesse recherchiert werden.
  • Personalakten von Offizieren:
  • Im Bundesarchiv Freiburg (http://www.bundesarchiv.de/bundesarchiv/dienstorte/freiburg/index.html.de) existieren Personalakten der Offiziere. Diese Akten können Unterlagen wie persönliche Führungszeugnisse, Aufstellungen der Dienstlaufbahn, mit Beförderungen, Auszeichnungen, Einsätze in Truppenteilen enthalten. Aber auch Fotos sowie Angaben zu Lehrgängen, Beurteilungen von Charakter und Persönlichkeit, Führungsqualitäten können hier überliefert sein.
  • Zusätzliche Hintergrundinformationen:
  • Wer den Werdegang des Vorfahren in historischen Zusammenhang setzen möchte, wird in der weiterführenden Fachliteratur fündig, die man im Fachhandel und über das Internet bekommt oder in regionalen Archiven oder Universitätsbibliotheken einsehen kann. Dort ist auch eine Recherche in historischen Zeitungen möglich.
    Die Historiker und Mitarbeiter der vielen Gedenkstätten, die meist an Plätzen der Gräueltaten der Nationalsozialisten angesiedelt sind, geben ebenfalls Auskunft oder bieten Seminare zu verschiedenen Themen der NS-Zeit an. Hier sei beispielsweise die Gedenkstätte des KZ-Neuengamme (http://www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de/index.php?id=424) genannt.
  • Trotz der Kriegswirren sind verhältnismäßig viele Dokumente bis zum heutigen Tag erhalten geblieben. Die Recherche kann kostspielig sein und ist vor allem langwierig. Zur Zeit dauert die Bearbeitung einer Anfrage bei der WASt mehr als 12 Monate. Die einzelnen Archive und Gedenkstätten sind sehr hilfreich und verweisen an andere Stellen für die Fortsetzung der Recherche.
    Diese Aufstellung ist nur eine kleine Auswahl der möglichen Quellen, die personenbezogenen Unterlagen aus der Zeit des Nationalsozialismus preisgeben. Auch wurden hier nur die Unterlagen über Täter, nicht jedoch die für die Recherche nach Opfern erwähnt.
Andrea Bentschneider bietet seit 2004 mit ihrer Agentur Beyond History professionelle Ahnen- und Familienforschung an. Sie ist Vorsitzende des Berufsverbandes der deutschen Berufsgenealogen.(http://www.beyond-history.de/de/index.php)

Artikel bewerten
4.2 (43 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...


Forum - Nazi-Eltern – wie umgehen mit der Vergangenheit?
insgesamt 100 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
troy_mcclure 16.04.2014
Zitat von sysopDie Vergangenheit der Eltern bereitet Kindern manchmal verstörende Überraschungen. Oft wurden NS-Aktivitäten und ähnliche Verstrickungen den Nachkommen verschwiegen, Verbrechen verschleiert. Entsprechende Entdeckungen erschüttern das Elternbild dieser Kinder. Wie umgehen mit der Vergangenheit?
Wie wäre es jetzt (knapp 70 Jahre nach Kriegsende) mit ruhen lassen? Davon abgesehen: letztendlich kann diese Frage doch nur jeder für sich alleine beantworten.
2. Wortgewalt
rennflosse 16.04.2014
Zitat von sysopDie Vergangenheit der Eltern bereitet Kindern manchmal verstörende Überraschungen. Oft wurden NS-Aktivitäten und ähnliche Verstrickungen den Nachkommen verschwiegen, Verbrechen verschleiert. Entsprechende Entdeckungen erschüttern das Elternbild dieser Kinder. Wie umgehen mit der Vergangenheit?
Wenn ich das Wort "Täterkind" lese, dann dreht sich mir der Magen um. Das klingt schon sehr deutlich nach Sippenhaft. Oder wenn Herr Schnibben schreibt, er sei von "Bastarden" großgezogen worden, dann ist das genau die Sprache derjenigen, die zu bekämpfen er vorgibt. Ob man das nun ruhen läßt oder nicht: Man geht mit Nazi-Eltern (sofern die überhaupt noch leben) so um wie mit Stasi-Eltern, mit Mafia-Eltern, mit NSA-Eltern, mit CIA-Eltern, mit Securitate-Eltern, mit Angehörigen, die ein Verbrechen begangen haben.
3. Geschichte
stestra 17.04.2014
Der Beitrag ist sehr aufschlußreich und für die Tochter, oder auch der Kinder der Kriegseltern, aufgenöffnend welche Rolle die Eltern in der Zeit gespielt haben. Selbst bin ich 1963 geboren und habe nun am eigenen Leibe erfahren wenn ein Land aufhört zu existieren. Dabei ging es zwar nicht um Mord und Todschlag aber dennoch um den Umgang mit der Geschichte. Es ist doch sehr komisch wer alles über einen anderen urteilt oder sich anmaßt über die Geschichte des anderen zu urteilen. Die Geschichte Deutschland sollte doch endlich beidseitig und teifgründig, gleichberechtigt aufgearbeitet werden. Aber das ist genau so wenig gewollt wie die ewige Verdammung ein "Tätervolk" zu sein. Ich selbst kann mich damit nicht mehr identifizieren. Trage aber Trauer aller der die sinnlos in den Kriegen umgebracht und gestorben sind.
4. endlich
hamock 17.04.2014
Zitat von troy_mcclureWie wäre es jetzt (knapp 70 Jahre nach Kriegsende) mit ruhen lassen? Davon abgesehen: letztendlich kann diese Frage doch nur jeder für sich alleine beantworten.
Dieses Thema ruht seit 70 Jahren. Die Tätergeneration stirbt langsam aus, verschwindet und dadurch ist es endlich möglich, dass darüber gesprochen wird. Wird Zeit!
5. Gute Frage
Werner655 17.04.2014
Zitat von troy_mcclureWie wäre es jetzt (knapp 70 Jahre nach Kriegsende) mit ruhen lassen? Davon abgesehen: letztendlich kann diese Frage doch nur jeder für sich alleine beantworten.
Ruhen lassen? Nein lieber Forist, das wäre nicht im Sinne der Medien. Ganz im Gegenteil: Via Print, Online und TV nimmt das Ausmaß der immer wieder kehrenden "Berichterstattung massiv zu. Warum auch immer, oder haben Sie dafür eine Erklärung?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH