Mysteriöser Monarchen-Tod Der Dänenkönig und die Dirnen

Mysteriöser Monarchen-Tod: Der Dänenkönig und die Dirnen Fotos

Wie starb seine Majestät wirklich? Vor hundert Jahren erlitt der dänische König in Hamburg auf offener Straße einen Herzinfarkt. Offiziell ereilte ihn der Tod während eines Abendspaziergangs - doch vieles spricht dafür, dass er sich kurz zuvor in einem Edelbordell amüsiert hatte. Von Johanna Lutteroth

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Doktor Rohde konnte nicht viel aus der Ruhe bringen. Er war Assistenzarzt im Hamburger Hafenkrankenhaus an den Landungsbrücken und behandelte täglich soziale Härtefälle: geschlechtskranke Prostituierte, Straftäter, Tobsüchtige, Besoffene und Obdachlose, die von der Polizei auf der Straße aufgesammelt worden waren. Am Abend des 14. Mai 1912 wurde er aber doch etwas nervös. Denn der Mann, der um 22.30 Uhr von Schutzmann Konietzke und Wachtmeister Sabel eingeliefert wurde, gehörte definitiv nicht zur üblichen Klientel. Dafür war er viel zu elegant gekleidet.

Papiere trug er keine bei sich. Keiner wusste, um wen es sich handelte. Klar war nur, dass er auf dem Gänsemarkt, wenige Meter neben dem berüchtigten Edelbordell in der Schwiegerstraße zusammengebrochen war und auf der Fahrt ins Krankenhaus gestorben sein musste. Rohde konnte nur noch seinen Tod - vermutlich durch einen Herzschlag - feststellen und ließ ihn in die Leichenhalle bringen. "Etwa 60 Jahre alt, 1,65 Meter groß, graues Haar, Schnurrbart, dunkelgrauer Jackettanzug, dunkler Überzieher, schwarzer steifer Hut, Schnürstiefel", beschrieb Konieztke den edlen Herren in einer Zirkulardepesche, die er an alle Polizeiwachen herausschickte, um ihn zu identifizieren.

In den frühen Morgenstunden tauchte dann der Direktor des Edel-Hotels Hamburger Hof im Hafenkrankenhaus auf. Er vermisse einen seiner Hotelgäste, druckste er herum. Graf Kronsborg sei von seinem Abendspaziergang nicht zurückgekehrt. Der Hoteldirektor identifizierte den Grafen und ließ ihn umgehend, ohne jedes Aufsehen in den Hamburger Hof bringen. Doch aller Geheimnistuerei zum Trotz sickerte innerhalb weniger Stunden die Wahrheit über den ominösen Toten durch: Graf Kronsborg war in Wirklichkeit der dänische König Friedrich VIII., der sich inkognito mit seiner Frau und vier Kindern in Hamburg aufhielt.

Tod im Bordell

Hamburg stand in den nächsten Tag Kopf: Der dänische König stirbt unter dubiosen Umständen als erster und einziger Monarch in Hamburg und liegt stundenlang unerkannt zwischen Prostituierten und Kriminellen in der Leichenhalle des verruchtesten Krankenhauses der Stadt? Was für eine Geschichte! Reihenweise erschienen Extra-Blätter, um über die peinliche Sensation zu berichten. Verzweifelt versuchte der Hamburger Bürgermeister Johann Heinrich Burchard, den blamablen Fauxpas auszubügeln. Er machte der königlichen Familie im Hamburger Hof seine Aufwartung und beschwichtigte sie.

Doch es sollte noch schlimmer kommen. Denn bald machte ein pikantes Gerücht die Runde: Friedrich VIII. sei in den Armen einer Prostituierten gestorben, hieß es. Regelmäßig sei er in den vergangenen Jahren inkognito in Hamburg abgestiegen, um sich in dem bekannten Edelbordell an der Schwiegerstraße zu amüsieren. Auch am Abend des 14. Mai habe er sich dort aufgehalten. Die Medien stürzten sich darauf. Der König sei "in den Sielen gestorben", unkte beispielsweise das "Hamburger Echo". Die Redensart besagt, dass jemand mitten aus dem Leben gerissen wird. Der Skandal war perfekt.

Bis heute ist nicht eindeutig geklärt, ob der König tatsächlich im Puff war oder nicht. Offiziell hieß es damals, der König sei bei einem Abendspaziergang auf dem Gänsemarkt zusammengebrochen, dort von den beiden Portiers des Victoria-Cafés aufgelesen und dann von Schutzmann Konietzke ins Hafenkrankenhaus gebracht worden. So steht es auch im Polizeibericht vom 8. Juni 1912, der im Hamburger Staatsarchiv einzusehen ist. Mit keinem Wort erwähnt der Bericht das Bordell in der Schwiegerstraße. Es gibt keinerlei Protokolle über Verhöre mit Prostituierten. Deshalb, so folgerte das "Hamburger Abendblatt" anlässlich des 75. Todestags am 14. Mai 1987, sei der königliche Tod im Bordell nicht mehr als eine Hamburger Klatschgeschichte.

Bauernopfer Konietzke

Doch das Ganze lässt sich auch anders interpretieren. Denn am 31. Mai 1912, knapp zwei Wochen nach dem Tod des Monarchen, gab der ermittelnde Polizeiinspektor der Kopenhagener Zeitung "Politiken" ein Interview. Darin sagte er: "Im Übrigen bin ich nicht in der Lage, weitere Aufklärungen zu geben, da die Polizei beschlossen hat, die Resultate der Ermittlungen, aus Furcht, die dänische Königsfamilie zu verletzen, nicht öffentlich zu machen." Wurden die Akten möglicherweise bereinigt? Der Eindruck könnte jedenfalls entstehen, da viele Seiten herausgeschnitten zu sein scheinen.

Ausführlich diskutiert der Bericht stattdessen die Frage, ob die Polizisten Konietzke und Sabel angemessen reagierten. Angeblich habe der Sterbende auf dem Gänsemarkt klar und deutlich gesagt, er wohne im Hamburger Hof. Also hätte Konietzke das Hotel über dessen kranken Gast informieren müssen. Konietzke beteuerte, er hätte nichts dergleichen gehört und deshalb das Hotel nicht informiert. Außerdem hatte er streng nach Vorschrift gehandelt: Alle Kranken, die auf der Straße gefunden wurden, mussten ins Hafenkrankenhaus gebracht werden. Trotzdem wurde er abgemahnt und damit für den frevelhaften Umgang mit der Leiche des Königs verantwortlich gemacht. Er war letztlich das Bauernopfer dieser für alle Beteiligten zutiefst peinlichen Affäre.

"Das Königshaus wollte die Geschichte vertuschen"

Obwohl die offizielle Version der Geschichte imemr wieder öffentlich kommuniziert wurde, hat die Bordell-Variante bis heute überlebt. Einer, der wesentlich dazu beigetragen hat, dass sie nicht in Vergessenheit geriet, ist der Autor Dietmar Bittrich. 2001 veröffentlichte er einen Band mit drei Hamburger Liebesgeschichten. Eine davon trug den Titel "Der König im Bordell". Bittrich erzählt darin von seiner Großmutter, die damals angeblich in dem Edelbordell in der Schwiegerstraße arbeitete und eine Liebschaft mit dem König hatte. In ihren Armen, so fingierte Bittrich, sei der König gestorben. Als letzten Liebesdienst habe sie ihn auf den Gänsemarkt geschleppt. Die pikanten Details sind aber alle "frei erfunden", sagt er.

Doch nicht nur in den Medien und der Literatur lebt die Geschichte weiter, sondern auch in den Familien, deren Vorfahren damals ganz nah am Geschehen dran waren. Dazu zählt unter anderem die Familie von Restorff. Heino von Restorff war damals Polizeimajor in Hamburg und hat, so ist es innerhalb der Familie überliefert, den König im Bordell gefunden. "Er hat mir die Geschichte oft erzählt", sagt seine Enkelin Gerda Großhauser, die mittlerweile in den USA lebt. "Dass man in den Akten nichts dazu findet, ist doch logisch. Das Königshaus wollte die Geschichte ja vertuschen."

Und auch in der Familie des damaligen Chefs der Kriminalpolizei und späteren Polizeipräsidenten Otto Stürken ist diese Version von Generation zu Generation weitergereicht worden. "Die Familienüberlieferung bei Stürkens deckt sich mit dem, was von Restorff gesagt hat", sagt Axel Stürken, Urenkel von Otto Stürken.

Die Fassade blieb trotz allem bis zum Ende gewahrt. Am 16. Mai 1912 wurde der König schließlich nach Kopenhagen überführt. Die Ehrenkompanie des 76. Infanterie-Regiments geleitete den Sarg zum Hauptbahnhof und erwies ihm die letzte militärische Ehre. Am 24. Mai 1912 fand in der Petri-Kirche in Kopenhagen die offizielle Trauerfeier statt, an der auch Bürgermeister Burchard als offizieller Vertreter der Hansestadt teilnahm.

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insgesamt 4 Beiträge
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1.
Marion Kaminski 12.05.2012
Diese Geschichte wurde auch mir von meiner Großmutter, die zur Zeit des Geschehens mit ihren Eltern und Geschwistern in der Dammtorstraße lebte, mehrmals erzählt - ein wenig hinter vorgehaltener Hand, denn ein Mädchen aus gutem Hause durfte so Etwas natürlich zur damaligen Zeit gar nicht mitbekommen. Ein kleiner Hinweis: Im Hamburger Sprachgebrauch bedeutet "in den Sielen sterben" das Gleichel "wie im Rindstein sterben" und damit ist gemeint, "in der Gosse enden". Der Volksmund hat es auch hier wieder trefflich auf den Punkt gebracht: Da der König nicht im Bordell gefunden werden durfte - so die Geschichte - wurde er auf die Gasse geschleppt. Ein Bordell lag damals aber nicht in einer bürgerlichen Gasse, sondern in einer Straße der Sünde - einer Gosse.
2.
Juergen Frey 13.05.2012
Die Gasse gibt es nicht mehr. Wenn man von der Caffamacherreihe in den Valentinskamp einbog, war diese gleich rechts rein. Das mit dem prominenten Toten war noch in meiner Kindheit Thema. Nah dieser Fassung, sollte er beim .... der Schlag getroffen haben, und die Daemchen haben ihm dann bis zum Ende vom Valentinkamp geschleppt haben und vor dem Finanzamt hingesetzt haben. Damals war es angeblich ein oesterreichischer Prinz. Damals 1941 bis 1955 bin ich in den Hohen Bleichen aufgewachsen.
3.
Daniel Fiedler 16.05.2012
Kein Hinweis, empfehle hierzu aber die Rede "Wenn ich Bürgermeister wäre..." von Horst Janssen vor dem Hamburger Senat. Gertrudenverlag glaub ich, die haben eh alles von ihm. Viel Spass beim Hören
4.
Anja Lauf 17.05.2012
>Die Gasse gibt es nicht mehr. Wenn man von der Caffamacherreihe in den Valentinskamp einbog, war diese gleich rechts rein. Die Schwiegerstraße gibt es heute noch, nur unter anderem Namen, Kalkhof. Sie geht direkt vom Gänsemarkt ab und führt in einem Bogen an die Dammtorstraße, wo die Straße dann Kleine Theaterstraße heißt. Heute ist dort u.a. das Betriebsgebäude der Hamburgischen Staatsoper, lange Zeit führten mehrere Ausgänge vom früheren UFA-Kino auf den Kalkhof.
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